Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 105 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 1, März 1929 VIII. Jahrgang * Nr. 9 Einzelnummer 20pfennig lentral ♦▼♦v_ VMter für-elltsrkkundMSrUu» -es central-VerÄns öeulsctrer unö luoentum-M^ M StlmtsdürgerjüdiMen AmürenSLk Allgemeine Zeitung des Judentums Verlag u. SchrifUeitung: Berlin SW 6$, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 8595. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel' stube O, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expe^ition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 ,7tM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenm^ffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 ülM, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 JUL. „Nerlülschtn Eoriallsmus" / Aon Aegftied SAer Die Grundlagen' des N-ationalsozialislNus werden von uns in einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten gewürdigt werden. Wir beginnen mit einer Darstellung, die das Verhältnis von Sozialismus und Nationalsozialismus behandelt. Die S ch r i s t l e i t ll n g. Die Bekämpfung des Nationalsozialismus gehört zu den Politischen Aufgaben der Sozialisten aller Schattierungen. In diesem Kampf dreht es sich nicht ausschließlich um die Offenbarung einer sittlichen Idee, wiewohl der Kampf gegen Ungerechtigkeit. Unterdrückung und Unkultur für jeden Sozialisten eine sittliche Verpflichtung enthält. Aber der Sozialismus verfolgt im Kampfe gegen den Nationalsozialismus neben dem allgemeinen Ziel der Abwehr sittlich unberechtigter Angriffe ein besonderes sozialistisches Ziel, welches diesem Kampf eine typisch sozialistische Richtung geben muß. Es handelt sich dabei um die Bekämpfung des Nationalsozialismus als marxistische Zielsetzung; um diese richtig zu verstehen, ist es notwendig, den Nationalsozialismus im Lichte des Marxismus zu sehen. Rein ethisch betrachtet, müßte der Kampf gegen die nationalsozialistische Idee eine Interessengemeinschaft sittlicher Natur aller Kulturmenschen Hervorrufen; vom Standpunkt des Marxismus aris interessiert zunächst nicht die ethische Seite der Angelegenheit, sondern ihre Klasse n b a s i S. Die Notwendigkeit des Hinweises aus diese Seite der Angelegenheit ist dadurch begründet, daß der Nationalsozialismus ja nicht nur eine Bewegung „zur Lösung der Judenfrage" ist. sondern daß er sich wie gegen das Judentum mit eben derselben, vielleicht noch größeren Schärfe gegen den Sozialismus wendet. Ja. wir werden Nachweisen, daß der nationalsozialistische Kampf gegen das Judentum nichts anderes ist als ein ungeheurer politischer gut pro guo: der Nationalsozialist sagt Jude und meint den Marxismus, er sagt Judentum und hat die Idee des Klassenkampfes im Auge. Der nationalsozialistische Durchschnittsagitator hat zur Auflösung.dieser Attrappenpolitik sein Schlagwort in der Aktenmappe bereit; für ihn ist eben Judentum mit Marxismus vollkommen identisch — obwohl sie nicht das Geringste miteinander zu tun haben —, und das begründet er mit irgendwelchen, nur von ihm gesehenen, geheimnisvollen Rafsenzusammenhängen. Beschäftigen wir uns nicht mit den Werberücksichten Politischer Agitatoren, sondern sehen wir zu. was sich dahinter verbirgt. Der Nationalsozialismus i st ein typisches Produkt der gegenwärtigen Lage des Kapitalismus. Zu seiner Erkenntnis oder Erklärung ist außerordentlich wenig getan, tvenn man ihn ganz allgemein nur als eine judenfeindliche Bewegung zu begreifen versucht und alle weiteren Erklärungen mit dem Hinweis auf das Vorhandensein deS Judenhasses in allen Schichten der Gesellschaft aufgibt. Gewiß — es gab judenfeindliche Bewegungen im Altertum, im Mittelalter, in der letzten Vergangenheit wie heute: aber die Frage lautet: wie gelangt der Judenhaß zu der ihm heute fast ausschließlichen und typischen Form des Nationalsozialismus? — Diese Frage einmal gestellt, wird sofort der Unterschied der modernen, gegen die Juden gerichtete Bewegung zu ihren säiutlicheu früheren Formen klar. Der Nationalsozialismus unterscheidet sich von allen früheren Formen des Antisemitismus erstens durch die Tatsache, daß er in jeder Beziehung das Gewand des Nur-Antisemitismus abgeftreift und sich eine politische und wirtschaftliche Grundlage zu geben versucht hat. Es sind nur noch die nationalsozialistischen Agitatoren dritten und vierten Ranges, welche ihren Zuhörern eine besonders auf die Judenfrage zugeschnittene Rede Vorträgen; man vergleiche die Wirksamkeit Hitlers und in vielen Fällen auch Dr. Goebbels', welche darauf beruht, daß diese Führer der Bewegung rein politische, außenpolitische und vor allem wirtschastspvlitische Fragen zur Aussprache stellen und den Juden nur noch zur Beweisführung, zur Nutzanwendung gebrauchen. Auch die Hausse der Rassentheorieist vor dom politischen Interesse etwas abgeflaut. Der Nationalsozialismus unterscheidet sich von allen früheren Formen der Judenfeindschaft durch die breitere Grundlage der Problemstellung, durch seinen bewußten Ausstieg zur allgemein politischen Partei. Daß mit dieser Tendenz zur Politisierung des Judenhasses, mit dem Uebergang vom Radau-, Rassen- und Nristokratenantisemitismus zum Aufbau der Träger des antisemitischen Gedankens als politische Partei, mit der Entfaltung einer reichhaltigen allgemeiupolitischen Tätigkeit unter Hinzufügung der Judenfeindschaft, daß mit diesem modernen Wandel des Antisemitismus seine Wirksamkeit und damit seine Gefahr sich verstärkt, sei in diesem Zusammenhang nur beiläufig bemerkt. Zweitens unterscheidet sich der Nationalsozialismus von allen früheren judenfeindlichen Zielsetzungen durch die sozialistische, die proletarische Note seines Programms. Ein Teil nationalsozialistischer Programmforderungen sind einfach dem Programm der sozialistischen Parteien entlehnt, ein anderer Teil trägt primitivJozialistischen Charakter. Hier zeigt sich aufs deutlichste die bereits erfolgte Feststellung: in wesentliche nationalsozialistische Programmforderungen spielt überhaupt das Moment des Antisemitismus gar nicht mehr hinein.— es handelt sich um unmittelbare Parteifragen., um nationalsozialistische Programmforderungey zur Bändigung allgemein interessierender Fragen der Gesellschaft, Forderungen, die sich formal nicht wesentlich von den Vorschlägen der anderen Parteien unterscheiden. I h r In halt berührt sogar in mancher Beziehung die Gedankenwelt des Ans dem Inhalt: „Ein absoluter Optimist4'. -- Rabbiner Dr. B* Jakob (Dortmund): Der Sammler. — f. Heller (Regensbnrg): Ehenot? -Dr.MaxOsborn: RassereineKtmstbeiraehiung*