Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 98 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SS ZU weich und-, vielgestaltig, sondern weil er zu hart, - zu schroff, zu eingestaltig ist. Es ist dre Stummheit des werdenden Fanatismus. Er ist aus dem Stoff, aus welchem die jüdischen Propheten waren, aber auch ein Marx, ein Trotzki. Er ist der „andere" jüdische Typus! der Gegentypus Zu Adler. Er ist das unheimlichere, das r e b e l -- lisch c Asie n. Und da ist schließlich zwischen diesen beiden die reliefartig scharf nwdellierte Komparserie der verschiedenen Mitschüler, die sich um ihren Kern und ihrer Säule, den Ouä-ler Sebastran, wie ein trank wuchernder Efeu windet: und diese erst sind gewissermaßen die lebendigen körperlichen Exempel zu dein abstrakten Problem „Sebastian". Sie sind es, die „lachen": dieses Lachen des Nichts: sie sind es, die „besessen sind": besessen von dem Fluche des Nichts, von welchem Claudel spricht. Und hier erst sehe ich das eigentlich Jüdische dieser Erzählung. Ten Trick, sie alte Zu einem abstrakten Komplex zusammenzufassen und diesem Komplex den Namen „Sebastian" 311 geben, wollen wir nicht mitmachen. Sw leben; wir fühlen es. Sebastian lacht bloß als ihr Repräsentant, quält bloß als ihr Repräsentant, vernichtet bloß als ihr Repräsentant, ist bloß ihr Repräsentant: sie aber sind wirkliche Menschen. Furchtbar ist es, das „Nichts" zu berühren; aber es bleibt lau in einem Juden in diesem Lebensalter erspart. Ist Franz Adler erst halb losgelöst von seiner inneren Existenzform, und deshalb noch immerhin grotesk-heroisch: sie simd ganz losgelöst. Ihre Füße sind schon verstrickt im Nichts. Und die Kälte des Nickis fühlen Zie in sich aussteigen: zum Herzen. So taumeln sie wirr und reißen und Zerren an den Fesseln des Nichts. Sie wollen lebendes Blut trinken wie Tiberius, sich in einem lebenden Körper vergraben wie Cesare Borgia, sie. die das Nichts schon umfaßt. Franz Adler ist so weichen Körpers^ fast sichtbar rieselt das Blut unter seiner dünnen weißen Haut. Sie' tun es — da verwest er unter ihren Händen . . . Und der Prozeß dieser großen, allgemeinen Verwesung ist es, den das Buch schildert: der Reflex ihrer selbst, den ihr passives, verwesendes Opfer auf sie zurückspiegelt. Ist er noch ihr Opfer, oder nicht vielmehr schon ähr Anführer bei diesem stürzenden Gleiten ins Chaos? Ist er noch der Wehrlose oder schon der Kommandeur im Erliegen? Unsicher ist, was aus Franz Adler geworden ist. Sicher, daß ein Opfer gefallen ist. Sicher, daß es umsonst war. Sie haben sich zu nicyts bekannt. Als sie sich nach fünfundzwanzig Jahren Wiedersehen, ist alles vergessen und nichts daraus geworden. Ich nannte den Umkreis dieser Welt eine Art „Hierarekia Judaica“. Ich sehe in diesem pessimistischsten Buche unserer Feit den Willen, eine verkürzte Morphologie und geistige Abstufung jüdischer Typen zu geben, mit einem ganz religiösen Ausruf: den Finger Gottes zu sehen, wo er sichtbar wird. Dem Lachen des Nichts, dem Fluche des Nichts stellt Werfel eine reale ethische Offenbarung, (ich finde keinen anderen Ausdruck) als einzige Leoensmöglichkeit gegenüber. Mag jeder daran glauben, soweit er es vermag. Lejsing, -er Lefreier -er Geister. Eine Lesfing-Feier im Eerttralverein. Or. Die Ortsgruppe S tetti n des Ceniralvereins hat den Gedenktag der 200. Wiederkehr von Lessin gs Geburtstag durch eine öffentliche Veranstaltung gefeiert. Im Marienstiftsgymnasium hatten sich am 4. Februar über 3 00 jüdische und n i ch t j ü d i s ch e F r e u n d e a u s a l l e n K r e i s e n d e r Bevölkerung versammelt, um, nach der mit schlichter Innigkeit gesprochenen Ringerzählung aus „Nathan der' Weise" durch Goswin Hossmann vom Stadttheater Stettin den Festvortrag von Julius Bab (Berlin): „L e s s in g, der Befreier der Geister" entgegenzunehmen. Ueber den Vortrag, der nicht endenwollenden Beifall erntete, an dem sich aus Wunsch der tiefergriffenen Versammlung keine Diskussion anschloß, schreibt' u. a. der „Stettiner General-Anzeiger" (Nr. 36 vom 5. Februar): In seinen inhaltsreichen und charaktervollen 'Ausführungen ftcilte Bab die beiden Begriffe „historisches Verdienst" ' und „Unsterblichkeit" gegenüber, Maßstäbe, die an alle bedeutenden Männer zu legen sind. Lessing ist durch die Kraft seiner Persönlichkeit, durch seine zeitliche Ungebundenheit zu einem ewig jungen und lebendigen Verkünder menschlicher-Geistesfrciheit geworden, dessen Worte heute noch ebenso lebenskräftig sind wie zu seiner Zeit, lind der Grund dafür liegt nicht in dem außerordentlich großen Wissensbesitz Lessings, sondern vielmehr in der Art, wie er von diesen! Wissen Gebrauch machte. Seine Leidenschaft, die Welt zu erkennen, an sie Fragen zu stellen, um immer neue Kräfte daraus zu schöpfen, machte ihn zu dem, was er. heute noch für. die Menschheit ist. Unter diesen Gesichtspunkten entwickelte Bab den Werdegang Lessings bis zu seiner höchsten Reife, die ihren Niederschlag fand in „Nathan dem Weisen", dem Bekenntnis eines wahrhaft großen Menschentums." Daß Julius Bab es auch verstand, innerhalb dieses Rahmens Gedankengänge, die den C e n t r a l v e t e i n berühren, einzuflechten, ist selbstverständlich. Die Versammlung wurde geleitet von dem Vorsitzenden unserers Landesverbandes, Dr. M a r c 11 f e (Stettin). Die A n wesenden erhielten sämtlich die L e s s i n g - Gedächtnisn ummer der „E. V.-Zeitung", Über die der „Stettiner. General-Anzeiger" schrieb, daß sie Lessings Persönlichkeit und' kulturelle Bedeutung in zahlreichen interessanten Artikeln erschließe. Auch diese Veranstaltung, die sich den öffentlichen Vorträgen des Landesverbandes in Köslin und Schivelbein anreihte, wird so hoffen wir — dazu beitragen, immer weitere Kreise der christlichen Bevölkerung für die Arbeit des Centralvereins zu interessieren und damit vorhandenen judenfeindlichen Gedankengängen wirksam entgegenarbeiten. Ein mißverstandenes Lejsingwort. Von Professor Dr. Heinrich Simon. Genauer gesagt, ein oft — vielleicht sogar s a st i m rn e r mißverstandenes Wort Lessings. Es steht in der Fabel von den drei Ringen im „Nathan", es steht auch am Sockel des Berliner Lessing- Denkmals, und lautet: E s e i s r e j e d e r s e i n e r u n b e st 0 ch e n e n , V 0 u Vorurteilen freien Liebe nach! Wie? Das würde mißverstanden? Man frage nur im Kreise gebildeter Freunde herum! Jeder kennt natürlich die beiden Zeilen, jeder weiß sie ja auch zu erklären: wir sollen alle unserer unbestochenen, vorurteilsfreien Liebe nacheifcrn, das heißt: jeder von -uns seinem Ideal dieser Liebe, wie es ihm nun gerade persönlich vorschwebt, nicht wahr? Nur schade, daß man dem klaren Lessing schwerlich Zutrauen kann, diese Sache, wenn es so gemeint war, so unklar, so sprachwidrig ausgedrückt zu haben. Denn man eifert wohl entern Vorbilde nach, einem. Beispiele, etwa der Tugend, der vorurteilsfreien Liebe eines anderen, aber nie und nimmer seiner c i g c n cn Liebe, die man erst künstlich nach außen versetzen und zu einem Ideal umdeuten muß, um jene Erklärung überhaupt möglich zu machen. Und wozu solche Künste, da doch die richtige Erklärung-aus der Hand liegt. Man lese nur die Zeilen, die unserem Zitat vorangehen: Möglich sagt der Richter, Möglich, daß der Vater nun Die Tyrannei des einen Rings nicht länger In seinem Hause dulden wollen, — Und gewiß, Daß er auch alle drei geliebt, und gleich . Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen. Um einen zu begünstigen. — Wohlan! Es cif re jeder s e in c r — nämlich des Vaters — unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder mit die Wett, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen usw. Euer Vater war so gerecht, so voller vor-, urteilsloser Liebe, seid auch so, eifert ihm nach! Sollte aber der Leser zu der Minderheit gehören, die das fragliche Mißverständnis nie begangen hat, und findet er etwa, hier würde eine offene Türe eingerannt, so lese er folgenden Gedichianfang: Eine F mr t s e tz u n g. So lebten denn die Brüder Jahr um Jahr. Einträchtig und dem Rat des Richters folgend. Eiferte jeder seiner unbestochencn. Von Vorurteilen freien Liebe nach, usw. Das Gedicht steht in der Hamburger Zeitschrift „Ter Zuschauer", Jahrgang 2, 1894: sein Verfasser ist der einst sehr bekannte Dramatiker Artur Fitger. Auch er war also der Sünde bloß.. Denn vom Vater ist hier gar keine Rede mehr, und dem Richter, dem „bescheidenen Richter", soll doch gewiß nicht zugemutct werden, daß er sich selbst zur Nacheiferung empfohlen habe. —- In der Jnsckzrist am Lessing-Denkmal ist an Stelle des Vaters der Dichter selbst gesetzt. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. 8WWWWUMMWWWWW Alle Werke die in dieser Nummer §j besprochen sind, liefert i portofrei Philo Verlag und Buchhandlung Berlin SW68, Lindenstrasse 13