Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m"\t Das jüdische Problem ln Werfels „Abtturlenlentag" Von Willy Haas. „Was soll ich Ihnen sagen, um Sie von dieser Besessenheit durch das Nichts Zu befreien, die auch ich einmal gut gekannt habe? . . (Aus einem Brief Olauäels an Rivieie.) Sie haben mir mitgeteilt, daß der Dichter F r a n z W e rF e l , der es str seine Person ablehnt, sich theoretisch zu bent „jüdischen" Problem seines letzten Buches zu äußern, mich als den geeigneten Mann ansührte, darüber ein Wort zu sprechen. Da der verehrte Dichter mich für den Geeigneten hält, so bin ich es auch; und wenn ich trotzdem meine Pflicht nicht sogleich erfüllte, so war es vor allem deshalb, weil ich von früher Jugend an gewöhnt bin, in den Worten dieses Dichters — nicht nur in teilten dichterischen — zu lesen: in allem, was von ihm zu mir kommt, ist eine geheime Aufforderung für mich, nicht selten eine scharf tadelnde, fast immer eine lebenswichtige enthalten. Ich habe diese Aufforderung nicht sogleich verstanden — denn, daß es dem Dichter Franz Werfel, in dem es ein wenig anders aussieht als in anderen Dichtern von heute, nicht bloß daran gelegen sein tonnte, einen Aufsatz über sein Buch zu lesen, war mir von vornherein klar —; heute glaube ich diese Aufforderung zu verstehen, erst heute ganz: Ich habe mich der Pflicht entzogen, bei jenem großen Strafprozeß, den er hier abhült, in der mir zukommen-- den Rolle öffentlich aufzutreten; er wünscht, daß es jetzt geschehe, und zwar vor diesem jüdischen Forum und in dieser Form der jüdischen Problemstellung. In der Tat handelt es sich hier um eine furchtbare Krise unserer Jugend, um eine Art dunklen, gemeinsamen moralischen Jugendverbrechens, von welchem in diesem Buch kein einziges Detail historisch richtig wiedergegeben, alles Wesentliche aber mit einer wahrhaft genialen Genauigkeit des moralischen Wägens und Abschätzens und der moralphilosophischen Definition in frei erdichtete Handlung umgesetzt ist. Es ist der Fluch des Lachens, der uns damals befiel, was mir beinahe identisch scheint: Der Fluch des Nichts, die Besessenheit durch das Nichts, von der Claudel in seinen Briefen an Riviere spricht. Durch dieses Lachen wird in Werfels Buch ein junger Jude namens Franz Adler fast ganz gebrochen. Wann kicherte dieses Lachen auf? Sicher nicht in einer bestimmtem Minute und nicht in einem bestimmten Mundo; aber sicher, um zu töten, zu keinem anderen Zweck, — durch jenen besonderen meta-- phyfischen Mord, durch den man sich selbst ebenso vernichtet wie das Opfer. Und sicher war dieses Osifer ein vorbestimmtes Sühnelamm, vom Geschick geweiht, den mörderischen Fluch des Gelächters ganz auf seinem Haupte zu sammeln. Es ist eine „Gymnasiastengeschichte". Aber höchst sonderbar verteilen sich in ihr Typen und Rangstufen einer Klerarellla Judaica. tN'anz Udler, das Opfer, ist stolz, feierlich, innerlich stumm und unberührbar. Unberührbar — aber auch widerstandslos. Ich sage zu wenig, wenn ich bloß „widerstandslos" sage: es ist die Stummheit des Sees, der jede Gewalt durchlaßt und tu sich hineinläßt. aber im Durchlässen und Hineinlassen spiegelt, und durch dieses Spiegeln auf Psalmen S Von Arthur Siibergleit. 1. Zuweilen erlustigt sich ein bärbeissiger Krieger, die schmächtige Gestalt eines zarten Spielmanns auf den Rücken seines wilden Streitrosses zu heben, in der rohen Hoffnung, diesen in allen Gliedern erzittern zu sehen und seine gellen Hilferufe .zu vernehmen, Aber der Glaube jenes fürwitzigen Spassmachers, der Reiter würde von seinem wilden Renner zu Boden geworfen werden, erweist sich dennoch als trügerisch; denn das edle Tier fühlt durch die leichten Schnüre seiner Zügel die Empfindlichkeit saitenkundiger Finger wie eine Liebkosung und es erwidert das rhythmische Geleit seines zagen Lenkers mit leichten Huf tanzen. So fürchte auch ich nimmer Dich, o Herr, Da Streilross aller Deiner Glaubenskrieger, der Priester und Propheten, weder Deinen Ingrimm noch Deine Ungebärdigkeit, ja, ich ruhe gern auf Deinem Rücken, dessen Rundungen die Hügel und Berge nachwölben, und ich segne die Frühlinge aller Erdenrosen, die Deine tänzerisch leichten Füsse umblühen mit den Psalmen und Oden meiner sich dereinst an einen Ring Deiner Sternenkränze einhängenden Lyra, //, Siehe, oHerr, schon zünden sie in den Stuben die Totenlichter für mich an, mein Atem verweht, mein Körper vergeht, mein Antlitz wird gelber denn das tränende Wachs, alle Wärme fliesst von mir; aber wenn alle Trauerkerzen sich längst zerweinten und auslöschten, mir lächelt und leuchtet Dein ewiges Licht, mir erglänzt die Hoffnung auf das ewige Leben meiner Seele. Ich weiss: Einst wird in jedem Trauerkranze auf meinem Hügel auch eine schlichte Blume Deiner Liebe erblühen, und die Kinder, die mich allabendlich an den Ufern ihres heimatlichen Dorfbachs erwarteten, bis ich das Plätschern seiner Fluten mit Deinem Märchen iibersang, werden einen Tränensee in die Friedhofsschollen hineinweinen und mit dem Tau ihrer Wimpernspenden meine enge Totenwohnung weiten. Du aber, Allgütiger, der Du am Mittag Deiner Gnade bisher immer meine Zähren trocknetest, wirst auch durch die Liebesglut Deiner Sonnen den See der Kindertränen auf meinem Hügel trocknen, und auf meiner Gruft werden Efeu und Immergrün meiner Hoffnung nur die Küsse Deiner Himmel durch Schnee und Regen empfangen. Und vielleicht wird einmal auch mein Herz sich hier zu einer Hügelrose wandeln, deren Duft noch Deinen blauen Traumabenden abermals Märchen flüstert, und der schönste Stern wird wie ein gläubiges Himmelskind mit verklärten Augen über meiner Seele Wache halten, und vielleicht wird der Nachtwind einmal einem Schmetterlinge die Legende meines Lebens raunen. lüüiliil! §7 den Angreifer ganz zurückwirft, indem er so den Kamps der Körper in einen metaphysischen Kampf der Bilder und Formen des Daseins umwandelt, in welchem nach anderen Gesetzen gesiegt und besiegt wird als hienieden. Es ist einfach das ruhende Asien. Zufällig hat gerade China, gerade Lao-Tse einen derartigen Zustand ausgezeichnet. Doch dieser asiatische Zustand gehört genau so zu den tief vergrabenen jüdischen Ursituationen, tief vergraben in irgendwelchen Patriarchalisch-asiattschen Ordnungen, deren Fragmente noch in den „Fünf Büchern" austauchen, — kaum mehr nachweisbar im Bewußtsein der Heutigem aber ganz und gar nachweisbar an gewissen Symptomen der Strategik des jüdischen Existenzkampfes von heute wie von gestern. Franz Adler spiegelt die Gewalt des mörderischen Spottes, die ihn trifft; mit Leib und Seele spiegelt er sie; er wird ganz zu dem Hcmswurst, zu dem unser ^pott ihn machen wollte; er selbst muß über sich selbst mitlachen, damit er dieses Lachen ganz spiegle: und indem er ganz und gar Abbild der Schmach wird, die ihn durch uns trifft, wird diese Schmach ganz und gar Gestatt, Körper, Geste, atmendes Leben unter uns; der Spiegel wird unerträglich; nur entfernen ihn; aber in eben diesem Augenblick zeigt sich die Magie dieses Spie- . gelns: daß das Bild da ist, auch wenn der körperliche Spiegel, dieser komische M e n s chs p ieg e l, e ntfe r n t w u rde. Wenn man will, ist Franz Adler ein Lao-Tse als tragische Possenfignr. Er ist aber doch eine durch und durch j ü d i s ch e Figur — keine asiatische. Er ist aus Afieu herausgetreteu, und die majestätische Ruhe des spiegelnden Sees, des zutiefst unbewegten, hat sich in ihm, der kein klares Wasser mehr ist, sondern ein trüber Proteus der Emigration, durch tausend fremde Gußformen gelaufen (— oder: als ob von den tausend Spiegelbildern chemische Veränderungen ausgingen —), in die lose Unverbindlichkeit der Formen umgesetzt. Er spiegelt nicht mehr bloß: er wird zum Spiegelbild. Irgend etivas, sehr weit hinten, spricht noch hie und da ein ruhendes, stummes, stolzes Wort: aber dieses Wort ist machtlos. Stärker ist der Trieb in ihm, den setischeU Mord an ihm einfach durch freiwilligen seelischen Selbstmord fortzusetzen. Er ist vollkommen mitschuldig. Mau erwartet nun vielleicht, daß ich diesem jüdischen Bild das Bild des chri st l ich e n La nd esge r ich ts r als Sebastian eutgegenstelle. Aber Sebastian ist weder als Christ da, noch überhaupt als individueller Gegenspieler; es ist offenbar nicht der geringste dichterische Ehrgeiz in Werfet vorhanden gewesen, irgend etwas besonderes Tiefsinniges oder auch nur Genaues von all dem, was sich so zwischen Jnd' und Christ in einem Gymnasium abspielt, zu formen. Hinter allen diesen hysterischen Quälereien, mit denen Sebastian den Franz Adler peinigt, ist etwas viel Furchtbareres verborgen: der Kampf des Werdenden um seine Gestalt, ein erpresserischer Kampf, der von jenem Proteus Franz Adler eine, irgendeine menschliche Gestalt erpressen möchte, — indem er ihm jede menschliche Gestalt nimmt. Und das ist vielleicht der wirkliche Sinn dieser Puberträtskrise: es wird gemordet., einfach ans Hunger nach einem greifbaren Umriß, symbolisch gemordet aus symbolischer Menschenfresserei: Sebastian verbeißt sich in den Stummen, hinter welchem er viele schwankende Gestalten ahnt, von den5n eine vielleicht zu greisen wäre. Doch es gibt noch einen anderen Juden in diesem Buch, und dieser ist der wahre Gegenspieler: Ko marek, der Finstere, Stumme, Rebellische, Gedrückte, vor welchem alle eigentlich Angst haben. Er wird von Werse! nicht ausdrücklich als Jude bezeichnet: aber dem aufmerksamen Leser'kann es nicht entgehen, daß er einer ist. Auch er ist stumm und ein Gequälter, wie Franz Adler. Aber nicht, weil er iiiililllli