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Central-Verein-Zeitung · 1929-02-22 · 8 (22.2.1929) · p. Seite 96

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
8 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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Dr. jur. 3. Levp. Worte des Gedenkens von F. Landau. Dr. Isidor Levy, einer der charaktervollsten und begabtesten' deutschen Journalisten, ist am Sonnabend, dem 16. d. M., im achtundsi'ebzigsten Lebensjahre dahingeschieden. Die Sache der mit dem Deutschtllm zu einer Einheit verschmolzenen Judenheit verliert in ihm einen so unermüdlichen wie unerschrockenen, im Rüstzeug des Wissens, des Talents, der Ueberzeugungs t r e u e wie der Ueberzeugungs kraft unbesiegbaren Vorkämpfer. Das Goethe-Wort „denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein", ' gilt ganz besonders vom Zei- D Lungsmann im allgemeinen und galt doppelt von Isidor Levy. s - An: 15. Januar 1852 geboren, wuchs Levy in seiner ostpreußischen Heimat, in der Atmosphäre der Johann Jacobhschen Freiheitsideen auf, die bestimmend blieben für sein Wesen und seinen Charakter bis ans Ende. Im heimischen Königsberg, in Berlin und Heidelberg dem Studium der Rechte obliegend, wußte Isidor Levy schon früh, daß Neigung, Begabung und unentrinnbares Schicksal ihn dem Dienst der Presse zuführen würden. Dem Dienst an der Allgemeinheit also, dem Dienst an der Menschheit, ihrer politischen Freiheit, ihrem bürgerlichen Selbstgefühl und wirtschaftlichen Kraft. Um die Mitte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts lenkten wie Helle Fanfarenklänge einherschmetternde Leitartikel eines kleineren, längst entschwundenen Blattes die Aufmerksamkeit auf sich, und Leopold Ullstein, der einen besonders scharfen, sicheren Blick für journalistische Talente hatte, berief ihren Verfasser, den jungen Journalisten Dr. Isidor Levy, an die Spitze seiner jungen „Berliner Zeitung" —- der Vorläuferin unserer heutigen „B. Z. am Mittag". Es war jene üble Zeit, in der die gedruckten Beleidigungs-Anzeige--Formulare noch lose aus dem Schreibtisch des Fürsten Bismarck lagen und in einer halben Minute ausgesüllt werden konnten. Der „Berliner Zeitung" wurde besonders scharf auf den Dienst gepaßt — sie hatte fast ständig einen ihrer Redakteure in Plötzensee. Auch Dr. Levy war dort für längere Zeit einquartiert. Da aber weiter Strafanträge an die Gerichte flatterten, mußte es Dr. Levy für geraten halten, mit Frau und Kind außer Landes zu gehen. In Obergrund bei Bodenbach, in Wien, in Meran verlebte er, immer fleißig schassend, immer unsere besten deutschen Blätter mit Aussätzen von Wucht und Gehalt und hohem Schwung versorgend, fünf' Jahre. Als nun Freundeseinfluß den inzwischen milder, versöhnlicher gestimmten Fürsten Bismarck bewog, die Strafanträge zurückzuziehen, kehrte Isidor Levy nach Berlin Zurück. Hier sahen wir ihn nun unermüdlich schassen und wirken wo es irgend galt, dem freien Gedanken Raum zu schassen, der Entrechtung auf jedem Gebiete Zu begegnen und zum Anwalt des Rechts sich auszuschwingen, um dessentwillen er darauf verzichtet hatte, „Rechtsanwalt" zu werden. Er wurde die Seele des Vereins Waldeck, der es sich zur Ausgabe > , -W v U-.- As« Dr. für. I. Levy. machte, die Jugend zur politischen Reise zu erziehen und dem demokratischen Gedanken eine wehrhafte Garde heranznbilden. In die Stadtverordnetenversammlung gewühlt, wurde er da bald zum eindrucksvollsten Sprecher und zu einem klugen Führer der Fortschrittspartei. Als eines der Häupter der deutschen Freimaurer die Meisterwürde in seiner Loge niederlegte, um eine zu gründen, die den jüdischen Brüdern ihre^Tore nicht verschloß, als Geheimrat Settegast seine Loge ins Leben rief, da war es Dr. Levy, der dieses Leben mit der Flamme seiner Beredsamkeit, mit dem Schwung seiner Gedanken, mit der Wärme seiner Menschenliebe erfüllt und gesteigert hat. Daneben aber erschienen, fast täglich, in der „Vossischen Zeitung" seine Artikel, die, gereift an der vollen Mittagssonne unserer klassischen Dichtung, gehoben von seinem Besitz an literarischer, an philosophischer Bildung und allzeit verfügbarem geschichtlichen Wissen, ihres Eindrucks wir ihrer Wirkung immer sicher waren. Mt ganz besonderer Liebe setzte sich aber Isidor Levy für die Sache des Judentunis ein. Ob es nun galt, feindlichen Angriffen von außen zu begegnen oder das Selbstbewußtsein, die Widerstandskraft innerhalb der deutschen Judenheit zu stärken. Durch die Verheiratung mit Frau Jakobine, geborenen Klausner. gelangte Dr. Levy m einen Familienkreis, in dem die Pflege jüdischen Wissens, jüdischer Ueberlieferung, treuer und hingebungsvoller, opferfreudiger Anpassung an jüdisches Wesen von je heimisch war. Das magsein eigenes waches jüdisches Bewußtsein gesteigert und den Mut befeuert haben, mit dem er sich schon bei Beginn der antisemitischen Bewegung in den Kampf gestürzt hat, in dem er i ausharrte bis zum letzten Atemzuge. Ganz wie sein Schwager M. A. Klausner, der, so unermüdlich wie leidenschaftlich und erfolgreich, in diesem Kampfe seinen Mann stand, bis ein tragischer Tod ihn ereilte. Mit dieser Frau Jakobine, die, klug und tapfer, ihm auch in schweren Tagen das Schicksal tragen half, lebte Dr. Levy in einer vorbildlich harmonischen Ehe, die in Kürze zur goldenen Hochzeit hätte gelangen sollen. Ihre Tochter, die bekannte Schriftstellerin Frau Torrs Wrttner, pflegt das Familienerbe der Liebe zum Judent tum und der literarischen Betätigung dieser Liebe mit so viel Be- - ff gabung, Fleiß und Eifer erfolgreich weiter. g Mit Dr. Isidor Levy^ entschwindet uns nicht nur ein treuer 8 und tapferer Kampfgenosse, sondern auch der überaus reiche, in 8 jedem Augenblick verfügbare Schatz an Wissen — ein Arsenal an 8 Abwehrwaffen. Oft, und immer weithin hörbar, immer mit tiefer f Wirkung, hat Dr. Levy sich in unseren Blättern vernehmen lassen. 1 Die letzte Arbeit seiner Feder war der feingeschlisfene Aufsatz „Un- |j gdift wider Geist" in der Lessing-Nummer der „C. B.-Zertung". t Wie manche Waffe hat er den Gegnern entwunden! Mit wie sicherem 1 Griff hat er Fichte, den sie sich als Eideshelfer hatten angliedern f wollen, ihren Tatzen entrissen — in einer kleinen Schrift: „Fichte I und die Juden", die im Philo-Verlag erschien. ß Einen unschätzbaren Kampfgenosien hat uns der Tod entrissen, f in unserem dankbaren Erinnern aber wird Isidor Levy fortleben. Wolf Hreiöenbach, Vorkämpfer -er Emanzipation ^Auml-S.To-estage amLS.Zebruar. An dieser Stelle wurden im September v. I. die Verdienste Israels Jacobsons für seine Glaubensbrüder geschildert, und heute sei das Andenken seines Mitkämpfers Wolf Breidenbach der Nachwelt verkündet. Aufhebung des Leibzolles in vielen deutschen Staaten war fein dauerndes Lebenswerk. Wir Gegenwartsmenschcn wissen kaum, was für eine unendlich große Tat dies war, welche Mittel und Wege, welche Gewandtheit im Verkehr mit Fürstenhöfen nötig waren, das Ziel zu erreichen und das Joch von seinen jüdischen Mitmenschen zu nehmen. Mit der Befreiung vom Leibzoll war die erste Stufe zur bürgerlichen Gleichstellung erreicht, und deshalb feiern wir in Breidenbach einen der edelsten, mutigsten, entschlossensten und eifrigsten Vorkämpfer für die Emanzipation der Juden in Deutschland. Wolf Breidenbach wurde 1751 in Breidenbach, einem Dorf bei Kassel, geboren, lernte nach damaligem Gebrauch schon frühzeitig den Talmud, zeigte große Geistesgaben und kam als junger Mensch auf die jüdische Hochschule nach Frankfurt a. M. Bei einem Schachspiel gewann er das Vertrauen eines reichen Adeligen, welcher ihm die Besorgung seiner Geldgeschäfte anvertraute. Die stille Studierstnbe wechselte Breidenbach bald mit der Eröffnung eines Bankgeschäftes und mit Juwelenhandel. Takt und geschäftliche Gewandtheit wie - strenge Gewissenhaftigkeit verschafften ihm bald Zugang zu den vielen Standesherren zwischen Main und Rhein, deren finanzieller Berater er wurde. In Breidenbach schlug aber auch ein warmes -Herz für seine Glaubensbrüder; er sah bei seinen vielen Reifen die Schmach des Leibzolles und wollte seinen Brüdern helfen. Sein Vorhaben wurde bald mit Erfolg gekrönt. Kaum zum Fürstlich Jsenburgschen Hof- und Kammeragent ernannt, wurde dort der Leibzoll am 25. April 1803 ausgehoben. Am 23. September desselben Jahres beseitigte der Kurfürst von Hessen, dessen Hossaktor Breidenbach war, die entwürdigende Abgabe; der Fürst von Solms-Rödelheim folgte am 15. Oktober und am 7. Dezember der Fürst von Hessen-Homburg. — Breidenbach wurde von der Negierung des Fürst-Primas, Reichskanzler Karl von Dalberg, als Anwalt (Syndikus) vieler Gemeinden anerkannt und ging mit dessen Empfehlungen 1804 zum Reichstag nach Negensburg, um dort mit den Agenten vieler deutscher Höfe in Verbindung zu treten, den Leibzoll aufzuheben. Dieser Schritt erforderte hohe Summen, die Breidenbach infolge seines Aufrufes „Weckruf au unsere israelitischen Brüder" zuslossen. Den Preis seiner Mühe sollte Breidenbach bald ernten. Am 19. Januar 1804 beseitigte Fürst Dalberg den Leibzoll für Aschaffenburg mit besonderer An-erkennung von Breidenbach s Bemühungen; ihm folgte bald der ganze Kurstaat. Das egoistische Patrizierregiment hob ihn am 24. August 1804 auf als Erfolg einer Bittschrift Vreidenbachs; Hessen-Darm st adt folgte am 19. Januar 1805; später folgten die Höfe von Nassau-Usingen, N a ssau - W ei lbu r g, Löwen st ein, Wertheim, Lein in gen und den Häusern E r b a ch. Auf Vreidenbachs Grabstein auf dem Friedhof in Offenbach wird er ein „Schetadlon", ein eifriger Fürsprecher seiner Glaubensgenossen genannt, und ein Biograph*) schreibt von ihm: „Der Name Breidenbach, welcher mit Aufopferung von Zeih Ruhe und Kosten sich ein unsterbliches Verdienst um die Juden erwirbt, und noch mehr, ohne Eitelkeit für ihre Befreiung eintrat, sollte nicht mehr der Vergessenheit verfallen." Hätten wir noch heute solche Kämpfer! £♦ Horwrtz (Kassel). i) Benutzt sind: Fr. I. K. Schepple t: „liebet die Aufhebung des Leibzolles", 1805. Grätz: „Geschichte der Juden", Bd. I, Note 5. L. Horwitz: „Im Deutschen Reich", 1911, Heft 6 und 7.

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