Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 drücke (wie es etwa der Diederichsschen „Deutschen Volkheit" vorschwebt), d. h. man nimmt Rücksicht ans seine Laienleser, die man mit den Ergebnissen der Forschung (nicht mit ihren Methoden!) vertraut zu machen wünscht —- oder man tut eben das Gegenteil. Jedes Buch, das sich an einen bestimmten Leserkreis wendet, mutz, wenn es ehrlich ist, sich der Kritiksähigkeit seines Publikums unpassen und sich seine Beurteilung gefallen lassen. Eine breitangelegte wissenschaftliche Untersuchung, die eine Unmenge wissenschaftliches Material in neuer Deutung, mit allem wissenschaftlichen Beiwerk in Form, Stil und Inhalt vorführt, kann von Laienlesern nicht beurteilt, nicht gewürdigt werden. Und hier liegt eine Gefahr des Werkes; sie Hütte umgangen werden können. 6. Wir besprechen noch immer Aeußerlichkeitcu. An zwei- Punkten — Titelsügung und Propagandaeinrichtung — konnten wir Bedenken ernsterer Art nicht unterdrücken. Aber sie sagen nichts über den Wert des Inhaltes aus. Versuchen mir, die Ergebnisse Werths — wenigstens in ihren Hauptzügeu — kurz zu notieren: 1. Die Urheimat der „nordischen Rasse" ist eine — versunkene — Insel der Arktis; von hier ans erfolgte ihre Ausbreitung über die ganze Welt. 2. Die „nordische Rasse" bildete eine monotheistisch orientierte Knltgemeinschaft, deren Wesensart heute noch durch fast über die ganze Erde verbreitete „Knltnrsymbole" erschlossen werden kann. In ihrem Mittelpunkt stand das hohe Fest der Wintersonnenwende. 3. Dieses Wintersonnenwendefest, dessen Bedeutung erst durch die Erkenntnis der arktischen Heimat der Rasse in das richtige Licht gerückt wird, ist der Oueüpnnkt aller Kultur, z. B. anch der menschlichen Sprache. 4. Es besteht also eine erdteilverbinhende Sprachnnd Knltnrgemeinschaft, die ans dev gemeinsamen Urheimat erklärt wird und die weit über die Jndogermanenverbreitung hinausreicht. Wir haben also das Recht, zur Erklärung germanischer Probleme: «.) geographisch weit entlegene Paraletten (z. B. Polynesier, Sioux-Indianer u. ä.), b) zeitlich weit entlegene Parallelen (z. B. Kulturrudimente der älteren Steinzeit) heranzuziehen, d. h. wir müsien mit einer räumlich wie zeitlich sehr eng gebundenen Kultnrkontinuität rechnen; unsere Schrift z. B. geht geraden Weges ans die „Schrift" der älteren Steinzeit zurück, unsere Sprache hat sehr enge Beziehungen z. B. zu amerikanischen Jndianersprachen. Das wären etwa die wichtigsten Gedanken dieses Bandes. Sie klingen höchst seltsam, sind aber gerade deshalb wohl geeignet, unser aller stärkste Anteilnahme Zu erregen. Sehen wie sie uns etwas kritischer an! ' 7. Es handelt sich also zunächst um Rassenfragen, und Zwar wird der Begriff „Rasse" hier bedeutend weiter gefaßt als gewöhnlich. Urraffe ist für Wirth — Urvolk (er gebraucht jedenfalls diese Begriffe in den ersten Abschnitten des Buches gleichwertig), ja mehr noch: die völkisch gebundene Rasse hat nicht nur gleiche Körpermerkmale, nicht nur eine gleiche Wesensart (wie Günther lehrt), sondern sogar eine bestimmte „Weltanschauung, welche als geistige Erbmasse nach erfolgter rassischer oder (und) geistiger Mischung reinerbig immer wieder zum Durchbruch kommen rnutz, solange die betreffende Rasse als Bestandteil in einem Volke vorhanden bleibt", (o. 11.) Damit ist gesagt, daß die Urzeit der rassischen Reinheit den Höhepunkt der Kultur darstellen muß; die rassische „Weltanschauung" ist in ihr noch rein und ungetrübt vorhanden — keine „Primitive Gemeinschaftskuttur", sondern Spitzenleistung, und was danach kommt, ist Verfall. Sehen wir einmal von allem Rassischen ab: als die Menschheit in das helle Licht der Epoche eintritt, die wir gewöhnlich „geschichtlich" nennen (Wirth kämpft auch gegen diese Bedeutung des Wortes an), ist der Verfall längst int Gange, die Urreinheit längst getrübt. Je weiter der Ablauf der „Geschichte" sich unserer Zeit nähert, um so stärker wird der Verfall; in der Gegenwart-hat er seinen Gipfelpunkt erreicht. „Wir stehen vor unserer Schicksalsstunde" (S. 23), und Herman Wirkst hört schon die Glocke schlagen. Aber wenn wir schon so verrottet, so verfallen sind, wenn kein historisches Erinnern mehr von jener weltanschaulichen Urreinheit weiß, wie können wir es dann wagen, sie rekonstruieren zu wollen? Daß wir in unserer Verkommenheit Sehnsucht nach ihr haben, ist leicht erklärlich; aber diese Sehnsucht ist doch wohl nicht mehr als ein Heimverlaugen nach dem verlorenen Paradies, dessen Schönheiten wir in dichterisch beflügeltem Heimwehschmerz vor uns aufwölben. Herman Wirth „schaut" sie („hier wird das Wort „Seher" deutlich", bemerkt Diederichs) im Goetheschen Sinne, das wird ihm niemand verwehren. Aber er will, d a ß diese „S ch a u" als wissens ch ö< ftli ch e Tatsache gewertet werde, und h i e r versage nw i r i h ntdie G e f o l g s ch a s t. Er müßte, um wissenschaftlich ernst genommen zu werden, einen Beweis für seine These erbringen, müßte Nachweisen, daß 1. eine kulturelle Kontinuität seit den ältesten Zeitendes „nordischen" Menschengeschlechts bis auf diesen Tag besteht und 2. diese Kontinuität sich — sehr int Gegensatz zu den bisherigen Ergebnissen der Prähistorie und Geschichtswissenschaft — in absteigender Linie bewegt hat. Die kulturelle Kontinuität behauptet er in religiöser und sprachlicher Hinsicht (wir werden noch sehen, wie es mit seinen „Beweisen" steht), aber für den Abstieg der Kultur weih er keinen anderen Beweis zu erbringen als den, daß die — hypothetische — Reinheit der Ur-Weltanschauung sich verflüchtigt hat. Wirth zitiert in den ersten Abschnitten des öftere!: K o s s i n n a. Er hätte von diesem Forscher sehr viel lernen können, ganz besonders ist methodischer Hinsicht. Was Kosstnna einfür allemal erledigt hat (und hier liegt das Schwergewicht seines Lebenswerkes), den Wahn nämlich, daß die vorgeschichtliche Wissenschaft ohne Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft arbeiten könne, hier steht es wieder in vollster' Blüte: -ein Gedanke des Verfassers steht am Ausgang, und er wird dem stummen prähistorischen Material ausgepreßt. Kossinna hat uns gelehrt, daß man, um zu einigermaßen sicheren Ergebnissen zu gelangen, von geschichtlich erwiesenen Tatsachen auszugehen habe, die rückwärts verfolgt werden müssen, langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt: nur dann ist eine Kontinuität nachweisbar. Wirth geht den umgekehrten Weg, den Weg der prähistorischen Forschung des 18. Jahrhunderts. Er benutzt zwar — scheinbar wenigstens — die Ergebnisse der Prähistorie. Sie versagen bei der Frage nach der Urheimat der Nassen, ja sie lehnen diese Fragestellung z. T. sogar bewußt (und ans guten Gründen) ab; also Helsen sie ihm nicht weiter, nnd er muß sich nach anderen Möglichkeiten musehen. Er verfällt auf die blu tse ro lo gi sche Rasse n f o r schu.n g , bekanntlich einen noch sehr jungen, sehr unsicheren Wissen sch astszweig. Dazu rnutz er die wenigen Tausend von systematischen blutferologischen Untersuchungen der jüngsten Vergangenheit benutzen, die er mit beneidenswerter Uwbekümmerthei-t in größten Ausmaßen verallgemeinert, um sie dann als Urteilzeugen in Anspruch zu nehmen. Die Sache ist so einfach: Blutgruppe I ist arktisch-nordisch, II atlantisch-nordisch, III asiatisch, IV von noch unbekannter Herkunft. Es ergibt sich, daß z. B. die no r d a m eri k anischen I u di an e r e ben fo nordisch (S. 4 8) wie die Japaner (S. 4 5) sind ns.w. Rassenbilder führen des gutwilligen Lesen die offensichtliche Nichtigkeit dieser Behauptung dann näher vor Augen. Es lohnt sich kaum, die Unmöglichkeit der Methode nachzuweiseu; sie liegt ans der Hand. Es genüge nur, darauf h-inzudeuten, daß zur Stärkung des „Beweises" zum mindesten doch wohl die „Rassenbilder" von Personen gebracht werden dürsten, die blntserologisch untersucht worben sind; dies ist aber offensichtlich nicht der Fall. Und vor der Uebertragung der Ergebnisse der Blutuntersuchungen rezenter Personen aus die Träger der menschlichen Urkultnr (von denen nichts mehr erhalten ist) braucht wohl nichts weiter gesagt zu werden. Es fehlt Wirth jedes exakte, methodische Denken: das ist das Verhängnis dieses Buches. Dabei ist ihm selber wohl nicht ganz wohl; er betont S. 50 ausdrücklich, daß wir ü ber das Verhältnis von K ö r p e r f o r m u n d Blutgruppe noch nichts wissen, daß durchaus nicht jeder Angehörige der Blutgruppe II „eine Verkörperung der nordischen Rasse" sei. Aber in der weiteren Untersuchung setzt er doch Blutgruppe Und Rasse gleich, um zur Bestimmung der Urheimat zu gelangen. Er gebraucht also „Rasse" in anderem Sinne als die landläufige Wissenschaft; damit hat er sich selbst den Weg zum Verstandenwerden erheblich verbaut. Warum tut er das aber? Warum gebraucht er für sein Blutgruppenrassenideal die Bezeichnung „nordische Rasse", wenn sie — nach seinen eigenen Worten — unzutreffend ist? 8. Aber setzen wir einmal den Fall, daran wäre nichts auszusetzeu. Er hat also einen neuen Rassenbegrisf entdeckt und gelangt sogar auf Wegen, die näher zu beleuchten^ hier zu weit führen würde, zur Bestimmung der Urheimat dieser Rasse. Diese Urheituat ist versunken (!), wir wissen nichts mehr von ihrer Gestalt und der Kultur ihrer Bewohner. Otto Schräder hat uns in seinem Lobenswert gelehrt, wie man aus sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten verschiedener Völker die kulturelle Struktur der verschwundenen Volkes erschließen könne. Die sehr beachtlichen Einwände, die gegen Schräders Methode -erhoben worden sind, hat W i r t h. unbeachtet gelassen; er. übernimmt sie, indem er sie vergröbert. Aber er übersieht auch hier, ähnlich wie bei Kofsina, die Hauptsache: daß nämlich den Ausgangspunkt aller Untersuchungen eine bekannte, unanzweifelbare Tatsache zu bilden habe, nicht eine Idee, die zu beweisen bleibt. Einige Belege für diese Methode (die dazugesetzteu Fragezeichen stammen vor mir): S. 166 beschäftigt sich Wirth mit den Namen der Deutschen. Gotisch Hiida — altirisch thuata „ist die gemeinsame Bezeichutmg der Nordischen als to-td, d. h. ans Gott hervorgegangne: ti, io, tu (?) — Gott, „Licht" (von Sommer- bis Zur Wintersonnenwende) und üt bzw. at, ath „aus", „hinaus", altindisch üd, „hinaus, empor", ein Wortstarnm, der — wie wir später sehen werden — auch in „Atem" enthalten ist." (Vielleicht auch in Athen, Atom, Athlet?). „Die Deutschen" oder „Dietschen" tragen also noch den alten Nord- Antlantikernamen „von Gott geboren", „Kinder des Lichts". „Es ist für die ethnologische Lösung der nordeuropäischen, jungstemzeitlichen Besiedlung von Wichtigkeit, daß der altgermanische Stammesmythos (?) sich restlos mit demjenigen des vorkeltischen Volkes der Tuatha de Dauann deckt (?)." S. 423: „Daß diese Rasse (der Weltherrenschicht) die nordische Rasse war, geht als Ergebnis aus dieser Untersuchung hervor. Ihre Spracheinheit liegt aber in einer Urperiode, welche, zeitlich und räum-