Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Tode Jakob Loewenbergs. Der deutsche Jude / Von Dr. Alfred Wiener, Zwei -nötige Augen find geschlossen, undein Herz voll Liebe und Wärme schlügt nicht mehr. Jakob Loewenberg ruht in kühler Erde. Der Centralverein hat mit ihm einen der Edelsten ins Grab gelegt. In fernem Leben bewährt sich dre Wahrheit, daß die Weltanschauung des GV. nichts anderes ist als das ausgezeichnete Leben des jüdischen Deutschen. Wir haben es weder vor uns noch den anderen nötig, künstlich ein Lehrgebäude über unser Sem und Werden zu errichten. Wir sind in unauflösbarer Vermischung deutsch und jüdisch zugleich, nicht nur, weil wir so. sein wollen, sondern, weil wir gar nicht anders sein können. Wie unser Jakob Loewenberg mit deutschem Feld und deutschem Wald, mit deutschem Meer und deutschen Bergen, mit deutschem Fühlen und Denken verwoben rvar.das kündet jede Zeile seiner Gedichte; und seine Schmerzen sersahrung als Jude trieb sein Dichterherz, auszusagen,wie wehe ihm um des Deutschtums willen Beschimpfung des Juden und desJudentums tat. und wie schon der Vater den Jungen lehren müsse, sich zu wehren. Jetzt, wo der allzu Bescheidene, von uns gegangen ist, dürsen wir aus einem Briese an uns die folgenden Zeilen veröffentlichendie besser als mancher schwungvolle Aussatz, als manche öffentliche Ehrung die Wirkung des jüdischen- Deutschen Jakob Loewenberg, des Dichters von Herzens Gnaden, offenbaren: . . . „Kommen da in den Weihnachtsserien ein Dutzend Briefe von Dorfkindern ans der Rheinpsalz: ,Am den Dichter Jakob Loewenberg in Hamburgs so steht draußen, und drinnen: .Sehr geehrter Herr Dichter? Und nun beginnen sie in schlichter Weise von sich und ihrem Dorf zu erzählen, und von ihrem Lehrer, der ihnen Gedichte von mir-vorgelesen, und von dem Dank, dem sie dem ,großen Dichtet schulden. Und dann kommen allerhand Fragen nach. Hamburg, und wie ich. dichte> und wann, und ob ich Kinder habe, die mein Werk fortsetzen, und ein paar schließen mit dem Wunsch, daß ich noch lange leben und sür das deutsche Vaterland noch viele schöne Gedichte machen möchte. Ich gestehe es offen, die Briese haben mich herzlich erfreut, mehr als manche lobende Besprechung. Und im stillen tauchte die Frage in nur aufl ob diese dir ganz unbekannten Mnder wohl vermuten, wohl wissen, daß du Jude bist. Ich antworte ihnen, schicke ihnen ein Hamburaer Album und bitte den Lehrer, den Kindern, wenn sie es noch nicht wissen, <$u sagen., daß der Dichter ein Jude sei, und mir zu schrewen, wie das Wort gewirkt hat. Darauf kommen nach vierzehn Tagen zwei Dutzend Briefe von Knaben und Mädchen, Postkartenbilder des Oertchens und ein Klassenbild, „das wir eigens zu dem Zweck Herstellen liehen". Und der junge Lehrer schreibt u. a.: ,Als ich den Kindern die Sätze Ihres Brieses vorlas, sah ich zunächst nichts als erstaunte Gesichter. Dann die verwunderten Fragen: Daß das sein kann? Daß er dann dichten kann? Daß er dann so schön schreiben kann? Daß er das überhaupt sagt?. Und dann folgt ein Geständnis des Lehrers: Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit. Ich bin völkisch bis ins Herz hinein und hätte mich besonnen. Ihnen zu schreiben, wenn ich über Ihre Abstammung mehr als bloße Vermutungen gehabt hätte. Ihr Brief hat mich eben noch besinnlicher gemacht über das Problem, als rch es so schon war? Und zum Schluß: Mer ehrlich zu seinem Volk sein will, kommt, hin —-und wer seine Heimat liebt, Gottes Natur,, sein Werk am Kind der Zukunft,'seine Familie^ was soll noch deutsch sein, wenn nicht er?' Warum ich Ihnen das alles schreibe? Weil es mit dem zusammenhängt, was mir seit langem auf dem Herzen liegt. Man kennt uns nicht. Die wilden Negerstämme in Afrika sind unseren Landsleuten, wenigstens den meisten, besser bekannt als wir." ... " Jakob Loewenberg war einer der geeignetsten, der nichtjüdischen Umwelt den Juden kennen zu lehren. Wie viele seiner Gedrehte und seiner Ermhlunaen .stellen, gewiß nickt geflissentlich, im Dienste dieser Mission, dieser echten C. V -Arbeit! — Jenseits der Dichtung ergriff er zornbthchwtngt die Feoer, wenn sein, wenn unser Deutschtum verkannt und verketzert wurde. .... So. schrieb er an Wilhelm Stapel einen offenen Briest), als dieser das Deutschtum des Juden abstritt „Sie verwechseln Gernranentum und Deutschtum. Wir sind keine Germanen und können es nicht sein; aber wir sind Deutsche, *) „Deutsches Volkstum", 1919, Heft 11. oder, wenn Sie wollen, jüdische Deutsche, wie es wendische, lettische,' französische Deutsche gibt. Oder waren Chämisso und Fontane keine deutschen Dichter? Lagarde kein deutscher Schriftsteller? v. Francois kein deutscher Feldherr? Seit mehr als einem Jahrtausend sprechen wir deutsch, unb seit den Tagen der Freiheitskriege haben unsere Söhne auf allen Schlachtfeldern für deutsches Vaterland und deutsches Volkstum gestritten und geblutet. Soll rch die Gefallenen des letzten Krieges aufrufen, die Verstümmelten und Siechen, die trauernden Mütter und Väter, die Witwen und Waisen, daß sie Zeugnis ablegcn, sie seien.Deutsche und nicht Gäste, nicht Fremde? Die feindliche Kugel hat es besser gewußt als Sie, Herr Stapel, wo Deutsche zu treffen sind. Eie überschätzen das, was Sie Volkstum nennen, und unterschätzen die Wirkung der gemeinsam erlebten Geschichte, die Einheit des Kulturgefühls. Sie weisen den religiösen, politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus zurück und wollen einen neuartigen, einen sogenannten Edelantisemitismus, begründen. Aber die Folgerungen, die Sie ziehen, sind dieselben wre die der anderer:, und wenn ich toigestochen werde, verschlägt es nicht viel, ob es mit einem Metzgermesser oder eirrem feingeschliffenen, kunstverzierten Dolch geschieht ... ,Gibt es Juderr? fragen Sie, .die den „Grünen Heinrich" oder Goethe aus dem Innersten heraus verstehen?' Gewiß,' Herr Stapel, Wenn Ihnen Professor N. Meyer den Dichter, den Menschen Goethe nicht zu Tank dargestellt hat, was besagt das denn? So viel als Düntzer hat er wohl auch gegeben und Grmdols hätte Ihnen mehr gegeben. Mir hat das Nibelmigenbild ein deutscher Professor doziert, der keine blaffe Ahnung von der Größe der Dichtung hatte. Daß ein jüdischer Professor einen Goethe nicht ganz ersaßt hat wer überhaupt kann das? ist das ein Beweis für Ihre Verallgemeinerung. Es ist ein hervorragender Schriftsteller, der einmal gesagt hat: ,Alles ungenaue Verallgemeinern führt von der Wahrheit ab? Kennen Sie ihn? Er heißt Wilhelm Stapel. Gmuben Sie, daß die Rahe! Levin Goethe nicht verstanden hat? Aus dem Innersten heraus? Fragen Sie doch einmal Goethe selber an. Glauben Sie, daß Emil Kuh Hebbels Lyrik, Felix Bamberg seine Dramen nicht verstanden hat? Aus dem Innersten heraus? Fragen Sie doch einmal bei Hebbel selber an. Bon Heine sagt er in seinem Briefe vorn 18. Dezember 1855: ,Sie haben nur in Paris über die ..Judith" eimncu in einer halben 'stunde mehr Tiefes gesagt als alle deutschen Kritiker zufammen? Manche Nummer der „C. V.-Zeitung" ziert ein Aufsatz Jakob Loewenbergs. Er feierte gern bei uns die Großen des Hamburger Dichterkreises. Lrlieucron, D-chmel und Falte, denen er allen freundschaftlich verbunden war. Traurig und rührend, was er uns einst über Otto Ernst schrieb, als er nach dem Kriege zu aller UeberrasckMrg, nicht zuletzt Jakob Loewenbergs, der den unvermeidlichen Bruch jahrzehntelanger Freundschaft null riefen: Kummer ausnahm, völkische Wege ging. Zuletzt las er noch der deutschjüdischen- Jugend Hamburgs im überfüllten Schulsaale aus seinen Werken vor. Heller Jubel umbrauste ihn. Eine wundervolle Genugtuung für Meister Loewenberg, daß er außerhalb der Literaturgeschichte noch als Siebzigjähriger im frischen Leben stand, und daß ihn die Jugend und die Zukunft herzlich feiert# Dd* Dichter / Von Dr. Siegfried Kessler. JaköbLoewenberg ist tot? — Wer war Jakob Loewenberg? wird nun so mancher fragen. War? Nein, wer ist er. sollte es heißen! ' Am 9. März 1856 erblickte er zu Niederntudorf bei Paderborn das Licht der Welt. Der Vater war ein kleiner Handelsmann; daheim be-- treuce in sonniger Heiterkeit seine treue Gefährtin die' Zahlreichen Kinder. In diesem echtjüdischen Geiste wuchs Jakob Loewcn-- berg heran. N'cht minder mächtig'aber wirkt auf ihn die stille Schönfjeit der ländlichen Heimd. Diese Jugendeindrücke bilden die ,,^'vei Quellen", aus denen der Strom seiner Dichtungen floß. Darum auch antwortete er aus die Anfrage einer jüdischen Wochenschrift, wie er sich zu der Frage „Deutschtum und Judentum" stelle: * .: v. . ..\ Eigene Ver kaufsstellen in atlen gross mn Städten Deutschlands. Erhältlich m allen Spezialgeschäften, - --J