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Central-Verein-Zeitung · 1929-02-15 · 7 (15.2.1929) · p. Seite 82

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
7 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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S2 für seine Angestellten nur von Vorteil. Aber sie strömen trotzdem den antisemitischen Parteien ^u. Dienststellen in jüdischen Familien sind im allgemeinen beliebt. Ausnahmen sind wohl immer Produkte kunstvoller Agitation oder durch Agitation hochgezüchteter Gefühle aus einzelnen Erfahrungen. Und doch ist gerade der Mittelstand so besonders leicht zum Judenhasse zu gewinnen. Das Gefühl ist weder natürlicher Haß, noch natürlicher Neid, noch überhaupt irgend etwas, was von jüdischen Vorgesetzten und Arbeitgebern ausgchen kann. Alles spricht dagegen. Die Ursachen liegenin den Lebensumständen des Mittelstandes selbst. Die Judenseindschaft der Oberschicht hat ganz andere Gründe, um die es sich hier nicht handelt. Aber der Mittelstand hat es nicht nur viel schwerer, mit dem Leben znrechtzukommen als diese Oberschicht, sondern auch viel schwerer als das Proletariat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier nicht entscheidend, sondern die seelischen. Der Angehörige der Oberschicht hat eine persönliche Bewegungsmöglichkeit im Leben. Er kann sein persönliches Schicksal gestalten. Die Arbeiter haben ihr Massenschicksal, und wenn es ihnen auch noch so schlecht geht, und dann sogar erst recht, haben sie ihre Massenfurcht und Massenhoffnung. Sie stehen im Lichte der bewegten Welt. Sie sind eine Weltmacht. Sie haben das Glück, am politischen Leben der Erde mitgestalten zu können, und aus diesem Machtgefühl wird Lebensgefühl und schließlich Lebenskraft. Der Mittelstand ist aber vom Schicksal ausgeschlossen. Er darf das große Spiel des Lebens nicht mitspielen. Für alle, die ihm angehören, bleibt das eigene enge Leben vom Leben der Welt gesperrt. Der M i t t e l st a n d l e i d e t a m meisten darunter, daß die religiösen Begriffe s i ch i n d e r Gegenwart abgeschwächt haben. Deshalb sind die Bildungsfragen, die Möglichkeiten, aufs neue zu einem vollkommenen Weltbild zu gelangen, für ihn noch mehr als für die beiden anderen Stände Schiüsalsfragen. Aber auch wenn er wieder Nahrung für seine Seele hat, sein Hunger nach Wirkungsmöglichkeit bleibt bestehen. Und nun sucht er nach künstlichem Schicksal, nach Schicksalsersatz. Er hat keine Feinde und keine Freunde, keine politischen Aengste und keine politischen Hoffnungen. Seine Angehörigen können sich beinahe am Anfänge ihres Berufslebens ausrechnen, wie ihre Lebenshöhe, wie ihr Greisenalter sich gestalten wird. Aber sie wollen wie andere Menschen auch in die Welt hineinwirken. Sie sind deshalb das gegebene Material für alle Sektenbildungen, für alle neu auskommenden Erlösungslehren, für den Vegetarismus wie für die Anthroposophie. Sport, Radio, Kino sind karge Kost. Das Beste für die in der Mitte Stehenden bleibt doch, einen größeren Anteil am Spiel des Lebens zu bekommen. Nur einzelne können in die Oberschicht eindringen, und in Reih und Glied zu den Arbeitern treten, wollen auch nicht viele. Daran hindert sie eine Unzahl von bürgerlichen Privilegien, die sie von den Arbeitern unterscheiden, eine im Verhältnis zu der Arbeiterschaft doch viel größere Mannigfaltigkeit des Einzelschicksals. Im Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit können sie sich nicht entscheiden. Sie leben von den kleinen Vorteilen und Nachteilen, die sie haben, großes Schicksal ist über und unter ihnen. Wo wirkliche Politik unmöglich ist, tritt unwirkliche an ihre Stelle. Jeder einzelne ginge in jeden Staat, wenn er so aus der Enge herauskommen könnte, und er oder seine Kinder gingen ohne Groll in fremdem Volkstum auf. Und trotzdem, und gerade darum, erfaßt sie mehr als alle andere der völkische Gedanke, der in der Praxis nichts anderes ist als der antisemitische. Ihr berechtigter Groll ist natürlich wie der jeder anderen Volksschicht aus die Juden ablenkbar, und so wird es, wie es geworden ist. Es entsteht eine Politik, eine Gesinnung, die nichts anderes hat als eben die Judenfeindschast, die Feindschaft gegen einen Feind, der nicht einmal aufmarschiert ist, der sich rührt, der aber wenigstens das Bedürfnis des Gemüts nach einem Feinde, einem Siege, einem Ziele mit einem Worte aussüllt. Das hat mit völkisch nichts anderes zu tun, als daß es einen allgemein menschlichen Zustand, die Liebe zu Volk und Heimat an etwas viel Wilderes, wenn auch phantastisch Unwirklicheres, bindet. Das eine ist echt aber selbstverständlich, das andere unecht, aber voll von romantischen Möglichkeiten. Wenn die Judenrepublik gestürzt ist — dann ändert sich zwar gar nichts für den Mittelstand, aber bis dahin geschieht doch wenigstens etwas. Wenn der Deutsche wieder in der Welt voran ist, dann ändert sich am wenigsten für den Mittelstand: er muß auch dann seine alten Ideologien festhalten oder sich neue bilden, die gerade so ziellos sind. Er kann es zum Pogrom bringen. Dann wird, abgesehen von wirtschaftlichen Nachteilen, eine Katerstiminnng folgen und ff eine sehr schnelle Spaltung der Gruppen, die das doch nicht I wirklich gewollt haben, und den Desperados, die das wirklich 1 wollten und ausführten. 1 Realpolitik des Mittelstandes könnte nicht judenseindlich sein. Es gibt reichlich Gründe, eine solche Politik judenfreundlich zu gestalten, weil die treibenden Kräfte des Judentums auf Verhältnisse zielen, die einen breiten Mittelbau im Volke schaffen, in dem die Aussichten des einzelnen wachsen und politische Beweglichkeit möglich ist. Von Jdealpolitik spricht man heute besser nicht. Wir befinden uns hoffentlich in ihren unscheinbaren Anfängen, wenigstens für einen langen Zeitabschnitt. Mittel ständige Realpolitik hat a l s n ä ch st e A u f g a b e d i e v ö l k i s ch a n t i s e m i t i s ch e ff R o ina n t i k, s ie mag nochso verführerisch sein, j abzustoßen und den Weg zu den gemeinsa m e n Aufgaben des deutschen Volkes zu bahnen. Der wirkliche Feind des Mittelstandes sind die begreiflichen j| Illusionen, und von diesen ist die größte und verführerischste, | aber auch die sinnloseste und entnervendste, der Adenz teurer krieg gegen die Juden, den man don- 1 quichotesk nennen könnte, wenn die Fahrt dieses Ritters, den: | auch Schundliteratur sein gutes Hirn verdarb, nicht so Harm- I los gewesen und.nicht von so viel weiteren und höheren Ideen ij gelenkt gewesen wäre. Sein Wählt wich erst, als er am Ende f feines Lebens augekommen war. j Sernharü Zeilchenfelö. Bernhard F e i l ch e u j c I b (Köln), der langjährige Führer des linksrheinischen Landesverbandes des C. V., ist von der Leitung dieses Verbandes Zurückgetreten. Warum? Weil auch der erfolgreichste Kämpfer einmal müde wird und weil ein Mann, der in: Kampf 70 Jahre alt geworden ist, ein Recht darauf hat, die übrigen Jahre seines Lebens in Unbeschwertheit und Losgelöstheit von der Problematik der umgebenden Zeit zu verbringen. Köln und dem Rheinland zumindest braucht man nicht zu sagen, wer Bernhard Feilchenseld ist. Sein ungemein segensreiches Wirken aus dein Gebiet der sozialen Fürsorge hat seine Persönlichkeit in die vordersten Reihen der jüdischen Oefsentlichkeit gerückt. Uns aber ist er noch ein Besonderer. Der linksrheinische Landesverband ist sein Werk. Er war es, der ihn am 1. Februar 1920 ins Leben ries und sich um seinen Aus- und Ausbau in jahrelanger, zielbewußter Tat verdient gemacht hat. Bernhard Feilchenseld ist eine Führerpersönlichteit. In großzügiger Auffassung der Tinge haftet er am Wesentlichen, dabei aber stets klar erkennend, wie entscheidend oft die Kleinarbeit zur Erreichung des großen Zieles ist. Führer ist er auch durch seine Gesinnungstreue und die Sicherheit und Klarheit seines Wollens. Er ist ein Feind des Kompromisses in Angelegenheiten der persönlichen Ueberzeugung, und niemals hat die Verwaschenheit und Unbewußtheit, wie man sie heute jüdischen Fragen gegenüber so häufig findet, Einfluß auf ihn gewinnen können. Er ist Fortschrittler. In ihm klingt immer wieder der Geist Eugen Richters, mit dem er einst zusammen gewirkt hat. Aber sein Liberalismus ist nicht nur Politischer Art. Seine Stellungnahme zu allen Angelegenheiten des Lebens ist von dieser Anschauung geformt, auch die zum Judentum. Was er auf dem Gebiet der sozialen Arbeit und der C. V.-Bestrebungen geleistet hat, das ist mit menschlich schönem Wollen und mit jüdischem Herzen geschehen. Seine ganze Arbeit 'am Nächsten ist nur.mit Religion getan worden. Wir müssen Bernhard Feilchenseld.s Rücktritt aufs lebhafteste bedauern, aber er ist auch weiterhin der Unsrige, auf dessen Rat wir nicht verzichten können noch wollen. Sein Name wird mit dem linksrheinischen Landesverband als seinem W e r k st e t s v e r b u n d e n bleiben, und wo seine t r e u e Arbeit gewaltet hat, da w i r d m a n a u ch i h rn, d e nt ü b e rzeugte n C. V. er, die Treue zu halten wissen. Er möge nock lange Jahre in der an ihm gewohnten Frische des Körpers und Geistes seinen Weg gehen als das, was ihn zur Persönlichkeit gemeißelt hat, als Deutscher, als Jude und als Mensch. Eugen Jaeohi.

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