Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 81 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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entern Berlin, 15. Februar 1-2- VIII. Jahrgang ♦ Nr. 7 Einzelnummer LHpfennig VWtkr sür-eutsclit unvluuentum vryan des llenlnüVerrms -eulscker Stmttsvüryer iüöiÄlenvllMvens Z^UchsumSirrs Lsikuurtz ckss IucLsrrlurrrs > Bierteliahrsabonnemeut 2,LV RM. (zuzugl. Bestellgeld). Verlag u. Echriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 39472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel» stube 0, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co.. Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expe^ition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 J?<M für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Rormalzeilenmeirer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 3UL, die 80 mm breite Reklamezeile 4,80 Der verführte NMelftand/ Erankfurt a. M.f Die völkischen Parteien leben, soweit sie nicht Werkzeuge ihnen unbekannter Willensrichtungen sind, von der B e r - führ un g des Mittelstandes zum Antisemitismus. Der Judenhaß ist gewiß der. verlegenste aller Verlegenheitsinhalte, den man einem Parteiprogramm zugrunde legen kann. Es ist sogar schon übertrieben, wenn man in diesem Zusammenhänge den Antisemitismus als Inhalt bezeichnet. Das zeigt sich besonders deutlich an der Tatsache, daß die Entwicklung der Warenhäuser immer wieder als das sinnfälligste Symptom des Interessengegensatzes herhalten muß zwischen „d e n Juden und dem Mittelstände". Wie wenig Staat mit diesem Paradepferd zu machen ist, ist in diesen Blättern von den verschiedensten Seiten aus beleuchtet worden. Wenn schon das Paradepferd ein so kümmerliches Geschöpf ist, wie mag es dann mit den anderen „wirtschaftlichen Gegensätzen" aussehen? Aber der Welt politischer Wirklichkeit gehört an, daß jede Volksschicht einen zunächst gegenstandslosen Haß birgt, der sich zuverlässig und mit Sicherheit aus die Juden ablenken läßt. In der Praxis macht man von diesem Mittel reichlich Gebrauch, wenn es gilt, sich selbst vor Haß zu schützen und zu sichern. Als Beispiel dafür ist mir ein lang zurückliegendes kleines Erlebnis fest im Gedächtnis haften geblieben. Bei einer badischen Truppe versuchte ein Leutnant, ein schlechter Offizier aus einer arrivierten Familie, seinen Rekruten die Gefährlichkeit der Sozialdemokratie beizubringen. Die Rekruten waren meist junge Bauernbuben mit den Interessen und dem Horizont gesunder Jugend. Bis zur Politik war dieser Horizont noch nicht geweitet. Sie hatten gerade den einen blassen Schimmer, daß es „Role" gibt, wußten aber noch nicht, wie sich diese Farbe zu gut und böse verhält. Es war eine Verlegenheit. Es sprang kein Funke über zwischen dem Leutnant, der sich abguälte, und den Soldaten, die kaum wußten, was er wollte, und ihre Gemüter in die schöne Schemdummheit des Bauern versinken ließen. Es war für den Leutnant aussichtslos, zu einem Ende zu kommen. Da zog er das letzte Register: „Wer sind denn die Sozialdemokraten?" Noch immer Schweigen. Aber der Leutnant hatte schon seine Sicherheit zürückgewonnen. „Es sind Juden." Die Mannschaft kehrte ins bewußte Leben zurück. Damit verband sie uralte Begriffe. Sie konnte wieder verstehen. Aber nun klappte der Leutnant wieder zusammen. Sein Erfolg war doch zu leicht gewesen, um ihn nicht bedenklich zu stimmen. „Nun ja. Juden sind egoistischer als andere Menschen. Sie können nichts dafür." Er ging schnell zu etwas ganz anderem über. Die Soldaten wußten jetzt nur, woran sie waren. Mit „Heiden" wäre der Trick fast genau so gut gegangen, und sicher hatte keiner der Soldaten je einen Heiden gehaßt. _ Ein Ausdruck aus dem Schulbuch. Das Beispiel ist aufschlußreich. Auch in der völkischen Bewegung ist. der Judenhaß, trotzdem er der ganze Inhalt ist, so paradox es klingen mag, ganz sekundär. Man kann nicht mehr, als Haß auf Juden ablenken: . Was haßt aber der Völkische? Die Franzosen oder die'Engländer? An den Fronten haßten sich die Armeen in diesem letzten Kriege, wie immer wieder festgestellt wurde, auffällig wenig. Im besetzten Gebiete entstand natürlicher Haß, so weit persönliche Berührung ihn entfachte. Im übrigen galt es als selbstverständlich, daß jede feindliche Regierung, jede monarchische und jede bolschewistische, alles Böse tut. Das war Haß auf Distanz und damit eine ganz andere Sache. Die Friedensverträge haben echten Haß gesät. Aber auch der galt ungleich mehr dem abstrakten Wesen der feindlichen Regierungen, als daß es wirklicher Haß von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch wurde. Gehaßt wurden dann die Schieber aller Völker und aller Konfessionen, die rok, rund und vergnügt unter den anderen blassen ausgemergelten und abgehärmten Menschen auftauchten. Bei der unerwarteten Dauer des Krieges, der Niederlage, den Friedensverträgen, der Inflation bewährte sich immer wieder die Ablenkung des Hasses auf die Juden. Daß gegen Ende der Inflation diese Methode politisch große Kraft bekam, ist selbstverständlich. Nicht so s e l b st v e r st ä n d l i ch ist, daß d en Parteien, die vom Antisemitismus leben, die Anhänger gerade aus dem Mittelstände zuströmen und verhältnismäßig lange bei ihnen aushalten. Juden sind friedliche, oft zu friedliche Menschen. Sie hassen erst, wenn sie in der Seele verwundet sind. Sic gehören zu ihrem allergrößten Teile selbst dem Mittelstände an. Jüdische Vorgesetzte sind meist verhältnismäßig erträglich. Trotzdem strömen untere und mittlere Beamte" die viel seltener jüdische Vorgesetzte haben als Arbeiter jüdischer Arbeitgeber, mit einer ausfälligen Regelmäßigkeit zu den völkischen Parteien. Ebenso höhere Beamte, die mit Juden so gut wie nichts zu tun haben. Dann Angestellte aus Handel" und Industrie. Soweit diese von Juden abhängen, haben sie eher Vorteil davon. Der jüdische Chef gehört" einer Minderheit an und ist exponiert. Er muß über alle Bindungen durch Tarife und Verträge Härten in den Beziehungen zu seinen Angestellten viel mehr vermeiden als seine christlichen Berufsgenossen. Dazu haben die Angestellten Vorteile von den natürlichen hüten Eigenschaften jüdischer Arbeitgeber. Durch sein historisches Schicksal und eine in vielen Generationen gepflegte Tradition ist der Jude, wie allgemein anerkannt wird, und in was für anderen Eigenschaften er auch anderen Menschen nachstehen mag, wenig brutal und hat im Zusammenhang damit einen ausgeprägten Sinn für seine Leute, zunächst für seine Familie, aber auch für den ganzen Kreis der Menschen, die seinen eigenen LebenSkreis ausmachen. Klafsenhaß ist ihm unverständlich, und er empfindet wenig Abstand zwischen sich und den vom Glück besser oder schlechter behandelten Menschen. Er sieht gern zufriedene Menschen um sich. Diese Züge seiner Wesensart sind AUS DEM INHALT: Rechtsanwalt Dr. Hans Reithmann: Religio tsvergehen — ein reaktionäres Delikt? — Dr, S. W.i „Herrenmoral“. — Dr. Alfred Wiener und Dt. Sieg Med Kessler (München): Zum Tode Jakob Loeurehbergs.