Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-02-08 · 6 (8.2.1929) · p. Seite 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
6 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
Seite 72 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277839--05045-2285739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

72 Eine einfache Berechnung ergibt nun folgendes: Die israelitische Gesamtbevölkerung dorr Bayern betrug nach der letzten Vorkriegszähtung 55 117 Seelen, die des Reiches 615 021, das ist 11,16 mal so viel als in Bayern. Wenn also die Israeliten in Bayern 1087 Verluste (an deutschen Staatsangehörigen) hatten, so hatten die Israeliten inr ganzen Reiche ehemaligen Umfanges, auch der Nichtberücksichtigung der um 0,79 v. H.' höhereil Durchschnittsziffer, 1087 X 1t,16 12131 Verluste. Sonach darf diese Ziffer auf Grund gewissenhafter Ouelleniorschung und vorsichtiger Schlußfolgerung als dem objektiven Tatbestände mindestens so nahe als inoolicl) kommend erklärt werden. Die Falschrechnerei der Völkischen ist vor dem Gerichtshof der Wissenschaft einwandfrei nachgewiesen und endgültig abgeurteilt. Kammerwahlen in Rumänien. Kein politischer Antisemitismus — Wohl aber gesellschaftlicher. Bukarest, Januar 1929. Rumänien genoß seit langem deiv zweifelhaften Ruhm, eine der Hochburgen des Antisemitismus zu sein. Die Judenverfolgungen, die sich hier von Zeit zu Zeit abspielten, erinnerten manchmal an russische Muster. Bei den vor zehn Tagen stattgehäbten Wahlen zur runränischen Wammer ist aber die rumänische Antisemitenpartei, geführt von Professor C u z a, schmählich durchgesallen. Sie hat nicht ein einziges Prozent der im ganzen Lande abge - g e b e n e ni S t i m m e n a it f ihre Listen vereinigen können und daher keinen K a m m e r s i tz bekommen. In Rumänien bleiben nämlich die Splitterparteien, die nicht wenigstens 2 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, ohne Kammersitz. Die national-zaranistische Partei, die vor etwa zwei Monaten in Rumänien im Namen der Demokratie die Macht übernahm, hat 349 Mandate bekommen. Im ganzen gibt es 382 Kammersitze. Tie national-zaranistische Partei steht den Juden und allen anderen Minderheitskonfessionen gegenüber aus dem Standpunkt der absoluten Gleichberechtigung der rumänischen Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession. Sie zählt sehr viel Juden zu ihren Mitgliedern und hat auch etwa zehn jüdische Abgeordnete in ihren Reihen. Wieviel es genau sind, läßt sich nicht seststellen, weil die Parteimitglieder und Abgeordneten gar nicht nach ihrer Konfession gefragt werden. Kein antisemitischer Abgeordneter in Rumänien und zehn jüdische Abgeordneten in den Reihen der Partei, die in ihrem Namen das Wort „national" hat? Wie ist das gekommen, wo ist der berüchtigte rumänische Antisemitismus geblieben? Er hat nie wirklich existiert, es gab nur einen künstlich gezüchteten Antisemitismus, den der erste Hauch der Freiheit weggeblasen hat. Das ist des Rätsels Lösung. Der Rumäne ist kein Judenfeind. Die Diktaturregierungen, die bisher das Land beherrscht hatten, brauchten den Antisemitismus von Zeit zu Zeit zu politisch-taktischen Zwecken und züchteten ihn daher besonders unter der Hochschuljugend. Das „Haut's den Juden" bewährte sich oft zu Zelten, wo man die Aufmerksamkeit der Volksmassen von den sie bewegenden brennenden Problemen ablenken wollte. Man erinnert sich der blutigen Ausschreitungen, deren Schauplatz im Vorjahre Siebenbürgen gewesen ist: Sie wurden veranstaltet zu einer Zeit, wo V r n t i! l a B r a n - tianu nach dem Tode seines älteren Bruders Jo an eben verzweifelte Anstrengungen machte, die ersten ernsten Freiheitsbewegungen unter den breiten Volksmassen zu ersticken. Die letzten Wahlen haben erwiesen, daß die „Liberalen" gegen 95 Prozent des rumänischen Volkes regiert hatten. Die vollkommen freien, unbeeinflußten Wahlen, die Maniu, der neue Mann Rumäniens, soeben durchgesührt hat. haben das wahre Gesicht Runräniens gezeigt. Ich war schon einige Wochen vor den Wahlen in Rumänien gewesen, habe die Lage der hiesigen Juden studiert, konnte schon damals feststellen, daß von einer bodenständigen, judenfeindlichen Bewegung in Rumänien kaum gesprochen werden kann, doch hatte ich noch Bedenken, das niederzuschreiben und zu verösfentlichen, denn ich mußte fürchten, man werde mir den rumänischen Antisemitismus einfach als „auf der ganzen Welt bekannte Tatsache" entgegenhakten, die sich nicht wegdisputieren lasse. In Altrumänien, dem „Regat", vor allem in Bukarest, findet man auch kaum noch Spuren eines gesellschaftlichen Antisemitismus. Unter der Bourgeoisie hat er ganz aufgehört, nur in den oberen Schichten bestehen noch Abschließungstendenzen. In den neuen Gebieten entspricht die gesellschaftliche Stellung der Juden den Verhältnissen, die ehemals in den Stammländern dieser Gebiete, in Oesterreich und in Ungarn, geherrscht haben. In der Bukowina macht sich der gesellschaftliche Antisemitismus im täglichen Leben wenig bemerkbar, dagegen ist er rigoros bei festlichen geselligen Veranstaltungen, Bällen, Liedertafeln usw. Es herrschen da noch die Traditionen des alten österreichischen „Schulvereins", der wohl jüdische Mitglieder hatte, die Juden aber gesellschaftlich boykottierte. In Stelle nbürgen: die hiesigen Rumänen haben die alte ungarische Tradition geerbt, das heißt, bei vollem staatsbürgerlicher Gleichberechtigung der Juden g e s e l l s ch a f t l i ch e A b s ch l i e ß u n g ItrFrieMsWüMr in SIMM gefaßt. Ihre Verbindung mit den Nationalsozialisten erwiesen. Wa, Der Gladbeker Kriminalpolizei gebührt besonderer Dank dafür, daß sie — wie schon aus den Tageszeitungen bekannt — die Schänder des dortigen jüdischen Friedhofes schnell ermittelt hat. Sie war auf der richtigen Führte, als sie von Anfang an, die Uebeltät'er in rechtsradikalen O r g a n i s a t i o n e n suchte. Vergeblich hat der Führer der n a >t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Ortsgruppe, Wilde,Tn einem Zeitungs-Eingesandt „in aller Oefsentlichkeit im Namen der Gladbeker Nationalsozialisten jeden Verdacht zurückgewiesen"' im Augenblick, Da seine Verwahrung im „Gladbeker Anzeiger" erschien, war bereits seftgestellt, daß der Haupttäter, Marzinak, eingeschriebenes Mitglied der dortigen nationalsozialistischen Ortsgruppe gewesen war, aus der er seiuen Austritt wenige Tage vor der Tat brieflich an den Vorsitzenden gemeldet hat, weil ihm die Organisation „nicht aktiv genug" wäre. Der Vorsitzende wußte aber diese besondere Aktivität Marzinaks so gut zu schätzen, daß er ihn in einem der Polizei jetzt vorliegenden Briefe aufsorderte, doch weiter die g e m € i n f a m e n B e r -- sammlungen zu besuchen. Während Marzinak für seinen fanatischen Judenhaß Unterstützung bei seiner Mutter fand, deren Wohnung zahlreichen Hakenkreuzschmuck auswies, durste der zweite Täter, Mrrsebrink, dev offenbar unter dem Einslutz nnd der Verführung des anderen stand, der nationalsozialistischen Ortsgruppe nur deshalb nicht beitreten, weil seine verständigere Mutter ihn davon znrückznhalten wntzte. Da beide Täter voraussichtlich vor dem Jugendrichter zur Aburteilung kommen werden — der eine ist eben 17 Jahre alt, der andere wenige Monate jünger —. ist zu hoffen, daß sie für ihr ferneres Leben sich dem Einfluß verantwortungsloser Hetzer, dre wie in vielen ähnlichen Fällen trotz ihrer moralischen Verschuldung straflos bleiben, zu entziehen wißen werden. Die gesamte Bürgerschaft von Gtadbek, die seit dem 21. Januar, als die Freveltat bekannt geworden war, sichtlich unter einem schweren Druck gestanden hatte, ist wie von einem Alp befreit, seitdorn die Täter gefaßt sind. Den rechtsradikalen Kreisen und besonders den Nationalsozialisten, die mit Entrüstung jede Schuld an solchen Taten abznlehnen pflegen, ja, sich nicht scheuen, die Inden selbst der schimpflichen Taten zu bezichtigen, ist hier wieder einmal der klare Beweis zumindest ihrer geistigen Urheberschaft erbracht. Es wäre dringend zu wünschen, daß der Richter sich nicht mit der Verurteilung der beiden Täter begnügt, sondern d i e w a h r e n Zusammenhänge ausdeckt. 1 dIahre Reichsbunö jüdischer jrontsoldaten. A. W. Von ganzem Herzen grüßen wir zum zehnjährigen Bestehen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten alle die deutsch-jüdischen Männer, die einst Leib und Leben für die Verteidigung des- Vaterlandes eingesetzt haben und jetzt in treuer Kameradschaft im R. j. F. vereint sind. Wir fühlen uns ihnen in unauslöschlichem Danke verbunden. Und wie der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten an seinen Festtagen auch die nichtjüDischeu Gefallenen zu ehren beschlossen hat. so gilt auch herzlichster Dankesgruß all den nichhüdischen Kameraden, die, als das Heldentum der Tat die Stunde beherrschte, gemeinsam mit ihren nichtjüdischen Kameraden den deutschen Boden bis zürn letzten Blutstropfen schützten. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat sich irr den zehn Jahren seines Bestehens zu einer achtunggebietenden Organisation entwickelt. Seine Wochenzeitschrift „Der Schild" wird besonders in den Kreisen der alten Soldaten gelesen. Sein Buch über die „Jüdischen Flieger im Weltkriege", eine wertvolle Leistung aus der Feder von Dr. Felix Theilhaber, ist für die Aufklärung über jüdische Kriegsleistungen von Bedeutung. Die Arbeit seiner Sportgruppen ist nicht nur der jüdischen Jugend zugute gekommen. Ihre Erfolge haben auch manchen Gegner belehrt, daß der Jude aus allen Gebieten seinen Mann zu stehen weiß. Die wichtige Frage der Berufsumschichtung, d. h. der Umsiedlung von Juden aus der Stadt auf das flache Land, hat der R. j. F. planvoll in Bearbeitung genommen. Diese Siedlungsarbeit wird von weiten Kreisen des deutschen Judentums unterstützt. Jetzt bereitet der Reichsbund eine Verzeichnis sämtlicher deutsch-jüdischer Gefallenen vor. Einen besonderen Dank verdient in diesen Ehrentagen der Vorsitzende des R. j. F., Dr. Leo L ö w e n st e i n, Hauptmann d. R., der auch dem Hauptvorstand des Centralvereins angehört und der mit größtem Opfermut, mit einer vorbildlichen Hingabe an Zeit und Arbeit, den Frontbund zu Blüte und Gedeihen geführt hat. Auch des früheren langjährigen Geschäftsführers des Frontbundes, Jakob Ledermann, sei heute in Hochachtung gedacht, der als Kampfflieger des Krieges, als — trotz vieler Verwundungen — unermüdlicher Segelflieger des Friedens, die Verkörperung deutsch-jüdischen Mutes nnd Geistes darstellt. Wir wünschen dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, seinem Vorsitzenden und den Männern, die an der Spitze von Landesverbänden und Ortsgruppen die Sache des Frontbunders führen, daß der Bund noch weitere Fahre gesegneter Arbeit zu Ehren des deutschen Judentums und des deutschen Vaterlandes leiste!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.