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Central-Verein-Zeitung · 1929-02-08 · 6 (8.2.1929) · p. Seite 71

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
6 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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Eine jüdische und eine völkische Statistik. Die Kriegsverluste der bayerisdten Juden. Von Dr. A. Eckstein (Bamberg), Rabbiner i. R. „Man kann einem verjährten Vorurteile alle Wurzeln durchfchneiden, ohne ihm zugleich die Nahrung zu entziehen; es saugt solche allenfalls aus der Lust." Das sind Worte Moses Mendelsohns aus der Erfahrung unserer 2000jährigen Leidensgeschichte geschöpfte Wortes), die auch in unserer hellbeieuchteten Zeit n ch ebenso zutrefsen. Diesem Worten können wir hinzusügen: Das Vorurteil ist die Mutter der Unwahrheit, die wieder dem Vorurteil neue Nahrung zuführt. Gegen die Unwahrheit müssen wir kämpfen, indem wir sie durch den T a t s a ch e n be w e i s der Wahrheit als Unwahrheit entlarven. Wer die geschichtliche Wahrheit kennt und saget sie nicht, der ist nicht bloß ein erbärmlicher Wicht, sondern der versündigt sich auch gegen das Gebot der Thora (3. Buch Mos. 5,1): „Wenn jemand ein Zeugnis weiß und es nicht aussagt, so wird er seine Schuld tragen." Grund und Anlaß zu solcher Zeugnispflicht ist die von neuem in gewissen Kreisen wiederkehrende Behauptung, daß die deutsche israelitische Gemeinschaft bei Erfüllung ihrer höchsten vaterländischen Pflicht in den Jahren des Völkerringens zahlenverhültnismäßig hinter dem Durchschnitt der gesamtdeutschen Bevölkerung weit zurückgeblieben sei. Die „M ü n ch n e r N cueftcn Nachrichte n" hatten eine am 24. November 1928 (Nr. 321) veröffentlichte Besprechung meiner jetzt in zweiter Auflage erschienenen bayerischen Abwehrschrift: „H a b e n d i e I u d e n i n B a y e r n e i n H e i m a t - recht? Eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung mit kriegsstatistischen Beilagen" (Philo-Verlag. Berlin SW 68), mit der Schlußbemerkung gewürdigt: „Und die lange Liste der 1085, die mit ihrem Leben den Dienst am Vaterland besiegelt haben, legt Zeugnis ab von einer Erfüllung heimatlicher Pflicht, wie cs ehrenvoller und eindringlicher kaum gedacht werden kann." Darauf bezugnehmend veröffentlichte der in München erscheinende „Völkische Beobachter" in seiner Ausgabe 292 vom 15. Dezember 1928 einen kleinen Artikel, in welchen: dessen Verfasser sich über den gesamten Inhalt meiner Sckrift in allen Sprachen ausschweigt, aber darüber sich unzufrieden äußert, daß nach seiner Schätzung viel zu wenig bayerische Juden auf dem Felde der Ehre geblieben sind. Zwar sollte man meinen, daß 1085 (nach der Zweitausgabe 1087) in der von mir (Beilage. VI) zusammengestellten Liste namentlich verzeichneten Verluste von reichsdeutschen Israeliten in Bayern eine ehrfurchtgebietende Opfergabe seien, die in jedem menschlich empfindenden Herzen als solche mst tiefer Ergriffenheit empfunden werden müßte. Aber nach „völkischem" Empfinden sind das immer noch zu wenige im Verhältnis zu den Verlusten, welche die bayerische Gesamtbevölkerung erlitten hat. Der Beweis dafür wird durch folgende Gegenüberstellung zu führen versucht: „Das baherische Heer hat im Weltkrieg verloren" etwa 198 000, das -ergibt von der nach der letzten Vorkriegszählung vom Jahre 1910 festgestellten Ziffer der bayerischen Gesamtbevölkerung (mit rund 6 Millionen 887 000 Einwohnern) 2,87 v. H. an Verlusten, während die israelitische Gesamtbevölkerung mit rund 55 000 Seelen 1085 Verluste erlitten, d. i. 1,97 v. H., also haben die bayerischen Israeliten ausgerecknet 0,90 v. H. weniger an Kriegsopfern auf dem Altäre des Vaterlandes dargebracht als die Gesamtbevölkerung'. Diese völkische Rechnung ist aber grundfalsch, denn: 1. In den 55 000 Seelen der jüdischen Gesamtbevölkerung sind Ausländer inbegriffen, die l>ei Kriegsausbruch in Bayern ansässig waren. Diese dürfen aber nicht mitgezählt werden, da in meiner Statistik nur „reichsdeutsche Staatsangehörige" gezählt wurden (in meiner Schrift ausdrücklich hervorgehoben auf S. 78 und 119). Die Zahl der in Bayern bei Kriegsausbruch ansässig gewesenen Ausländer betrug mindestens 4500, so daß für eine zutreffende Verhältnisrechnung nur etwa 50 500 Israeliten deutscher Staatsangehörigkeit angesetzt werden dürfen; davon 1085 (nach der Zweitauflage 1087) Verluste ergeben 2,15 v. H. (nicht 1,97 v. H.) der jüdische Gesamtbevölkerung, so daß ein Minus von nur 0,72 v. Hsich ergebe:: würde, — vorausgesetzt die Nichtigkeit des statistischen Verfahrens. Ist das aber der Fall? 2. Dev völkische Rechner geht aus von den Heeres- Verlusten, während ich — analog der allgemeinen Volkszählung — von den Verlusten der ortsanwesendeu Bevölkerung ausgeaangen war iS. 78 und Beilage VI, Spalte 2). Heeresverluste und Bevölkerungsver luste sind durchaus nicht identisch, sondern zwei inhaltlich nicht übereinstimmende^ Begriffe oder zwei ungleichartige Nenner, die man nicht mit gleichem Gradmesser messen darf. Tausende, insbesondere hochschulstudierende Jugend aus außerbaherischen Landesgebieten, hatten in FriedenszeAen in der bayerischer: Armee gedient und sind *) In einer Vorrede 31t Ma nasse den Sfras-l* -Nettuug der Juden". --- nach Kriegsausbruch zu den bayerischen Fahnen einberufen worden. Verluste derselben sind in den bayerischen H e e r es Verlusten inbegriffen, gehören aber nicht zu den bayerischen B e v ö l k e r u n g s - Verlusten. Es ist darum grundfalsch. 2,87 v. H. bayerische Bev ö l k e r u n g s Verluste zu errechnen. 3. Bekanntlich haben in der „guten alten Zeit" jüdische EinjährigfreiwMige aus autzerbayerischen Gebieten mit Rücksicht auf günstigere Beförderungsaussichten mit Vorliebe in bayerischen Regimentern gedient und sind in ihren Reihen hinausgezogen ins Feld des Todes. Solche Verluste aber — das kann durch zahlreiche Beispiele bewiesen werden — sind in meiner Liste nicht genannt und nicht mitgezählt Worden, weil ich —vom Wohnort ausgehend— eine Statistik, nicht eine Gedenktafel Zusammenstellen wollte, und weil ich kein Plusmacher bin, sondern ein ehrlicher Wahrheitssucher. Sonach ist außer der völkischen Rechnerei auch die völkische Methode der Statistik als grundfalsch nachgewiesen. Auf unhaltbarem Grunde stürzt das ganze Gebäude zusammen. 4. Der völkische Rechner hat auch nicht berücksichtigt, daß die bayerische Bevölkerung 1910 bis 1914 a n st e i g e n d gewachsen ist, wahrend die jüdische infolge von Geburtenrückgang und anderer Verhältnisse in derselben Zeit sich numerisch v e r - m i n d e x t hatte. Dadurch aber verschieben sich die Grundzifsern und die Derhältniszahlen. 5. Wenn aber die Berlustziffer der Israeliten im Verhältnis zn derjenigen der Gesamtbevölkerung in Bayern um einen geringen Bruchteil tatsächlich zurückgeblieben sein sollte, so ist das — abgesehen von niederen Gründen, wie z. B. der andersgestalteten Alter-Hgliederung — einfach durch die Tatsache zu erklären, daß dieselben zn etwa 4/5 der städtischen und die meisten dev großstädtischen Bevölkerung angehören, die bekanntlich im Verhältnis zu den Angehörigen der in Bayern größtenteils ländlichen Bevölkernng zu einem geringeren Teil kriegsverwendungsfähig war?) Seine grundfalsch nachgewiesene Rechnerei übertrumpft dann der völkische Artikelschreiber mit folgenden Worten: „Aber nach unseren sonstigen Erfahrungen haben wir allen Grund, dieser Zahl (1085) mit größtem Mißtrauen zu begegnen. Vielleicht wird es sich noch einmal ermöglichen lassen, diese Zahl an Hand der amtlichen Verlustlisten einwandfrei festzustellen, um damit endgültig den jüdischen Vertnschungsmanövern den Boden zu entziehen." Warum vielleicht? Warum will der Artikelschreiber mit seiner Nachprüfung auf einen Tag warten, der vielleicht oder vielmehr sicher niemals kommen wird, anstatt diese Nachprüfung sofort durch seine Gesinnungsgenossen in Stadt und Land vornehmen zu lassen? Ich habe ihm doch eine Nachprüfung durch Angabe von Namen und Wohnort nebst Verlnstdatnm so leicht als er nur wünschen kann gemacht, will sie ihm aber noch mehr erleichtern durch das Anerbieten, meine gesamte Statistik, insbesondere meine Verlustliste (Beilage VI), durch ein Kollegium von sachverständigen Gelehrten (bayerischen Staatsarchivaren und Geschichtsforschern) nachprüfen zn lasten und demselben zu diesem Zwecke mein gesamtes Quellenmaterial zur Verfügung zu stellen bzw. zn verschaffen. Der völkische Artikcl'chreiber O. B. (- Naumann) wird hiermit öffentlich aufgefordert, von diesem gewis; weitestgehenden Entgegenkommen Gebrauch zu machen und mir entweder „Vertnfchungsmanöver" nachzuweisen oder, wenn ihm das nicht gelingen würde, der Wahrheit öffentlich die Ehre zu geben. Sollte er aber der Meinung sein, daß in diesem Falle das Schweigen besser sei als das Reden, so wird jeder Wahrheitsfreund dann urteilen können, auf welcher Seite die „Bertuschungsmanöver" gemacht werden, und das Gift der Verleumdung in die Seele des Volkes gestreut wird. Von der bäuerischen Verluststatistik ausgehend, sind wir auch in der Lage, auf dem Wege der-Induktion eine Schlußfolgerung von höchstem Wahrscheintichkeitsqrade auf die Ziffer der jüdischen Gesamtverluste im Deutschen Reiche ehemaligen Umfangs, die bekanntlich von Major a. D. B a u m a n n auf Grund einer falschen Mitteilung eines jüdischen Winkelblättchens vom 10. Mai 1917 (im „Völkischen Herold" vom 25. November 1927, Seite 187) mit höchstens 4697 angegeben wurden, macken zu können. Darf man denn annehmen, daß die nichtbaherischen Israeliten von feindlichen Kugeln mehr verschont wurden und darum oder aus irgendeinem anderen Grunde geringere Verlufte hatten als ihre bayerischen Glaubensgenosien? Gerade bei solchen Gebietsteilen, die von Juden stärker besiedelt sind, war das Gegenteil der Fall. Nach Segall, Seite 32, betrug der Durchschnitt der jüdischen Gesamtverluste im Reiche , 11,98 v. H. der Feldzugteilnehmer, in Bayern nur 11,66 Prozent, nach meinem Ergebnis nur 11,17 v. H. also 0,79 Prozent unter dem von Segall festgestellten Durchschnitt. ' 2) Vgl. Franz Oppenheimers Schrift: „Die Iudenstatiftik des preußischen Kriegsministeriums", 1922, und Eegalls: „Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914—1918" (Philo-Verlag, Berlin SW 08), 6. 31/32.

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