Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 1-2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9221535-9549029-9549035--04-2285726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Seesen 1× ep/1048106
OCR text
Fragen seines Berufes in Gemeinschaft mit einem sächlich gut vorgebildeten Berater genauestens zu erörtern, seine Eignung und Neig u n g nach allen Gesichtspunkten zu überprüfen und so vorbereitet in den Beruf einzutreten. Helmuth Nathan schreibt in seinem Aussatz, das; Beratung in Berufsfragen eine der wichtigsten Zeitforderungen sei. Diese Forderung muß sowohl vom einzelnen als auch von der Wirtschaft erhoben werden; denn in ihr drückt sich sowohl der Wunsch des Jugendlichen ans, innerhalb des Wirtschaftslebens den Platz zu erobern, der seinen Neigungen und Kräften entspricht, als auch das Bestreben der Gesellschaft, eine Auslese zu treffen und dadurch, das; der richtige Mann an die richtige Stelle gesetzt wird, ihre Vorwärtsentwicklung zu sichern. In dieser Erkenntnis sind nach der Revolution vom Staat und von den Städten Einrichtungen geschaffen, um jungen Menschen Lei der Wahl ihres Berufes, und bei der Auffindung'ihrer Lehrstelle behilflich zu sein. Während die allgemeine Berufsberatung die Ausgabe hatte, eine Synthese" zu schassen zwischen den Wünschen der Jugendlichen und den Forderungerl der Wirtschaft, kam für die jüdische Berufsberatung noch ein neuer Gesichtspunkt hinzu. In entscheidendem Maße muß bei dem jüdischen Berufsanwärter seine Stellung zur jüdischen Gemeinschaft und zur n i ch t j ü d i s ch e n Umwelt berücksichtigt werden. Wie fügt sich der jüdische Mensch in die ihm umgebende Wirtschaft ein? Welche besonderen Probleme entstehen für ihn und welche Berufe schalten für ihn aus oder kommen aus irgendwelchen Gründen für ihn besonders in Frage? In diesen Fragen sind besonders nur von jüdischen Menschen zu erledigende Aufgaben enthalten, die über das, was die allgemeine Berufsberatung leisten kann, weit hinausgehen müssen. Aus diesen Gründen wurde die jüdische Berufsberatung geschaffen, in der die Beratung aller Fragen unter dem Gesichtspunkt des jüdischen Menschen .und seiner Beziehung zur Gesellschaft und Wirtschaft sich vollzieht. Tatsächlich glaube ich,, daß ein ganz wesentlicher Unterschied in den Fragen der Berufswahl Zwischen dem jüdischen und den; nichtjüdischen Jugendlichen besteht. Würden die jüdischen Jugendlichen nur die städtischen Berussämter aufsucken, so müßten sie in überwiegender Mehrzahl, ihrer psychologischen Eigenart entsprechend, die Anwärter für die kaufmännischen Berufe stellen, weil die objektive Eignung dafür spricht und die Gründe, aus denen sie trotz aller Schwierigkeiten und in Anerkennung derselben mit Verantwortung der jüdischen Gemeinschaft gegenüber Produktive Berufe ergreifen, nicht berücksichtigt werden können. Außer dieser Eigenart wünschen wir, daß sich innerhalb der jüdischen Berufsberatung jene revolutiolläre Umgestaltung vollziehe, die man allgemein in der Wohlfahrtspflege erstrebt, daß nämlich der Beratene nicht Objekt der Beratung sei, sondern daß er sich in Gemeinschaft mit dem Berater selbst zu einem Beruf entscheide. Daß dies m immer stärkerem Maße geschehe, kann nur das Werk der jüdischen Jugend selbst sein. Die Zustimmung und die ernsthafte Kritik der Jugend ist notwendig, damit die Arbeit der Beratungsstellen Produktiv sei. Wesentlich ist die Anerkennung der Probleme der jüdischen Berufsarbeit; wichtig ist es, von Zeit zu Zeit auf Heimabenden diese Fragen mit den MädckM und Jungen der Gruppen zu besprechen und Interesse zu envecken für diese Probleme des Jugendlebens. Bedeutsam ist auch die tätige Mitarbeit der Aelteren iü der Jugendbewegung, zunächst dadurch, daß sie mit ihren Gruppen zur Berufsberatung kommen, daß sie besondere Wünsche und etwaige Schwierigkeiten mitteilen. Der Bund ist in der Lage, gemeinsam mit der Beratungsstelle jene Situation zu schaffen,-in der eine Berufsberatung sinngemäß stattfinden kann. Wenn im Bund der Begriff für die Wesentlichkeit des Berufes im Leben des einzelnen und der Gesellschaft vermittelt wird, so stellt dies die beste Vorarbeit für die Beratungsstelle dar. So wie der Führer im Bund, ist der Lehrer ein wesentlicher Mithelfer bei der Berufsberatung. Wenn in der Schule in letzten Jahren Berufsfragen erörtert würden, so würde die Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung, von Berufsberatung und Jugendlichen sehr erleichtert werden. Der Lehrer hat die Möglichkeit, die Berufsberatung auf die Kinder, die er bisher betreut hat, aufmerksam zu machen; der Lehrer sollte besondere Schwierigkeiten erörtern, für besondere Eigenarten Berücksichtigung verlangen, um auf diese Weise eine lebendige Zusammenarbeit mit der Berufsberatung herzustellen. Würde eine ständige Verbindung zwischen diesen beiden Stellen bestehen, so könnte manche Fehlentscheidung verhindert, manche Entwicklung gefördert und sowohl der Jugend als auch der Wirtschaft mancher Dienst geleistet werden. Nicht nur für die Berufsberatung ist die Mitarbeit interessierter Kreise von Bedeutung, sondern fast ebenso wichtig ist sie für die ihr angeglLederte L e h r st e l l e n v e r m i t t l u n g;. denn nicht nur die Wahl des Berufes ist entscheidend für den jungen Menschen, sondern wesentlich ist auch die Frage, wo er den-gewählten Beruf erlernt. .Hier können Bünde und Lehrerschaft geeignete Helfer der Berufsberatung sein, sowohl in der Beratung der Jugendlichen als auch in der Beschaffung geeigneter Lehrstellen, ebenso wie in der Ausschaltung ungeeigneter Lehrbetriebe. Zweifellos ist die Frage der jüdischen Berufsberatung eine Frage der Wirtschaft; sie ist in mindestens ebenso hohem Maße eine Frage der jüdischen Jugend. Bon dieser selbst wird es letzten Endes abhängig sein, ob diese Einrichtung, die von Erwachsenen ins Leben gerufen wardst, wirklich Eigentum der jüdischen Jugend sein wird, für die sie geschaffen wurde. Soziale Woche des 'Reichsaussdtusses der jüdischen Jugendverbände Das Einigungsproblem der deutsch-jüdischen Jugend ist in den letzten Wochen in unserer Beilage ausgiebig drskutiert worden. Diese Frage leitet auch über zu dem Problein der Zusammenarbeit der Mischen Jugend verschiedener Richtung. Wir glauben, daß diese Zusammenarbeit nur dann möglich ist, wenn ein bestimmtes gem e i it f a m c s Ziel und eine feste gemeinsame Basis vorhanden ist. Eine solche Basis, aus der die Jugend der verschiedenen jüdischpolitischen Richtungen zu eine m Ziele gemeinsame Arbeit leisten kann, ist die soziale Arbeit der Jugend. lieber diese Aufgaben wurde bereits in Nr. &7 unserer Beilage von 1027 gesprochen. Aus diesen Gedanken heraus erfolgte die Gründung des Reichsn n 8 s ch u s s e 8 der jüdischen I u g e n d v e r b ä n d e, in dem sich die jüdischen Jugendbünde aller Richtungen zur sozialen Arbeit zusämmengeschlossen haben. Wenn die Bedeutung dieser Arbeit auch von allen Bünden erkannt wurde, so konnte man sich doch unter der sozialen Arbeit der Jugend im Anfang nicht viel Vörstetten und erst allmählich entwickelte sich dieses Arbeitsgebiet. Die der Jugend gemeinsamen Forderungen der Erziehungs- und Geselligkeitsresorm, die die Jugendbewegung in den letzten Jahren durchgesetzt hat, konnten nicht in gleichem Maße in der sozialen Erziehungsarbeit, im -Heim- und Unterstützungswesen durchdringen. Aus diesem Grunde hat der R e i ch s a u § s ch u ß d e r jüdischen Jugendverbünde die s o z i a l c Woche, die Dom 23. bis 31. Dezember 1928 im Jacobson-Heim in Seesen stattsand und über die in Nr. 1 der „C. B.-Zeitung" kurz berichtet wurde, veranstaltet. In ausführlichen Referaten behandelten Dr. Ollen-- d o r f f und Dr. Kreuzberger die Fraae der Erneuerung^lnstrebungen in der allgemeinen und der jüdischen Wolstsahrtspstege. Während Dr. Ollendorsf überwiegend von der Verankerung der jüdischen Wohlfahrtspflege im Bewußtsein der jüdischen Gesellschaft sprach und Maßnahmen vorschiug, die dieses Ziel erreichen lassen sollen, wies Dr. Kreuzberger die Zusammenhänge zwischen Wohlfahrtspflege und Wirtschaftsordnung aus. Er führte aus, daß die heutige Wohlfahrtspflege in ihrer Organisation und in ihren Methoden der kapitalistischen Wirtschaftsweise in der Form der Vertrustung, Kartellierung und Spezialisierung (Beamtung) entsprach. Die Fragen der jüdischen geschlossenen'Fürsorge (Waisenhäuser, Lehrlingsheime, Fürsorgeerziehungsanstalten, Psychopalhenheime) wurden von Dr. Hanna Eisfelder und Dr. Paula K r o n - heimer behandelt. Dr. Hanna Eisfelder Widerte auf Grund eigenen Erlebens, wie auch eigener Mitarbeit in jüdischen Anstalten, die Not des jüdischen Anstaltskindes, seine Auflehnung und Mlehnung gegen eine Erziehungssorm, die dre Individualität des Kindes unterdrücken und es unkontrolliert der Willkür nicht immer qualifizierter Erzieher preisgeben. Sie unterschied dabei drei Typen von - Anstalten: nämlich alte Anstalten, Anstalten mit äußerer Reform f und einige loenige Anstalten mit neuerer, innerer Form. Dr. Paula Krön heimer sprach über die Schwierigkeiten der jüdischen Fürsorge-Erziehungsanstalt und die Maßnahmen, ihnen zu begegnen. Die Anwesenden betonten sehr stark den fragwürdigen Charakter der Fürsorgeerziehung überhaupt, forderten weitgehende Ersetzung der Fürsorgeerziehung durch freie Unterbringung in Familien, Waisenhäusern und Landheimen und sprachen sich im übrigen für eine Unterstützung und stärkste Beschleunigung der im Gange befindlichen R e s o r m m aßnahmen aus. Auf Grund langjähriger praktischer Erfahrungen berichtete Hilde Hochwald über Erneuerungsbestrebungen in der jüdischen halboffenen Fürsorge. Sie wies darauf hin, daß in einer großen Anzahl von Kindergärten und Horten die Forderungen der uwdernen Hygiene nicht ausreichend erfüllt sind. Sie forderte weiter eine enge Verbundenheit der Mitarbeiter dieser Institutionen mit den Eltern und eine genaue persönliche Kenntnis des Milieus, dem die Kinder entstammen. Sie beklagte den Mangel ausreichender Einrichtungen für das jüdische Kleinkind, insbesondere von Tagesheimen für Säuglinge und Lauskinder. Das verhältnismäßig junge Gebiet der Jugendpflegearbeit an der bisher unorganisierten Jugend fand in einem Referat von Dr. Georg Lubinski seine Behandlung. Bei der prinzipiellen Ueberzeugung! von der Wichtigkeit gerade dieser Arbeit bestand dennoch keine Einstimmigkeit über ihre letzte Durchführbarkeit. An Hand einer Reihe von Erfahrungen ans der praktischen Arbeit, die insbesondere in der Diskussion hervortraten, wurden die Forderungen nach Freiheit des Erziehers, besonders auch in bezug auf Stellungnahme zu gesellschaftlichen Fragen und auf die Gestaltung der Arbeitsmethoden erhoben. Im Anschluß hieran wurde über Ansatzpunkte der ehrenamtlichen Mitarbeit von Jugendlichen in Wohlsahrtskommissionen gesprochen. Abschließend sprach Martin Sobotker über Tatsachen aus dem Leben der jüdischen Großstadtjugend., An Hand von reichem Material und eigenen Beobachtungen ging er hauptsächlich auf die wirtschaftliche und berufliche Lage der jüdischen Jugend ein. Er wies aus die schwierigen Probleme der Berussumschichtung und Berufsberatung hin. Die zu den einzelnen Punkten gefaßten Resolutionen sollen dem Ausschuß, der während der . Tagung gebildet und von dem bereits berichtet wurde, als Richtlinien für die praktische Arbeit dienen.