Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 1-2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Zur Einigungsfrage Antwort an Ernst Wolff Von Herbert Alexander Die „einzig unveräußerliche Grundlage jeder jüdischen Gemeinschastszukunst" ist Gott. Vor fünf Jahren ging ich mit einer Anzahl älterer „Kameraden" aus dem Bunde, weil wir nur als positive Juden bleiben wollten und weil nur lein positives Judentum — fein religiöses Judentum mehr Ratten. — Inzwischen hat sich vieles geändert — aber noch immer fragt ein Führer der „-Kameraden": „Wie soll aber das Judentum erhalten werden, wenn die Juden selbst ihre ewigen Fahnen verlassen, abfallen, um dem Zeitgeist zu dienen?" Und noch immer hält er an der Notwendigkeit fest, sich nicht zu entscheiden, sondern den Zwiespalt zwischen der Forderung des Zeitgeistes und seinem irrationalen Judesein in sich Zu tragen und abzuwarten. Ich begrüße es, daß er den Mut hat, sich nicht Zu entscheiden und feinen der billigen Lösungsversnche annimmt, die sich im Austritt aus dem Judentum, im Vertuschen des wahren Sachverhaltes oder im jüdischen Nationalismus anbieten. Wenn man aber, wie jeder, der die Geschichte des Judentums kennt, weiß, daß das Judentum sich letztlich nur durch die Treue erhalten hat, die es seinem Gott hielt, so ist ein für allemal klar Zu sagen, daß awd) d e r Ausweg, den Ernst Wolfs sieht, Lein Ausweg ist. Das Bekenntnis zur jüdischen Bluksgemeiuschaft macht den Atheisten niemals zum Juden. Die Erhaltung der jüdischen Blutsgemeinschaft ist nicht das Wesentliche. Sind wir denn verpflichtet, allen Unsinn mitzumachen und den derzeitigen Rassenwahn bei uns noch zu kultivieren? Gerade weil wir nicht nur deutsche Staatsbürger sind, sondern weil wir unk Zum deutschen Volke gehören und uns diesen Anspruch von keinem bestreiten lassen, ist es eine Selbstverständlichkeit loyalen Volkstums, daß wir an der Vermischung der Rassebestandteile unseres Volkes teilnehmen. Wenn wir uns mit Ernst Wolff prinzipiell als einen in Inzucht Lebenden Stamm ausfassen wollten, so soll er sich nicht wundern, wenn man sein Bekenntnis Zum Deutschtum nicht ganz ernst nimmt. Er muß den Zwiespalt ganz auskosten und sich auch diesen Ausweg versagen. Ja — was dann? Nicht nach rechts und nicht nach links — zurück können wir auch nicht — und so weiter geht es auch uicht. Was bleibt uns denn noch übrig? Nun, der menschliche Geist bleibt nicht stehen — auch das Denken nicht. Aber gerade das Denken, der Intellekt ist es ja, der rnit dem alten Glauben ringt und ihn zu besiegen droht. — Unser Wille zur inneren Wahrhaftigkeit brachte uns in diese Lage, schlug uns drese Wunde, die sich nicht schließen will . . . Aber, wunderbar möchte es uns erscheinen: in diesen Jahrendes Materialismus und Realismus entwickelt sich eine Wissenschaft, die heute alle Gebiete des Wissens zu erobern beginnt: die Lehre von der Seele des Menschen, die Lehre vom Unbewußten. Nicht mehr die Dichter und Propheten sind es, die uns berichten, denen wir gefühlsmäßig glauben, nicht mehr Offenbarungen werden uns gelehrt, sondern Wissen und Erkenntniffe aus einem Gebiet, dessen Größe wir noch gar nicht annähernd ermessen haben, aus einer inneren Welt, in der das menschliche Ich so klein erscheint, wie die Erde vor der Unendlichkeit des Weltenraumes. Freud, Adler und für uns fast noch wichtiger C. G. Jung find die Sternen, denen wir Tank schulden. Nicht nur die ungeheuere Wirksamkeit der Triebe wurde entdeckt und bewiesen, innere Forderungen und Normen, nach denen sich unser Denken und Wissen richtet, denen unser Fühlen gehorcht, zeigten sich als bildende Kräfte des Seelenlebens und als erschütterndes Letztes zeigte sich auch das Gottesbild. als ein in allen Menschen wirksames, inneres, führendes Selbst. — Es ist hier nicht auszuführen, was für ungeahnte Möglichkeiten des Verstehens sich erschlossen, nicht nur das Träumen des Mensche:!, auch die Träume der Völker, die Mythen, nicht nur die Riten der Neurotiker, auch die Knltgebräuche der Religionen erhielten Sinn und würden verständlich als Methoden des Menschen, die Kräfte in seiner Tiefe wirksam zu machen. — Die uralten Weisheiten der Religion erhielten wieder neuen Sinn und wurden fruchtbar für uns: Kurz: Theologie hörte aus, Dogmenlehre zu sein, sie wurde Wissenschaft. Gewiß, der Prozeß, von dem ich hier spreche, ist noch im Anfang seiner Entwicklung. Aber nur auf diesen: Wege kann der moderne Mensch zmn Verständnis dessen kommen, was seine Ahnen groß gemacht hat. Versteht er erst vom Bau und der Beherrschung der inneren Welt so viel, wie er heute von der Beherrschung der äußeren Welt lveiß, so wird er auch dieselbe Achtung und^Ehrfurcht vor der Unendlichkeit des Lebens m sich und in allem Lebenden wiedergewinnen, die er heute der Unendlichkeit des gestirnten Himmels über sich erweist. Und er wird, ohne der Ehrlichkbit seines Denkens zu mißtrauen, wieder an das glauben dürfen, was unser Judentum schon feit Jahrtausenden lehrt: Das Gesetz, nach dem du leben sollst, es ist nicht jenseits des Meeres und nicht über ben Sternen, daß du abwarten mußtest, bis es dir jemand holt, es ist in dir, in deinem Herzen, in deiner Seele, du kannst danach leben. — Er wird wieder glauben dürfen, weil er weiß, das; der Glauben in der inneren Welt das bedeutet, was der Hebel in der Welt des. Tages imb der Technik. Mit den: Glauben an den einig-einzigen Gott, an die Freiheit des Willens, ja zu sagen und zu leben — nein zu sagen und zu sterben, und an die Unsterblichkeit des Lebens vermag der Mensch die Welt ans ihren Angeln zu heben, vermag er einer Welt das Gleichgewicht zu hatten: denn er weiß, daß Gott so wenig eine Fiktion ist für ihn wie die Elektrizität für den, der von: Blitz erschlagen wird. Er wird sich hüten, wie sich der Jude inaner gehütet hat, Mißbrauch mit dein Namen Gottes zu treiben, aber er wird, wenn es darauf ankommt, sich mit seinem Leben für den lebendigen Gott einsetzen. der ihn so aus der Bedrängnis und Sklaverei und aller Not unserer Zeit erlösen kann, wie er unsere Väter ans Aegypten geführt hat. Er wird nicht orthodox und nicht liberal sein, er wird nassen und glauben, weil es ihm bewiesen werden formte und weil er es sich j täglich beweisen kann: Umkehr—Besirrnung, Gebet—-Schöpsen ans der tiefsten Quelle und Wohltun—tätige Liebe wenden jedes böse Verhängnis. Darum, lieber Ernst Wolfs — die weltumfassende Geistesströmung, die uns den Glauben nahm, ist ans den: besten Woge, ihr; für alle Zeiten zu rechtfertigen. Wir brauchen unser Judentum nicht mehr auf wesensfremde „Grundlagen" 311 stellen. Im Gegenteil, je mehr rv'ir uns rnit der erhabenen Geschichte unserer Glaubensgemeinschaft beschäftigen, um so innniger wird unsere Verbundenheit werden. Wir werden alles verstehen können und werden das meiste auch erhalten können. Ein so fundierter Glaube wird nicht nur endlich unseren Führern die Kraft geben, die Juden lvieder um ihre^cwigeu Fahnen zu scharen, sondern uns auch die Freiheit geben, die Synthese des deutsche:: und des jüdischen Bildungsideals zu einem dentschjüdischen Bildungsideal in Angriff zu nehmen. Dies alles zu unserem Heil und zum Heile Deutschlands und der Wett. Oie Jugendgemeinschaft Eine Zeitschrift für Aussprache 1 Eines bringen die jungen Menschen, die durch das Gemeiusthastsleben der Jugendbewegung gegangen sind, vor allem mit: den innere n Zwang Zuverantwortungsbewußter A u s s p r a ch e. Veranstvortungsbewußt, das bedeutet: n a ch Ringen um Klärung in der eigenen Brust. Und deshalb ist die Aussprache keine Diskussion im allgemein gebrauchten Sinne. Es kommt nicht auf die ft ä r k e r e dialektische Befähigung an, sondern aus die auf Wissen und Sittlichkeit stärker gegründete P e r s ö n l i ch k e i t. Die Oedc des politische!! Lebens, die überflüssige Schärfe bei der Betonung oder Austragung von Gegensätzen, über die a I l e, und mit am stärksten die hieran Mitschuldiger!; klagen/beruht aus dem Maugel an Aussprachcwillen und -sähigkeit. 8 Die Verödung, das Einseitigwerden, die Neberspitzung eigener Gedankenentwicklung fürchten deshalb die Aelteren der Jugendbewegung als Vorstufe einer von ihnen bekämpften Gestaltung des öffentlichen Lebens. Das Gemeinschaftsleben in der gewohnten Form fortzusetzen, verbietet die wachsende Beanspruchung durch Ausbildung und Beruf. So muß das gedruckte Wort aushelfen, und damit steigt die Gefahr einer Entfremdung zwischen Leser und Schreiber mit all den gehaßten Erscheinungen einer „Diskussion aneinander vorbei" im Gefolge auf. Eine neue Zeitschrift vermeidet bisher mit Geschick diese Nachj teile: das Bundesblatt der A e l t e r e n s ch a s t u n d der M ittlerens ch a s t de s D. I. I. G. (Deutsch-jüdische Jugendgemeinschaft). das Werner R 0 senst 0 ck seit Dezember v. I. herausgibt. Das erste Heft mußte noch als Wachsplattenabzug erscheinen. Das Zweite — und die vielen.hoffent-! lich noch folgenden — hat ansprechende technische Aufmachung. g Die Aufsätze der beiden ersten Hefte werden erst durch ihre Ergeh- Z nisse für andere als den Bundeskreis bedeutsam werden. Schon jetzt | sind sie es wegen der The men-Wahl und der Gradlinigkeit und Ehr-! lichtest der Gedankensührung, die ja erfreulicherweise Charakteristikum § der jüdischen Jugendbewegung geblieben ist. Rosen stock bringt eine | bekenntnishafte llntersuchnng „E i n Weg zum Judentum" zur! Veröffentlichung, zu der Mar K lein (Leipzig». Hardi W a ch s. I Erich Z 0 rek, Fritz S ch a e f e r und Gerhard Silbermann I Stellung nehmen. Heber die Lage der Jugendbewegung schreibt H e i c 0. j Herbert Linde m a n 11 (Leipzig) fragt: sozialer oder sozialistischer Buno? j Daneben werden die „Jüdische Arbeit", die Grnppenführung. Mädchenf fragen besprochen. Kurze Notizen über TheaterauNühcungen jüdischer! I Inhalts und bemerkenswerte Buchbesprechungen folgen. 1 Der Redakteur und die Mitarbeiter der neuen Zeitschrift werden keine j Vorschußlorbeeren beanspruchen. Aber man darf sagen: Was bisher zu | lesen und 311 sehen war, läßt der Fvrtsührnng der Zeiischrm mit anspruchsf vollen Erwartungen cntgegensehen. A. jj I Eine Geschichte der Jugendbewegung Der Außenstehende, der sich für das Werden und Wesen der Jugendbewegrmg interessiert und sich darüber informieren möchte, ist jedesmal I höchst erstaunt, lvenn er erfährt, daß es eine umfassende geschichtliche Darstellung der Jugendbewegung nicht gibt. Es ist schwer, ihm klär zu! machen, daß es heute ein derartiges Werk noch gar nicht geben kann; denn die Aufgabe,' die Geschichte der Jugendbewegung befriedigend dar- Zusteüen, wird nie von einen: Menschen gelöst werden können, der nicht in ihr gelebt hat. obwohl gerade er, in seiner Schau völlig unbeeinflußt, doch am ehesten objektiv sein könnte. Mit diesen Zweifeln nimmt rnan das Buch von Else FrobemusJ Zur Hand, und man erkennt bald/daß auch ihr Mut und ihre große Energie, 8 mit der sie sich in eine fremde Welt einZuführen versucht hat, gescheitert 8 ist. Gescheitert, lvenn man in ihrer Darstellung der Jugendbewegung ff das Bild von: Menschen in der Jugendbewegung sucht. 8 Wer aber die äußere Entwicklung der Jugendbewegung von ihren! 8 Beginn um die Jahrhundertwende an verfolgen will, wer in kenntms- 1 reicher Darstellung die Ausbreitung der Jugendbewegung bis zum Jahre 8 .1914, ihre Wandlung durch Krieg und Revolution, und ihre heutigen jj .Former: fenncn'ternen will, wird das würdig ausgestattete Buch von Else I Frvbenius begrüßen. Er findet dort auch gut Zufammengestelltes Ma- $ tcrial über die Entwicklung der Bünde und ihre Ideologien, das durch Zahlreiche Zitate aus der Literatur, die die Jugendbewegung beeinflußt hat oder von ihr beeinflußt wurde, und viele Bilder wesentlich verlebendigt wird. Em allgemeiner Literaturnachweis und ein Verzeichnis der dern K Reichsausschuß der deutscher: Jugendverbände angeschlvssenen Bünde und | Gruppen und ihrer Zeitschriften bilden den Abschluß dieses Versuchs. | -- Alfred Levi. j 1) (£Ifc Frobenius: „Mit uns Zieht die neue Zeit". Verlag der Deutschen Buchgemeinschaft. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Iugerch": Alfred Hirsch» borg (Berlm-Lharlottenlmrg). Druck von Rudolf Messe, Berlin SW 100.