Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Nochmals: Das Sonderheft .Zer Me". Entgegnung des Herausgebers und Schlußwort des Kritikers. In Nr. 1. der „C. V.-Zeitung" vom 4. Januar d. I. wurde das zum 50. Geburtstag Martin Bubers herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift „Der Jude" von Tr. Hermann Berlak besprochen. Dr. Robert Weltsch, Herausgeber dieses Sonderheftes, sendet uns nachstehend wiedergegebene Einwendung gegen die Besprechung Dr. B e r l a k s. Zu den Ausführungen Dr. Weltschs nimmt Dr. Berlak das hier gleichzeitig veröffentlichte Schlußwort. Dr. Robert Weltsch schreibt: Berlin-Grunewald, 11. Januar 1929. An die Redaktion der „C. V.-Zeitung" Berlin. Ich danke Ihnen bestens für die freundliche Besprechung, die Sie dem von mir herausgegebenen Sonderheft „Der Iude" zu Martin Bubers 50. Geburtstag gewidmet haben. Der Herr Rezensent hat jedoch die Anschauungen der Herausgeber und Mitarbeiter dieses Heftes in einer Weise interpretiert, die geeignet ist, zu unliebsamen Mißverständnissen Anlaß zu geben. Da ich überzeugt bin, daß auch Sie kein Interesse daran haben, derartige Mißverständnisse entstehen zu lassen, bitte ich Sie, mir einige Worte der Aufklärung zu gestatten. Es ist gewiß richtig, daß in der zionistischen Bewegung von allem Anfang an nicht nur Persönlichkeiten verschiedener geistiger Prägung zusammentrasen und sich aus dieser Berührung ein fruchtbarer geistiger Konflikt entspann, sondern auch, daß jüdische Strömlingen, die vonverschiedenen Voraussetzungen ansgingen, sich im Zionismus vereinigten. Wenn Hans Kohn von dem Gegensatz spricht, der sich zwischen Herzl und Buber innerhalb des Zionismus ergab, und diesen Gegensatz aus der geistigen Orientierung dieser beiden Männer ableitet, so berichtet er über Jahrzehnte zurückliegende, allgemein bekannte Tatsachen. Keineswegs aber ist der Satz, daß „der Herzlsche Zionismus nicht mehr existiert", in dem Sinne richtig, den Dr. Berlak ihm unterlegt. Der Zionismus als Gesamtbewegung hat wie jeder andere geistiggeschichtliche Prozeß eins Reihe von Stadien und Entwicklungen durchgemacht, wobei sein praktisch-politischer Aspekt sich natürlich gemäß den jeweiligen objektiven Bedingungen gewandelt hat, während seine ideelle Grundlage durch das synthetische Jneinanderfließen der geistigen Komponenten gefestigt wurde. So wird zum Beispiel in der heutigen Situation der reine Judenstaatsgedanke, wie er ursprünglich von Herzl konzipiert wurde, nur noch von wenigen verfochten, ist aber als Ausgangspunkt der modernen Bewegung nicht wegzudenken. Der offizielle Zionismus postuliert seit dem 1. Kongreß stets nur eine „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte", nicht einen „Judenstaat". Aber Herzl hat dem Zionismus den großen europäischen Aspekt, das Gefühl für Würde und innere Freiheit, den sittlichen Schwung der Verantwortung gebracht, während die eigentlich jüdischen Inhalte von anderer Seite, besonders von ostjüdischer, kamen. Ohne die in den jüdischen Massen schlummernde Zionssehnsucht, die mehr romantisch-messianischen als praktisch-politischen Charakter hatte, wäre der Zionismus nie möglich gewesen; in diesem Sinne sind meine von Dr. Berlak Zitierten Bemerkungen über die „messtanische Komponente" zu verstehen. Diese seelische Macht aber für die Realität fruchtbar Zu machen, war H e r z l s entscheidende Tat, und ich muß mich daher dagegen wenden, wenn der Rezensent aus meinen Worten ein Ab rücken von Herzl herausliest. Auch Buber wird falsch interpretiert, wenn man unter Berufung auf ihn den Zionismus auf die Stufe messianischer .Romantik Zurückschrauben will; gerade Buber steht in der ersten Reihe derer, die gegen einen bloßen Spiritualismus protestieren und eine Verwirklichung „jetzt und hier", in der Konkretheit des gelebten Lebens, fordern, gerade also die „Nöte der Gegenwart Vor Augen haben", die Dr. Berlak in die zweite Linie stellen will. Zusammenfassend möchte ich also sagen, daß die von Dr. Berlak zitierten Beiträge nicht eine Abschwächung des zionistischen Zieles zum Inhalt haben, wie es . dem Rezensenten vorzuschweben scheint, sondern daß sie umgekehrt dem offiziellen Parteizionismus gegenüber einen stärkeren Radikalismus der unmittelbaren Verwirklichung, freilich auch der geistigen Intensivierung, vertreten. Dabei sind diese Forderungen gefärbt von den sozialen Vorstellungen der betreffenden Autoren. Ter Herzlsche Zionismus hat sich zwar politisch und geistig weiterentwickelt, aber an seiner entscheidenden Grundposition hat sich nichts geändert. Sie werden mich durch Aufnahme der vorstehenden Zeiten in Ihrer Zeitung zu außerordentlichem Dank verpflichten. * Dr. &emtatm Berlak erwidert: In seinen Ausführungen wendet sich Dr. Robert Weltsch gegen meine Feststellungen in der „C. V. - Zeitung" vom 4. Januar d. I., die der Ordnung wegen nochmals wörtlich wiedergegeben seien: . , . „Eines aber kann wohl einheitlich aus allen diesen Schriften gefolgert werden: Noch nie ist vielleicht mit solcher Deutlichkeit dem Nichtzionisten lEIBNIZ- Keks Enthält nur fbnste Molkereibutter von zionistischer Seite gezeigt worden, daß der Herzliche Zionismus heute nicht mehr existiert, daß der Zionismus im Sinne des Baseler Programms der Vergangenheit angehört, daß es heute nicht mehr die Aufgabe des Zionismus sein kann, durch Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina die Judennot, insbesondere des Ostens, zu überwinden." Vergleicht man diese Ausführungen und die Darlegungen des Dr. Weltsch, so wird wohl der objektive Betrachter zu geben müssen, daß Dr. Weltsch das, was er bestreitet, eigentlich zugesteht! Was übrigbleibt, ist im wesentlichen ein Streit nur Worte, oder aber, wenn man will, ein Unterschied in der Ideologie, der zur Klärung ein Buch über das Wesen des Zionismus erfordern würde. Nur einige kleine Punkte seien festgestellt: 1. Ich habe gesagt, daß der Herzlsche Zionismus der Vergangenheit angehört. Weltsch gibt zu, daß der Zionismus eine Entwicklung durchgemacht hat, und dabei der praktisch-politische Aspekt sich gewandelt hat, daß der Herzlsche Judenstaatsgedanke nur noch von wenigen verfochten wird. 2. Ich habe Bubers Zionismus nicht auf eine Stufe messianischer Romantik Zurückgeschraubt, sondern ich habe festgestellt, daß ihm die m e s s i a n i s ch e Idee wichtiger ist als di c praktische Not des Tages; daß dem aber so ist, gibt Weltsch selbst zu. Weltsch wendet sich gegen meinen Satz, in dem ich seine 'Ausführungen dahin auslege, daß die messtanische Komponente den Zionismus geschaffen habe. Was hat er wörtlich gesagt?: „Was wir unter Zionismus verstanden^ war niemals eine einmalige irdisch-politische, ökonomisch-praktische Unternehmung." Für Herzl war der Zionismus sehr wohl eine irdisch-politische, ökonomischpraktische Unternehmung, und damit lehnt er den Herzlschen Zionismus nicht einmal nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit ab, und das wird noch dadurch unterstrichen, das; er dann weiter folgendes aussührt: „Man ist nicht befugt, den Zionismus nach der Dogmatik einer Parteimaschmo m beurteilen, die notwendig ist, aber die Bewegung weder auf die Dauer zu repräsentieren, noch zu ersetzen vermag. Dazu kommt, daß in den Formen des Parteilebens sich im Grunde nur die eine, ,maskilische* Komponente des Zionismus ausdrücken kann; die andere, die m e s s i a n i s ch e, i st in Paragraphen u n d R e s o l u t i o n e n nicht^ faßbar, aber sie ist es, die d e n. Zionismus als Bewegung s ch u f, w e n n auch oft unter der Oberfläche. Die große Sehnsucht, für die Zion nicht nur Repatriierung, sondern Erlösung, Geulah, bedeutet, die — bewußt oder unbewußt — mehr als ein nationales Ziel, die eine Befreiung aus den Nöten der Kreatur, eine Wiederherstellung der wahren Weltordnung zum Gegenstand hat, sie ist es, die den Zionismus zu einem Aufschrei und zu einer Tat werden ließ." Es ist ein Streit um Worte, ob man, wie Weltsch dies Zugibt, den Herzlschen Zionismus als überwunden ansieht, oder ob man ihn als nicht mehr existierend betrachtet. Hält man sich aber an seine eigenen Worte in dem besprochenen Sonderheft, dann wird meine Auslegung wohl nicht abzulchnen sein. „Jettcherr .Gebert" als Singspiel. Aus dem Georg Her mann scheu Roman „Jettchen Gebert" ist von Willi Wolfs und Martin Zicke t ein Alt-Berliner Singspiel geschaffen worden, das im Theater am Nollendorfplatz in Berlin zur Aufführung gelangt. In fein humorvoller Art gelangen dort Szenen aus der Alt-Berliner jüdischen Gesellschaft zur Ausführung. Das Publikum nimmt warmen Anteil an der Darstellung, die beweist, wie man ohne die üblen Mauscheleien und Witze gewisser „Künstler" mit Erfolg jüdische Motive darbieten kann. Auch hier zeigt sich die. Unsterblichkeit des Hermann-schen Romans. S. H.