Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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61 Emil Lehmann. Zu seinem 100. Geburtstag am 2. Februar 1929. L. H. Am 25, Februar 1898 wurde Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden in die Ewigkeit abberufen. Die Mürznummer unserer damaligen Zeitschrift „Im Deutschen Reich" begann ihren Nachruf auf Emil Lehmann, dessen Geburtstag sich am 2. Februar 1929 zum i00. Mal wiederholt, mit den Worten „Ein kerndeutscher Volksvertreter jüdischen Bekenntnisses schied aus dem Leben". Damit war Emil Lehmann im wesentlichen gekennzeichnet. Wir fragen aber weiter: Wer war Emil Lehmann? Man kann ihn als u n trt ittel b a r e-n Nachfolger Gabriel R'ießers bezeichnen, als einen Mann, der in der Gedankenwelt Nießers, in der Gedankenwelt des alten Liberalismus ausgewachsen, Jahrzehnte für Humanität, Liberalismus und Religiosität gekämpft hat. Der ihm auch verwandtschaftlich nahestehende, bei uns unvergessene Generalsekretär des Centralvereins, Alphonse Levy, schilderte in unserem Blatte eingehend Lehmanns Lebens gang. Folgende Daten seren hervorgehoben: Geboren 2. Februar 1829 in Dresden, Sohn eines dortigen Kaufmannes, eines Abkömmlings des berühmten Stammvaters der Jüdischen Gemeinde Dresden, des um seine hochverdienten „Residenten" l Berend ß cf) mann, Student der Jurisprudenz in Leipzig. In seiner jüngeren Periode stark journalistisch interessiert, langjähriger Mitarbeiter der in Dresden erscheinenden freisinnigen „Sächsischen Dorfzeitung", und vor allen! Dingen in allen seinen Mußestunden Kämpfer für die. I; nach Aufhelurng der Grundrechte des Jahres 1849 in Sachsen zwar I formell aufrechterhaltene, aber beständigbedrohte Gleich- I berechtig u n g d e r Jude n. Mit durch seine Bemühungen wurde I in Sachsen der sogenannte '„Judeneid", bevor er in anderen deut- 8 scheu Ländern durch die Reichszivilprozeßordnung aufgehoben wurde, völlig beseitigt. Seit 1863 war Emil Lehmann Rechtsanwalt und später Notar, 1865 Stadtverordneter in Dresden, später zweiter und erster Bizcvorsteher des Stadtverordnetenkollegiums, gleichzeitig Abgeordneter im Sächsischen Landtag als Mitglied der Sach,Uchen Fortschrittspartei. Bon 1875 bis 1880: Dichter, Schriftsteller, unter anderem! Verfasser einer Geschichte der Israelitischen Gemeinde in Dresden : und Autor einer großen Anzahl von kleinen Schriften. Von 1869 bis! zu seinem Tode: Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde in Dresden. Der Inhalt seiner Schriften ist erfüllt von dem Streben nach Gleichberechtigung, nach Gleichachtung der deutschen, insbesondere der sächsischen Juden und nach Hebung des Gedankens von Würde und Werk des allgemeinen Menschentums. Lehmann war ein Mann mit einer vorzüglichen jüdischen Bildung. Obgleich er religiös ganz links stand, wurden nach seinem Tode seine Verdienste um die Gleichberechtigung von allen religiösen Seiten des Judentums gleichmäßig anerkannt. Mit diesen Daten ist den heute Lebenden nicht viel gesagt. Wozu erinnert man an einen solchen Tag? Alle die, welche Lehmann persönlich gekannt haben, benötigen keines Hinweises aus ihn. Das Bleibende seines Geisteswerkes hat sich zu den ewigen Erkenntnissen gesellt, die Eigentum der Menschheit geworden sind. Dank kennt die Weltgeschichte nicht. Wer also muß heute noch Wert auf die Erinnerungen eines solchen Mannes legen? Man spricht von einer Mahnung, die die Werke unserer Führer den Nachkommenden zurufen. I Jst das eine Redensart? Greifen wir zu den gesammelten Schriften Emil Lehmanns, die in zweiter Auflage vor uns liegen und leider heute vergriffen sind. Die Kinder haben dem Vater durch ihre Veröffentlichung ein Denkmal setzen wollen. Sollte man diese gesammelten Schriften noch einmal auflegen? Ungelesene Bücher gibt es genug. Man kann für die besten und gediegensten Werke der Gegenwart keinen Absatz finden, wenn sie nicht der Sensation dienen. Man muß also gerade bei der Neuauflage eines vergriffenen Buches skeptisch sein. Und es ist sicher wahr, daß der Kreis der Leser auch der gesammelten Schriften Lehmanns heute aus diesem Grunde nicht allzu groß sein würde. Und doch können wir alle auf Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte hinaus aus diesen Schriften unendlich Wertvolles lernen. Namentlich unsere Jugend sollte danach greifen, damit sie verstehen lernt, welche Anschauungen sie mit ihm eint, und was der Lauf der Zeit und der Gedanken an Trennendem geschaffen hat. Gabriel Rießer hat über Lessing geschrieben, und vor 50 Jahren hat, wie es in den gesammelten Schriften Emil Lehmanns heißt/auf Ansuchen des Mendelssohn-Vereins zu Dresden auch Emil Lehmann einen Vortrag über Lessing in seiner Bedeutung für die Juden gehalten. Wir fragen: Wenn wir aus Anlaß der Lessing-Feier der letzten Woche Lehmanns Vortrag als Leitaufsatz in der „C. V. -Zeitung" veröffentlicht lptten. ohne zu sagen, wann er geschrieben und von wem er geschrieben ist, was hätte die Allgemeinheit unserer Leser gesagt? Man kann annehmen, daß Briefe eingegangen wären, in denen der Vorwurf durchgeleuchtet hätte, der Versajser des Aufsatzes habe adgefchrieden; denn gerade dieser Aufsatz lehrt in deutlichster Weise, wie sehr die geistige Auseinandersetzung fortgeschritten ist und wieviel der Geist einer neuen Zeit zur Klärung von Fragen, über welche noch vor 50 Jahren Abhandlungen geschrieben wurden, beigetragen hat. Gewiß ist das, was Emil Lehmann damals ausgesprochen hat, heute noch wahr, so richtig -und wertvoll Lessings Ideale für alle Zeit der Welt sein werden. Aber die Auswahl der Gedanken, die Lehmann aus dem unendlichen Jdeenschatz Lessings damals herausgeschält hat, um sie zum Gegenstand besonderer Betrachtung zu machen, zeigen, daß zur Ehre der Menschheit und insbesondere auch zur Ehre der deutschen Menschheit die Entwicklung vorwärts gegangen ist.' Zwar ist sicherlich da, wo alter Schutt weggetragen wurde, neuer Schutt entstanden. Die Probleme haben gewechselt. Aber etwa in der Frage der Toleranz, ihrer Möglichkeit, ihrer Sittlichkeit, ihres inneren Inhaltes, die in den letzten 50 Jahren eingehend behandelt wurde, sieht man'heute entschieden klarer als früher. Trotzdem bilden die Arbeiten Lehmanns nur das erste Kapitel zu dem großen Problem der inneren Begründung und der äußeren Gestaltung der Toleranz, dessen Erörterung auch hmte noch nicht abgeschlossen ist. Wir lesen einen Aufsatz Lehmanns ans dem Jahre 1891: „Die Aufgaben der Deutschen jüdischer Herkunft" und erfreuen uns des Vortrages „Der Deutsche jüdischen Bekenntnisses", den Lehmann in unserem Eentralverein am 27. September 1893 gehalten hat. Wenn man diesen Vortrag noch gehört hat und weiß, welche Begeisterung damals im Saale der Gesellschaft der Freunde herrschte, wie der Redner wegen seines Mutes, seiner Klarheit, seiner Ehrlichkeit bewundert und gepriesen wurde, dann wird man befriedigt sein, in welchem Umfange die damals zwar nicht als neu, aber doch als kühn und als Forderung in die Welt gerufenen Sätze Lehmanns Wirklichkeit geworden sind. Der Grundgedanke über das, was der Deutsche jüdischen Bekenntnisses — dieses Wort hat Emil Lehmann geprägt — zu leisten habe, die Forderung, daß bei aller Innigkeit der Verbundenheit mit dem Judentum der Deutsche jüdischen Bekenntnisses „nationaldeutsch" sein müsse — auch dieses Wort glauben wir bei Lehmann Zum ersten Male in dem erwähnten Zusammenhang zu finden —, ist heute unumstritten im Centralverein. Neun Zehntel der deutschen Juden bekennen sich gesinnungsmäßig zu ihm. Unvergessen wird bleiben, daß im Anschluß an eine mißverständliche Bemerkung Lehmanns in der Aussprache über den Vortrag eine Erörterung zwischen Lehmann und unserem verstorbenen Freunde Professor Dr. May bäum über den Talmud stattfand, die beweist, wie unzweckmäßig es war und'ist,-Fragen der Theologie in Erörterungen politischen Inhaltes einzuflechten. Richtig ist zweifellos, daß auch der weit links stehende religiöse Liberalismus heute nicht alles das unterschreiben würde, was Lehmann seinerzeit geäußert hat: das schmälert seine Verdienste nicht. So sehen wir, wie in allem, auch in den. Gedankengängen dieses grundlegenden Vortrags manches heute anders geworden ist; die Grundlage ist geblieben. Und jener Lehmannsche Vortrag wird deshalb für uns eine Grundschrist bleiben, ebenso wie der Inhalt von Lehmanns Schrift „Die Aufgaben der Deutschen jüdischer Herkunft" für uns einen Dauerwert birgt. In einer herrlichen Abhandlung, betitelt „Aus dem Schriftschatz der Juden", verfolgt Lehman n die Gesch'-ck/e der Juden nach einen: vierfachen Gesichtspunkt, einmal als Lebens- und Märtyrergeschichte, dann als Religion, ferner als Kulturgeschichte und endlich als* Literaturgeschchte. Er unterscheidet also: Gesch.chte der Ledensschicksale, der Religion, der Kultur und Literatur. Und er weist uns und der ganzen Welt nach, wie der Schriftschatz der Juden unter dem Gesichtspunkt steht: Wo das Wunder aufhört, beginnt die Bewunderung. Nur einiges aus der: gesammelten Schriften von Lehmann konnte hier erörtert werden. Sie zeigen uns, und deswegen können wir sie als in manchem überwundenes, aber im wesentlichen ewig junges Schriftgut unseren im Herzen Jugendlichen empfehlen: Wie nie ein Mensch für wahre Humanität eintreten kann, der die Geistes- und Gedankenschätze zum mindesten der Gemeinschaft, der er angehört, nicht genau kennt. Und darum lebt Emil Lehmann für die, die lernen wollen. Das Studium seiner gesammelten Schriften sollte die Grundlage jeder Schule unserer Jugend sein. Bewahren wir sein Andenken durch die Aufnahme und innere Verarbeitung seiner Weisheit! Eigene 14'; kaufsstellen in allen grosseren <Städten Deutschlands. Erhältlich in alt cn Spezialgeshäftcn. , .. ■ Ä Emil Lehmann seine Vaterstadt Halber st adt