Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ehe, Liebe und Sexuatprobtem." / LLLemN Es gibt Atodeprobleme, gleichwie es Modekleider und Modebücher gibt. Alle miteinander stehen sie tm Verdacht künstlicher Ausmachung und geschäftiger (um nicht gleich zu sagen: geschäftlicher) Ueberireibung. Sie erwecken zwar durchaus der: Anschein, als knüpften sie dringlichst an zeitliche Gegebenheiten nn. Dennoch beeinträchtigen sofort ihren Eindruck jene betriebsamen Unternehmer, die sich geräuschvoll ihrer bemächtigen, die, auf ihre Werbung, Verbreitung und Aufbauschung bedacht, Wert und Bedeutung marktschreierisch verzerren. Mit verstimmender Absichtlichkeit, in die Mitte der Aufmerksamkeit gedrängt, verschwinden sie ebenso plötzlich wie sie emportauchten. Wer gestern rückständig gescholten wurde, weil er teilnahmslos vorüberging, rnacht sich nunmehr lächerlich, lenkt er die Auseinandersetzung darauf zurück. Einem Kostüm gelingt es vielleicht heutzutage, die Vergänglichkeit einer Saison zu überdauern. Bücher hingegen, je stürmischer ihr Anfangserfolg sich gestaltete, haben desto stärker die Anwartschaft, jählings zur Makulatur zu vergilben. Für Problemstellungen gar, die im Allgenblick als überall gefragt gelten dürfen, trägt flink das unreifste Mitglied einer Jugendbewegung die Lösung an den Schuhsohlen davon. Steht es anders mit den Erörterungen über das Sexual probüm, deren, jetzige Aktualität nicht bestritten werden kann? Nachdenr im Weltkrieg Kultur und Moral des Abendlandes kläglich versagten, ohne' den Zusammenprall der Völkergruppen aufzuhalten oder zu mildern, lvar -es unvermeidlich, dasi ihr Bankrott auf das Verhältnis der Individuen Übergriff. Der Niederbrnch dessen, was ruan einmal unter Recht und Ordnung verstand, machte vor den intimsten Beziehungen der Geschlechter nicht halt. Kein Zufall und ebenso keine Willkür äußerlich interessierter Kreise haben es in unseren Tagen bewirkt, daß ans der ganzen Welt, nicht allein in dem aufs schwerste erschütterten Deutschland, die grundsätzliche Aussprache über Ehe und Liebe einsetzte. Allerdings wird auch sie bedauerlicherweise durch manchen Disknssionsbeitrag gestört, der Sensationshascherei oder üble Geschäftsmache arrf der Stirn trägt. Man kommt sogar als Jude, peinlich berührt, nicht um das Zugeständnis Herum, das; mitunter solche, die unserer Gemeinschaft nahestehen oder von übelwollendere Gegnern uns ungerechnet werden, in leichtfertiger Manier vor durchaus unzuständigen Gremien eine Auseinandersetzung entfesseln, die des notwendigen Ernstes und des gebotenen Taktes ermangelt. Daß es hier aber im Grunde und im ganzen itm eine Pro b l-e ma t i k geht, die e i n c Stell« ngna h me g-e b i e tet, nicht, um bestehende Sitte zu zersetzen, sonder n u m moralischer u n d religiöser Gewissenhaftigkeit zu genügen, zsigt nichts deutlicher als der Umstand, daß mm auch eine be d e u t s a m e k a t hol i f che S t i mmedieErörte r nn g aus nimmt. Kaplan Hel m u t F a h s e l, der in der Reichshauptstadt weithin seinen Ruf als Redner genießt, auch den Lesern der „E. V.-Zeitung" kein Unbekannter, gibt in Buchform Vorlesungen heraus, die er unter dem Titel „Ehe und Eros" in zahlreichen deutschen Städten vor der breitesten Oeffentlichkeit hielt. Zu den Hörern gehörten vielfach Vertreter des Klerus, unter anderen der Freiburger Erzbischof, dessen Imprimatur das vorliegende Buch tragt; zum Teil stellten die theologischen Konvikte das Auditorium. Der führende Verlag des katholischen Deutschland (Herder & Co., Freiburg i. Breisgau, 1928; 142 Seiten) nahm die Schrift, deren Ueberschrist nunmehr lautet „Ehe, Liebe und Sexualproblem", unter seine Veröffentlichungen aus. Die gesamte Darlegung beruht auf streng philosophischer Basis. Ihr Ausgangspunkt -ist Platos Betrachtung des Eros in dem Dialog des „Symposion"; die Zielsetzung, die bis zuletzt freilich unausgesprochen im Hintergrund bleibt, endet natürlich bei den Aufstellungen der (Fortsetzung von Seite 58.) auch seinen nichtjüdischen Bürgern gegenüber hegt. Die dritte Gruppe der nichts als Nationaljuden spielt in Deutschland zahlenmäßig eine derart geringe Rolle, daß -ein Eingehen auf sie an dieser Stelle nicht erforderlich erscheint. Es würde zu weit führen, hier über alle die recht anregenden und belehrenden Einzelheiten der Tagungen zu berichten. Man hörte von den Verhältnissen in England, von den Verhältnissen auf amerikanischen Hochschulen, von den Universitäten der Tschechoslowakei, wo ein akademischerAntif e m i t i s m u s sich nur auf den deutschen, nicht nus tschechischen Hochs ch u l e n zeigt. Man erlebte einen aufregenden Disput zwischen den beiden polnischen Vertretern und behandelte die außerordentlich schwierige Lage in Oesterreich. Wesentlicher, als darüber Einzelheiten zu bringen, erscheint es hier, auf das praktische Ergebnis der Tagung hinzuweisen. Trotz aller Skepsis, mit der nicht nur der Verfasser, sondern beinahe alle Teilnehmer der Konferenz nach Bierville gekommen waren, hat sich erfreulicherweise ein wenn auch nur bescheidener Erfolg erreichen lassen. Die Konferenz war sich darüber klar, dasi sie zur Lösung der Jndenfrage im allgemeinen oder arrch nur an den Hochschulen weder berufen noch fähig sei. Sie war sich kirchlichen Dogmatik. Die Lektüre stellt inhaltlich und stilistisch ihre großen Ansprüche. Sie rechnet offenbar ausschließlich mit einem Leserkreis, der echte Bildung mit ernster Anteilnahme unb tiefer Besinnlichkeit verbindet, der um wirklicher Aufklärung und Festigung willen entschlossen ist, das vorgelegte Problem nicht in beliebiger, Isoliertheit, sondern in seiner ganzen, Verflechtung. Verfeinerung und Verantwortung zu ersassen. Indern das zugrunde liegende vielgestaltige Motiv nach Ursprung und Wirkung durch alle Teile des Kosmos verfolgt wird, herausgelöst aus jener Sphäre der Sexualität, auf die seine übliche Nachprüfung völlig eiuseitig bezogen wird, gewinnt rnan den sittlich überlegenen Standpunkt, der sich gleichmäßig fernhült von ehemaliger Prüderie und heutiger Frivolität. Torr und Niveau heben dies Buch auf diejenige Höhe hinauf, die das angeschnittene Problem gerade unter dorn Blickpunkt der jüdischeu Weltanschauung erfordert, die Heiligkeit und geschlechtliche Reinheit bedenkenlos gleichsetzte. Der Verfasser meint eingangs, einem naheliegenden Einwand, der in seiner Person ruht, begegnen zn sollen. Er hält sich eben als katholischer Geistlicher zur Behandlung seines Themas für berufen, so wahr über Kunst nicht bloß Künstler zu schreiben oder gewiß über Pathologie gerade keine Pathologen zu urteilen hätten. Fern aller Subjektivität und Unsachlichkeit/glaubt er, seine Erkenntnis unverworren und unverdunkelt darbieten zu können. Trotzdem (obgleich solche Beweisführung leicht dabei enden könnte, den Blinden zum Richter über die Farbe zu machen) wird gerade eine Betrachtung von nicht-katholischer Seite rächt umhin können, gewisse Bindungen und Hemungeu festzustellen. Wird beispielsweise die Uuauflöslichkert der Ehe gefordert oder das Zölibat um der höheren Liebe willen verherrlicht, die sich unabgelenkt dem Gottesgeist anschmiegt, so regt sich rvah.rscheinlich nicht nur jüdischer Widerspruch. Darüber hinaus macht sich bei einzelnen Partien des Buches, das feinem der umlaufenden Schlagworte aus dem Wege geht, der unverkennbare Eindruck geltend, als ob ein wenig Lebenssremdhoit und Blutleere in die Feder des Verfassers geflossen seien. Den doppelten herzlichen Wunsch hinterläßt aber sein Buch, daß jede Auseinandersetzung über dies Problem sich gleicher Vornehmheit und Feinheit befleißige und baldigst von jüdischer Seite, ausgestattet mit aller Kenntnis unserer Ueberlieferung und veredelt durch die Ehrfurcht vor Vergangenheit und Zukunft, sich eine Schrift ähnlichen Ausmaßes hinzugeselle. Gemeinderabbiner Dr. Reinhold Gewirr (Königsberg i. Pr.). Spnagogenbeschäöigung in Hraunschweig. In der Nacht vorn 6. zürn 7. Dezember 1928 und auch schon vor diesem Zeitpunkte sind — wie erst jetzt bekanntgegeben wird — von den Gittertürerl der Portale an der Synagoge in Braunschweig vier Eisenverzierungsspitzen mutwillig herausgebrochen und vor die Türen auf die Straße gelegt worden. Der gleiche Borgang wiederholte sich in den Nächten vom 19. zum 20. und vorn 22. zum 28. Dezember v. I. Im ganzen sind dreizehn Verzierungsstäbe herausgebrochen worden; ein vierzehnter wurde stark nmgebogen, ließ sich aber nicht abbrechen. Da die Eisenspitzen nicht mitgenommen wurden, handelt es sich offenbar um einen d c tu o it st r ativeu a n t i s c m it ische n Ak t. Am Abend des 18. November 1928 wurde das Eisengitter überstiegen und an einer der Eingangstüren zur Synagoge ein kleines Holzwollseue r angelegt, das aber glücklicherweise nur unter der Tür hindurchgeschwelt und einen kleinen dunklen Fleck aus den Fliesen der Vorhalle unmittelbar hinter der Tür hinterlassen hat, ohne weiteren Schaden anzurichten. Der Centralverein, die Jüdische Gemeinde und die Behörden haben eine Belohnung für die Ermittlung der Täter ausgesetzt. aber auch darüber klar, daß eine wesentliche Grundlage jedes Hochschul-Antisemikismus in der Schwierigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Länder liegt. Hier konnte man am ehesten eingreifen. Das Weltstudenteurverk wird sich also mit dem Internationalen Institut für studentische Selbsthilfe und Gemeinschaftsarbeit in Verbindung setzen, um zunächst einmal einen Ausgleich der wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu versuchen. — Im übrigen sollen aber die Frager: ernsthast weiterstudiert werden. Ein Ausschuß von drei jüdischen und drei nichtjüdischen Vertretern, in dem alle Richtungen und die wesentlichsten Länder zu Worte kommen, wird bis zu einer zweiten, für das nächste Jahr in Aussicht genommenen Tagung das Material sammeln tmb sichten. In den einzelnen Ländern sollen Unterausschüsse in gleicher Weise arbeiten. ----- Gewiß, dies ist nicht sehr viel; aber immerhin ist erreicht, daß innerhalb der Studentenschaften einmal vorurteilsfrei und ruhig an einen Fragenkomplex herangegangen wird, um dessen Lösung man sich bisher kaum wirklich ^bemüht hat. Das Weltstudentenwerk hat sich durch die Anregung, die es zu tiefgehender Arbeit in diesen Fragen gegeben' hat, den Dank aller verantwortungsbewußten Menschen verdient. Man darf hoffen, daß seine Bemühungen nicht umsonst sein werden.