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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · p. Seite 49

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
Seite 49 (sequence 5)
Language
German
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49 „Die Schule -er fugend." Wünsche nur» Hoffnungen -er Jungen. A. W. Die Bedeutung des Wissens im Judentum kann nicht hocb genug angeschlagen werden. Vielleicht mit Ausnahme des Islams hat 'keine einzige Religion der Welt derartig ihren Glaubensbestandteil in Verbindung mit dem Wissen und dem Studium gebracht wie das Judentum. Heiligste Gebete Preisen die Erkenntnis ltnb den Verstand. Mannigfache Stellen der Bibel predigen das Sinnen und Nachdenken über religiöse Dinge. Das Lehrhalls und das Lernen spielte im alten Palästina eine überragende Rolle, uwb jeder, der sich auch nur oberflächlich Mischna ltnb Talmud genähert hat, weiß, daß die Gelehrten nicht etwa nur zünftig waren, sondern das; auch Handtvcrker in größter Anzahl als Gelehrte Auertenululg besaßen. Jüdisches Mittelalter und jüdische Neuzeit in-allen Ecken der Erde sind ohne Lehrhaus und ohne Lerneil undenkbar. Und anch henke noch hängt der Begriff „geseüestreues Judentum" überall eng mit Lernen zusammen. Tie Abkehr des deutschen Judentums dieser lind vorletzter Generation vorn Judentmu ist zu ein>em roeseutlicheu Teile auf dcip volltomincncix Mangel an jüdischem Wissen znrückzilsühren. Die Ursachen für diese böse Lücke sind mannigsach. Der Religionswie der hebräische Unterricht loareu oft ungenügend und es fehlte all den geeigneten Hilfsmitteln. Bon Buchausstattung und schönen Drucken gar nicht 511 reden. Erst die letzten zwanzig Jahre brachten den Beginn einer Wandlung, die nach' deur Kriegsende um so stärker einsetzte. Es kann hier nicht der Ort sein, die großen deutschell unb jüdischen Zusammenhänge anfznzeigen, die diese Wandlung bedingten. Wir freuen uns von ganzem Oerzen des Hungers nach Wissen, der durch die deutsche Jndenheit geht ltnb der, was besonders erfreulich, die Jugend mächtig erfaßt hat. Die „Lehrhäuser" in verschiedenen jüdischen Gemeinden Deutschlands, anch für die nicht gesetzestrenen jüdischen Kreise, sind schöne Beweise von Lerneifer und Lerninteresse. Und nunmehr ist in Berlin mit Hilfe der Jüdischen Gemeinde die Schule der Jugend" errichtet worden, die der Jugend beiderlei Geschlechts eine systematische Fortbildung mif jüdischen Wissensgebieten ermöglichen sott. Dieses Wissen — und hierin liegt der Kernpunkt — wird allerdings zumeist gar rlicht in dein mehr oder minder aufmerksamen Besuche einiger Vorlesungen und Vorträge zu erwerberl sein. Wer tiefer in das Judentum eindringen will, wird sich noch einmal sehr ernstlich mit der Sprache des Gebetbuches und der Bibel zu befassen haben. Und nicht dringlich genug fami das Studium der biblischen und nachbiblischen Texte empfohlen werden, als der wichtigste Zugang 511 den Quellen des Heiligtums. Wie unumgänglich ein solches Studium für den gebildeten Inden ist, hat Hermann Steinthal schon vor Jahrzehnten ausgesprochen. Wer sich einmal irr der heutigen Jugend umgetan^ hat, der sieht, daß jüdisches Wissen fast allen not tut. Das Jude-Sein wird nicht dadurch bedingt, daß man sich laut einer bestimmten Partei oder Richtung im Judentum, sei es der liberalen oder der zionistischen, der deutsch-jüdischen oder irgendeiner anderen, verschreibt. Mit der Mitgliedskarte ist gar nichts gewonnen oder gesagt. Das Jude-Sein wird erheblich bestimmt durch das Maß von Wissen in jüdischen Dingen; nicht etwa im politischen Sinne, sondern vor allem durch eine gediegene, durch hebräische Kenntnis verstärkte jüdische Bildung. In allzu besorgten Kreisen wird Forderung jüdischen Wissens scholl von vornherein als eine Minderung unseres Deutsch-Seins angesehen. Das sollte wahrlich ein vollkommen überwundener Standpunkt sein. Unser Deutschtum wurzelt viel zu fest in uns, um durch jüdisches Wissen auch nur im leisesten in seiner Festigkeit berührt zu werden. Nt an che können es sich naht abgewöhuen, derartige jüdische Bestrebungen nur im Zusammenhang mit zionistischen zu sehen. Die „Schule der Jugend" steht alfen jüdischen Richtungen, also auch den Zionisten und Nichtzionisteu, offen und wird von ihnen getragen. Der Eifer und die Propagandafreudigkeit der Zionisten ist gewiß nicht 51t' unterschätzen. Aber es wäre eine wahrhaft charakteristische Schwäche, wollte die Jllgend unserer Anschauung anch nur im mindesten nationaljüdischen Bekehrnngseifer fürchten. Unsere Stellung zll Deutschtum und Judentum steckt tief im Herzell. Jenseits aller Verstaudesbetrachtnng, jenseits alter Dialektik. Wer dllrch geschickte Worte, wer dilrch Ueberredung sich an seinem Deutschtum irrelnachen läßt, all dein ist --- in unserem Sinne gesprochen .- llicht viel verloren. Wir fördern die „Schule der Jugend" mit ganz besonderer Hingabe. Ohne Wissen' kein Judentum. Ohne Wissen fein w i r f l i ch e r E e ll t r a l v e r e i 11. Denn all eh in unseren Reihen muß immer stärker und stärker das Bewußtsein sich durchsetzen, daß nur mit ganzer Kraft das verteidigt werden kann, was wir besitzen, und nicht das, lvas ein paar Schlagworte uns schlechthin illllreißeil. W i r lv ü n s ch e n n n s eine denk s eh - j ü d i s ch e I ll g e n d, g e t r a g e ll v 0 n n msas s e n b e m n n d g r ü n d - l i ch c lli W i s s e ll i n j ü d i s ch e n D i u g e n , z n d e nt — und das ist selbstverständlich — erfahren und bewandert in deutscher Vergangenheit. Möge die „Schule der Jugend" bem jüdischen Wissen und der jüdischen Jugend eine ernste Stätte des Lernetls unb der Fortbildung sinn. Renaissance -es Iu-eritums. Auch wir wollen innere Wiederbelebung, Renaissance des Judentums, nicht ^Assimilation, stolz in der Eigenart mw unserer geschichtlicheil ( F u ch s in „Glaube unb Der Wille zu einer iuuercn Wiederbelelmng des Judentums hat gerade die jüngere deutschjüdische Generation mit am stacksten ergriffen. Ihr Wille entspringt einer tiefen Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zrrstand des Judentums und der Zudenheit. Mag fein, das; jedes neue Geschlecht in der Meinung auswächst, erst ihm erwüchse die Ausgabe, das Judentum neu zu gestalten: „die Welt, sie war llicht, eh ich sie erschuf". Aber es ist doch bedeutsam, das; anch Menschen in Gereiftem Alter zu einer Zeit, als von Renaissance des Judentums noch nicht so häufig nlld nicht so leidenschaftlich wie heute gesprochen wurde, die Notwendigkeit einer Wiederbelebung betont worden ist- „Mosche empfing die Lehre twm Sinai und überlieferte sie denl Jehoschua unb Iehoschna den Ael testen unb die Klette sieu den Propheten und die Propheten den Männern der großer; Versammlung." Die viele Jahrtausende alte Kette der Ueberliefernng scheint in unserer Zeit zerrissen zu sein- Wer hat uns Iudeutmn so gelehrt, lvie es unseren Vätern gelehrt worden ist: das ist: in einer unser ganzes Leben bestimmenden, ihm die Richtung weisenden Art? Wie viele von uns stammen ans einem so sicheren, aufrechten, jüdischen Milieu, wie cs der Generation vor; Engen Fuchs vergönnt war? In der Tat: die Entwicklung, die nufere Zeit genommen hat, kann nicht Zurückgeschraubt werden. Wir Jüngeren bejahen freudig die Umwelt, die geistige der abendländischen Wissenschaft und die leiblich-seelische des deutschen Volkes. Aber es drängt uns, unsere seelisch-leibliche Vvrwelt mitten in dieser uns gesangcnnehmenden Umwelt neu zu gestatten. Die Wege, die die Jugendbewegung in dieser Richtung gegangen ist, haben altein nicht zum Ziele geführt. Wohl fand sich eine Gemeinschaft von Menschen mit gleichen Zielen unb mit gleicher Haltung. Aber die Entdeckung, „daß nnfer Iudeutmn in uns reicher ist als wir denken", erseht noch nicht das unumgängliche Wissen von dem, lvas die ganze jüdische Geschichte geschaffen hat. Je weniger wir heute wissen, wo wir an jüdisches Ueberlieferungsc\\\i anknüpsen können, nur so gebieterischer erhebt sich die Forderung, daß wir möglichst alle Partien der jüdischer; Ueberliefernng und alle Enranationen jüdischen mtwicklnng Ixen bleiben. (Engen Heimat".) Geistes kennenlernen. Um ein derartiges „Programm" anch mit annähernd zu erfüllen, fehlte cs in der Jugend, insbesondere in der derrtsch - jüdischen, an geeigneten Lehrkräften. So versucht die irr Berlin eröfsrrete Schule der jüdischen Jugend, gleich arrderloärts gemachten Versuchen, das Nebel bei der Wurzel zu packen. Der jetzige Lehrplan wird gewiß noch viele Lücken anfloeiserr, aber besser ist, lvenrr sich int Kreis der Hörer imb Schüler ein dringendes Bedürfnis wachhält, als daß .Kurse ans Mangel an Beterligmrg anssaüen. Der Lehr- und Lernbetrieb wird dadurch gekennzeichnet fein, daß der Wissensstoff nicht um des Wissens im registrierenden Sinne gelehrt werben soll, sondern es imif; noch in der „sachlichsten" Stunde etwas davor; spürbar sein, daß es sieh hier um Dinge handelt, die der; ganzen Menscher; und den Inder; in rn;s besonders angehe n. Diese persönlichere Sphäre bedingt es auch, daß Lehrer rmd Schiller dieselben Personen sein kömnn;. Denn jeden Augenblick kann es geschehene daß der Schüler eher als der Lehrer die freudige „Entdeckung" macht, daß der etwa gerade behandelte Text zu ihr;; etwas Gestattendes zu sagen hat. Anderseits wird die Schule intensive, ernste Arbeit verlange!; müssen. Wer nur für einen oder n;ehrere Abende angeregt werden Null, wird aus der jüdischen Not unserer Zeit nicht herausgelangen- Ob die Schule diesen Erfolg haben und welche Ergebnisse sie im einzelner; zeitigen wird, wissen nur rnckrt und wollen wir anch gar nicht Nnsser;; denn gerade die vielfach angewcndete Methode, das Ergebnis unserer Bemühungen um Judentum vorweazunehmen, indem mein nur das „Wesentliche" lehrte, hat den Entdeckungswitlen der Jugend unberücksichtigt gelassen und eine geistige Oede geschaffen. Wie dem aber anch sei, der reizt begonnene Versuch wird erweisen, ob die deutsch-jüdische Jugend fähig ist, in den Gegebenheiten ihrer deutschen ilmwell und rieben den Aufgaben, die diele mt sie stellt, ihren „jüdischer; Innenraum" zu schaffen. Daß sie dabei mit der zionistischen Jugend ziisammenaebt, geschieht nicht, 11111 die Gegenfäüe zu verwischen, sondern in der Erkenntnis. daß die Zentralisierung der Kräfte dem Gan',en znnuhe sein und die gegenseitige Achtung fördern, damit zzber auch aus dem Kamp; der ^chlagwörter heranssühren wird. Dr. Ernst .Heinrich Seligsohtt. Ein beöeutungsvoller Anfang. Tie Schule der jüdischen Jugend beginnt Wirklichkeit zu werden. Junge Menschen säst aller Richtungen und Parteien des deutschen Judentums haben sich znsammengesnnden, tun. die jüdische Bildnngsarbeit. auf die die jüdische Jugend unserer Tage nicht verzichten kann und will, in Gemeinsamkeit zu leisten. Diese gemeinsame Tat der jüdischen Jugend Berlins soll aber nach dem Willen aller, die schon heute an ihr tätigen Anteil haben, nicht 31t ■ einer Verwischung der vorhandenen Gegensätze führen; ganz im Gegenteil: es liegt im besonderen Interesse der Schule, daß alle Richtungen gleich-- berechtigt miteinander arbeiten. Achtung vor jede m jüdischen Standpunkt, jufen; er nur in irgendeinem Sinne positiv ist und ernsthast vertreten wird, ist die Grundlage, ans der die Schtcke anfgebant ist. Bei der gemeinsamen sachliche;; 'Arbeit finden die Menschen der verschiedensten Parteiemstellungen als Menschen den Weg zueinander und schlagen Brücken der Verständigung, die hoffentlich einmal den Parteikampf im Berliner Gemeindeleben aufs entscheidendste entgiften werden, ilnd deshalb Null gerade die deutsch- " " . 1 . e» „

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