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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · p. Seite 48

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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Am gleichen Abend, an denn die Suche mit dem Konsul passierte, haben nachher in Abständen von etwa 15 Minuten zwei weitere Ueber-- sälle auf je zwei Personen stattgesnnden. Daran will keiner der Angeklagten — außer Thel e n — beteiligt gewesen sein, ivenigstens wurde das in der Verhandlung gesagt. Vor dem^lntersuchungsrichter hatte dagegen jeder schon ein Teilchen seiner schuld zugegeben. Einige hatten zwar „Menscheutnanel" gesehen, waren aber als friedliebende Bürger sofort vorbeigegangen. Einer war nur in die Bahnhofstraße gegangen, um sich mit Bahnhof die „Nachtausgabe" zu kaufen. (Der Brave, ein 22jähriger Arbeiter, bekam dafür fünf Monate, trotzdeut gerade er in der Voruntersuchung nichts zugegeben hatte, sondern in einer ganz anderen Gegend gewesen sein wollte.) D r e w n i o k, Klempner, urgermanische Gestalt - wie der Name —, 20 Jahre alt, erklärte, „wenn er es gemacht hätte, würde er viel zu stolz darauf sein, es abznstreiten", aber leider sei er mit einem Dienstmädchen in den „Bürgerpark" gegangen. Für diese Behauptung gab er einen Zeugen an, der sich aber an nichts mehr erinnern konnte. Heldentum! Eine weitere Zierde der Anklagebank: der 19jährige Knecht B r a n d t. Sein Vater, ein Demokrat, warf ihn hinaus wegen seines Hitler-Noiodhtunts. Besonders guter Nationalsozialist, denn er hat schon Monate vorher den Kaufmann R e w a l d ans offener Stratze diverse Male beleidigt. schließlich Ließ Newald ihn im Bahnhof einmal feststellen. Da wollte Brandt den Beleidigten nicht gemeint haben. Vor Gericht verteidigte B r a ndt sich damit, daß er ja stark schiele und Rewald nicht habe wissen> können, ob er ihn an blicke!^ Sonderbarerweise erhielt der Zeuge Retva-ld als er nach dieser Sistierung ans dem; Bahnhof heranstam. Plötzlich einen gewaltigen Tritt. Eine ihm unbekannte Person tief eilends davon., sie wurde nie ermittelt. Ein weiteres Opfer der Bande wurde der Graphiker W e i c z. Ihm verstellten fünf Burschen den Weg, als er ansnwichen wollte, erhielt einen Schlag ins Gesicht, der ihn 14 Tage arbeitsunsähig machte. An dieser Heldentat waren ausser T h e t e'n und B r a u d t auch der 19jährige Drogist M a s ch beteiligt. Zwei Angeklagte sind in Borstehendem nicht erwähnt. Nicht chm weil sie i reuig er schuld find, sondern weil sie besonders erwähnt zu werden verdienen. Beides sind nämlich Lehrlinge, der eine war zur Zeit der Begehung der Tat keine 18 Jahre alt, sondern 15 (fünfzehn Jahre!). Das sind die Retter Deutschlands! Der besonders eklatante Fall des Kaufmanns B l u m e n t h a I, dem beim Uebersall der Hut gestohlen lvnrde, mußte abgetrennt werden, weil der Schuldige jur See fährt. Ferner wurde das Verfahren gegen einen Nationalsozialisten abgetrennt, der von Bremen unbekannt verzogen ist. In zwei Füllen sind die Schuldigen nicht ermittelt. Ter eine Fall betrifft einen Italiener, der in Hamburg wohnen soll, aber dem Gericht nicht bekannt ist. Der zweite Fäll ist so gelagert, daß man auch den Versuch eiues unpolitischen Raubüberfalls 'annehmen kann. O b e r st a a t s a n w a l t D r. L ö it t n g stellte in seinem Plädoyer fest: „Unzweifelhaft hat sich ergeben, datz die Nationalsozialisten sich verabredet haben, durch die Strotzen zu ziehen, um Inden zu verprügeln. Sie hatten hierzu keinen Grund; niemand hat ihnen etwas getan, noch sie gereizt. Allo Angeklagten sind als Mittäter vevantivortlich, denn sie sind zur Begleitung ^des Täters und zur Deckung seiner Flucht mitgegangeu. Trotzdem kann von Landsriedensbruch nicht gesprochen loerden. Wenn eine bestimmte Personenzahl oder etwa Mitglieder eines Vereins sich verabreden, andere Personen zu schlagen, so liegt nur gefährliche Körperverletzung vor. Es fehlt die öffentliche Zusammenrottung, die das Gesetz erwähnt. Landfriedensbruch ist es nur, wenn Unbekannte, Außenstehende mitgerissen werden können." Die Schwere der Verletzungen spiele in solchen Fällen keine Rolle, meint der Staatsanwalt, die T a t s a ch c, d a ß bi c 9t uh e der Stadt gefährdet sei, genüge, um die Forderu-ng einer exemplarischen Strafe zu begründen. Rechtsanwalt D r. Abraham als Vertreter der Nebenklüger schließt sich dem. Strafantrage des Staatsanwalts in formvollendeter Ned-e an. Der Beweis für das Vorliegen des Landfriedensbruchs sei leider nicht erbracht, weil die Angeklagten nicht festgesetzt seien. Eine wirkungsvolle Bestrafung wäre besonders notwendig. Die Angeklagten hätten es gewagt, während der Gerichtspause außerhalb des Saales Flugblätter zu verteilen. Leitsätze des Gerichts müßten in solchen Fällen sein: 1. Die Ruhe und der Friede des Volkes dürfen nicht gestört werden. 2. Auch vor Andersdeutenden mutz jedermann Achtung haben. 3. Jede Verhetzung der Jugend mutz unterbunden werden. Der Verteidiger Dr. Mahlstedt hält alle Ausführungen des Oberstaatsanioalts und des Vertreters der Nebenkläger für maßlos übertrieben, unrichtig oder ganz falsch. Irgendein Leitmotiv seiner Verterdigungsrede lvar nicht festzustellen. Er vermied auch jeglichen Antisemitisntus. Das Urteil lvurde nach über eiustüudiger Beratungsdaner verkündet. Das Gericht schloß sich den Anschauungen des' Oberstaatsanwalts und der Vertreter der Nebenkläger in allen wesentlichen Punkten an. „Die Tat des einen ist auch die Tat des anderen. Es ist ziemlich gleichgültig, wer geschlagen hat, wesentlich ist das Zusammenwirken." Darum werden folgende Strafen wegen gemein s ch a f t (i ch e r s ch lv e rer ' K ö r p er Verletzung verkündet: Kraftfahrer: Theken- (in 1 Fällen Arbe.itev"H e s s e („ .3- „ Lehrling Schmäde ck e ( „ 2 „ Drogist M a s ch ( „ 4 „ Elektriker E b e r t e i n ( „ 1 „ Knecht Brandt („ 1 „ Klempner D r e ui n i o k („ 1 „ Lehrling Brüggema it n ( „ 2 Thelcn ist sofort in Haft zu nehmen. erwiesen) zu 1. Jahr Gefängnis, ’U ) „ 5 Monaten Gefängnis, 4 ,t „ 6 „ „ 4 4 3 3 Wochen „ 3>ic_ gegen Eberlein und Brüggemann erkannten Strafen wurden mit Bewährungsfrist bis 31. Januar 1932 ausgefcht ZmmuniSätsdedatte im preußischen Landtag.! Die Schimpffreiheit hört auf. Wir mußten die Oessentlichkeit immer wieder auf den Mißbrauch Hinweisen, den völkische Abgeordnete systematisch mit ihrer Immunität^ treiben. Wir, die wir Pflichtgemäß völkische Beschimpfungen unserer Religion, nationalsozialistische Verleumdungen'und ähnliche Vergehen zur Rechenschaft ziehen, standen immer lvieder vor der bedauerlichen Tatsache, daß sich der verantwortliche völkische Redakteur t auf Grund seiner Immunität einer Gerichtsverhandlung zu entziehen \ wußte. Etwa 21 völkische Zeit u n gen, das ist die M e h r heit aller n a t i o n a l s o z a l i st i s ch cn Orga « e; lo e r d e n von A b g e o r d n e t e n als verantwortlich e n Redakteuren gezeichnet. Der Abgeordnete Straffer ist allein für z e h it bis elf Z e v t u n g e n v e r a n t io o r 11 i ch. Er beruft sich zwar daraus, daß es sich nur Kopsblütter handle; aber j es muß ihm entgegengehalten werden, daß jedes dieser Blätter I einen lokalen oder provinziellen Teil hat. Gerade in diesem Teil 8 finden sich Angriffe gegen örtliche Gegner, die Herr Straffer bez stimmt nicht kennt. Erfreulich, daß die von uns imuter wieder A und wieder erhobenen Bedenken jetzt auch von den verantwort- 8 lichen Stellen gehört worden sind. 1 Im preußischen Landtag gab es am 22. Januar eine heftige 1 Debatte um die grundsätzliche Frage, ob ein Abgeordneter eine I Zeitung, die er nicht selbst redigiere, verantwortlich zeichnen 1 dürfe. Ein deutschnationaler Antrag wollte Vorkehrungen gegen 8 diesen Mißbrauch der Immunität schassen. Er lvurde angenommen 1 und nach heftiger Debatte, in der die Nationalsozialisten Obstruktion ß trieben, wurde die Strafverfolgung der Abgeordneten Dr. Letz I und Kaufmann in verschiedenen Fällen genehmigt. Auch 1 die Deutschnationalen bekannten, -atz sie die Methode des Herrn Dr. Lch und seiner Gesinnungsgenoffen (Auswertung des Daube-Hußmann-Prozesses zu Ritualmordverleumdnngen) scharf mistbittigten. Diese energische Stellungnahme des preußischen Landtags, dem der Reichstag mit der Aushebung der Immunität des Abgeordneten | Stra s s e r mit gutem Beispiel vorangegangen ist, wird hoffentlich Z gute Früchte zeitigen. Herr Dr. Ley wird jetzt in Köln Gelegenheit 1 haben, für seine Ritualmordbehauptungen den Wahrheitsbeweis anj zutreten. Hoffentlich wird ihm das Kölner Schöffengericht Gelegenz heit geben, darüber nachzudenken, daß es sich nicht entpsiehlt, die 1 jüdische Religionsgemeinschaft mit solchen ungeheuerlichen Verleimt- | düngen zu beschimpfen. __ | sius -er Arbeit -es <£. v. I Landesverbanbstagnng in Dessau. Bezirtstagnng I in Schivelbein. # Der Landesverbaud A nbalt des Centralvereins hielt unter ß Leitung seines Vorsitzenden, Staatsrat a. D. Dr. Cohn, am 6. Januar 1 eine überaus stark besuchte Tagung ab. In einer internen Nachmittags- I Versammlung sprach Direktor Dr. Ludwig Holländer über „Vertrau- 1 liches aus der Arbeit des Centralvereins". Eine lebhafte Auswrache schloß 8 sich an. Abends sprach Dr. Ludwig Holländer vor der Gemeinde in 1 nbersüllteru Saal über „Tie Politischen und wirtschaftlichen Sorgen des 1 deutschen Judentums". Sein Vortrag fand begeisterte Ausnahme. Die Ver- 8 anstaltungen bewiesen -den starken Rückhalt, den der Centralverein an den g anhaltischen Juden hat. c 1 In Verfolg der Auftlärnngsarbeit, die der Landesverband P o m m e r n - i Grenzmark in diesem Winter in erhöhtem Umfange innerhalb der 1 christlichen Bevölkerung betreibt, fand am Sonntag, 19. Januar, in I Schivelbein eine Gemeindeversammlung statt, zu der auch zahlreiche 8 hervorragende christliche Persönlichkeiten geladen waren. Unter anderen ß waren der Landrat, der Bürgermeister, der Superintendent, der Studienß direkwr des dortigen Realgymnasiums, Vertreter der (Geistlichkeit, der | Lehrerschaft, der Rechtsanwälte, der Bahnbeamtert der Einladung gefolgt. Syndikus Arthur Schweriner (Berlin) sprach über „Die soziale Idee im Judentum einst und jetzt". Aus der ^Aussprache sind besonders die 'Ausführungen eines Geistlichen bemerkenswert, der betonte, er habe in Schivelbein zum ersten Male Gelegenheit gesunden, überhaupL mit jüdischen Persönlichkeiten in Fühlung zu treten, und durch diese Fühlungnahme seien viele Vorurteile, die er früher gehegt habe, geschwunden. Am Sonntag, 20. Januar, fand sodann eine Bezirkstagung statt, die von zahlreichen Ortsgruppen ans der Umgebung von Schivelbein besucht wurde. Syndikus Arthur Schweriner (Berlin) erstattete im Aufträge der Zentrale einen vertraulichen Bericht, wälirend der Syndikus für Pommern-Grenzmark, Hans Oppenheimer, über „Die zukünftigen Ausgaben des Centralvereins innerhalb des Landesverbandes" sprach. In der Diskussion wurde von vielen Seiten die Ansicht vertreten, daß der Centralverein seine Tätigkeit viel mehr aus seinem Mitgliederkreise \ heraus in die christliche Oessentlichkeit verpflanzen müsse. Für den überaus erfreulichen Verlauf der gesamten Tagung ist dem Vorsitzenden unserer dortigen Ortsgruppe. Dr. M e h e r s o h n , und feinen treuen Helfern, die es sich nicht nehmen ließen, die Gäste von außerhalb bei sich.in Privatgnartier zu nehmen, besonders zu danken.

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