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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · p. Seite 46

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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die durch besondere materielle oder immaterielle Interessen dem ehemaligen Hof verbunden sind, sogar heute noch als zur Nacheiferung verpflichtend angesehen wird. All dies,' die starke Agitation, die besonders auch bei den Kommunalwahlen Erfolge erzielte, die mangelnde Abwehr, die Hilfsstellung des .Landbundes, die Eigenart der wirtschaftlichen Struktur des Landes und der Einfluß des ehemaligen Herzogshauses, hat mit der Schwäche des früher freisinnigen Bürgertums zusammengewirkt, um in Koburg heute eine antisemitische Bewegung von solchem Ausmaß und so unerfreulichen Auswirkungen erstehen, zu lassen, daß sie ernste Beachtung nicht nur bei der Gesamtheit der deutschen Juden, sondern darüber hinaus bei allen denen fordert, die in der nationalsozialistischen Propaganda eine schwere Gefahr für die seelische Gesundheit des deutschen Volkes und eine Kulturschande sehen. K o b u r g ist mit der stärkste, aber nicht der einzige Stützpunkt der Judenfeinde in Obersranken. Auch B a y r e u t h und H o s sind heute Hochburgen der Hitlerianer, und das schöne deutsche Land zwischen Saale und Obermain droht heute ganz ein Opfer phrasenhaft verbohrter, verantwortungsloser Judenhetze zu werden, wenn nicht noch rechtzeitig sich alle wahrhaft deutsch und christlich Gesinnten zusammenschließen zur Abwehr einer Bewegung, die der Lehre des Nazareners, den Fundamentalsätzen menschlicher Sittlichkeit ebensosehr ins Gesicht schlägt wie den besten Traditionen deutscher Geistigkeit. * In den letzten Wochen hat, wie bekannt, das schleswigholsteinische Landvolk eine schwere Erregung ergriffen. Gerechterweise wird zugegeben werden müssen, daß die Notlage der Landwirtschaft in einzelnen Teilen des Reiches, besonders auch in Schleswig-Holstein, augenfällig in die Erscheinung tritt, zum Schaden nicht nur des Bauernstandes, sondern der gesamten deutschen Bevölkerung. Und jeder gerechte Deutsche wird von ganzem Herzen wünschen, daß die zuständigen Behörden mit aller Energie die notwendigen Hilfsmaßnahmen für die landwirtschaftliche Bevölkerung einleiten und durchführen. Wir bedauern, daß nur diesen Worten, die von einem allgemeinen deutschen Standpunkt geschrieben sind, noch einrges vom j ü d i s ch e n S t a n d p u n k t hinzufügen muffen. Wer die wirtschaftlichen Verhältnisse im Reiche wirklich kennt, kann darüber keinen Augenblick im Zweifel fein, daß die N o t l a g e der Landwirtschaft m i k j ü d i s ch e u Dingen an ch nicht das allerg e ri n g ste zu tun hat. Aber wer den staats- und o r d n u n g s z er stören den Charakter des Nationalsozialismus und eines großen Teiles der völkischen Bewegung kennt, wundert sich keinen Augenblick darüber', daß er sich sofort der Notlage der schleslvig-holsteinischen Landwirtschaft in seinem Sinne angenommen hat. Agitator über Agitator wurde nach Schleswig-Holstein entsandt, Flugblatt über Flugblatt, größtenteils mit ausgesprochen judenseindlichem Charakter, in die Bevölkerung geworfen. Wenn in den letzten Wochen die Zustände in Schleswig-Holstein sich hier und da fast anarchisch zugespiht haben, so weiß jeder Kenner der Verhältnisse genau, daß diese Zustände keineswegs dem Willen aller verantwortungsbewußten politischen Parteien entsprechen, noch weniger dem ruhigen, ordnungsliebenden Sinne der schleswig-holsteinischen Bauern. Es ist lediglich die Saat der nationalsozialistischen Bewegung, die hier wieder einmal aufgeht, und zwar gewiß nicht zum Nutzen der notleidenden Landwirtschaft. Triumphierend druckt die „Deutsche Wochenschau", das Organ des Generals Ludendorff (vom 6. Januar 1929, Nr. 1) einFlugblatt ab, das an seinem Kops den Totenkopf trägt, und das, wie das Organ des einst so verehrten Heerführers mitteilt, „besser als alle Versammlungsberichte die Stimmung im schleswig-holsteinischen Lande zeige". Das Flugblatt ist überschrieben „Jüdischer Verrat am deutschen Volk". In ihm werden die gesamte Steiwrpolitik der Regierung und die Inflation den Juden in die schuhe geschoben. Der Schluß Des Flugblattes lautet: ,,Der Bauer steht auf im Laude, Gnad" Gott Dir, JuDenfchaft!" Solche offenen Drohungen, solche Aufreizungen zur Gewalttat sind den Völkischen, selbst Ludendorsfschen Schlages, gut genug, um ihr Süppchen zu warmen. Wer die Leidtragenden solcher nichtswürdigen Gewaltpolitik sind, wird ja die Folge lehren. Nachstehend veröffentlichen wir eine Aus ch r i f t a u s Schleswig-Holstein, die die Lage dort beleuchtet: „Es ist eine alte Feststellung, die man immer wieder machen . muß: Nichts wird von den Nationalsozialisten zu ihren Agitationszweckelt so sehr mißbraucht wie die in unserem Volke vorhandene wirtschaftliche Notlage. Ein lehrreiches Beispiel hierfür gwL das gegenwärtige Verhalten der Nationalsozialisten in Schleswig- Holstein hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedrängnis, in der sich zurzeitzweifellos wette Teile der schlesw i g-hols te hu scheu: Landwirtschaft befinden. Die Nationalsozialisten kümmert es dabei wenig, daß diese Not innerhalb der schleswig-holsteinischen Landwirtschaft nicht etwa e i ne typi sch schleswig-holsteinische, ja, nicht einmal eine rein deutsche Erscheinung, sondern die Auswirkung einer allgemeinen Agrarkrisis ist, unter der im Augenblick die ganze Welt Leidet. Cs ist noch stets so gewesen und psychologisch auch vielleicht verständlich, daß der Mensch, der sich in wirtschaftlicher Not befindet, in seiner Unzufriedenheit geneigt und bereit ist, ohne jede tiefere Nachprüfung auf denjenigen zu'hören, der ihn aus den angebliche n S Huldige n an seiner Notlage"' hinweist. Und hier nun setzt fast regelmäßig die nationalsozialistische Agitation ein, für die es selbstverständlich von vornherein feststehende Tatsache ist, daß die Ursache aller wirtschaftlichen Not, mögen die Quellen auch noch so. offen zutage liegen, der »Jude' ist. Ist eine solche Handlungsweise schon bezeichnend genug für den bei den Nationalsozialisten vorhandenen »völkischen Geist', so ist die Art und Weise, wie sich die nationalsozialistische Agitation betätigt, überaus verwerflich. Sie ist aber auch äußerst gefährlich, weil sie das staatliche Leben bedroht und Verhältnisse yerausbeschwören kann, die sich dann unter Umständen geradezu verhängnisvoll auswirken müssen. Es heißt nichts anderes als mit dem Feuer spielen, wenn sich in den verschiedenen, meistens überfüllten landwirtschaftlichen Protestversämmlungen, die in letzter Zeit in Schleswig-Holstein stattgefunden haben, und wo oft genug eine Erregung bis zur Siedehitze unter den versammelten Bauern zn verzeichnen war, Ausdrücke von nationalsozialistischen Rednern wie: -Der Hauptschuldige ist der Jude" — ,Der Jude Witt uns von unseren Höfen vertreiben" — ,Tod und Verderben den Inden und Jndengenosien, Tod und Verderben dieser fremden Raffe!" fielen. Diese wiedergegebenen Aussprüche sind aber nicht etwa nur Leistungen einzelner weniger Versammlungsteilnehmer gewesen, sondern ähnliche -Bemerkungen" sind — leider — eine ganze Reihe getan und mit Beifall (!) ausgenommen worden. So sehr man auch letzten Endes davon überzeugt fein mag, daß auf dieDaue r der schleswig-holsteinische Bauer nicht zu haben ist für eine Agitation, die andie niedrigsten Instinkte appelliert, mW daß er eines Tages von selbst die wahren Beweggründe jener Hetzer erkennen wird, so verkehrt wäre es, sich beit Gefahren zu verschließen, die für das staatliche Leben entstehen können, n>enn die Leidenschaften weiter tute bisher ausgestachelt und aufgewühlt werden."' Diese Zustände in Schteswig-Holstein haben schon feit Wochen die Aufmerksamkeit der maßgebenden politischen Parteien erregt. So ist im preußischen Landtage folgende Anfrage Der Abgeordneten Peters, Hochvoru uuD Genossen (S. P. D.) eingebracht worden: „Die völkischen Treibereien in der Marschgegend in Schleswig- Holstent nehmen in letzter Zeit überhand. In zahlreichen Fällen werden die Bauern aufgefordert, mit Gewalt für sich zu sorgen. In der .Dithmarschen Zeitung', teilweise auch im »Rendsburger Tageblatt', erscheinen »Eingesandt', die znm gewalttätigen Vorgehen der Bauern gegenüber der Arbeiterschaft in dem Staate anffordern. Ein Einsender schreibt in der 'Dithmarschen Zeitung,: .... Die harte Faust des freien Bauern müsse die Gewalt mit Gewalt beantworten und der Diktatur des Proletariats die Diktatur des deutschen Landvolkes entgegensetzen.' In einem anderen Eingesandt tvurde bedauert, keine Waffen im Besitz zn haben. Doch tröstend wurde hinzugefügt: »Aber auch die Roten verfügeir über moderne Großkampfmittel nicht, und zur Not werden Forke und Sense in der Bauern Faust die Leiber in Schach halten? Gegen die bürgerlichen Mahner zur Einsicht wird mit Hohn und Spott vorgegangen. Das heutige Staatsshstem wird als korrupt bezeichnet, das restlos beseitigt werden tnuß. Bis jetzt ist nicht bekanntgeworden, daß in irgendeiner Weise gegen eine derartig rüpelhafte nnd schädliche Agitation eingeschritten worden wäre. Wir fragen daher: »Ist das Staatsministerium bereit, seine Organe anzuweisen, mit allen Mitteln gegen diese Verhöhnung der Staatseinrichtungen und Bedrohungen politisch Andersdenkender energisch einznschreiten?'" Der preußische Minister Des Innern hat Darauf folgende Antwort an Den Präsidenten des Landtags erteilt: „Die bedauerlichen Versuche, unter mißbräuchlicher Ausnutzung der unverkennbar schwierigen^wirtschaftlichen Lage des bäuerlichen Besitzes in der Marschgegend Schleswig-Holsteins eine die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdende Bewegung zu entfachen, werden von der Staatsregrerung aufmerksam beobachtet. Soweit Kundgebungen, Presseäußerungen und sonstige Handlungen den Verdacht einer strafbaren Handlung begründen, wird durch Einleituuc von Strafermittlungsverfahren' dagegen eingeschritten *

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