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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · p. Seite 45

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
Seite 45 (sequence 1)
Language
German
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Den Antisemitismus, gesellschaftlich verborgen oder politisch-offenkundig,'finden wir Zwar im ganzen Deutschen Reich verbreitet^ aber einige Gebiete und Städte können darüber hinaus den traurigen Ruhm in Anspruch nehmen, Hochburgen und Brutstätten dieser traurigen Erscheinung zu sein. Das gilt auch von dem idyllischen Frankenstüdtchen Koburg, einst unter Herzog Ernst II. ein Ausgangszentrum deutschen Einheits- und Freiheitsstrebens. Bei den letzten Reichstagswahlen vereinigten in Koburg D e u t s ch n a L i o n a l e , N a t i o n a l s o z i a l i st e n und D e u t s ch v ö l k i s ch e, also die Parteien, die versteckt oder offen dem Judenhaß huldigen, rund zwei Drittel aller abgegebenen Stimmen auf ihre Kandidaten, was allein als äußerer Maßftab für die Stärke der völkischen Bewegung in dieser Stadt gelten kann. Es wäre aber verfehlt, sich mit dieser Feststellung zu bescheiden. Biel ernster rrnd viel kennzeichnender sind noch die verschiedenen anderen Auswirkungen der völkischen Agitation in Wirtschaft und Gesellschaft. In Koburg gibt es heute z w e i D e t a i l l i st e n v e r e i n e, einen jüdischen und einen nichtjüdischen. Die Inflation hatte die alte Detaillistenvereinigung zerstört. Als sie nach der Stabilisierung wieder aufgebaut wurde, zeigten sich die ersten Früchte der judenfeindlichen Agitation: den jüdischen Einzelhändlern wurde die Aufnahme in den neuen Verein verwehrt. Wochenlang kämpften sie um ihre Anerkennung, ihr Recht umsonst. Schließlich mußten sie, um die Vorteile der Organisation überhaupt zu genießen, einen eigenen Verein bilden. Doch das ist nicht alles. Langsam aber sicher wirkt sich die geschäftliche Boykottpropaganda der Völkischen aus. Jüdische Aerzte, A n w ä l t e, K a u f l e u t e b e r i ch t e n u n s, daß ihnen zwar ihre alten Kunden treu bleiben, deren Söhne aber, fast die ganze jüngere Generation, lieber zu Nichtjuden gehe. Die Ladenschwelle des Juden ist ihr verpönt, und es bedarf bei der jüdischen Geschäftswelt außergewöhnlicher Anstrengungen, um im Konkurrenzkampf nicht zu erliegen. Darüber hinaus wurden Juden aus den verschiedensten Vereinen, Kriegervereinen und eine Zeitlang namentlich aus Sportvereinen, hinausgeekelt, oder es wurde von den Vereinsleitungen ihre Ausnahme abgelehnt, oder ihr zum mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Eine andere beliebte Methode, die namentlich von Kriegervereinen geübt wurde, besteht darin, die jüdischen Vereinsmitglieder beim Einkassieren der Beiträge geflissentlich zu übergehen, um so die Mitgliedschaft allmählich „einschlasen" oder formell wegen Nichtbezahlung der Beiträge erlöschen zu lassen. Auch die jüdischen Schüler der Mittelschulen Koburgs hatten unter völkischen Hänseleien und zuweilen auch Rüpeleien eines Kreises ihrer nichtjüdischen Kameraden zu leiden, doch ist darin in den letzten Jahren eine merkliche Besserung erfolgt. Ebenso unerfreulich sieht es in der Umgebung Koburgs aus. In N e u st a d t hat fast die Hälfte der stimmberechtigten Bevölkerung bei den letzten Wahlen nationalsozialistisch gewählt. Auch Grub a. Forst präsentiert sich uns als schlimmes Hakenkreuzlernest, wenn auch dort die Mehrheit der Bevölkerung den Nationalsozialismus ablehnt. Ja sogar das flache Land, dessen Dörfer fast nie der Fuß eines Juden betritt, ist in weitem und bedrohlichem Maße der völkischen Wühlarbeit verfallen. Fragt man nun nach den Gründen dieses erschreckenden Anschwellens der völkischen Bewegung im Koburger Gebiet, so ist zunächst festzustellen, daß die Nationalsozialisten, aber leider auch der Stahlhelm, ausgesprochen judenfeindlich und mit unermüdlichem Eifer tätig sind. Sonntag für Sonntag ziehen sie hinaus mit ihren Sturmtrupps, mit Musikkapellen ans die Dörfer und tn die kleinen Marktflecken und kämpfen mit aufpeitschenden Reden und mit Musik um die Seelen der Bevölkerung. Diese Versammlungspropaganda wird unterstützt durch ein in Neustadt b. Koburg erscheinendes übles völkisches Wochenblatt, den „Weckruf", das, gedeckt durch die parlamentarische Immunität eines „verantwortlichen Reoakteurs". früher des nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Dietrich, jetzt des Landtagsabgeordneten S ch i m m aus Bayreuth — beide Volksschullehrer —, Woche für Woche die schwersten Verleumdungen gegen die Juden im allgemeinen und oft durch persönliche Angriffe gegen den jüdischen Bevölkerungsteil verbreitet und auch vor den letzten Widerwärtigkeiten und Häßlichkeiten des persönlichen Kampfes nicht zurückscheut. Erleichtert wird diese hemmungslose völkische Agitation ferner dadurch, daß die nicht antisemitischen Parteien und Verbände dem Treiben der Völkischen keine nennenswerte Abwehr gegenüberstellen. Teils haben sie nicht mehr die Kraft dazu, teils glaubten sie, die nationalsozialistische Bewegung nicht ernst nehmen zu müssen. Die letzten Wahlen allerdings belehrten sie eines besseren, aber jetzt weiß man wieder nicht recht, wie man mit dem starkgewordenen Gegner fertig werden soll. Aus dem flachen Lande erweist sich der Landbnnd, namentlich der Junglandbund, als nicht ungefährlicher Helfershelfer der völkischen Parteien. Auch die wirtschaftliche Struktur des ganzen Gebiets, dessen Bewohner sich vielfach von Heimindustrien nähren, trägt 511111 Erfolg der antisemitischen Agitation bei. In der zahlreichen Heimarbeiterfchast haben Nur nämlich eine proletarische Schicht, vor uns, die, gewerkschaftlich wenig oder gar nicht diszipliniert, seit Jahrzehnten den Nährboden für manche radikal-oppositionelle ja utopistische Bewegungen abgegeben hat. In der Stadt Koburg endlich ist nicht zu verkennen, daß die schroffe, ja g e x a 5 e 3 u aggressiv j u d e n f e i n dl i ch e H alrung des ehemaligen Herzogs und besonders der Herzogin das Emporblühen der Hakenkreuzlerbewegung lange Zeit stark gefördert hat. Waren und sind doch in einer kleinen Residenzstadt die Fäden zwischen Hof und Bürgerschaft naturgemäß viel enger geknüpft als etwa in großstädtischen Residenzen. Deshalb ist es auch verständlich, daß die politische Haltung des Hofes von vielen Bürgern, namentlich solchen. AUS DEM INH ALT t Sühne für die Bremer Ueberiätte. - Die 70* Friedhofsschändung* — „Die Schule der Jugend“, eine Aussprache*

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