Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 35 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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aCessing. Von Julius Bab. Die Blütenbanner weisser Frühlingsbäume haben dir nicht gerauscht. Es raffte dich kein Gott mit Feuerarmen zu sich auf. Und grosse Wellen tönender Musik trieben dir nicht den zielgewissen Kahn. Du sasst im ringsgemauerten Gemach, und in den grauen Steinblock deiner Tage schlugst messend du des Geistes £a/fen Stahl mit gleichem Schlag. — Doch während du ein Menschenangesicht mit immer reinem, immer liefern Zügen aus stummer Masse still entfaltetest, umsprühten deiner Schläge Funken dich und sammelten ein Licht zu deinen Häupten. Hellkreisend wob am Ende eine Glut aus deiner Arbeit sich wie göttlich Feuer um deine harigeformte Menschenstirn. Da barst der Kerker deines Arbeitsraumes in seiner Wärme — und ein Fenster ward — und Gottes Sonne stieg dir ins Gemach. Zwar war der Frühling längst vorbeigerauscht, zwar war nun Winter und, die weisse Kühle des Schneefelds atmend, kam das laue Gold der Sonne zu dir — doch es floss ein Klang her aus der grossen Reinheit seiner Weite, ein Klang, der doch mit seiner ^/aren Kraft dein Arbeitshaus, dein Werk und dich umhüllte, und doch mit Wellen tönender Musik den Kahn dir zielgewiss hinüberlenkte — ins Ungemessene. (Fortsetzung von Seite 34.) Und hiermit ist der Begriff ausgesprochen, der in der gesamten schauspielerischen Gestaltung der Nathan-Figur bis heute unausgesprochen blieb: die Idee! In diesem Drama Lessings geht es um etwas: es geht um die Behauptung einer großartigen Einsicht und um die Uebertragung Durchsetzung einer Erkenntnis! Um die persönliche dieser Einsicht aus Andersdenkende — aus durch Landschaft, Klima, Stammeseigentümlichkeit und Religion notwendig Andersdenkende! Und diese Idee trägt und überträgt ein Jude! Jedes Uebertragen aber bedeutet Kampf. Jedes Tragen und Auseinandersetzen einer Idee bedeutet Kampf — dazu: Zähigkeit, Energie, Bewegung. Welcher Nathan-Darsteller aber hätte es gewagt, von solchen Gedanken her den Nathan zu formen? Sie alle halten sich an den Weisen! Sie alle sind mit' 'Sey delm a n n: der gütige Vater! <L-ie alle wirken vom Gemüt her aus das Gemüt! Sie alle bauen auf die Ringerzahlung hin und geben in ihr ein rhetorisches Meisterstück. Aber sie geben mit dieser Ringerzählung nicht den Herzpunkt der Lessingschen Idee und nicht den genial inspirierten, entscheidenden Moment der Nathan-Figur. Wir wollen gerecht sein: einer tat dies — Lewinsky! Er in seiner Ringerzählung hatte etwas Inspiriertes! Er hatte es, weil er die ganze Nathan-Figur aus einem mitreißenden Pathos anlegte. Und mag auch dieses Pathos der Figur bestimmt überall r~—, — -———\ $£oeck/~&andscAi Eigene Vci Raufsstellen in allen grasseren Städten Deutschlands. Erhältlidi in a llen Spezialgeschäften. J da geschadet haben, wo sie mit menschlich seelischen Argumenten überzeugen soll — sein Pathos trug die Ringerzählung über eine weise Betrachtung hinaus zu einem prophetisch aktiven Moment, in welchem Lessings Idee hinreißend aufblitzte. Und auch ein anderer erreichte dies und noch mehr: I f s l a n d. S e y d e l m a n n hatte Jfslands Auffassung verdrängt! Und I m m e r m a n n suchte in seiner Beurteilung von S e y d e l - manns Leistung ergebnislos die Gestaltung der Nathan-Figur in einer anderen Richtung als der eines „Herderschen Humanitätspredigers". Diese andere Richtung hatte Jssländ schon mehr als 25 Jahre vorweggenommen (Mannheim, September 1811). Er hatte den Mut, Nathan nicht als Vater und Weisem, sondern als Kämpfer um eine Idee, als den seine Erkenntnis lebendig tragenden und auch unbeirrbar übertragenden Juden zu gestalten. Ergab seinem Nathan das großartige Temperament der aufklärenden Vernunft, wie sie Voltaire, N o u s s e a it und Lessing selbst zu eigen war. Er gab ihn zudem scharf, schlagend, schnell und witzig. Wie berührt sich diese Auffassung in allen Punkten mit Lessings eigenem Wesen: diese scharfe und schlagende Geistigkeit! Dieser rastlose Trieb nach Wahrheit, der von einer Weisheit als Zustand nichts wissen will. Wie das zusammentrisst mit der Behendigkeit jüdischen Geistes. Wie das zugleich der Lust des Orients entspricht. Wie in solcher Auffassung der Großkaufmann Nathan lebendig wird, der aus Dromedaren zum Euphrat und Tigris reift und Menschen aller Art, Fürsten und Volk, Christen und Mohammedaner kennen, schätzen, abwägen und behandeln lernt. Wie nun der geschichtliche Hintergrund wächst: die Kreuzzüge. Und damit eine Zeit geistiger Auseinandersetzungen: eine Geschichte und Geist bildende Zeit. Hier aber setze das Temperament und die Phantasie des modernen Schauspielers ein! Hier setze Fritz Kortner ein! Er ans seiner ganzen Eigenart heraus kann diesen Nathan ern e it e r n. Er kann der Großkausmann sein und der hinreißende Politiker des Geistes. Er kann, ein Ideal zu verwirklichen: klar, einfach und bestimmt ausrufen. Er kann, selbst Jude, seinem Nathan das blutvolle Temperament und die geistige Energie seines Stammes geben. Er kann — mit aller Achtung vor den edlen und hohen'Darstellungen seiner Vorgänger — über Nathan, den weisen, Liebenden und gütigen Vater hinaus, Nathan: den rastlose it E r n e u e rer einer p r o p h e t i s ch s ch ö n e n Idee g e st a l t e u. Aus diese Erneuerung warten wir! ,,. . . Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entspross, ragt hinaus über das Verständnis seiner, und soll ich nicht auch sagen ~ unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, dass die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade tut steh vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben . . Aus Treitschke> ^Zur Geschichte des deutschen Dramas: Lessing 12/60 PS Sechszylinder Seine Erfolge werben für ihn. Wafffenfabriken Simson & Co. Abtis. Automobilfabrik, Suhl 17 i. Thür.