Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 36 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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AH „Der große Sachliche" Von Ernst Liffauer. Lessing ist mir vor allem der große Sachliche. Und aus dieser einen, seiner Ur- und Erzeigenschaft, erwachsen alle übrigen: darum ist er der mächtige, gesetzgebende, von keinerlei Freundschaft oder Mode bestimmbare Kritiker; darum -schafft er, mehr dichterisch großer Schriftsteller denn leidenschaftlich großer Dichter, als gewaltiger Erzieher der Szene, jene Grund- und Lehrbeispiele deutscher Tragödie und Komödie. Aus Sachlichkeit ist er menschlich — mit Fremdworten: aus Objektivität human —; weil er den Juden ohne Vorurteil, ohne rassenhaste Verblendung, sächlich gegenübersteht, fördert er ihre Befreiung. Der Sachliche wird von dem sachlichsten Staat, dem werdenden Preußen, und von dem Genie der Sachlichkeit, Friedrich dem Großen, angezogen; und wiederum: der Typus des Juden, den er liebte, war der ethisch und logisch Sachliche, der unbeirrbar sachlich Fühlende: Nathan. In unserer Gegenwart — der aus tiefsten, hier nicht zu erörternden Ursachen, die Mitte jeglicher Art mangeln muß — herrscht zugleich ein überscharses Verstandeswesen und ein verworrenes Gefühlstum, das in hundertfältiger Weise wuchert; es wäre als Gegenwirkung gegen die Uebermacht des bloßen Verstandes wertvoll, aber es zwingt ihn nicht nieder und es vermischt sich ihm auch nicht zu wohltätiger Einheit. Lessinge sind uns not! Lessing ist der fühlend klare Mensch schlechthin: er spürt mit voller Macht die ungeheuren Abgründe, über denen wir wohnen, und kämpft mit allen Kräften, nicht hinabgeschlungen zu werden. Solchen fürchterlichen Ringens Zeugnis sind jene Worte: „Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht"; man blickt in ein bloßliegendes, auf ewig zuckendes Herz. Mir ist Lessing, vor allem, der Mensch, der diese Worte geschrieben hat. Ernst Liffauer. Schiller über „i"Nathan den Weisen“. Slus Schillers „ZKesthetische Schriften“. . . .„Daher behandelt der Tragödiendichter seinen Gegenstand immer praktisch, der Komödiendichter den seinen immer theoretisch; auch wenn jener (wie Le s sin g in seinem „Nathan') die Grille hätte, einen theoretischen, dieser* einen praktischen Stoff zu bearbeiten. Nicht das Gebiet, aus Welchem der Gegenstand genommen, sondern das Forum, vor Welches der Dichter ihn bringt, macht denselben tragisch oder komisch- Der Tragiker muss sich vor dem ruhigen Raisonnement in acht nehmen und immer das Herz interessieren, der Komiker muss sich vor dem Pathos hüten und immer den Verstand unterhalten. Jener zeigt also durch beständige Erregung, dieser durch beständige Abwehrung der Leidenschaft seine Kunst; und diese Kunst ist natürlich auf beiden Seiten um so grösser, je mehr der Gegenstand des einen abstrakter Natur ist, und der des anderen sich zum Pathetischen neigt. In „Nathan dem Weisen* ist dieses nicht geschehen, hier hat die frostige Natur des Stoffs das ganze Drama erkältet. Aber Lessing wusste selbst, dass er Hein Trauerspiel schrieb, und vergass nur, menschlicherweise, in seiner eigenen Angelegenheit die in der Dramaturgie auf gestellte Lehre, dass der Dichter nicht befugt sei, die tragische Form zu einem anderen als tragischen Zweck anzuwenden. Ohne sehr Wesentliche Veränderungen würde es haum möglich gewesen sein, dieses dramatische Gedicht in eine Tragödie umzuschreiben; aber mit bloss zufälligen Veränderungen möchte es eine gute Komödie abgegeben haben. Dem letzteren Zweck nämlich hätte das Pathetische, dem ersieren das Raisonnierende auf geopfert werden müssen, und es ist wohl Heine Frage, auf welchem von beiden dieses Gedicht am meisten beruht Ist Freundschaft zwischen Christen und Juden, möglich? Bejaht am „Klosterbruder" von Herbert Eulenberg. Unter den köstlichen Gestalten dieses Schauspiels, den prachtvollen Nöllen, die dies Stück von Lessing enthält, ist der „Klosterbruder" wohl die reizendste Figur. Frühere Kunstrichter haben sich an seiner Einfältigkeit gestoßen. Und von den ersten einseitig befangenen Be- Urteilern des Werkes ist stellenweise mit Entrüstung behauptet worden, daß Lessing die Partei der Christen in seinem „Nathan" entschieden zu schlecht und verächtlich behandelt habe. Wofür dann zum Beweis unter anderem die Gestalt des dümmlichen, beschränkten Klosterbruders herangezogen wird. Dabei ist dieser treuherzige, kindliche, schlichte Klausner eines der liebenswertesten Wesen im ganzen noch ergreifender als die schöne Stelle, wo Nathan den Brandfleck an dem Mantel des Tempelherrn küßt. Ich meine jenen Auftritt, in dem Nathan dem Klosterbruder von dem Judenmord in G a t h erzählt, dem seine Frau und seine sieben hoffnungsvollen Söhne zum Opfer gefallen feien. Und wie Nathan dann weiterspricht und dem einfachen Mönch schildert, wie er sich in dieser und trotz dieser Lage des kleinen christlichen Mädchens angenommen habe, das er, der Klausner, ihm überreicht habe, da muß der harmlose Klosterbruder unter heißen, kindlichen Tränen bekennen: „Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein besserer Christ war nie." Und nun kommen die für mich schönsten und weisesten Worte des Stückes von den Lippen Nathans, wenn er sagt: „Wohl uns! Denn was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden." Und Klosterbruder und Jude halten sich eine Weile erschüttert wie zwei Freunde umfangen. - An diese herrliche Szene muß ich immer denken, wenn bei uns ernsthaft bestritten wird, daß eine Freundschaft zwischen Christen und Juden möglich sei. Tie reine Menschlichkeit, die hier plötzlich wie eine Flamme alle Schranken und Unterschiede zwischen den mittelalterlich begrenzten Gestalten dieses Schauspiels tilgt, sie sollte nicht imstande sein, Menschen unserer neuen Zeit trotz ihrer verschiedenen Abstammung oder ihres Glaubens zusammenzuschließen? Zu meinem Glück Hab' ich in meinem Leben zu viele Freundschaftsbündnisse zwischen Juden und Christen gesehen, bin ich selber mit mehreren Juden so rückhaltlos und fest und schön befreundet, daß mir niemals Zweifel an der Möglichkeit eines unbedingten, restlosen Vertrauens und einer völligen Innigkeit Zwischen den beiden Menschenarten kommen können. Als an ein wahrhaft klassisches Beispiel einer solchen schönen amieitm aus der jüngsten Zeit sei an den edlen lebenslänglichen Freundschaftsbund zwischen dem Urteutonen Johannes Brahms und dem jüdiscken Ungarn Joseph Joachim erinnert. Gerade die leichte, sanfte Ironie, die oft im Verkehr zwischen zueinander geneigten Christen und Juden herrscht, die Le s sing auch ein wenig zwischen Nathan und dem Klosterbruder schwingen läßt, ist als Scherzscheidemünze im Umgang miteinander ein Nerz und eine Verbindung mehr. Ich habe oft auf dem Lande am Rhein beobachtet, wie eine gegenseitige harmlose Frozzelei zwischen Juden und Christen beide Teile innerlich nur noch fester Zusammenschloß, und wie sich die beiden Parteien geradezu aufsuchten, um sich aneinander freundschaftlich zu wetzen und ihren Schabernack zu treiben. Jüdische Witze hört man von Christen viel lieber und häufiger als von Juden erzählen, und mit einem gewissen Wohlbehagen an der Geriebenheit des jüdischen Händlers läßt sich der Bauer meist in den Handel und Verkehr mit ihm ein. Darum wird man in den Großstädten, wo der Erwerbskampf grausamer ist und anderseits ein Zusammenhocken gleichgestimmter Seelen leichter, viel seltener Freundschaft und Kameradschaft zwischen den christlichen und jüdischen Schichten antreffen als auf dem flachen L"nde bei uns. Daß sie überall möglich ist. diese Freundschaft Zwischen Juden und Christen, beweist das Leben tagtäglich. Bei der ersten Aufführung des „Nathan" ging ein Staunen und Raunen durch die Zuschauer bei der Stelle, wo der weise Jude und der kindliche Klosterbruder, gerührt und verklärt von dem Begriff der Humanität, einander in d^e Arme sinken. Heute finden wir dies schon ganz natürlich und selbstverständlich. Aber gesegnet sei Lessing, der unserem Menschengeschlecht zu diesem Höhenweg hinaufleuchtete! „Wahrlich!" rief der junge L a s s a l l e schon mit Neckt aus: „Wenn Lessing noch lebte, ich würde sofort zu ihm wallfahren wie die Gläubigen zu einem Heiligtum." SfEs ' W