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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. Seite 33

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
Seite 33 (sequence 13)
Language
German
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d e u t s che u n b ch ristLi che B e t r a ch t u n g c n ü b e r H e r r n G. E. L e s s i n g s neues d r a in a t Gebt ch t S a t h d h der Weis e'" (Breslau 1779) verstärkt worden; hier wurde der Nathan kalt, trocken, vom streng konftssion-ellm - Standpunkt - abgesehrit: mit „Schaudern ltnb Entsetzen" bekämpft der alte Herr ans Gottscheds Schule die zügellose Voltairesche „Dreustigkeit, ohne allen Rückhalt und 'vorhergegangene Zulängliche Urberlegung, mit der Religion öffentlich ein Gefpötte zu treiben" und dazu Lessings Sprache, die sich gegen „das alte gute reine Deutsch nach Gottscheds Sprachlehre" versündige. Lessing lehnte diesen „greisen invaliden Schivachkops" nur brieflich ab, während ein F. W. von Schütz erst 1781 auf neun Bogen gegen T r n l l e s eine „A P o l o g i e, L e s s i n g 8 N a t h a n betreffend, n e b st A n h a n g n bcr Vor n r t h eile u n d Toleranz" in Leipzig wirkungslos drucken läßt. Inzwischen breitete sich auch die freiere Meinung über den „Nathan" aus. In der „Berliner L i t t e r a t u r - n n d T h e n t e r z e i t u n g" erschienen von Dezeinber 1780 bis Mai 1'781 vierzehn ausführliche „Briese an Madame B. über Lessings Nathan", die „das Schveigen der Recensenten ein ehrfurchtsvolles Schweigen nennt" und dann das Stück alls'ührlich-oberslächlich analysiert. Dabei werden Lobsprüche genug eingeflochten, wie Lessing sei Shakespeare vorzuziehen. Er ist ein im Stile der Zeit sentimcntalisch schwärmender Lobredner. Im 11. Brief sagt er zur Ringparabel: „Sicherlich ist es diese Allegorie, die so viele abgehalten hat, laut von Nathan zu reden. Sicher wird auch Hr. Lessing dafür in mancher künftigen Ketzergeschichte unter den Jndisferentisten Prangen", und er tritt denr Mißverständnis entgegen, daß Nathan „es überhaupt gleichgültig sey, was und wie man von Religionssachen denke". „Er sagt nur. daß jede Religionsparthey Menschen unter sich haben könne, die Gott angenehm sind, wenn sie beh ihrem System Sanftmuth, herzliche Verträglichkeit, Wohltun und innigste Ergebenheit an Gott beweisen! Heißt dies nun Jndifserentismus, so muß ich Ihnen froh bekennen, Madame, daß ich auch ein solcher Jndisferentist bin und daß ich ihn (Jndifserentismus) durch klare Aussprüche Christi und der Apostel bestätigt finde. Auch bin ich überzeugt, daß unsere vortrefflichsten Theologen dieser Meynung sind, wenn sie sie gleich nicht mit diesen Worten ausdrückeu." Der Brmschreiber spricht hier gegen die „F r a n k s u r te r gelehrten Anzeige n", die das Drama unter der Ueberschrift „Jndifserentismus und Religion" wohl eines Mendelssohn, aber keines christlichen Dichters würdig fanden und beim ersten Parabelstück zeterten: „Welch ein Bild von Gott?!!?!!" Zu Lessings Denkstil Lessing ist der wenigst Verstandene unter den grossen Männern der deutschen Klassik- Er war ein so durchaus mündlicher Mensch, dass, um seine wahre Meinung zu erkennen, man sich bei jeder Aeusserung jeweils ihren Ort in dem jeweiligen Gespräch vergegenwärtigen muss, in das sie für Lessing selbst gehörte. Erst daraus ergibt sich, ob Lessing selbst das Ganze mit einem Ausrufungszeichen oder mit einem Fragezeichen meinte oder auch mit einem Gedankenstrich. Mit einem Punkt meint er es sehr selten, denn der Punkt ist der Tod des Gesprächs. So sind viele seiner berühmtesten Hiebe von ihm selbst nur als Finten gemeint gewesen, die nur, weil die welthistorische Parade schon jämmerlich schwach war, diese druchschlugen und so — wider die eigentliche Absicht des genialen Fechters also — zu „Blutigen“ wurden. Franz Rosenzweig (Frankfurt a. M.). Ihnen hatte sich Psesfel mit dem bösen Gedicht „Das Goldstück" (im „Boss. Musenalmanach für 1 78 0") zu gesellt, um Lessing als Trödeljnden Ephraim, der falsche Goldstücke mache, anzuseindcn. All diese Feindschaft versank aber doch: die hohe Achtung -vor dem Werke setzte sich durch. Zuerst in engeren Kreisen, wenn I. I. Engel, Berlin, 1788 in seinen „Ansangsgründen einer Theorie der Dichtungsarten" es nuternimmk, den „Nathan" als „das tiefste und ideenreichste, rührendste und erhabenste aller Lehrgedichte" zu charakterisieren suchte. Schließlich kam der Erfolg auch von der Bühne her. Lessings nächste Zeitgenossen bewiesen freilich noch kein Verständnis für die Bühnengestaltnng. T h e o p h i l u s D ö b b e l i n war es, der nach lleberlegungen von Dalberg in Mannheim von 1779, von Schröder in Hamburg es wagte, am 14. April 1788 die Uraufführung in der Behrcnstraße zu Berlin mit ernstester Hingabe und großem Kostenaufwand. aber in unzureichender Besetzung zu veranstalten. Die „Berliner L i t t e r a t u r - und T h e a te r z e i t u n g" schrieb am 3. Mai 1783, daß die erste Vorstellung in feierlicher Stille vor sich gegangen wäre und jede rührende Situation beklatscht hätte. Aber schon am zweiten Abend .zeigte sich nur ein kleiner Kreis und am dritten Abend blieb das Publikum „beinahe ganz und gar zu Hause. Die Judeuschaft, auf die mau bei diesen: Stücke sehr rechnen konnte, war, wie sie sich selbst verlauten ließ, zu bescheiden, eine Apologie nnzuhören, die freilich Theodor Döring. Adolf Sonnenthal. Zu dem Aufsatz: „Die grossen Darsteller des Nathanft von Heinz Dietrich Kcnter auf Seite 34. mm

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