Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 31 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Unabhängig vom Alttag und seinen niedrigen Menschen, die draus und dran waren, ihm für seinen Freiheitskampf mit den Theologen den Mund Zn verbieten, griff er, wie er am 11. August 1778 schrieb, ans einen alten dramatischen Versuch zürnet, „dessen Inhalt eine Art von Analogie mit ineinen gegenwärtigen Streitigkeiten hat". Er wollte versuchen, „ob inan ihn wenigstens ans der alten Vühnenkanzel ungestört predigen lassen wolle". Vom September 177s bis znm Mai 1779 „schwitzte und brütete er über dem Propheten Nathan", nach Freund Schunds Wort. Tie Welt selbst hatte er aber schon am 8. Anglist 1778 ohne „jeden Lockton des Werbers", in der Berliner „Littcratnr- und Theaterzeitnng" durch eine Snbstriptionsanfsordernug, die am 29. Allgust gedruckt und am 19. Dezember in anderer Form wiederholt wurde, ans seinen „etwas migewöhnlichen" Versuch aufmerksam genracht, indem er von; Inhalt nur verriet, „das; er einer dramatischen Bearbeitung höchst Uu'irdig ist, und ich alles tun rvcrde, mit dieser Bearbeitung selbst zufrieden zu sein". Nur seinem engsten Freundeskreise vertraute er den ftmt des Stückes mit der Parabel von den drei Ringen au, ebenso wie er nur den nächsten Geistesverwandten Einblick in das entstehende Traina gönnte, einen Einblick, der den „Hambnrgischen Correspondentcn" am 26. März 1779 zu der N'achricht veranlaszte, daß von Lessings „Nathan denn Weise;;" bereits der erste und zweite Akt zirkulierten: „es ist ein Schauspiel in reimlosen Jamben, aus der Geschichte der Kreuzzüge entlehnt, und diese Situation scheint hauptsächlich gewählt zu sehn, u;n Juden, Türken und Christen aus der Schaubühne neben einander handeln zu lassen". Tie Erwartung auf das Stück, zu dein der Dichter ein Vorwort zwar entwarf, aber nicht drucken ließ, war also genügend angespannt. Mar; hätte darum annehmen sollen, das; sein Erscheinen sofort eine lebhafte Behandlung in der Öffentlichkeit Hervorrufen würde, zumal die Zahl der Subskribenten auf zweitausend gestiegen war. Aber es stellte sich nur eine buchhändlerlsche Nachfrage ein: eine zweite, eine dritte rechtmässige Auslage niussie noch 1779 erscheinen, ein lknrechtlnässiger Nachdruck fehlte auch nicht. Das ferne Wien, das Lessing ja wenige Jahre zuvor bei seinein Besuch E v a K ö n i g s selbst gesehen hatte,,wurde mit den verlangten 200 Exemplaren nicht einmal beliefert, weil Lessing die Wiener Zensur nub ihre Bernichtungtzwut an der Donau genügend kannte. Wo die Theologenherrschast stark genug war, meldete sich a;;ch sofort der Widerstand. E i i; e S t a d t iv i e Frankfurt a. M. h a t m e r k w ü r d i g e r-;v eise die E h r e, de n V e r k a u f des „s kaudal e u s e st e n" Dramas zu untersagen. Tie theologische Fakultät in Leipzig, wo übrigens auch Goethe s Bücher nicht vertrieben werden durften, beantragte au; 27. Noveniber 1779 beim Kurfürsten in Dresden, „das; diesem Impresso der Unllanf wohl nicht zu gestatten sein dürfte", denn darin fänden sich „unterschiedene, der'christlichen Religion, sehr anstößige Stellen, welche, ob sie gleich jüdischen und türkischen Personen in den Mund geleget sind, in den Gemütern vieler, dergleichen Schriften lesender, sonderlich junger Leute, gar schädliche Eindrücke machen möchten". Dresden gab freilich diesem Anträge nicht statt. Dagegen verbot noch runnche andere deutsche S>tadt dies gefährliche Werk. Wie inuner, wie auch in den nachsolgmden Jahrzehnten bis znm heutigen Tage, regten sich also gegenüber den; „Nathan" auch zuerst nur die Zeitgenossen auf, die durch Negieren ihre Jutcressen und Borurteile zu verteidigen loüuscheu, ihre Privilegien der geistigen Alassenbeeinflnssnng wahren lvollen. Sie kämpften hinten Hern;;; gegen das schnell im lesenden. Pnblikur;; verbreitete Werk. Offen;oagten sie weder in ihren Zcitschriften und Bücirern, noch ans ihren Kanzeln dagegen aufzutreten. Das Pnblitmn ließ sich durch dies Klüugetwesen der theologischen Gruppen und Grüppchen zwar nicht beeinflussen. „Blanches Nathanbändchen ging Zinker nnbennttllten Leuten von Hand zu Hand", berichtet Erich ch n;; d t in seiner Lessing-Biographie, „an manchem deutschen Teetisch trug der Hausvater das Drama der Aufklärung den Seinen vor, oder ein Freundeskreis keilte sich in die Rollen". Bon der Oeffcntlichteit erfuhr das Publik;;;;; so ivenig lvie rnöglich über das Drama, seine Bedeutung, seinen Dichter. Wie inuner, wie auch in unseren Zeiten gegenüber genialen Kunstwerken, verhielt sich die Tagespresse, die Modeleiskungen stets mit größten; Lärm beschreit, ausfallend zurückhaltend. Kein -Redakteur, kein Verlag wollte sein Blättchen der Gefahr eines Abonnenkensckponndes durch ehrliches Bekenntnis znn; Gehakt des Werkes aussetzen. Blau zog sich, une üblich, allein auf die ästhetische Anerkennung zurück und vernned es, sich unk seinen; „poleunscheu" Inhalt,;oie mm; ihn charakterisierte, auseiuanderznsehen. Plan wollte in positiver Hinsicht keine Farbe bekennen. Auch die orthodoxen Theologen schwiegen: wen;; der „Alkonaer Reichspoikrenter", Wittenberg, nur schnell gegen „diese bitterste Satire ans den christlichen Glauben" aufrief, so verriet er nur die 'Auffassung dieser Kreise, die nur durch Totschweigen das Tranu; zu erledigen hofften. Dabei halfen sogar die Freunde Nathans, denn sie fehnuegen ebenso beharrlich, so daß Wieland noch ein Jahr nach den; Erscheinen kann; eine öffentliche Bewertung von Nathans dichterischer Größe kannte. Wieland selbst brachte ja in seinem „Merkur" nicht nimm!' den Mut auf, Stellung zu nehmen: selbst in Weimar fürchtete inan also die von den Theologen beherrscljte Obrigkeit. Und dabei war man sich hier über die Bedeutung des „Nathan" klar. He r d e r schrieb: „Ich sage Ihnen kein Wort des Lob über das Stück: das Werk lobt den Nleisker, und dies Werk ist Manneswerk." Was hätte dies Wort Lessing, Deutschland gennlsi, hätte Herder es damals schon öffentlich bekundet. Und Uue Herder war auch Goethe, der gewiß mit H e r d e r und W i e l a n d viel über das Drama gesprochen hak, begeistert. „Bor Nathan den; Weisen", erzählte Knebel 1780 in Pempelfort, „sei Goethe ordentlich prosterniert. Er werde nicht müde, ihn als das höchste Meisterloerk menschlicher Kunst zu beunrndern ltub zu Preisen. Lessing selbst", fügte Jacob! hinzu, „hatte mir schon gesagt, daß inan ihm von Weimar ans große Kornptimente über sein Stück gemacht". Wie Weimar schwiegen aber auch die andern Geistesstätten Deutschlands. Der Brannfchiociger Leisewitz, Lessing als lernender Dramatiker vielfach verpflichtet, wagt nur seinem Tagebuch am 11. 9Aa; anznvertranen, daß der Nathan „Lessings ioürdig" sei, „wenn es auch weniger Draina als Philosophie in dramatischer Form wäre". Gleim geriet in Briefen mit seiner üblichen kindlichen Begeisterung natürlich aus dein Häuscheu: „Gott erhalte Nathan den Weifen", rief er, und tomisch-blasphemisch endete er bei dem Uebersckpvang, Lessing gar über den lieben Gott zu erhöhen: „Den weisen Satomon schuf Gott der Herr, den weisen Nathan aber schuf uns Er." Auch Berlin schwieg. R a m (er, der am neuen Versmaß nicht unschuldig war, schwieg. Moses Mendelssohn urteilte in Briefen begeistert: „Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unseren sinnlichen Angen völlig entzieht", aber er tat es erst bei Lessings Tode. Oefsentlich schusieg er, Auel; die Reima rauer tämpsten nicht öffentlich für Lessing. Die „versammlete Gemeine" dantte natürlich brieflich durch Elise Reimarns: „Tausend Gotteslohn.für Ihren Nathan, lieber Lessing! Lange, lange muß lein Trunk Wassers in einer dürren Sandwüste so verschluckt loorden sein, so gelabt haben als dieser uns ... So ein Jude, so ein Sultan, so ein Tempelherr, so eine Recha, Sikkah - was für Menschen!- Gott,;ve;m es deren viele von ordentlichen Vätern geboren gäbe, wer möchte nicht so lieb aus Erden