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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. Seite 30

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
Seite 30 (sequence 10)
Language
German
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30 jüdi s ch ist - seine Art zu arguinentieren, seine Bilder, sein Tonfall. Man sehe sich nur seinen ersten Austritt an, ja sein erstes Wort! Daja empfängt ihn nach ihrer Art mit einem unsachlich heftigen Gesühlserguß, mit gedankenlos gehäuften Worten: „Gott sei ewig Dank, daß Ihr doch endlich einmal iviederkommt." Diesen Erguß bremst Nathan — und das sind die ersten Worte, die er spricht: „Ja, Daja, Gott sei Dank! Doch warum endlich? Hab ich denn eher wiederkommen wollen? Und wiederkommen können?" Für mein Gefühl ist in dieser Art ironischer Dialektik etwas -unvergleichlich Jüdisches. Die vom Partner gedankenlos gebrauchten Worte werden in ihrem Ernst, in ihrer Gültigkeit gezeigt — sowohl die Würde des „Gott sei Dank" wie die Bedeutung des „Endlich". Und dadurch wird ohne weiteres der andere kritisiert und zum Schweigen gebracht. Das aber ist der Ton, in dem sich Nathan immer wieder zu wehren und durchzusetzen weiß. Es ist uralte jüdische Waffenkunst! Man sehe nur etwa den Schluß der ersten Akkhälste, den vierten Auftritt, wo Daja wiederum atemlos herbeistürzk, um zu melden, daß sie den Tempelherrn entdeckt hat: „Er läßt sich wieder sehen! Er läßt sich wieder sehen!" Und wie Nathan diese Hysterie zum Stehen bringt, indem er sich verständnislos stellt: „Er? Er? Wann läßt sich der nicht sehen! — Ja so, nur Euer Er heißt er — das sollt er nicht!" Es scheint mir ganz unmöglich, diese Worte anders als im jüdischen Tonfall zu sprechen. Der charakteristische Rhythmus der Sprache wird hier von ihrem geistigen Gehalt unmittelbar erzwungen. Aber solche Ironien in viel zarterer Form verwendet Nathan auch, wenn er seine Recha aus dem Wahn löst, wenn er den Hochmut des Tempelherrn überwindet, wenn er die Wildheit des Derwisch durch drollig übertreibende Zustimmung zur Besinnung bringt. Das Wort als ein Werkzeug gütiger Belehrung, als ein Mittel, Leidenschaften und Verwirrung jeder Art zu überwinden, ist in dieser Art eine sehr jüdische Lebensform. Und einmal steigert, verdichtet, vergröbert sich diese jüdische Jnnenform des Nathanschen Geistes sogar bis zu dem, was alle Welt als jüdischen Witz kennt, bis zu dem mit vernichtender Schlagkraft gebrauchten Wortspiel! Der Tempelherr beichtet, wie er, falschem Verdacht und blinder Eifersucht folgend, den Nathan beinahe an den Patriarchen verraten hätte, und er braucht gedankenlos die Wendung: „So fiel mir ein, Euch kurz und gut das Messer an die Kehle zu setzen." Da unterbricht ihn Nathan: „Kurz und gut? Und gut? — Wo steckt das Gute?" Es ist einfach unmöglich, diese Worte nicht im „Jargon" zu sprechen. Der unjüdischste Schauspieler der Welt wird durch den geistigen Gang dieser Fragenfolge zu der charakteristisch jüdischen Betonung kommen müssen. Dies bedeutet aber, daß das Allerspeziellste des jüdischen Geistes, seine in den Jahrtausenden ausgeprägte dialektische Eigenart, für Lessing kein Gegensatz -zu höchstem und reinstem Menschentum schien, sondern im Gegenteil ein sehr taugliches Mittel, von diesen vollkommenen Werten zu zeugen. Es ist ja klar, daß Lessing in seiner Gestalt den jüdischen Tonfall nicht so vollkommen hätte 'nachbilden können, wenn er nicht im Leben viel mit wirklichen Juden zusammengewesen wäre. Und da ist sicher der gütige Philosoph Mendelssohn der wichtigste gewesen. Aber man mäg auch an den tüchtigen Kaufmann Aton Meier denken, den reichen Mann, der der Vater zweier Frauen wurde, die in Goethes Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben. (Sarah von Grothus und Marianne von E y b e n b e r g). Aber welche Vorbilder lebendiger Juden auch auf Lessing gewirkt haben mögen — sicher bleibt doch, daß er solche Vorbilder nur nutzen konnte und auch nur nutzen wollte, weil in seiner eigenen innersten Art, in der ganzen Lessingschen Dialektik, wie wir sie aus allen Geisteskämpsen des großen Mannes kennen, etwas steckte, was dieser Tonart verwandt war. Und so ergibt sich, daß der Jude Nathan gewiß seinen höchsten Adel und Rang nur der Menschlichkeit dieses wunderbar starken, Hellen und mutigen Mannes aus Kamen; verdankt, daß aber doch mehr als ein Zufall des Stoffes, mehr auch als eine äußerliche Tendenz der Aufklärungszeit diesen Nathan zum Juden gemacht haben. Bestiminte und mächtige Elemente seines Innern hatte der große Mann als kongenial jüdischer Art erkannt, und darum war es für ihn möglich und wirksam, ein Stück seines besten Wesens in jüdischer Gestalt zu verkörpern. - - Und das ist der innerste Grund, warum mit dem Gedächtnis an Lessing nud sein testamentarisches Werk, an „Nathan den Weisen", das Heimatsgefühl der deutschen Juden innerhalb der Kultur ihres Landes so unlöslich verknüpft ist. Lessings „Nathan" im Lichte der zeitgenössischen Aritik. Von Hanns Martin Elster. . Die Geschichte der großen schöpferischen Geisteswerke Lehrt immer wieder, daß die geniale Leistung ihrer Zeit vorauseilt und nicht sofort itkl verdienten Umfange von den Mitmenschen ausgenommen, erkannt, gelobt und geliebt wird. Auch Lessing mußte beim Erscheinen des „Nathan des Weisen" im Mai 1779 erfahren, daß die Zeitgenossen weder in: allgemeinen als Publikum noch im besonderen als Verwalter, Kritiker, Förderer des geistigen Lebens den Mut und die Einsicht hatten, diesem Drama und seinem Meister die Palme 31t reichen. Vielmehr ward dies Werk, das für uns heute die menschenbildende Gipselung der menschlich-religiösen Aufklärungsarbeit des 18. Jahrhunderts in der neuen, ein Jahrhundert sortwirkendeu Kunstsorm des Blankverses ist, nur von der Zeitstimmung ausgenommen. Und wie solche Zeitstimmung in jeder Generation nur den verarbeitenden, aber nicht den schöpferischen Leistungen den Erfolg, den wir dann später als „Mode" erkennen, bereitet, aber die die Menschheit fortentwickelnde Gemeint nur nebenher ausnimmt, so sah man in Lessings „Nathan den Weisen" damals mehr einen künstlerischdichterischeu, dramatisch-theatralischen Abschluß seiner theologischen Kämpfe von N e i m n r u s bis G 0 e z e, anstatt zu erkennen, daß die theologischen Kümpfe, schicksalsmüßig gedacht, ja nur die notwendige Voraussetzung für die Geburt des Dramas waren. In dein Maße, wie die theologischen Streitigkeiten als Tagessensation vergessen wurden, im Bewußtsein der Zeitgenossels und späteren Genera- 1 * . Schlußszene von „Nathan der Weise“, Relief an der Lessing- Brücke in Berlin.

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