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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. Seite 29

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
Seite 29 (sequence 9)
Language
German
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Nathan der Weise. / Beiträge von Julius Bab, Qantij rnartiu Elfter, Heinz Dietrich Aenter. m Nathan der Jude. Von Julius Bab. Der Stolz der Juden darauf, daß eine der größten und wichtigsten Gestalten der deutschen Geistesgeschichte Namen und Gewand eines Juden trägt, ist verständlich und berechtigt. Lessings „Nathan der Weise" bleibt für die deutschen Juden etwas wie ein Bürgerbrief innerhalb der deutschen Kulturgemeinschaft — er kann nicht anders zerrissen werden, als mit dem Gedächtnis G o t t h o l d Ephraim Lessings. Indessen, so berechtigt und verständlich das ist; die deutschen Juden sollten sich auch, hüten, die Bedeutung dieser Tatsache zu übertreiben. Sie verlieren manchmal das Gefühl dafür, daß diese herrliche, das reinste Menschentum verkündende und verkörpernde Gestalt, dieser Nathan, doch eben „in Wirklichkeit" kein Jude, weil überhaupt nichts Wirkliches ist, sondern ein dichterisches Geschöpf, und das heißt vor allen Dingen Ausdruck und Gleichnis des Mannes, der ihn geschaffen hat! Der weise Nathan ist, was für Zeichen er auch an sich tragen möge, zuerst und zuletzt und vor allem doch niemand anderes als Gotthold Ephraim Lessing, der Sproß vieler Geschlechter christlicher Theologen. Der innerste wirksame Kern der Gestalt ist ganz und gar eins mit dem wunderbaren Mann, der sie geschaffen hat. Indessen, mit dem Verhältnis der Nathan-Gestalt zum Judentum geht es genau so, wie es in der Dichtung heißt: Stockjude geht nicht — und ganz und gar nicht Jude geht erst recht nicht! — Der rein stoffliche Zusammenhang der Nathan- Gestalt mit dem Judentum ist seiner Herkunft nach ja sehr bekannt! Es sind uralte Fabeln von einem reichen und listigen Juden, die Lessing in der Formung Boccaccios begegneten und die ihm das Kernstück des ganzen Dramas geben: die Parabel von den drei Ringen. Diese Gleichnisrede brauchte er in seinem geistigen Kampf für den vom Dogma unabhängigen, rein menschlichen Wert der Religion: und Nathan mußte ein Jude werden, weil die ganze Handlung sich allmählich um diese Geschichte herumgruppierte. (Eine letzte dramatische Schwäche des herrlichen Werkes steckt heute noch und unverlöschlich in der Tatsache, daß keine Aktion, sondern eine Rede, ein Gedankenvortrag den Ausgangspunkt des Ganzen gebildet hat.) — Aber diese rein äußerliche, gleichsam zufällige Tatsache, dies rein Stoffliche erschöpft denn doch die Beziehung der Nathan-Gestalt zum Judentum nicht. Zwischen dem äußeren Rohstoff, der zufallsjüdisch, und dem geistigen Gehalt, der nichts als lessingsch, also unjüdisch ist, enthält „Nathan der Weise" als Kunstwerk die sehr wesentliche Schicht, die eigentlich das künstlerische Leben enthält: die Form. Und dieser weise Nathan ist nun nicht nur nach Namen, Kostüm und äußerer Situation ein Jude, sondern auch nach den Elementen, die die Gestalt von innen her bilden, nach seinem sprachlich gestalteten Wesen! Und damit allerdings hört der Zufall auf; dies konnte nur mit bewußtem Einsatz von Lessings dichterischer Kraft geschehen, die im jüdischen Wesen eine starke Ausdrucksmöglichkeit erblickt hatte für jene große Art des Menschlichen, die er hier darstellen wollte. Man hat ja viel und mit Grund von der Bedeutung gesprochen, die Lessings enge Beziehung zu dem klugen und gütigen Moses Mendelssohn für die Ausgestaltung der Nathan-Figur gehabt haben kann. Aber wenn man das gewaltige Pathos im Gefühl behält, das diesem großen Sprecher des Lessingschen Geistes zukommt, so scheint es erlaubt, zu denken, daß ein jüdischer Geist mächtigeren Formats hier auf die Lessingsche Phantasie eingewirkt hat. Erst nach Lessings Tode ist ja durch die große Diskussion über Jacobis Mitteilungen ein mit Lessing geführtes Gespräch betreffend, bekannt geworden, wie stark und innerlich Lesstng sich in seiner letzten Lebenszeit mit dem großen Denker Spinoza auseinandergesetzt hat. Im „Nathan" kann man in einigen wichtigsten Momenten Formulierungen finden, deren Uebereinstimmung mit Spinozaschen Formeln viel zu wörtlich ist, um nicht den unmittelbaren Zusammenhang zu gewährleisten. In dem ersten, auch sonst vielfach charakteristischen Wortwechsel mit Saladin lehnt es Nathan ab, „der Weise" genannt zu werden, weil das Volk ihn so nenne: , .... , , „Wenn dem Volke weise H nichts weiter wär als klug? Und klug nur der,;§j der sich auf seinen Vorteil gut versteht?" f Darauf anwortet Saladin: „A u f seinen wahren i! Wortteil, meinst du doch!" -ff Und Nathan muß lächelnd beipflichten: Hs „Dann freilich wäre der Eigennützigste der Klügste." iss Hier geht aus dem Munde des Sultans ganz unmittelbar eine der berühmtesten Formeln Spinozas hervor, die Formel U vom „verum utile“, das der wahrhaft Weise zu suchen habe. A Der Bruch, der in der übernommenen Fabel war, die die Ver- .l) kündung der hohen Weisheit in den Mund eines listig gefj schäststüchtigen jüdischen Kaufmanns legte — dieser Bruch i schließt sich für Lessing durch das Wort des großen jüdischen 's Geistes, der dem menschlichen Streben den wahren Vorteil, i; das innere Heil, als höheres Ziel gewiesen hat. f Nicht weniger spürbar aber scheint mir Spinozas Geist an jener anderen, allerpersönlichsten Stelle der Nathan-Gestatt, wo Nathan sein tragisches Schicksal berichtet: den Untery gang all der Seinen im Pogrom. Wie er von seinem Zui sammenbruch spricht und seiner Wiederaufrichtnng, hat er das f wunderbar ergreifende Wort:! „Ich stand und rief zu Gott: I ch w i l l! W i l l st d u f nur, daß ich will." Das ist vielleicht die schönste deutsche Uebersetzung, die Spinozas „amor fati“, dieser hohe Begriff der gewollten Not- ';; Wendigkeit, je gefunden hat. Auch hier kann schwerlich von j zufälliger Uebereinstimmung die Rede sein, hier ist Huldigung f Lessings an einen wahlverwandten Geist, und daß dieser große Mann Jude war, machte ihm den Zufall, der seiner Fabel einen Juden zum Helden gegeben hatte, erst sinnvoll i und erträglich. Indessen lebt eine dramatische Gestalt nicht nur von dem, was sie sagt, sondern zugleich, wenn nicht in noch höherem Maße von der Art, w i e sie spricht, von der geistigen Methode, von der rhythmischen Form, in der sich bei ihr Gedachtes und Gefühltes in sprachliche Aeußerung umsetzt. Und dies hat man vielleicht noch nie genug betont und dargelegt, in welch hohem Maße Nathans ganze Art, zu sprechen. preußischer und jüdischer Geist. Die These von der Unvereinbarkeit preußischen und jüdischen Geistes wird durch das Wirken Lessings zur Legende. Dieser preußischste Preuße hatte die Neig u n g, mehr noch die Liebe zum Juden. Sie wurde produktiv für sein Leben: in der Freundschaft mit Moses Mendelssohn. Sie wurde produktiv für sein Schaffen: in „Nathan dem Weisen". Nicht, daß zwei philosophierende Geister sich gemeinsam zum Schachspiel setzeu, war das Entscheidende in jener Freundschaft. sondern, daß ein durch und durch sriderizianischer und ein durch und durch jüdischer Mensch sich berührten und durchdrangen in ihrer Geistes- und Herzenshaltung. Nicht, daß ein deutscher Klassiker das Problem des Judentums aufgrisf und behandelte, war das Entscheidende in der Schaffung des „Nathan", sondern daß hier ein großer Deutscher sein Hohelied auf das Judentum sang — daß einer, der die deutsche Sprache wie wenige zu reden wußte, bei diesem Thema plötzlich zu tönen begann und ein ewiges Dokument errichtete für die Annäherung und Befreundung verschiedener Glaubens- und Rassenverhältnisse. Dadurch, daß er als Treffpunkt dieser Besonderheiten das Humane festsctzte, schuf er das bis auf den heutigen Tag gültige Friedcnsrezept. Der zweihundertjährige Geburtstag dieses erlauchten Geistes möge in Erinnerung bringen, daß jeder, der einer bestimmten Ordnung angehört, sei er der Sonne des Abendlandes angehörig oder seinem frühesten Ursprung nach unter der Sonne des Morgenlandes geboren, jenes Uebergeordnete und Gemeinsame nicht vergesse, das erst den Menschen wahrhaft zum Menschen macht. Leopold Jetzner. ..

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