Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 28 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277836--04998-2285685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2$ Vorbild Lessing. Der Kritiker rrnd Dramatiker. Von Fritz Engel. Sicherlich werden wir am GebenktogeLessings zu lesen bekommen, daß er als Kritiker und als Dramatiker „in manchem veraltet" sei. Das ist so wahr, wie es wahr ist, daß der Acker, aus dem Frucht wächst, einmal Wüste gewesen ist. Das ist so richtig, wie es richtig ist, daß die Generationen, die uns erzeugt haben, in unserer heutigen Welt fremd und verwundert daständen, und daß wir selbst sie verwundert ansähen. Das trifft so zu, daß auch wir nach einem Jahrhundert den dann Lebenden zurückgeblieben erscheinen werden. Aber wir wollen nicht vergessen, daß dieser Lessing den Boden urbar gemacht hat. Daß er der erste Kritiker von Wert gewesen, der das Theater nicht von stickiger und dogmenschwerer Gelehrsamkeit her angepackt hat, sondern aus dem lebendigen Gegenwartsgefühl seiner Zeit heraus, und stark und phantasievoll genug, um Zukunft zu wollen und vorzubereiten. Daß er Mut zur Kritik gehabt und Mut zur Kritik gemacht hat. Daß er die Konstitution der Kritik geschaffen hat, eine grundlegende Verfassung, die in Einzelheiten überholt, auch durch sein eigenes Wirken, in den Fundamenten unerschüttert ist. Daß er als Dramatiker einiges Unauslöschliche geschaffen, überflutet von der Sonne der im Grunde allein echten Poesie, nämlich der, die in das irdische Gewühl von Ungerechtigkeit und Haß die Idee der Gerechtigkeit und der Liebe pflanzt. Einer „Rettung" von der Art, wie er selbst in seinen „Rettungen" verkannte Männer der Vergangenheit wieder zu Ehren bringen wollte, bedarf Lessing nicht. Er ist auch nicht nur steinernes Denkmal: von ihm gilt, was er selbst auf seinen Freund Ewald v. Kleist gesagt hat: „Du wirst des Steines Denkmal sein." Er ist nicht nur ein Bild, er ist mehr als ein Bild: er ist ein Vor bild. Das Schöpferische freilich, das mit jedem großen Kritiker verbunden ist und ihn überhaupt erst groß macht, das läßt sich nicht nachmachen, weil es sich nicht lernen läßt. Das ist eine Begnadung, und sie war die seine: diese Gabe, über das bloße Fortrüumen als tot erkannter Anschauungen und Systeme hinaus den Weg zu neuen Zielen aufschließen zu können. Er galt vielen, er gilt manchem noch heute heute als Revolutionär. Er war mehr, er war Evolutionär. Er war nicht Henker, sondern Arzt. Ein ganz großer Erzieher, der Sendung in sich fühlte und sie übte. Er war wohl zu vielseitig, um sie ganz zu vollziehen. In dem Hirn dieses unruhigen Wanderers, der immer erst ruhig wurde, wenn er in der Front stand, lebte noch anderes als die Sorge um die dramatische Kunst. Wer wollte ihm das verargen? Diesem Vielwisser, Vielempfinder, Vielkampser werden wir vielmehr danken und uns dabei mit Klarheit bewußt werden, daß alles, was er schrieb und umstritt, war es nun Kunst oder Religion oder Philosophie, aus Strömungen stammt, welche die Einheit seines Wesens bilden: aus (Schluss von Seite 27m) 10 -st 3 X 10), im. heiligen Jahre 1930 das deutsche Volk an Schillers Bahre etwas aufgeklärter stehen als bei der huudertjährigeu Lodesseier" (Seite 61) oder „der 11. 5. 1805 hat als Quersumme 11 -st 5 -st 1 -st 8 -st 5 — 3- X 10 (Seite 67) und Mozarts „Logentod" trat „am. Jahvetage, den 5. 12. 1791 ein (5 X 12 X18~ 35)" (Seite 73). Goethe hak durch sein Verhalten zu diesen Morden „sich selbst vernichtet" (Seite 75). Sein Verrat an Mozart mu> Schiller ist „kraß ~ abscheulich", sein „feiger Verrat" (Seite 78) wird ihm nach Frau Mathilde wahrscheinlich tu irgendwelchen himmlischen oder höllischen Regionenauch noch vergolten, werden. Nun immerhin, was von so „autorih?ckiver" Seite den größten Deutschen, nämlich Goethe, Schiller, Luther, Melanchthou, Mozart zu gesprochen wird, mag auch einem Lessing rvcht und billig, sein. Ebenso, wie es freiheitliche Strömuugeu gegeben hat und i Hinter g eben w ird, sind auch rückläufige Bewegungen „von der ewigen Wiederkunft". Wir stehen heutzutage nach einem verlorenen- Krieg und nach wirtschastlichen Nöten ohnegleichen eben in solchem Stadium der Reaktion. Insbesondere unter' der Jugend oder den noch aus dem alten Regime herstammenden Führernatureu. Wir lassen uns das nicht ansechtou und verehren in dem sicher nicht sleckenlosen Gotthold Ephrai-m L-es fing den unsterblichen Denker, der länger leben wird als Femebuben und ihresgleichen. Wir wissen, es wird auch in Deutschland eine Wiedergeburt seiner großen Männer geben. Die Gegner aber richten sich selbst durch die demag-ogischen Methoden, womit sie gegen Deutschlands erlauchteste und erleuchtetste Geister anzurennen trachten. Wir verbürgen, it n s d a s ü r, daß die S ch r i f t e n G o t t h o l d E p h. r a t< m Lessings die der Frau Mathilde Ludendorff, geborenen- Kemnitz , w e s e n Ui ch ü b e r l e b c u werde n. Ja, nur sind so optimistisch, sogar ans den nahenden Lenz zu hoffen, von denv geschrieben steht: „Nun muß sich alles, alles wenden." „Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden m a g." Und selbst in einem modernen Film ward kürzlich das ähnliche Wort geprägt: „Der Mensch vergeht mit Wort und Tat, Die Erde bleibt und ihre Saat." eine ui t i e sie. u Ge f ü h l f ü r die N otwendigkeit de s g e i st i ge n F o r t s ch r ick t s, a u § e i n e m geläutert e n K u l t u r m e n s ch e n t u m ) a u s i n n e r st e r R e ch t s ch affe rill e i t. Dem Begriff „Rechtschassenheit" hängt in unseren Tagen der spöttische Nebensinn der Philistrosität an. Philiströs war dieser Mann nun gewiß nicht. Ueber seinem Gesamtwerk könnte stehen: „in Mlistros". Er bekämpfte sie, wo er sie fand. Ans den Kathedern, auf den Kanzeln, auf dem Theater. Aus Lessings mehrgesichtiger und dennoch geschloffener Einheit sind die Thesen geflossen, die er in der „Hamburgischen Dramaturgie" an das Tor der Bühne genagelt hat. Wie viele, fast alle Stücke, die er besprach, sind verschollen, mit Recht. Ihre „Autores“ sind vermodert. Lebendig in seinem Grundsinn ist geblieben, was Lessing über sie gesagt hat. Vorbildhaft lebendig ist er in seinem Bemühen, das Echte vom Unechten, das Große vom Kleinen, das Wertbeständige vom Vergänglichen zu trennen. Er glüht für den größten Meister Shakespeare, er verspottet die „Käbalenmacher", also die Afterpoeten, die wir heute Sensationsdramatiker nennen. Obschon er von den deutschen Schauspielern „Anstand-" verlangt und das wird in seinen Tagen gewiß nötig gewesen sein --, hält er ihnen auch stets die Pflicht vor, ihre Kunst aus der Natur zu schöpfen. Vorbildlich lebendig, noch einmal, ist er in seinem Wahrheitseifer, der sich nicht täuschen, nicht einschläsern, nicht verängstigen läßt, in der durch keinerlei Rücksicht beengten Ausnutzung seines Temperaments, das grob zustoßen, stählern florettieren, zärtlich streicheln kann. Auf dem freien Boden seines Talentes ein freier Mann, gerade darum würdig des Satzes, den Friedrich Schlegel aus ihn geprägt hat: „Er war mehr wert als alle seine Talente." Das heißt, e r w a r ein C h a r a k t e r. Damit ist er ein elementares Muster für alle die geworden, denen das Schicksal der Kunst und der Künstler anvertraut ist. Wer heute Kritik übt und sich seiner Verantwortung bewußt ist, fühlt wohl die Zeit verändert und mit der Kommerzialisierung der Bühne, der Dramatiker, der Schauspieler nicht überall zum Guten, er arbeitet flinker, nicht durchaus eindringlicher, er schreibt wohl auch leichter, wenn auch nicht gediegener, aber seine Waffen holt er immer noch aus diesem hamburgischen Arsenal und sucht sie ebenso rein und scharf zu erhalten. Lessing hat das deutsche „Nationältheater" gewollt. Er selber spottet über diesen „gutherzigen" Einfall. Es gäbe noch keine Nation im Sinne eines einheitlichen ästhetischen oder, wie er es ausdrückte, „sittlichen Charakters". Er meinte die Liebedienerei gegenüber allem, „was von jenseit dem Rheine kömmt". Ein Supranationalist war er darum nicht: nach den griechischen Tragikern, wenn sie nur recht verstanden würden, gab es erst recht jenen großen Briten Shakespeare. Wie würde Lessing heute denken, eingegliedert in eine veränderte Zeit, in der das einzelne Volk sich von der Bölkersamitie nicht mehr abschließen kann. Auch er, dermaleinst genährt nur an den Alten, erfüllt noch von Homer, Horaz, Aesop, Anakreon und dem Laokoon des Vatikans, empfände gewiß, daß die Basis der Kunstbetrachtung breiter geworden ist, und daß auf den schneller gewordenen Strömen des Verkehrs auch das Knnstgut rascher über Grenzen und Ozeane kursiert. . Trotzdem bleibt sein „süßer Traum" noch immer ein Wunsch, dem man Erfüllung gönnen möchte und den er selbst schon hat erfüllen Helsen. . Aus Lessings ästhetischen Grundsätzen hat sich die deutsche Klassik ausgebaut, die denn doch den Kern einer Ratwnatbühne darstellt. War ihm auch die nächstfolgende Dichtergruppe, dre Männer des „Sturm und Drang", entgegen, ihm und der Konstrtukion seiner geradlinigen Gesetze, so war G o e t h e mit dem Götz schon wieder Shakespeare-nah, und dann kam Tasso und Jphrgeme, und Schiller gab im Wilhelm Teil den großen Schlachtruf nationaler Einigkeit. - ... . Vorläufer und Vorarbeiter dieser grötzten Epoche deutichen Geistes zu sein, schon das ist Ruhm der Unsterblichkeit. Aber eben dieser Lessing selbst, so bescheiden er auch von sich als dramatncher Autor dachte, schreibt das Drama „Emilia Galotti", das den Fürsten seiner Zeit ein Spiegel hätte sein'Minen, er schreibt das erste bürgerliche Trauerspiel „Miß Sara <vampson . Und wenn dies alles, zwar immer noch getragen von dem großen Namen Lessing, nun doch schon mehr Literaturgeschichte ist, so ragen zwei andere Werke in ewiger Jugend zu uns herüber und über innere Zeit hinaus. Muß ich sie noch nennen? In „Mrnna von Barnhelm" ist es der Humor, der besondere Humor, den wir ohne alle nationale Ueberhebung echt deutsch nennen dürfen. Und in „Nathan dem Weisen" leuchtet Lessings unverwechselbare Eigensarbe noch stärker. Das ist seine strahlende M e n s ch e n l r e b e , R e t t - q t o ii c it verk n ü psend , Böller verbinde n d , mit dem göttlichen Dreiring hoch über allem, was die Irdischen in Herkommen, Anschauung und Eigenwillen trennt. Das ist. von der »thischen Seite her gesehen, stärker als Shakespeare mit seinem Shhlock, so sehr auch Shakespeare, seiner Zeit weit voraus. Gefühl für den Sohn des gequaltestM aller Emme gehabt hat. Dieser „Nathan der Weise", „in Sorgen, geschrieben", dieses hohe, höchste Sinnbild der Toleranz, ist und bleibt ein Gipselpniikt. .»ein Volk der Erde hat seinesgleichen. K e i n V o l k d e r E r d e s r e i - lich außer dem deutschen bedarf seiner auch mehr, dieser ritterlichsten aller Kundgebungen deutsch e n G e i st e s. . N u n a u ch jubilä u m s r e i f, genau hundertsünfzig Jahre, alt und »och immer ein Z u k n n f t s st tt ck.