Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
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beruhigend beut Elternhaus —, gerät er bald m den geistigen Bannkreis Mendelssohns, und da schreibt er 'über ihn: „Ich sehe ihn im voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife - kommen .lassen.,-:;l>ie. allezeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist wider Leute seinesgleichen getrieben hat." Diese Anfpieltrng auf Spinoza ist charakteristisch für die philosophischen Beziehungen 'zwischen Mendelssohn und Lefsing. Beide haben sich mit Spinoza besaßt; Lessing hat die allgemeine Aufmerksamkeit oft. aus Spinoza gelenkt, aber Mendelssohn war kein Spinozist und hat Lessing für keinen gehalten. Darum geriet er völlig außer, sich und fast in eine Art Verzweiflung, als Jaeobi, nach Lessings Tode, ihn als Spinozisten schilderte. Goethe behalrptet sogar in den „Annalen", daß sich Mendelssohn „über die Entdeckung, von Lessings spinozistischer Sinnesart durch Friedrich Jaeobi in buchstäblichem Sinne den Tod holte". - Herrschte doch sonst in ihren kritischen und philosophischen Anschauungen lückenlose Uebereinstimmung. Vielfach sehen wir sie gemeinsam schaffen, und gemeinsam tragen sie auch die Zurücksetzung durch Friedrich II., der in literarischen -Dingen wahrlich nicht „der Große" war. Wenn auch das Widerstreben des Königs gegen sie sich nicht zu dem Paroxismus steigert wie bei Shakespeare und G o e t h e. Von Shakespeares „abscheulichen Stücken" meint Friedrich: „Diese lächerlichen Farcen („Hamlet", „Lear" usiv.) sind würdig, vor den Wilden in Kanada gespielt zu werden", und den „Götz von Berlichingen" nennt er kurz und bündig: „Ein ekelhaftes Gewäsche." Lessing sowohl wie Mendelssohn erregten Friedrichs Unwillen besonders durch ihr gelegentliches Eintreten für den Optimismus Leibnizens, den er verabscheute und, wie später Schopenhauer, für eine „ruchlose Weltanschauung" hielt. Die Timon-Stimmung Friedrichs, seine Menschenverachtung, drückte er oft und besonders scharf in dem Ausspruch aus: „Vous ne coimaissez pas, comme moi, cette maudite race, ä laquelie nous appartenons.“ Ein andermal nennt er den Menschen: „La plus mechante bete de Tuniv e r s.“ 11 nbedingte „Optimisten" und Leibniziane'r waren dabei weder Lessing noch Mendelssohn. Lavater und Lessing bei Moses Mendelssohn. (Nach dem Gemälde von Moritz Oppenheim.) .Me preußische Akademie der Wissenschaften schlug zweimal Mendelssohn für die Mitgliedschaft vor. Hatte er doch mit seiner Abhandlung über die von der Akademie ausgeschriebene Fratze: „Sind die metaphysischen Wissenschästen derselben Evidenz fähig wie die mathematischen?" den ersten 'Preis erwürben, während Kant sich mit einem „„acce'ssit“, einem Neben preis, begnügen mußte. Die von Lessing und Mendelssohn gemeinsam geschriebene Abhandlung: .-Ist -Pope ein Metaphhsiker?", tote überhaupt ihre Erörterungen über die englischen Philosophen, erregten nicht geringe Aufmerksamkeit. Zweimal strich Friedrich II. Mendelssohns Name» von der Liste. „Mir genügt der Vorschlag durch die Akademie", tröstete sich Mendelssohn heiter. „Hätte der König mich vorgeschlagen und die Akademie gestrichen, das wäre sreiiich beschämend." Ebenso lehnte Friedrich II. Lessings Bewerbung tun den Posten eines Bibliothekars ab und berief einen unbekannten Franzosen. Kestner schrieb damals das Epigramm: „Ein neuer Dionys rief von der Seine Strande Svphistenschwärme her für seinen Unterricht. Ein Plato lebt in seinem eignen Lande, Und diesen kennt er nicht." Enger noch als bei den philosophischen war die Zusammenarbeit bei den kritischen Schriften. Die Herausgabe der „Literaturbriefe" regte Nicolai an, indem er den Freunden schrieb: „Was wir in unseren täglichen Unterredungen sagen, das wollen wir niederschreiben. Wollen ansangen, wenn es uns gefällt, aufhören, wenn es uns gefällt, reden, wovon es uns gefällt, gerade so, wie wir es machen, wenn wir zusammensitzen." Die Hauptsvrge galt aber immer der Aufklärung, als einer Eroberung der geistigen Güter für'die breiten Schichten, galt der Toleranz als der freundlichen Annäherung der Bekenntnisse und Parteien. An diesen Bestrebungen hatte auch der junge Goethe seine Freude. Er schreibt in „Dichtung und Wahrheit", III. Teil, 13. Buch: „Die Duldsamkeit der Religivnsparteien gegeneinander ward nicht nur gelehrt, sondern auch geübt. Duldsamkeit gegen die Juden war man mit Verstand, Scharfsinn und Kraft anzuempfehlen bemüht." Die Verehrung für Lessing verband Goethe mit besonderer i Sympathie für Mendelssohn. In „Dichtung und Wahrheit" erwähnt er: „Mendelssohn trat auf und erregte Teilnahme und Bewunderung." Und in den „Schriften zur Kunst" („Beiträge zu Lavaters Physiognomischen Fragmenten") schreibt er in bezug auf einen Homer-Kopf, der in Konstantinopel gesunden worden: „Vergleiche die Stirn mit der forschenden, entwickelnden Kraft, die Mendelssohns Stirn oben so wölbt und unten schärst. Solche Stirne ist des Sehers." Erst als man Goethe einflüsterte, Mendelssohn habe Nicolai, angeblich, zur Herausgabe der Werther-Parodie ermuntert, die Goethes höchsten Zorn und schärfste Abwehr in den Temen herausforderte, wandte sich Goethe von Mendelssohn ab. Goethes Wort: „Lessing wollte "den Titel eines Genies ablehncn, alleiit seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn", dieses Wort kann auch von> Mendelssohn gelten, wenn man seine immer noch spürbare Wirkung, besonders in der jüdischen Gemeinschaft, in Betracht zieht. Ebenso Goethes Wort: „Wodurch ist Lessing so groß, als durch seinen Charakter." Des Zusammenwirkens mit Mendelssohn gedenkt Lessing oft, wenn er seiner „Gespräche mit dem besten Freund" erwähnt. Nach dem Heimgang Lessings schreibt M endelssohn, der den Freund um fünf Jahre überlebte, an dessen Bruder: „Fontenelle sagte von Kvpernikus: ,Er machte sein neues i Weltsystem bekannt und starb!' Der Biograph Ihres! Bruder kann mit dem gleichen Anstand sagen: .Er schrieb den Nathan und starb.' Bon einem Werke, das so sehr über den Nathan ragt, wie dieses über alles, was er bis dahin geschaffen, kann ich mir keine Vorstellung machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die unseren sinnlichen Augen sich entzieht. Und das tat er." G l e i m aber widmete L e s sing diesen Nachruf: „Den Einen, unfern Stolz, den haben wir verloren. Ihn, der der Nation im Ausland Ruhm erwarb. ,Es werde Licht' sprach Gott — und Lcibniz ward geboren, .Es werde Finsternis', sprach Gott — und Lessiiig starb."