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Central-Verein-Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. Seite 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
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24 ti* zugleich ein S y m b v. L e i n e r 9)t e n schLi d) feit g e - s ch a sfen, w ie s: e s o it u r d e m d e 11 t s ri) c n G e i ft e zu offenbaren gegeben war. Und weil diese Menschlichkeit auch wieder ganz und gar Lesstngsches Geprägeträgt, darum konunt er in ihr zugleich jener anderen Not des Heutigen Juden entgegen, die ihn: mit dem heutige!: Deutschen gemeinsam ist, der Not unr das Wirkliche. Denn diese Menschlichkeit ist entsprungen nicht aus einen: idealistischen Traum, sondern aus einen: tiefen schöpferischen Blick in das Reale. Lessing ist Idealist noch nicht in jenem abgelösten rein innerlichen Sinn des eigentlichen deutschen Idealismus: er ist Idealist nicht mehr, als er Realist ist. Sein Geist hat jene eigentümliche Art der Unbedingtheit, die aus der unablässigen Nachprüfung alles Idealen am Realen stammt. Nach dieser Seite hin ist er, über die klassische Epoche, die er begründete, hinweg, durchaus der Vorläufer der K i e r k e g a a r d, Ibsen, Marx, N i e tz s ch e. Er ist der scharfe unerbittliche Kritiker nicht nur des Wirklichen von der Idee aus, sondern auch der Idee von: Wirkliche:: aus. Daruu: hat auch der Gedanke der Toleranz, der Humanität — nachher so oft nur eine stumpfe Hülle für denkerische Untiefe und menschliche Bequelulichkeit ~ bei Lessing noch die schneidende Schärfe einer durchdringenden Kritik am Wirklichen, und den Glanz und die volle Frische einer eben erst aus dem Dunkel des Lebens ans Licht gehobenen Wahrheit. Bei ihm ist Toleranz kein mattes Sich - Abfinden, Humanität kein Verwischen realer Grenzen und Naturen — sondern diese beiden Begriffe sind gerade umgekehrt ein großes Bekenntnis zur vollen farbigen Wirklichkeit des menschlichen Daseins mit all seinen lebendigen Gestalten und Möglichkeiten. Nicht mit der Ruhe und Bequemlichkeit der Menschen, nicht un: ihres bloße!: friedlichen Nebeneinanderlebens willen verlangt dieser männliche Geist Duldung, Airerkennung alles Menschlichen, sondern um des menschlichen Wertes und der Entfaltung immer neuer, immer reicherer, höherer Werte willen, deren mögliche Fülle sich ihm schließlich bis zu der Möglichkeit der Entfaltung neuer menschlicher Sinne steigert. Damit weitere, erfülltere, wertvollere menschliche Gemeinschafte!: entstehen können, damit der Baum der Menschheit wachse und blühe bis empor in eine ferne unausmeßbare Zukunft, verlangt er Einbeziehung alles Menschlichen, unbekümmert um Herkunft, Rasse, Farbe, Nationalität. Dieser unbeschränkte Glaube des skeptischen Kritikers an die menschliche Entfaltung war, wie bei allen in die Tiefe blickenden Geistern, ein großes Trotzdem. Ein grenzenloses Trotzdem, das er ebenso der tragischen Enge und Gebundenheit seines eigenen Daseins wie seiner ursprünglichen Grundüberzeugung von der unentrinnbaren Bestimmtheit aller menschlichen Handlungen entgegenwarf. Freiheit, Autonomie im Kantisch-Fichtischen - Schillerschen Sinne war Lessing ein fremder Gedanke. Sein ursprüngliches Erleben und jede seiner Erfahrungen zeigte ihm die tiefe Gebundenheit, Kreaturlichkeit alles Menschlichen; seine Idee zeigte ihm das große Dennorb: der: Kein: unendlicher Entwicklung, der in allein Menschlichen schläft. Ans dieser tief religiösen Doppelkonzeption, die bei ihn: zu einer organischen Einheit zusaminenwuchs, vermag Lessing über die Zeiten hinweg zum Helf e r ei n es Lebens zu werden, d as aus einen: a b st r a k t e n I d e a l i s m u s zurückdrä n g t i n die Wahrheit des ganzen Lebens, das an Stelle einer feindseligen Zerrissenheit und eines verblaßten allgemeinen Humanismus die Tiefe des gemeinsamen realen Menschentums, der lebendigen verantwortlichen Existenz wiederzugewinnen sucht. Ist auch unsere Erkenntnisweise gegenüber der Lessings verändert: die Fundamente seiner Erkenntnisse selbst sind noch nicht abgebrochen. Wer Lessing zur Hand nimmt, der mag staunend erkennen, wieviele seiner Wahrheiten heute ucch lebendig sind; er mag beschämt -erkennen, lote wenige von ihnen heute noch verwirklicht sind. Von Lessing heute noch zu lernen hat der Jude wie der Christ. Aber der Jude empfängt darüber hinaus von ihm die stärkende Gewißheit, daß schöpferische Toleranz und von Weisheit und Güte genährte Menschlichkeit echtbärtige Kinder deutschen Wesens sind. Zu den Illustrationen auf der nebenstehenden Seite. Wiedergabe Lessingscher Erstdrucke. Oben: „Nathan der Weise“, Schluss der Ring-Parabel. Unten: Letzter Auftritt aus dem Lustspiel „Die Juden\ Die Originale wurden uns von der PreussischenStaatsb i b li o i h e\ liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt. Lessing und Mendelssohn. Von I. Landau. Der Jahresregent am Himmel unserer deutschen Dichtung, unseres gesamten Geisteslebens, ist Gott hold Ephraim Lessing. Aber man kann nicht von Lessing sprechen, ohne auch des Mannes zu gedenken, mit dem ihn durch dreißig Jahre und bis an sein Ende eine innige Freundschaft verbunden hat: M o s e s M e n d e l s s o h n s. Es ist, als ob Lessing und Mendelssohn, beide im selben Jahre, 1729, geboren, auch füreinander geboren wäre. So waren sie in Gemüt und Charakter, in Wirken und Streben verbunden. „David und Jonathan", wie Nicolai sie einmal nannte. Auch nachdem Lessing aus Berlin nach Wolfenbüttel übergesiedelt war, hat er alles, was ihn persönlich oder was sein Schaffen betraf, mit Mendelssohn beraten, und in den Briefen an seinen Bruder in Berlin liest man immer wieder: „Besprich es" oder „berate es mit Moses". Denn mir „Moses", oder Onkel Moses, war Mendelssohn seinen Freunden und Vertrauten. Auch Goethe spricht von ihm gelegentlich als von „Moses". In dem, was beiden, was Lessing und Mendelssohn, das Wertvollste war, im Kampfe für die Aufklärung, im Sinne einer Verbreitung von Wahrheit und Klarheit, für Toleranz, im Sinne nicht bloßer Duldung, sondern der Achtung und Würdigung fremder Glaubens- oder Meinungsart, waren sie von Anbeginn Verbündete. Lessing ist von Mendelssohn nicht etwa zu dieser Toleranzidee geführt worden, er ist nur, in Gemeinschaft mit dem Freunde, zu einer höheren Auffassung von ihr gekommen. Vertraut war sie ihm von je. Ist er doch gleichsam in einer Atmosphäre edelster Toleranz geboren. Sein Großvater, Pastor Theophilus Lessing, schrieb bereits 1670 eine Abhandlung: „D e tolerantia religionu m“, die er öffentlich verteidigte. Der gleiche Geist herrschte im Hause des Vaters, des Pastors in Kamenz. Als Aufnahmearbeit für die berühmte Fürstenschule St. Afra in Meißen schrieb der zwölfjährige Gotthold Ephraim einen Aufsatz über: „Die Beseitigung des Begriffs Barbarentum durch Christus," In dieser Arbeit heißt es: „Es ist barbarisch, einen Unterschied zwischen den Völkern zu machen, die alle von Gott geschaffen und mit Vernunft begabt sind ... So wollen wir auch die Juden mcht verurteilen ... Niemand ist ein Barbar, der nicht unmenschlich und grausam ist." Hier ist schon im Kern die Idee vorhanden, die. vierzig Jahre später, im „Nathan" ihren herrlichen Ausdruck fand. Mit neunzehn Jahren, und ehe er von Mendelssohn wußte, schreibt Lessing ein einaktiges Lustspiel „Die Juden", und da läßt er den „Reisenden" — den Juden also — zum „Baron sagen: Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker . . . , ich sollte glauben, daß es unter allen Nationen gute und böse Seelen gibt." Und das kleine Stück gipfelt im Schlußgespräch: „Baron: „Alles, was ich von Ihnen sehe, entzückt mich. Oh, wie achtungswürdig wären die Juden, wenn ße alle Ihnen glichen!" Der Reisende: „Und wie _ liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen." Ueber dreißig Jahre später, im „Nathan", erhebt sich die gleiche Auseinandersetzung zur Höhe der edleren, allgememeren Anschauung, die Lessing im Umgang mit Mendelssohn, dem Modell seines „Nathan", gewonnen hatte. Gerührt von Nathans schöner Menschlichkeit ruft der K l o st e r b r u d e r: „Nathan, Nathan, Ihr seid ein Christ! Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein bess'rer Christ war nie." Nathan: „Wohl uns! Deinn was Mich Euch zum C h r i st e n macht, das macht Euch mir Zum Juden." Die dreißig Jahre, die dazivischen liegen, gehören dem Freundschastsbunde Lessing-Mendelssohn an. Als Zwanzigjähriger nach Berlin gelangt und noch in den kärglichsten Verhältnissen lebend — „Für einen Groschen und sechs Pfennig bekomme ich eine starke Mahlzeit", schreibt er

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