Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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Jünger des Meisters zu fühlen, der sagt (Joh. 13, 34 k.): „Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch unter einander liebet, wie ich euch geliebet habe. Dabei wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt!" Aü das mündet ein in Lessings erhabenstes und unvergänglichstes Gedicht, das Hohelied der Humanität, die über alle Schranken der Nation, der Konfession und des Standes hinweg die Menschen zu Brüdern macht: „N a t h a n der Weise" (1779). Hier ist der Kreis erweitert: es sind die drei jener Zeit allein näher bekannten Religionen: Judentum, Christentum und Islam, die um den Vorrang streiten, wie sie es auch im 16. Jahrhundert bei dem von Lessing verteidigten italienischen Naturforscher Oaräano taten. Die Ringparabel, die Kern und Keim des Ganzen ist, reicht in die Zeit der Kreuzzüge zurück und war schon in Lessings Quelle an die ritterliche Gestalt des Sultans Saladin geknüpft und in Jerusalem, das allen dreien heiliger Boden war, lokalisiert. Die alte Dichtung läßt die Frage, welche der drei Religionen die rechte sei, unentschieden, wobei doch vorausgesetzt ist, daß eine die rechte sein müsse. Lessing gibt ihr eine neue Wendung, indem er dem echten Ringe die magische Wirkung zuschreibt, „vor Gott und Menschen angenehm zu machen" — eine Wirkung, die sich auch auf natürliche Weise durch Sanftmut und Wohltätigkeit erreichen läßt, so daß der Zauberring entbehrlich wird und das Ganze in eine Praktische Spitze ausläuft. Ihre volle Tiefe jedoch erreicht die Idee erst in der Geschichte, die um die Parabel gewachsen ist. Die von der Tradition gebotenen romantischen Voraussetzungen sollen nur die Möglichkeit schassen, an einem symbolischen Falle zu zeigen, wie Christen, Juden und Muselmänner in Wahrheit Brüder, Kinder eines Vaters sind. Der Tempelherr, der das Judenmädchen gedankenlos rettet, erst verschmäht, dann begehrt, ist ihr leiblicher Bruder. Sultan und Tempelherr, scheinbar Todfeinde, sind Oheim und Neffe. Indem durch die Erkenntnis ihrer Verwandtschaft alles Trübe aus ihrem Liebesbunde hinweggeläutert wird, stellen sie im kleinen Kreise ein Bild der vollendeten Menschheit dar. Diese Verwandtschaft besagt zugleich, daß alles Trennende unwesentlich ist. Denn das, was als Beweis der Echtheit gilt, ist allen gemeinsam. Wenn der überwältigte Klosterbruder ausruft: Nathan, Nathan! Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein beßrer Christ war nie! so erwidert dieser: Wohl uns! Denn was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden!— Und doch löst sich die Religion nicht einfach in Moral auf. Wohl ist die Nächstenliebe eine sittliche Forderung, aber sie gründet in dem religiösen Gefühle der allgemeinen Brüderlichkeit. Und sie hat ihre Ergänzung in dem rein religiösen Gefühle der „innigsten Ergebenheit in Gott", das Nathan ebenfalls in schwerster Prüfung zu bewähren hat. Menschenliebe und Gottergebenheit — ist das nicht der Kern jeder höheren Religion, in Vergleich mit dem alles andere Schale ist? Aber auch diese Schale, die äußeren Unterschiede in Glaubens- und Kultformen, wird nicht verworfen; das ist Sache der Tradition und Pietät, daher dem Streit mit Gründen entzogen; da halte jeder am Ererbten fest. Es genügt, wenn es das Wesentliche nicht verbirgt und unterdrückt. Das Ideal der allgemeinen Menschenbrüderschaft, das sich in der Freimaurerei einen, wenn auch unvollkommenen, praktischen Ausdruck geschaffen hat, — Lessings Dialog „Ernst und Falk" 1778 sucht sowohl die Größe der Idee wie die Mangelhaftigkeit der Ausführung ins Licht zu stellen —• ist wohl das köstlichste Erbe, das uns das 18. Jahrhundert hinterlassen hat. Je mehr sein Glanz im letzten Jahrhundert, mehr durch nationale Leidenschaft als durch religiöses Vorurteil, getrübt ist, um so mehr ist es not, daß wir unsere Seelen von neuem damit erfüllen. Und solange i-st auch Lessings Sendung als Vorkämpfer und Vorbild der ToleranznichtzuEnde. Von ihm können wir lernen, wie man das Bekenntnis zum Christen- oder Judentum mit jener Allmenschheitsreligion vereinigen, und wie man zugleich Deutscher und Weltbürger sein kann. ■ IDas bedeutet Tessin g dem deutschen Juden. Bon Margarete Srrsman. Der moderne Jude hat an der deutschen Geistesentwickluug nicht weniger intensiv als irgendein Stammesdeutscher teil. Er ist mit hinabgestiegen in die Tiefen der deutschen Innerlichkeit, in der sich unter dem Druck der äußeren, unter der Entscheidungskraft der inneren Gewalten immer ausschließlicher aller Wert deutschen Lebens sammelte. Er ist mit hinabgerissen worden in die glänzende und verhängnisvolle Welle des reinen Idealismus und er hat schließlich in unserer Zeit ihr jähes Verbrachen in dem Zusammen-- bruch der deutschen Wirklichkeit erlebt. Hier stehen wir deutschen Menschen heute — nebeneinander Jude und Christ — inmitten eines neuen Ringens um das Verständnis des Realen. Und es darf uns vielleicht nicht wundern, daß gerade ein solcher Augenblick neuen, noch verwirrten Sich-Zurechtfindens die Gemeinsamkeit der Arbeit bedroht, den Blick trübt, die Leidenschaften ausrührt und die Allzumenschlichkeiten der Menschen schärfer hervortreten läßt: auch jene, die den kleineren Teil einer Gemeinschaft immer zum gefährdeten machten. Aber auch wenn man so die tieferen Ursachen einer schmerzenden Feindseligkeit sich zum Bewußtsein zu bringen sucht: sie erschwert doch bitter die Arbeit an der gemeinsamen Wirklichkeit; sie droht den Juden zu verbittern, droht ihn irre zu machen an der deutschen Wirklichkeit überhaupt, die doch auch die seine ist. Um ihn von dieser Gefahr zu befreien, all seine Liebe für deutsches Wesen mit einem Schlage wieder in ihm aufblühen zu lassen, muß er hinwegblicken von der Allzumenschlichkeit des Heute in den Glanz reinster deutscher Menschlichkeit. Dieser Glanz liegt in dem Flamen Lessing. Und es ist kein Zufall, daß in diesem deutschesten aller Geister auch das Verhältnis zwischen deutschem und jüdischem Geist seinen reinsten Ausdruck gesunden hat: in der Gestalt, die Lessing als schöpferische Verschwisterung seiner selbst und seines jüdischen Freundes in den Mittelpunkt seines größten Werkes gestellt hat. Denn in ihr hat Gotthold Ephraim Lessing. — Nach einem Stich vcn A. H. Payne. Vf v-. \ a, '/ W lllilgill