Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277836--04992-2285679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Lessings Totenmaske von Krull sind. Gewiß hat er an den giftigen Schinähern und Verleumdern Luthers, Lemnius und Cochläebensowenig Gefallen gefunden wie wir; aber wenn er ihr Bild nicht reinwaschen kann, er tilgt doch die Flecken, die ihm ohne Grund angespritzt sind. Hier wirkt fein Wille zur Wahrheit als unparteiischer Gerechtigkeitssinn. Aus dieser Einstellung folgt weiter, daß die Wahrheit einen relativeren und subjektiveren Charakter erhält. Der Wahn, die reine Wahrheit besitzen zu können, rückt ferner: ja, dies scheint nicht einmal wünschenswert, denn nur das Streben »ach Wahrheit hat sittlichen Wert. „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen; denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. — Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahr- ' heit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschvn mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, . verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" - Nirgends erscheint Lessing so sehr als nivderner Mensch, als faustische Natur im Felde des Erkennens. Wenn :nan diese mit Recht berühmten Sätze liest und dann sieht, wie sein theologischer Hauptgegner, der Hamburger Hauptpastor Melchior G o e z e, sasiungslvs vor ihnen steht und sich in einem langen Kapitel seiner Schrift „Lessings Schwächen" redlich, über ganz ergebnislos bemüht, ihnen einen Sinn avzngcwinnen, dann begreift man: hier sind zwei durch einen Abgrund geschiedene Welten, zwischen denen keine Verständigung möglich ist. Es ist natürlich, daß es für Lessing keine Schranken der Toleranz gibt. So tritt er besonders für die Klassen ein, die zu seiner Zeit noch am meisten unter Intoleranz zu leiden hatten: Freidenker und Juden. Schon zwei seiner Jug.en.dlüstspiele sind ihnen gewidmet: „Die Juden" und „Der Freigeist", beide „verfertiget im Jahr 1749", also Werke des 20jährigen. Beide sind ästhetisch recht minderwertig; besonders „Die Juden" wimmeln von den gröbsten. Unwahrscheiiilichkeiten. Ihr Interesse liegt ausschließlich in ihrer Tendenz; diese aber ist bemerkenswert. Ein Baron wird unterwegs von zwei Räubern angefallen, die wegen ihrer langen Bärte für Juden gehalten werden, und von einem unbekannten Reisenden gerettet. Jene werden aber als sein eigener Vogt und Schulze entlarvt, und der Retter, auch sonst ein Ausbund von Edelmut, bekennt sich am Schlüsse zu allgemeiner Ueberraschung als I u.d e. Nun kann freilich aus der Heirat mit der Baronesse nichts werden. Aber daß das allgemeine Vorurteil gegen, die Juden durch den T a t beweis widerlegt, daß bewiesen wird, „daß es auch unter dem Volke gute Herzen gibt, das es am wenigsten zu haben scheint" (wie Lessings einziger Vorgänger in Deutschland Geliert es ausdrückt), das war damals eine vielen anstößige Kühnheit. Und das schrieb Lessing drei Jahre, bevor er in dem edlen und bedeutenden Juden Moses Mendelssohn seinen vertrautesten Freund fand. — Aehnlich steht es mit dem „Freigeist". Freilich ist Adrast nichts weniger als eine Jdealgestalt: freilich fällt er mit seinem grundlosen Mißtrauen und seiner unbeherrschten Heftigkeit sehr ab gegen den sanften, gütigen, verstehend-verzeihenden Geistlichen, der ihn mit unendlicher Nachsicht und Geduld zurechtbringt. Aber das war für Lessings Absicht nur günstig. Nur so konnte er das Ohr der Gläubigen gewinnen und ihnen in Theophan ein Vorbild zur Nacheiferung vor Augen stellen. Die Hauptsache ist doch, -daß Adrast, wie es im Personenverzeichnis des ersten Entwurfs heißt, „ohne Religion, aber voller tugendhafter Gesinnungen ist", und daß er am Schlüsse zwar von seinem Mißtrauen geheilt, aber keineswegs im theologischen Sinne bekehrt wird, daß er Freigeist bleiben und als solcher Theophans Freund und Schwager sein darf. Beide Stücke vereinigen sich also in der Lehre, daß der Wert des Menschen allein aus seinem sittlichen Charakter beruht, und daß dieser vom Religionsbekenntnis unabhängig ist. Lessing hat den Kampf des freien Denkens mit der Orthodoxie in seinem letzten Jahrzehnt ausgesuchten. Allerdings stellt er sich nicht einfach auf den Standpunkt der Aufklärung, sondern will eine Stellung über den Parteien einnehmen. Zumal mit der Aufklärungstheologie, die die Glaubenssätze aus der Vernunft ableiten und so eine Harmonie von Glauben und Erkennen zustande bringen will, ist er je länger je unzufriedener und äußert das zuweilen in einer Weise, daß es scheint, als ob er für die Orthodoxie Partei nähme. Daß diese doch der eigentliche Gegner war, wurde offenbar in dem großen Streite, den er durch die Herausgabe der „Fragmente des Ungenannten" entfesselt hatte und der die Jahre 1777^78 erfüllte. Und auch sie zeigte einen richtigen Instinkt, wenn sie in ihm und nicht in dem offnen Angreifer der christlichen Ueberliefernng den gefährlichen Gegner sah. In diesem Streite ist Lessings Stellung nicht ganz klar und eindeutig, teils weil er nicht seine ganze Meinung sagen konnte, wenn er überhaupt Gehör finden wollte, teils weil er auch keine ganz einheitliche und feststehende Meinung hatte. Er hatte zuerst mit der Aufklärung die Auffassung der Orthodoxie übernommen, die in der Religion eine Sammlung von Glaubenssätzen und Moralvorschriften sah. Doch die Glaubenssätze sanken einer nach dein anderen zu Boden, da eine geschichtliche Begründung für metaphysische Wahrheiten nicht ausreichte und die Ableitung aus der Vernunft nicht hielt. Und die Moral hatte Lessing wie Kant von der religiösen Grundlage abgelöst. So war er freilich kein Christ im dogmatischen Sinne. Dafür war ihm die Einsicht aufgegangen, daß Religion überhaupt n i ch t e i n e F r a g e d e s D e n - k e n s und Erkennens, sondern des F ü h l e n s und Lebens ist. Sv Erschien ihm als das Wesentliche des Christentums die Mahnung, die nach der Legende der hochbetagte Johannes zuletzt als einziges Wort immer wiederholte: Kinderchen, liebt euch!' („Das Testament Johannis." 1777.) Aber hatte ex damit nicht ein ebenso gutes; ja besseres Recht als seine theologischen Gegner, sich als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.