Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 21 (sequence 1)
- Language
- German
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*nmtl Serlin, IS. Januar 1 -2- VIII. Jahrgang ♦ ttr. 3 Einzelnummer 2-pfennig VMter fürüeiuscktmv^ «nvlsrwentmn Bicrtcliahrsabonnrmcnt S.SV RM. izuzügl. Bestellgeld)^ 0raan -es lLutrül-Verems -rutscner Slmttsvüryer sü-tsüren vlauveus Lsitrirr^ cllss IriclErrrrinis Verlag u. Schriftleitung: Berlin SW 68, Stnbenftr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 8594,3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidl-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0.90 Jl<M. fUr die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Masse« Normalzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,43 TRcM., die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 Gotthold Ephraim Messing als Verkünder der Toleranz. / von Professor Heinrich Meyer-Benfey (Hamburg). Lessing ist nicht der erste, der dem Toleranzgedanken in Deutschland eine Bahn gebrochen hat, und doch erscheint er uns als sein eigentlicher Vorkämpfer; denn bei keinem ist er so fest mit den letzten Grundlagen seines geistigen Wesens verbunden, bei keinem hat er diese prinzipielle Tiefe und Unbedingtheit. Dem Mittelalter ist Toleranz überhaupt fremd. Kaum war die katholische Kirche zur Macht gelangt, so begann sie sowohl das Heidentum wie die abweichenden christlichen Glaubensformen (Häresien) mit schonungsloser Gewalt und Konsequenz zu unterdrücken, und sie hat daran bis in die Neuzeit sestgehalten. Eine gewisse Duldung übte die Reformation in ihren Anfängen, indem sie., es ablehnte, in Glaubenssachen Zwang anzuwenden. Aber sie gab bald diese Haltung aus und hielt fest an dem Grundsatz, daß es nur eine rechte Lehre und wahre Religion gebe und daß die Obrigkeit für deren Durchführung zu sorgen habe. Auch die Religionskämpfe des 16. Jahrhunderts haben nicht mehr als die Gleichstellung des katholischen und des evangelischen Bekenntnisses für die Landesherren erreicht, während dem dissentierenden Untertanen nur das Recht der Auswanderung zugestanden wurde. Entscheidende Fortschritte darüber hinaus brachte erst die Aufklärung, die hier wie sonst im englischen Jndependentismus einen Vorläufer hatte. Sie erst hat grundsätzlich allen Glaubenszwang verworfen und Gewissensfreiheit für den einzelnen gefordert. Sie hat den - Wortsinn von Toleranz als bloß negativer Duldung — Nichtverfolgung vertieft zur positiven Anerkennung verschiedener Glaubensformen als zu Recht bestehend und gleichberechtigt. Freilich sollte dies anfangs nur für die verschiedenen Richtungen im Protestantismus gelten, während Katholiken und Kcöidmlkerrmrsgeschloffen blieben. Eine besondere' Melliing nahmen stets Beiträge von Julius Bab, Fritz Engel, Hanns Martin Elster, Herbert Eulenberg, Leopold Ießner, Heinz DretrichAenter, Isidor Landau, I. Levy, Ernst Lissauer, Heinrich Meyer-Benfey, Franz Nosenzweig, Frau Margarete Susmcrn. 22. \729 die Juden ein. Den Versuch, die. jüdische Religion gänzlich auszurotten, hat auch das Mittelalter nicht gemacht, so grausame Verfolgung es über die Juden verhängte. Anderseits war ihnen bis durch das 18. Jahrhundert ein hoheS Maß staatlicher Entrechtung und Zurücksetzung wie gesellschaftlicher Verachtung und Abneigung auferlegt, das nicht nur religiöse Gründe hatte. Die volle Verwirklichung der Religionsfreiheit für den einzelnen brachte für Europa erst die Französische Revolution mit der Erklärung der Menschenrechte 1789, der nur die nvrdamerikanischen Freistaaten mit ihrer Unabhängigkeitserklärung 1776 vorausgegangen waren. Lessings Leben fällt noch ganz in die Zeit des Kampfes, den zu seiner Zeit niemand mit solcher Energie und Unerschrockenheit geführt hat. Lessing ist seiner Naturanlage nach der Kritiker, der nichts für Wahrheit annehmen will, ehe er es auf seine Grundlagen geprüft hat, aber ebensowenig etwas ungeprüft verwirft. Ihm liegt daran, daß alle Meinungen zu Worte kommen und vor dem Richterstuhle der Vernunft verhört werden; aus ihrem Widerstreit wird dann die Wahrheit ausleuchten und die falschen Meinungen werden durch ihre Widerlegung vernichtet sein. Es ist klar, daß diese Haltung den radikalen Gegensatz zur Orthodoxie darstellt, die wähnt, ohne Prüfung und eigne Bemühung im Besitze der vollen Wahrheit zu sein, und sich deshalb berechtigt glaubt, alle abweichenden Meinungen zu unterdrücken. So zieht sich durch Lessings ganzes Leben ein besonderes Interesse für solche Gestalten, die der Verfolgungswut der christlichen, zumal der lutherischen, Orthodoxie zum Opfer fielen: Berengar von Tours, Cardanus, Lemnius,. Adam Neuser, Wissvwatius usw., und die „Rettungen", die er ihnen widmete, sind praktische Beweis« der Toleranzgesinnung.; Dabei tritt er keineswegs nur für solche ein, die ihm verwandt-oder sympathisch 22. X929