Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Ein neues Buch Wer indischen Rationalismus und Wlästtna. Gerhard Hold heim: Palästina, Idee, Probte m e, T a t s a ch e n. V e r l a g C. A. S ch w e t s ch k e -u. Sohn,Berlin. 3. Br. Das Buch stellt sich die Ausgabe, „in die Gedankenwelt des Zionismus einzuführen, um alsdann über die Wirklichkeit Palästinas, insbesondere den Stand des jüdischen Aufbauwerkes, zu berichten". Das Buch wendet sich an Zionisten und Nichtzionisten, an Inden und Nichtjuden. Soweit das Buch sich an Nichtzionisten wendet, erfüllt es die Aufgabe, über die Wirklichkeit zu informieren, nicht. Es sei dem Verfasser zugegeben, daß er sich bemüht, die Wirklichkeit objektiv und in ruhiger Weise zu erörtern, daß er auch bemüht ist, Zweiselsfragen zu behandeln. Bei der Beurteilung solcher Zweifelsfragen weis; er sich jedoch von seinen Wünschen nicht sreizumachen. Alan kann aber nicht zu einer objektiven Würdigung gelangen, wenn man hierbei mit Holdheim von dem Gedanken ausgeht: „Die Eigenart und spezifische Schwierigkeit des zionistischen Aufbauwerkes beruht darin, daß dem wirtschaftlichen Zlreck, den es zu erreichen gilt, das nationale Ziel der Wiedergeburt des jüdischen Volkes stets übergeordnet sein muß." (Seite 152.) So wirkt das Buch, soweit es die Wirklichkeit zu schildern sucht, auf jeden, der wirtschaftlich zu denken gewohnt ist, nicht überzeugend. Die idealen Regungen sollen gewiß bei einer Schilderung der" Wirklichkeit in Palästina nicht unbeachtet bleiben. Wer aber vom Standpunkt des Wirtschaftlers die Wirklichkeit schildern will, muß viel tiefer schürfen, und muß den Dingen viel schärfer ins Auge sehen. Dies gilt insbesondere auch von den Ausführungen, daß die Krisis in Palästina überwunden ist. Wer kritisch die eigenen Ausführungen von Hold he im prüft, kann zu dieser Auffassung nicht gelangen. Vielleicht ist heute noch niemand, der im Kampfe -der Anschauungen steht, in der Lage, eine objektive Berichterstattung zu geben. Dies gilt insbesondere für denjenigen, der auf zionistischem Standpunkt steht und für die Aufbauarbeit in Palästina wirbt. Sw ist auch dieses Werk keine nügenlchaftlichen Grundsätzen entsprechende Arbeit geworden. Es ist — mit oder ohne Absicht des Verfassers — eine der vielen Propagandaschriften, die nur auf unkritische Leser zu wirken geeignet, und die wissenschaftlich nickst höher zu bewerten sind als die Schriften, welche in oer Propaganda für den Koren baj6830ck und das Pro-Palästina- Commite Unheil genug angerichtet haben. Wir würden uns freuen, ein Buch, das wirklich eine objektive Schilderung gibt, zu empfehlen, auch wenn es von einem Zionisten geschrieben ist. Dieses Buch können wir als objektives Orientierungsmittel nicht anfehen. Der erste Teil des Buches, welcher sich mit der Ideologie des Zionismus besaßt, bringt nichts Neues. Auch hier aber fehlt jede Vertiefung in der Behandlung der schweren Lebensprobleme, um die der Streit Zwischen Zionisten und Nichtzionisten geht. Wer in sich den deutschen Juden als Lebenskraft und Lebensquelle empfindet, kann den Ausführungen des Verfassers kaum auf einer Seite ohne Widerspruch folgen. Solche Darstellungen sind vielleicht insofern von Nutzen, als sie deutlich die erschreckende Verirrung zeigen, in welche die Ideologie des Zionismus unsere deutsäzen Zionisten geführt hat. Es genügt, den Satz hervorzuheben: „Unaustilgbar ist die Dualität des Juden, der bei noch so tiefer Einfühlungssühigkeit in die Sprache und Kultur seines Mohnlandes in anderen seelischen Bezirken wohnt." (Seite 24.) Oder: „Palästinaaufban ist kein Hilfswerk für notleidende Juden; sein immanenter Sinn ist Erlösung des ganzen Volkes von dem Druck der Heimatlosigkeit." (Seite 28.) Oder: „Das Judentum braucht ein Territorium, in dem es selbst einmal die Mehrheit bilden und damit wieder zur Vollnation werden kann." (Seite 25.) Die Schrift beweist, daß Zwischen der Weltanschauung der Zionisten und der Nichtzionisten auf deutschen: Boden immer noch eine unüberbrückbare Kluft besteht. Auf Einzelheiten soll im übrigen an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Man wird noch Anlaß haben, sich mit der Schrift zu befassen. Die Schrift ist an zahlreichen Stellen widerspruchsvoll. Es braucht nur auf die auch von Holdheim betonte Notwendigkeit der Verständigung mit den Arabern hingewiesen und gefragt zu werden, wie es denn überhaupt möglich sein soll, den Juden die Mehrheit in Palästina zu schaffen, und wie hierbei eine Verständigung mit den Arabern denkbar ist. Nach den eigene!: Angaben von Holdheim stehen zurzeit 160 000 Juden etwa 675 000 Nichtjuden gegenüber. Widerspruchsvoll sind auch die Ausführungen über die Galuthexistenz. Das Leben im Galuth wird auch nach Holdheim nicht beseitigt werden. „Die Galuthexistenz wird nicht aus der Welt geschafft, doch die Zentralisierung bei dem Aufbau Palästinas verleiht dern jüdischen Leben neuen Schwung und eindeutige Richtung. Man wird wieder wissen,!vozu man noch Jude ist." Es genügt, diese Sätze wörtlich wiederzugeben. Sie bedürfen keiner Erwiderung von unseren! Standpunkte ans. Selbstverständlichkeiten trägt man nur naiven Hörern vor. Wir empfehlen das Buch denjenigen, welche sich einreden, die weltanschauliche Differenz zwischen Zionisten und Nichtzionisten überbrücken zu können. Hier gibt es keine Ausgleichung. Nur wer sich über das Leben hinwegsetzt, kann die Lösung des Problems im Zionismus finden. Der „Zsll" Seghers. Von Leo Hirsch. Vor wenigen Monaten erschien*) ein Buch „Aufstand der Fischer von St. Barbara". Auf dem Titelblatt stand als Namen des Verfassers: „Seghers". Nichts weiter. Ein unbekannter Name; wer. ist Seghers? Der Inhalt des Buches — Geschichte eines Fischerdorfes, Hunger, Not, Elend, Protest, Forderung einer Lohnerhöhung, Verweigerung, stumme, verbissene Resistenz, Ausstand, Angriff, Niederlage. Resignation — und der Stil dieses Buches — eine eigenartige, überaus kräftige, männliche Sprache, knappe Sätze, nur Hauptsätze von höchster Prägnanz, deren Kunst im Ausdruck des Notwendigen wie im Anbeuten des Hintergründigen lebt —, der Inhalt und der Stil dieses Buches sind ausfällig genug, um Interesse für seinen Autor zu erwecken, von dem nichts als der Name „Seghers" bekannt ist. So sängt diese Sache an, mit einem beinahe anonymen Buch, das bewundert, wer es las. Und nun kommt der erste Höhepunkt in der Geschichte dieses anonymen Buches: Seghers b e k o m m t den K l e i st - P r e i s. H. H. Jah nn . der diesmal den Kleist-Preis verteilt hat (nicht der Jude Alfred Kerr, wie der „Völkische Beobachter" behauptet), erklärt beiläufig, daß der Preisträger Seghers mit Vornamen Anna heißt. Anna Seghers, also eine Frau. Wer ihr Buch gelesen hat, bewundert es nun doppelt. Nicht weil es preisgekrönt ist, sondern weil dies durch und durch männliche und besondere Werk von einer Frau geschrieben ist. Ob es einer Auszeichnnng im Namen Kleists würdig ist? Sicherlich würdiger, als was sonst bei uns vielfach preisgekrönt und angepriesen wurde. Damit wäre also dieser Fall eigentlich ganz klar und eindeutig; an dem Urteil des Preisverteilers und an dem Wert des Buches gab es bisher nichts auszusetzen. Nun aber meldet sich eine Stimme aus dem Hintergründe: der „Völkische Beobachter" hat daran doch etwas auszusetzen gesunden. Etwa daß Anna Seghers den Preis nicht verdiene? Daß sie talentlos sei? Keineswegs, ihr Talent stellt der „Völkische Beobachter" nicht in Frage, sondern er führt gegen die Dichterin als *) Bei Gustav üiepenheuer. Potsdam. zündenden Einwand an, daß ihr Vater I f i d o r N e i l i n g heiße. Anna Seghers sei eine Jüdin aus Mainz, die ihre „Herkunft unter dem Decknamen Seghers zu verbergen suchte". Außerdem aber schreibe sie so viel von Hunger und Elend, während sie selbst reich ausgewachsen sei und kein Elend „kennengelernt" habe. „Und nun schüttet ihr die Kleist-Gesellschaft zu ihrem Reichtum noch einige tausend Mark in den Schoß!" In: Vertrauen: der Kleist-Preis betrug dieses Jahr genau fünfzehnhundert Mark. Und wenn auch diese Summe diesmal nicht „in den Schoß . . . von echt deutschen Dichtern" geschüttet wurde, die begabter seien und „am Hungertuche nagen", so bleiben doch die wirklich deutsche und ehrliche Gesinnung H. H. I a h n n s — man lese in der dem „Völkischen Beobachter" gewiß maßgeblichen „Deutschen Zeitung" nach — und das ehrliche und enorme Können der Anna Seghers nach wie vor unantastbar. Die Kleist-Gesellschaft wählt einen Vertrauensmann, in diesem Falle den allerseits einwandfreien Dichter Hanns H e n n y Ja h n n. Dem Vertrauensmann werden Manuskripte und Bücher zur Preiskrönung eingereicht, diesmal viele Hunderte. Das würdigste wird preisgekrönt; waren die dem „Völkischen Beobachter" würdig Erscheinenden (Wer sind-sie? Warum wird kein Name genannt?) nicht würdig? Oder lehnten sie es ab, ihre Arbeiten einzureichen? Ter „Völkische Beobachter" gibt zu verstehen, die Preisverteilung erfolge nicht frei von Vorurteilen und Voreingenommenheiten z u - gunsten jüdischer Literaten. Mit der Logik steht das Münchener Blatt aber nicht aus dem besten Fuße, wenn es sich an gleicher Stelle empört gebürdet, weil eine jüdische Schriftstellerin sich hinter einem Pseudonym verberge. Angenommen, selbst dies alles wäre wahr, Anna Seghers hieße „in Wirklichkeit" Anna R e i l i n g, so wäre damit nur die Unvoreingenommenheit der Kleist-Gesellschaft erwiesen. Während das Talent der Dichterin, ihr Recht auf den Preis längst erwiesen ist, und das Recht aus ein Schriftstellerpseudonym nie angezweifelt wurde. Aber klingt denn „Anna Reiling" jüdischer als „Anna Seghers"? Man verschiebe die Fragestellung nickst! Es handelt sich beim Kleist-Preis um eine ideelle wie finanzielle Auszeichnung für wesentliche junge [ Tal e n t e. Und Anna Seghers ist ein wesentliches junges Talent. *