Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Hörern die Vorstellung eingehämmert hatte, Berlin und seine m e g i c r u n g und-se in e Lv i r t s ch ä s t.l i ch e n V e.r-bä y.h.e und Unternehmungen seien alle in jüdischen Hände n, so werden wohl diese Zwischenrufe bei.einem großen Teil der Hörer die Wirkung nicht verfehlt haben. Nach dem offiziellen Schluß der Versammlung versuchte überdies Hitlers Adjutant, Hauptmann Rühm, noch eine Ansprache zu halten, um die Wirkung der nationalsozialistischen Taktik zu vertiefen. Eine weitere Versammlung der „Föderalisten" war sehr mäßig besucht, da die Hitler-Leute sich, wenigstens offiziell, diesmal nicht beteiligten. Die gegen die Juden gerichteten Zwischenrufe fanden deshalb mtclj nicht chen richtigen Resonanzboden. Auf die Aktion der „Föderalisten" muß es anscheinend auch zurückgeführt werden, daß der Vorsitzende des Bayerischen Kriegerbundes, General von Reuter, zum Rücktritt genötigt wurde. Unter seiner Leitung hatte der Bund sich immer bemüht, sich von Parteipolitik fernzuhalten und die Verbindung mit den: Kyffhäuserbund nicht abreißen zu laßen. Aus dieser Einstellung heraus löste der Bund vor kurzem feine Verbindung mit den V. V. V. B. Dieser Schritt ries Mißtrauenskundgebungen einiger mittelfränkischer Ortsgruppen hervor, denen der Vorsitzende wich. Die maßvollen Kreise erwarten jedoch, daß eine überwältigende Vertrauenskundgebung aus der nächsten Landestagung dem Vorsitzenden ermöglichen wird, sein Amt wieder zu übernehmen. In der Frage: „Föderalismus oder Einheitsstaat?" gibt es keinen eigenen jüdischen Standpunkt; Juden können der einen oder anderen Richtung anhängerr, solange sie sich auf dem Boden der Verfassung und des Gesetzes betätigen. Aber die Leiter d i e s e r s ö d e r a l i st i s ch e n Agitation werden klar Farbe bekennen müssen, ob sie sich ihre Wege von Hitler vorschretbcn Lassen wollen. Die Kühnheit der Nationalsozialisten, sich jetzt aus einmal als Föderalisten und Freunde der bayerischen Selbständigkeit auszuspielen, ist zudem nur erklärlich, weil sie auf die mangelnde politische Schulung und das kurze Gedächtnis der Massen spekulieren können. Sonst müßten sie sich enlgegenhalLeu lassen, daß ihr einstiger Führer Pöhner seinerzeit mt Hitler-Prozeß mehr ehrlich als diplomatisch sich als unbedingten N n i L a r i e r bekannt hatte mit den klassischen Worten: .„Bayern ist mir Wurst." Und er befand sich dabei mehr im Einklang mit dem Parteiprogramm als die demagogischen Scheinföderalisten des „Völkischen Beobachters", die um einer populären Strömung willen und um sich bei den herrschenden Parteien anzubiedern, heute gegen das Reich hetzen. Denn Ziffer 25 des n a t i 0 n a l s 0 z r a l i st i s ch e n P a r t e i p r 0 g r a m m s sagt dürr und deutlich: „Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralg-ewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen." Und die offiziellen Erläuterungen von Alfred Rosenberg sagen zu diesem Programm- Punkt: „Die Erringung der politischen Macht, einheitlich im allgemein-völkischen Sinn geleitet, . . . vermag allein mit den Nebeln des Zeitalters aufzuräumen. Inmitten der großen Mächtegruppen kann es außen- und innenpolitisch nur eine starke nationale Zentralgewalt geben . . . Wahrer Föderalismus ist nur dann wirklich möglich, wenn der ganze Staat nach außen eine einzige unwandelbare Einheit bildet." „Die Führer versprechen, wenn nötig unter Einsatz ihres Lebens, jür die Durchführung der vorstehenden Punkte rücksichtslos einzutrelen." Das sind die Männer, die den Kamps gegen die politische Lüge auf ihre Fahne geschrieben haben! Demagogen niedrigster Art! W. S-* Larrütagswahlen m Lippe. Die Nationalsozialisten verlieren ihr Mandat. Unter reger Wahlbeteiligung fanden am Sonntag in Lippe die Landtagswahlen statt. Die nachstehende Tabelle gibt ein interessantes Bild von der Verschiebung der Stimmenverhältnisse seit der Reichstagswahl am 20. Mai: Sozialdemokraten.. 31800 Christi.-Nat. Bauernpartei Dentschnationale .... Deutsche Volkspartei .... Demokraten.. 4 457 Kommunisten........ 4 930 Zentrum....» 2288 Volksrechtspartei .... Wirtschaftspartei.5 4’44 Nationalsozialisten. 2 708 Laudtags- Reichstaaswahlen 1929 wahlen 192s . 81300 f30 315' . 6 321 2 275 . 9 419 13 621 , 9 798 14 043 . 4 457 4254 . 4 930 3 441 „ 2 288 2 359 , 3169 4 868 . 5 444 2 327 . 2 708 1671 Obschon die Nationalsoziausten einen Stimmenzuwachs von über 1000 zu verzeichnen haben, haben sie doch ihr bisheriges einziges Landtagsmandat verloren. Die Deutschnationalen haben mehr als 4000 Stimmen und zwei Mandate verloren. Sie ziehen jetzt mit drei statt mit fünf Abgeordneten in das lippische Parlament ein. Dafür hat aber die Christlich-Nationale Bauernpartei einen Stimmenzuwachs von mehr als 4000 auszuweisen. Sie war im früheren Landtag gar nicht vertreten, wird jetzt aber zwei Sitze haben, so daß, wenn sie urit teu Den tschna tionalerr zusammen geht, Verschiebungen im Stärke- Verhältnis kaum eingetrelen sind. Die dtze verteilen sich folgendermaßen: Sozialdemokraten 9 (9), Dentschnationale 3 (5), Deutsche Volkspartei 3 (5), Demokraten 1(1), Kommunisten 1 (1), Volksrechts- Partei Ml), Wirlschajtspartei 1 (0), Bauernpartei 2 (0), Nationalsozialisten ü ll). Ausschreitungen -er Nationalsozialisten kn Ostpreußen. Wir hatten m Nr. 51/52 vom 21. Dezember 1928 berichtet, in welcher scharfen Form die Nationalfozialistische Deutsche Arbeiterpartei in Königsberg den Weihnachtsboykott ausgeübt hat, und mitgeteilr, 'daß die Boykott betroffenen Firmen (Warenhäuser und Konsumvereine) beim Landgericht eine einstweilige Verfügung erwirkt haben, derzufolge es den Natwnalsozialisten verboten wurde, in Wort und Schrift zum Boykott aufzufordern und die betreffenden Firmen verächtlich zu machen. Trotz dieser gerichtlichen Verfügung haben die Nationalsozialisten sowohl in einer öffentlichen Versammlung als auch in Flugblättern das Verbot übertreten, die Firmen erneut verächtlich gemacht und zum Boykott aufgefordcrt, so daß durch den Rechtsbeistand der Geschädigten, Rechtsanwalt Dr. L e p e h n e, in zwei Fällen Uebertretungsstrafen beantragt wurden. -- In Attenstein ließen die Völkischen ein Auto herumfahren, das ein großes Plakat trug: „Kauft nicht bei Juden!" In einem in den letzten Duzen verbreiteten Flugblatt, das wegen Verstoßes gegen das Pressegesetz vom Königsberger Polizeipräsidenten beschlagnahmt wurde, wird behauptet, daß sich das Reichsbanner und der Pazifist - Hel m u t h von G e r l a ch schützend vor die „jüdischen" Warenhäuser und Konsumvereine gestellt haben. Hierzu ist zu bemerken-, daß sich der bekannte Herausgeber der „Welt am Montag" allerdings in einer Reichsbanner- Versammlung gegen das Unsittliche der Boykottpropaganda in je dein Falle gewandt und ausdrücklich darauf hingelviesen hat, welcher Zustand wohl ein treten würde, wenn et loa von republikanischer Seite eine BoytötLpropagnnda gegen alle Firmeninhaber ausgehen würde, die in der N. S. D. A. P., im Stahlhelm oder in ähnlichen Verbänden organisiert seien. Alle Zwei Wochen finden in Königsbergs größtem Saale, der Stadthalle, öffentliche Versammlungen statt, in der die Nationalsozialisten m übelster Weise Judenhetze betreiben. In bezug auf den von uns kürzlich veröffentlichten Bericht über die unwürdige Form der Toteugedenkfeier der Nationalsozialisten erklärte der Gauführer Erich Koch (früher Elberfeld) m diesen Versammlungen von Tausenden von Menschen, daß er den Berichterstatter der „C. V.-Zeitung", den „jüdischen Dreckspatz Sabatzkh", den ostpreußischen Syndikus des Centralvereins, mit der Reitpeitsche züchtigen werde, wenn er ihn auf der Straße treffe. Trotzdem Koch inzwischen die Strafanzeige unseres ostpreußischen Syndikus wegen Bedrohung und Beleidigung Zugegangen ist, hat er seine Drohung unter Ausstoßung von erneuten Schmähungen wiederholt. Gleichzeitig behauptet Koch wahrheitswidrig unter Bezugnahme auf den von uns veröffentlichten Bericht, daß Sabatzky in ihm das Andenken von zwei Millionen deutscher Gefallenen beschmutzt und besudelt habe. Alle anständig Denkenden wenden sich voll Abscheu von einer derartigen Agitation ab. in Lanöeshut i. Schlesien. Obwohl Adolf Hitler erst vor wenigen Tagen im „Völkischen Beobachter" an hervorragender Stelle einen Befehl an die Mitglieder der N. S. D. A. P. veröffentlicht hat, irr denn er strikte Ä n w c i s u ii g e r teilt, jede A u s s ch r e i L u n g u u d je d e UngesetzmäßigLei L im politischen Kampf zu vermeiden und nur mit geistigen Waffen zu kämpjen, haben sich in Niederschlesten Ende Dezember wüste Ausschreitungen der Nationalsozialisten abgespielt. Eine Gruppe Nationalsozialisten marschierte durch den Ort Landes Hut, fang aufreizende Lieder: „Erst wenn die Juden bluten, wird Deutschland wieder frei" und beschmierte in der Nacht Schaufenster und Hausermauern jüdischer Geschäfte mit Inschriften wie: „Meidet die Juden", „Kaust nicht bei Juden", um schließlich vor der Synagoge haltzumachen. Dort stießen die Teilnehmer an dem Umzug aus Kommando dreimal den Ruf „Pfui!" aus und spuckterr zu Boden. Der Landesverband Niederschlesien des Centralvereins hat gegen die Teilnehmer des, Umzuges, die er seststellen konnte, Strafantrag wegen Religionsbes ch i m p s u n g, Aufreizung zum K l a s s e n k a m p f, Sachbeschädigung und groben Unfugs bei dem Landgericht in H i r s chber g gestellt. Die Berusrrrrgsverha«-lu«g gegen die Arrsbacher Friedhofsschärrder. In Nr. 42 der „E. V.-Ztg." vom 19. Oktober 1928 hatten wir von der milden Bestrafung der Fviedhofsschänder in Ansbach berichtet. Das Urteil für den minderjährigen Täter, gegen das der Staatsanwalt Berufung eingelegt hatte, lautete damals auf 100 Mark Geldstrafe oder 20 Tage Gefängnis. In der B e r u f u n g s v e r h a n d l u n g wurde Stöcker an Stelle von 100 Mark Geldstrafe zu 50 Mark Geldstrafe und sechs Wochen Gefängnis, der Zweite Täter Meißner an Stelle! von 130 Mark Geldstrafe zu 56 Mark Geldstrafe und einem Monat Gefängnis verurteilt. Die Strafvollstreckung wurde, wie auch in dem erstinstanzlichen Urteil, von tadelloser Führung während einer Probezeit von drei Jahren abhängig gemacht.