Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 51-52 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- Seite 727 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Das „Dsrarliifche gmttUienMatt" vom 13. Dezember berichtet in einem Nussatz ^NeligLon oder Nation" über einen vor kurzem in Mailand abgehalknen Kongreß der ttaiiemschen Zionisten. Es zitiert die faschistische „Popalo Roma“, die im Zusammenhang mit dem KongreßberichL die offizielle italienische Auffassung über Judentum und den Zionismus entwickelt. Wir lesen Ln diesem Aussatz: . . . „Zunächst ist es nicht unangebracht, daran zu erinnern, daß Italien eine der wenigen Nationen der Welt ohne antisemitische Parteien und Strömungen ist. Die Italiener, gerade auch die Faschisten, haben stets gedacht, daß die italienischen Juden gute Italiener seren, die an Moses glauben und auf den Messias warten. Der einzige Unterschied wäre also die Religion. In allem übrigen wäre beiden aber alles gemein: Vaterland, Rechte und Pflichten. Das italienische Volk hat niemals einen Unterschied gekannt, hat sich niemals im geringsten überrascht gezeigt, wenn drei jüdische Minister es auf einmal regierten, auch nicht, wenn es Juden an der Spitze von wichtigen und oft recht delikaten Aemtern gesehen hat. Bis gestern also war es richtig und gerecht, die Juden als volle italienisäze Staatsbürger mosaischer Konfession zu betrachten. Nach dem Kongreß von Mailand aber teilt diese Situation einige Varianten dar, wert der Ueberlegung und solcher rt, daß sie eine Berichtigung der allgemeinen Meinung herausfordern können- Wir haben einen Appell der Zionistischen Vereinigung Italiens gelesen. Ln der von dem jüdischen Volk gesprochen wird, „das im Namen Zions den von den Vätern gezeichneten Weg ausgenommen hat usw. usw*. In dem ferner die Zionisten ausgefordert werden, „ihr jüdisches Nationalbewußtsein wieder zu gewinnen*, in dem versichert wird, daß „die jüdische Nation ihre Idee zu verwirklichen verstehen wird* Die christlichen Italiener werden vielleicht doch ein bißchen überrascht und verwirrt sein, feststellen zu müssen, daß es in Italien rin anderes Volk gibt, das sich vollkommen fremd und außerhalb nicht nur unserer Religion, sondern vor allem unserer Nation, unseres Volkes erklärt, also auch unserer Geschichte und unserer Ideale. Das wäre ja wirklich ein Gastvolk, das zu unL steht, wie sich das Oel zum Wasier verhält: zusammen, ja, aber ohne sich je zu vermischen, um den Ausdruck de§ florentinischen Rabbiners Margu- Lies zu gebrauchen. Diese Feststellung ist ernsthaft. Sicherlich folgen nicht alle Italiener dem Zionismus (es sind die an Zahl rverrigsten! D. Red.). Aber gegen die Lauen und Abwesenden hat der Herr Giuseppe Pardo RogueS aus Pisa die Blitze seines ZorneZ geschleudert. Er spricht von denen, dir „noch friedlich im tödlichen Assimilationsprozeß versunken sind*. DaS gesetzliche Ende des Ghettos, die anerkannte Gleichheit zwischen jüdischen und christlichen Italienern, ein Ereignis, das als eine der größten Eroberungen der Zivilisation gepriesen wurde, wird von diesem kämpfenden Makkabäer aus Pisa als ein „tödlicher Assimilationsprozeß* definiert. Darum fragen wir die jüdischen Italiener: „Stellt ihr eine Religion oder stellt ihr eine Nation vor?* Die Frage hat nicht den Zweck, antisemitische Bewegungen zu erregen, aber Wohl den, aus einer schattenhaften Zone ein Problem ans Licht zu ziehen, das existiert und das länger zu ignorieren völlig unnütz ist. Aus der Antwort werden wir die notwendigen Schlüsse ziehen* * In der Zeitung», Nummer 50 dom 14. Dezember 1933. stellt Landgerichtsrat Dr. Arthur LUienLtzal (Berlin) die Frage, ob wir in der Agency „mit den Zionisten für Palästina Zusammenarbeiten* können. Nachdem er die gegenwärtige Lage und die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit geprüft hat, kommt er zu folgender ^Zusammenfassung^: Ich faste also die Wünsche, die von nichtzionistischer Seite für ein Zusammenarbeiten in Palästina m. E ausgesprochen werden sollten, dahin zusammen: 1. Einräumung eines entsprechenden Einflusses auf die KalästLna-Arbeit. 2. Kespcktierrrng unserer nickstnatioualen fiedlungsmästigen Einstellung zum B^lästinawer? nady außen. Eine BalästinLwerbrmg «ef der Grundlage nationaler Anschauungen ist nicht möglich. 3. Die Entpolitisierung der gemeinsamen Palästinaarbett mnst ihre« Ausdruck finden in zweierlei: a) bei der Einwanderung in dem Grundsatz des Gleichgewichts zwischen der Zahl der Einwanderer und den wirtschaftlichen Fährgfrfteft des Landes. fo) in der Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses %n den Krachern. 4. Vslaftlns-Abkernnre« als Lei! eines EefamtkoLonisaLionL- NdZsmMens mir dem Ziel einer planmäßigen Siedlung in der ganzen Welt. Daß eine Zusammenarbeit für Palästina eine Milderung in der Form imrerjüdischer Parteikampse bringt, sollte selbstverständlich sein. Gemeinsame Arbeit wird das Verständnis des einen für den anderen fördern und daS Gefühl der Gemeinschaft stärken. Die ttebersetzung der Tohn-B-erL-Vroschüre. Wie auch in der ,,C. V.-Zeitung* berichtet, wur^ anläßlich der Palästinarcise des belgischen Ministers Dandervelde von zionistischer Seite die Nachricht, verbreitet, der E V. dzw. der Stellvertreter des Vorsitzenden, Dr. Bruno Weil, habe dem Minister die Cohn-Wei!sche Palästinabrosämre in französischer liebersetzung mü einem Begleitschreiben zugesandt; es hätten sich sogar Augenzeugen gemeldet, die jenes Schriftstück gesehen haben wollen. Da diese Behauptung. verbunden mit scharfen Vorwürfen gegen den C. V., durch einen Zionistensührer auch in der DerwaltunMitzung einer süddeutschen jüdischen Kultusgemeinde vorgcbracht wurde, griff eines unserer HanptvorstandsMltgUeder, das der Verwaltung dieser Gemeinde angehört, die Sache aus und leitete entsprechende Recherchen ein. Das Resultat mehrmonatiger Nachforschungen war die Abgabe einer Erklärung des betreffenden Zioniftenführers in der letzten Sitzung jener Kultusgemeinde, daß die Beschuldigungen gegen den CL V. dzw. gegen Dr. Bruno Well zu Unrecht erhoben worden seien und unter dem Ausdruck des Bedauerns zuruckgenonun.cn würden. Damit ist jene Legende in einwandfreier Weise geklärt und widerlegt. Illrich von lNllsmowitz-Nöllsnöorf. Zrmr 80. Geburtstag veS Gelehrten am 22. Dezember. Am 22. Dezember vollendet Professor Dr. Ulrich von Wlamow-itz- Möllendorf fern achtzigstes Lebensjahr. Er wird gestiert in weiten Kreisen der Heimat wie des Ausürndes; denn er ist ein großer Gelehrter, ein glänzender Schriftsteller, ein charaktervoller Mensch, mit Ehren und Auszeichnungen überhäuft. Was uns an dieser Stelle interessiert, ist sein Verhalten zu Judentum und Judenfeinden. Er entstammt der Provinz Posen, an deren Spitze einst als Ober- Präsident sein älterer Bruder gestanden hat. An Gelegenheit, Juden kennenzulernen, hat es ihm also nicht gefehlt. Er hat auch noch in seinen eben erschienenen .^Erinnerungen* den aufdringlichen „Schnorrer*, das schmutzige Ghetto, namentlich Inowrazlaws, das Elend der lange rechtlosen Masse ebenso beredt geschildert wie den Aufstieg zu deutscher Kultur, t>te Verbreitung und Festigung deutscher Gesinnung und Vaterlandsliebe, die in demselben Maße möglich wurde, wie Gerechtigkeit und Billigkeit den Juden gegenüber zur Geltung kamen. Nicht, daß Wilamowitz, der Sproß einer Adelsfamilie, der hohe Offiziere angehört hatten, eine Vorliebe für die „Fremdstämmigen* hätte haben können; aber er suchte sich vor Befangenheit und Vorurteil ju schützen. Er findet recht scharst Worte für unerfreuliche Erscheinungen, aber hält ebensowenig mit herzlicher Anerkennung zurück für Juden, die sie ihm zu verdienen scheinen. So erzählt er. wie er und sein Bruder als junge Buben aus dem Garten ihres Gutes gerben wurden: „Der Herr Michel Levy war bei unserer Mutter, und wir sollten einen artigen Kn ix machen. Der alte Herr legte Wert darauf; uns war sein Hörrohr sehr merkwürdig, aber er machte selbst noch einen stärkeren Eindruck als der immer freundliche Superintendent, und wir wußten, daß Mama auf seine Besuche größten Wert legte. Obgleich er ein strenger Jude war. nahm er ein Ei, etwas Salat, ein Glas Portwein wohl an. Später habe ich erfahren. daß er als Berater und als Warner iam. als Warner auch vor Juden, aus Hochachtung und uneigennütziger Hilfsbereitschaft der deutschen sorgenden Frau zuliebe. Ich bin einmal in sein Haus gekommen, als ich cllt genug war. eine reiche Bibliothek anzu> starmen und etliche alte Münzen, auch antike, zu bewundern; der Eindruck war unverwischlich Seine Familie gehörte zu den wenigen, die nicht fortzogen, sondern ganz in das Deutschtum aufgingen, und die freundschaftliche Verbindung hat sich durch den Wechsel der Generationen bis aus diesen Lag erhalten.* Wilamowitz fügt hinzu, daß es einen Antisemitismus, „wie er sich später hercmsgebildet hat und von den Hakatisten vielfach geteilt wurd<*. damals nicht gab, „und daß er in unserem Hause und vollends bei mir nicht auftonm^n konnte*. Er spricht werter von einem „polternden, zum Rassenhaß ausgearteten Antistmitisurus*. nicht ohne bitteres Urteil über '„jenes glanbenlose, staatlose, gewissenlose Judentum*, das dem Bolfckzewismus diene. Am so warmherziger spricht er von der .Kindeutschung jüdischer Landsleute* m seiner engeren Heimat: J£reue Deutsche waren nicht wenige geworden; in der Wissenschaft, die ich zu nächst übersehe und die chrem Wesen nach keine Rücksicht auf Herkunft oder Konfession nimmt, glänzen so manche Namen und wird der Friede weiter bestehen.* Wilamowitz ist ein Schwiegersohn Theodor MornnchcnZ, dessen Kampf gegen den Antisemitismus unvergessen ist; der jetzrge Jubilar führt diesen Kampf auch auf die Beziehungen zu vortrefflichen Freunden jüdischen Bluts* zurück, zu .Kollegen, aber auch zu einem Mann wie Bamberger, der gewiß ein so treuer Patriot wie Mommsen selbst war*. Sagt Wilamowitz. Als Student hatte Wilamowitz eine Zeitlang in Bonn geweilt, wohin er Empfehlungen an Jacob Bernays mitbrachte, der sich feiner anncchrn. „Ick) hörte ihn fleißig, und die Verschiedenheit der Gegenstände war höchst auftlärend*. heißt es in den „Erinnerungen*. Er lernte allerlei bei ihm, was ihm beim späteren Doktorexamen zugute kam: „Aber auch der persönliche Verkehr mit dem ,Rabb i‘, wie Bernays bei den Studenten hieß, war interessant und förderlich. Er war nicht nur strenger Jude und hatte mit seinem Bruder Michael gebrochen, als dieser sich taufen ließ, sondern trug den EigreneYerkaufssteHen in allen grosseren Städten. Deulsdilands. Erhalliidi in. allen Spezialgesdiaften.