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Central-Verein-Zeitung · 1928-12-21 · 51-52 (21.12.1928) · p. Seite 725

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
51-52 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
Seite 725 (sequence 5)
Language
German
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Würdigung einer deutsch-jüdische» Persönlichkeit. Noä) einmal sehen wir nun unseren Paul Nathan, sein buntes Leben voll bewegenden, in Wirkung über den Alltag weit Hinausgreisenden Inhaltes vor uns. Der scharmante Reiz dieses eigenen Mannes, dem sich je kaum einer entziehen konnte, strömt uns wieder warm und lebendig zu. Und im Hintergrund baut sich das Bismarck-Zeitalter in mächtigen Kulissen auf; abgelöst durch daS konservative Preußen-Deutschland des letzten Kaisers, das diesem Manne höchster Begabung und glänzender Fähigkeiten, war kr doch Demokrat und gar noch Jude, für wertvolle Ausgaben höä)stens in seiner Privcrtwohnung zu finden wußte. Welch ein Glück, daß er sich nicht, verzweifelnd am politischen Leben, nur seinen so geliebten Kunstfreuden, seiner stets erstrebten wissenschaftlichen Arbeit in die Arme roars! Welch ein Glück sür uns deutsche Juden und das Judentum, daß er. je garstiger ihm das politische Lied dünkte, seine Gaben stärker und stärker für große und großzügige jüdische Aufgaben einsetzte, ohne sich auch nur um eine Spanne von seinen deutschen Idealen zu entfernen, ohne je ganz in jüdischer Arbelt zu versinken! Die Lebensbeschreibungen beherrschen den Büchermarkt. Bismarck und Wilhelm II. zeichnet eine glänzende Feder. Der unendlich energische D'Jsraeli. sorgfältig in einem Werk porträtiert wird zu unserem Zeitgenossen. Lasiaüe erscheint, und Jud Süß, umrahmt vom üppigen Barock, stellt sich Zehntausenden vor. Alle diese Werke und Dutzende dazu, eine Weltgeschichte in Charakterbildern, nicht etwa sür Fachgelehrte bestimmt, erweisen die Sehnsucht nach der überragenden Persönlichkeit gerade in einem Zeitalter, in dem der Anspruch der Masse in Politik und Wirtschaft vorherrscht, in dem Wisienschaft. Dichtung und Kunst der „Masse Mensch" im Groben und im Feinen, im Schönen und im Häßlichen nachspüren. Wir klagten jüngst hier bitter über den fehlenden Roman, der deutsch-jüdischer Weltanschauung im Ganzen oder in Teilen gerecht werde. Ernst Feder hat uns das Bild, das Idealbild der deutsch-jüdischen Persönlichkeit ge3eid}net1) In taciteisch „grollender Kürze", im kargen Stil, sozusagen mit „verhaltenem Atem" ist dieses Buch geschrieben, dessen Bäter Liebe und Freundschaft heißen. Die Fülle des Stoffes sprengt fast die enge Hülle des Wortes. Meisterhaft aber ist es gelungen, die Laudatio, den wehmütigen. mehr oder minder langen Nachruf, der als persönliches Bekenntnis nur den engen Verwandten- und Freundeskreis angeht, völlig zu vermeiden. Hier wächst ein Mann, dem gesegnete Gaben eignen, aus dem Boden einer großen Zeit, ein Mann, den die Zeit formte, der aber auch auf dem Posten, den er sich errang, zu seinem Teile die Zeit formen half. In diesem Buche liegt ein Stück deutscher Geschichte vor unseren Augen, ein Beitrag zu dem so schweren und vergeblichen Ringen des freiheitlichen Deutschlands der Bamberg er und Homberger, der Mommsen und Aldenhoven. der Barth und Nathan um den freien L-taat. „Aber *) Ernst Feder: „Potttrk und ^umaniiSt,*' Deutsche Derkagsanstalt, Brrlirw - 725 an Männern, die frei find und frei handeln und sich einsetzen. an solchen fehlt's", lehrt der kluge, weitschauende Homberger den jungen Nathan. Wären ihrer mehr gewesen, hätte nicht diese wenigen der kurzsichtige Stiefvater Staak noch mit Dersehmung und politischer Verbannung im eigenen Vaterland belegt — zumindest ein Grund des unseligen Zusammenbruchs von 1918 wäre beseitigt worden. * Paul Nathan — die deutsch-jüdische Persönlichkeit. Warum 'verschweigen, daß seine Kenntnisie im Hebräischen kaum das Alef-Beth überstiegen? Warum unterdrücken, daß die Synagoge stets vergeblich auf diesen Besucher wartete? Und dennoch war Hirsch Hildesheimer sein lieber Freund, und dennoch trugen ihm die frömmsten Rabbiner und Gcmerndeführer des Ostens so dankbar-vertrauensvoll ihre Sorgen vor, die religiösen Sorgen um ihre Gemeinden und die politischen um die christlichen Stadtverwaltungen. Wir von heute fordern und befördern gründlicheres Wissen vom Judentum, eine wärmere religiöse Betätigung — verliert Nathans deutsch-jüdische Leistung deshalb aber das Geringste im Wert? Süß und ehrenvoll ist es. sür das Vaterland auch zu leben und zu arbeiten. Das hat er im reichsten Maße bewährt. Unzählige Fäden liefen zwischen ihm und unseren nichtjüdischen Volksgenossen, und wahrlich, den Besten von ihnen. Lange Jahre diente er der Verwaltung der sich mächtig dehnenden Reichshauptstadt. Freunde, keine Juden, gingen jahrzehntelang Hand in Hand mit ihm durchs Leben. „Er war so ganz Deutscher, daß ihm die Vorstellung, einer anderen Nation, der jüdischen, anzugehören, nicht einmal ein Lächeln entlocken konnte." Und daneben — vielleicht sogar aus der gleichen politischen Einstellung — der Kampf gegen das schimpfliche Rituatmordmärchen, die mutigen Gespräche auf russischem Boden mit einem Witte und Stolypin über die jüdische unerträgliche Not. die jahrelange, ununterbrochene Arbeit im Eentralverein und die Schöpfung des geschlosienen, wundervoll überdachten Schulwerks des Hilfs- Vereins der deutschen Juden auf dem ehrwürdigen Boden des Heiligen Landes. In unseren Tagen, in denen judenfeindlicher Haß oder kühle Ablehnung, in denen übertriebenes Einspinnen in nur jüdische Angelegenheit. bequemes, aber unkluges Zurückziehen immer höher steigende Scheidewände zwischen jüdischen und nichtjüdischen Volksgenossen errichten, sei uns Paul Nathans deutsch-jüdische Lebensauffassung mehr denn je Vorbild und Ansporn. Wir halten nicht den nur jüdischen, nicht den unjüdischen Menschen, wir halten den deutschjüdischen Typus von der Art Paul Nathans für unser segenspendendes Vorbild, das dem Judentum nicht minder frommt wie dem deutschen Daterlande, das vor allem einzig berufen ist. alle unsere Kräfte harmonisch zu entwickeln. So möge Paul Nathan weiter und weiter richtunggebend fortwirken. Dann strömt sein AnKnken nach Väter Weisheit wahrlich Segen aus. Ter tägliche Umgang selbst mit bedeutenden Menschen beengt das Urteil, verzeichnet die ewigen Linien der Persönlichkeit. Ernst Feder hat uns den Paul Nathan geschenkt, wie er sich selbst im Buch deutsch-politischer und deutsch-jüdischer Geschichte eingeschrieben hat. Dr. Alfred Wiener. Ms den Parlamente»!. Der Zentrumsabgeorönete Heß über Undes Neöe. Im Preußischen Landtag betätigte sich bei der ersten Lesung deZ Etats in der vorigen Woche der nationalsozialistische Abgeordnete Kube wie so oft schon als Redner, der keinen Wert darauf legt, ernst genommen zu werden. Er machte allerhand antisemitische Mätzchen, die ihm den billigen Beifall seiner fünf Gesinnungskollegen und einiger deutschnationaler Abgeordneter embrachtcn. Ter größte Teil seiner Rede aber bestand in Angriffen auf das Zentrum, dem er unchristliche Gesinnung. Gerissenheit. politisches Doppelspiel und ähnliche schöne Tinge vorwarf. Der Führer des preußiscl?en Zentrums, Abgeordneter Dr. Heß, erteilte ihm dafür eine Abfuhr, die von jubelnden Beifallsstürmen fast des ganzen Hauses begleitet war. Wenn auch die Ausführungen des Zentrumsführers mit jüdischen Dingen nichts zu tun haben, so wird es doch für unsere Leser von Interesse sein, zu erfahren, welche ironische Abfuhr sich Herr Kube geholt hat. Dr. Heß führte unter anderem aus: „Der Abgeordnete Kube hat hier das Austreten des Reichskanzlers Hermann Müller in Gens getadelt. Warum schickt man nicht einen Mann wie den Herrn Kollegen Kubenach Genf? (Stür- mische Heiterkeit.) Hoffentlich findet der Gcdanke in der Zukunft . noch einmal seine Verwirklichung, llns hat hier früher der völkische Pastor Boß oft Freude gemacht. Herr Kube aber hat ihn bei weitem Übertrossen. iUit ihm kommt keiner mit. (Fröhliche Zustimmung.) Wir im Zentrum haben so lange geglaubt, keiner käme hinter unsere Politik. Nun kommt Herr Kube und leuchtet hinter unseren Parteischirm. Wie stehen wir jetzt da! (Stürmische Heiterkeit.) Aber Herr Kube, das ist doch keine Kollegialität! (Erneute Heiterkeit.) Hetzt müssen wir unsere. Gerissenheit noch mehr potenzieren, damit auch Herr Kube nicht dahinter kommt. Das wird uns bei seiner Klugheit kaum möglich sein. (Abgeordneter Haakc (Nationalsozialist): Das istja eine Büttenrede!) Ja, mein Gott, Büttenreden kann nicht jeder halten! Herr Kube hat gesagt, wenn einmal Sozialdemokraten und Dcutschnationale miteinander einig würden, dann wird es dem Zentrum schlecht gehen. (Abgeordneter Kube: Da sind Sie blaß geworden!) Das haben Sie auch gemerkt? (Stürmische Heiterkeit.) Von uns aus steht einem Zusammengehen von Deutschnätionalen und Sozialdemokraten nichts im Wege. Wir würden uns nicht fdilcd}t_ habet stehen. Dann würden Sie. Herr Kube, erst die ganze Gerissenheit der Zentrumspartei kennenlernen. (Erneute stürmische Heiterkeit.) Herr Kube hat gesagt, das Zentrum verstände es sehr gut, bald mit der Rechten, bald mit der Linken zu liebäugeln. Ich stehe jetzt im Begriff, mit den Nationalsozialisten zu liebäugeln! (Stürmische Heiterkeit.) . . Wenn Lächerlichkeit töten würde, wo wäre Herr Kube jetzt? Gegen -en Mißbrauch -er Immunität. Unsere Leser sind über das System der Nationalsozialisten unterrichtet, ihre Zeitungen durch immune Abgeordnete verantwörtlich redigieren zu lassen. Bisher pflegten die Parlamente die Genehmigung zur Strafverfolgung zu verweigern. So häuften sich Dutzende von Strafverfahren, die nur selten zum Abschluß gelangten. Die Nationalsozialisten lachten sich ins Fäustäsen und hetzten und beleidigten gewerbsmäßig weiter. Nun ist in der Praxis der Geschästsordwungausschüsse des Reichstags des braunschroei gischen und preußisä-en Landtags ein erfreulid)er Wandel eingetreten. Die Ausschüsse erteilten die Genehmig u n g z u r Strafverfolgung der Abgeordneten G r v h , Tr. Ley und Kaufmann. Wenn bezüglich der beiden letzten auch eine erneute Beratung der Anträge, die Strafverfolgung zu genehmigen, aus formellen Gründen notwendig sein wird, so wird das an der endgültigen Entscheidung hoffentlich nichts ändern: Die. I m m u n i t ä t darf nichtdazudienen. gewohnheitsmäßige De leidiger vor dem Strafrichter zu schützen. Jnzwiscksen hat der ReiciMag die Genehmigung zur Strafversolgung des Abgeordneten Straffer erteilt.

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