Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 51-52 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277781-2277832--04952-2285629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
722 kreise aus dem suggestiven Bann des Antisemitismus wachaerusen wird. Es kommt jetzt alles darauf an. daß wir unser Wissen in Tatkraft Umsetzen, daß wir praktisch und zielbewußt in das D^lksdenken hineinwirken. Ich darf sagen, daß es das Ergebnis planmäßiger, sorgfältiger und weitreichender Beobachtungen ist. wenn ich seststelle: Was heute jede Gegenwirkung gegen dm Antisemitismus, ganz gleich, ob sie im engen, privaten und freundschaftlichen oder im öffentlich-breiten Kreise geschieht, so außerordmllich erschwert, ist der Umstand, daß die antisemitisäjen Bewegungen aller Richtungen sich einbezogeu und gesichert sehen lwohlgemerkt: nicht subjektiv glauben, sondern objektiv richtig sehen) in eine von breitesten Maßen getragene Gesamtbewegung, die unangefochten, unwidersprochen und deshalb unaufgchalten wachsend ihrm Zielen entgegenfbeuert. Jawohl, es ist keine Uebertreibung, täuschen wir uns nicht: unangefochten und unwidersprochen. Tenn Widerspruch und Abwehr, die von jüdischen Kreisen ansgehen, werden als reine Jntereßenpolitik sofort als undiskutabel abgelehnt, der Widerspruch einzelner Nichtjuden wird als eine etwas lebensfremde, veraltet-humanitätsduselige Literaturweisheit mit mildem Lächeln übergangen. So ergibt sich für den Antisemiten das suggestiv-stärkende. ihn von vornherein inS Recht setzende Bild, daß es nur eine einzige sichtbare Stellung des ..unbeeinstußt aus seinem unentstellten Artmstinkt urteilenden deutschen Volkstums" zum Judentum gibt: die der Feindschaft. Und unter diesem Zeichen wird der Antisemitismus zusehends eine Art Kollektivmoral. eine Gesinnung, die mechanisch angenommen wird, weil sie das ..geltende Urteil" enthält. DerAntisemitismus wächst organisch als von Jahr zu Jahr sich verfestigende, ungestört«« Tradition in das Bolksdenken hinein. Begreifm wir endlich, in letzter Stunde, daß wir handeln müflen und daß wir aus eine ganz einfache, schlichte Weise sichtbar, fühlbar handeln können! An uns liegt es, daß jenes suggestive Bild von der Alleinherrschaft des Antisemitismus im Volkstum selbstherrlich wirbt und zwingt. An uns ist es, dies Bild zu zerstören und damit dem Antisemitismus einen wesentlichen Teil seiner Euggestivkrast zu nehmen. Es gibt Tausende von geistigen und verantwortungsbewußten Nichtjuden. die den C. B.-Eedanken vom Standpunkt des rein ethischen und des volkhasten Denkens bejahen. Aber wer glaubt es? Wer sieht es? Wer kann es glauben — wenn es ihm unsichtbar bleibt? Nur das Sichtbare überzeugt die Maßen. Wenn morgen eine sichtbare Gemeinde — nennen wir sie hier einfach: die Freunde des C. V.-Eedankens — aus allen Teilen des Reiches in die deutsche Oefsentlichkei! träte mit der Grundhaltung des Eewißens: Wir stehen gegen die völkische Idee auf, weil sie nicht eine volkhaft umfaßende. sondern volkzerreißende Idee ist. weil sie nicht synthetisch-organische Kulturgestaltung, sondern cheoriegeborene Entstaltung nach sich zieht, weil sie nicht aus dem Geist der Stärke und des Rechts, sondern aus dem Geist der Furcht und der neurasthenischen Willkür wirbt und weil wir sie deshalb für eine deutsche Gefahr halten (und es rft kein Zweifel, daß diese Gemeinde sehr viele Namen der Führer in Wissenschaft und Kunst. Wirtschaft und Technik aufzuweisen hätte) —, dann wäre das Cegenzeichen auf» gerichtet. Dann wäre sichtbar gemacht, daß der Antisemitismus keineswegs eine selbstverständliche, naturhastnotwendige Reaktion des echten Volkstums ist. Nochmals: Es nützt nichts, daß wir es wissen. Denn das bewirkt nichts. Wir mäßen es sichtbar machen und damit im öffentlichen Bewußtsein die Legende von der Selbstverständlichkeit des mit volkstreuem Denker; gewißermaßen schon geborenen Antisemitismus zerstören. Wir müßen das (bisher leider berechtigte) Seldstbewußtsein der Gegner, nur ihr Geist habe Macht der Bcroegung. unser Denken sei vereinzelt, gleichsam menschenleer und damit fremd und zur Einöde verdammt; wir müßen dies Selbstbewußtsein der Gegner überwinden durch das sichtbare Zeichen unseres Seins. Nichts überzeugt als dies elementarste und deshalb jedermann begreifliche Zeichen. Darum also sollten wir dies tun: Aus einzelnen zum Zeichen werden. Beileibe kein Verein mit Statuten und organisatorischem Leerlauf, sondern ein Kreis) verbunden durch die gleiche Einsicht, aber — ein Kreis, der sich nennt und sich bekennt. Einsicht ohne Verpflichtung ist tot. Sie erweckt nicht die Kraft des Glaubens in der Menge, die dem fo!gi. der ihr das Zeickjen des Glaubens bringt. Einsicht, die sich den Kreis schuf zum überall sichtbaren und bekannten Zeichen, wächst, wie,Wälder wamsen. Auch ohne Reglement. Mit der Kraft der Natur. Sie schasst sich Kanäle, aus denen sie in das Volk dringt und zum tragenden und mitreißenden Strome wird wie der Quell in Mahomets Gesang. Welche werbende Macht ein solcher Kreis, auch wenn er „nicht gleich die Maßen, sondern die wenigen sucht", bedeuten kann, zeigt der Kreis um Stefan George, der heute eine sehr tiefe Wirkung innerhalb der Jugendbewegung und weit über sie hinaus ausübt, wiewohl dieser Kreis aus sehr wenigen Erwählten und ohne jedes äußere Organisationsband besteht.. Ich setze hierher, was sein bester Kenner, Friedrich Gundolf. über ihn aussagt'): „Der Kreis ist weder ein Geheimbund mit Statuten und Zusammenkünften, noch eine Sekte, noch ein Literatenklüngel, sondern es ist eine kleine Anzahl einzelner mit bestimmter Haltung und Gesinnung, vereinigt durch die unwillkürliche Verehrung eines großen Menschen. und bestrebt» der Idee, die er in ihnen verkörpert (nicht diktiert) schlicht, sachlich und ernsthast durch ihr Alltagsleben oder durch ihre öffentliche Leistung zu dienen." Was wirkt also an diesem Kreis? Eben diese Atnrosphäre der Reinheit, die um die als notwendig erkannte Idee den verkörpernden Kreis fügt, der sie nennt und sich zu ihr bekennt, sie dadurch zum Zeichen im össenblichen Bewußtsein macht, an dem man nicht vorübergehen kann, ohne ihm Rede und Antwort gestanden zu haben. Und diese Reinheit der Atmosphäre. die daS Zeichen des Daseins pflichthast ausrichtet vor der Menge, daß es sehe, wer Augen hat zu sehen, doch allen -Maßenruf. jeden Schlagwortschrei verschmähend, sie ist es. die der Jugend Ehrfurcht einflößt — deren beste Instinkte immer zur echtesten Vornehmheit des Reinen rufen —, sie ist es. die mit stiller Gewißheit aus den suggerierten Maßen Mensch um Mensch herauszulösen und zur Besinnung und Einkehr zu laden vermag. Dies sollen wir tun. Dies stille Werk der Pflicht, sichtbar werdend am freien, bekennenden Kreis der Pflichtbewußten, aus dem heraus ohne viele Worte greifbar deutlich wird vor Unzähligen, die es bisher nicht sehen konnten: daß es auch unter den nichtjüdischen Deutschen gewichtige, durchaus national und verantwortungsbewußt denkende Kreise gibt, die eben darum in dem AntisemitismuseineEntartungsgesahrsürdas deutsche Volkstumsehen, und die nicht ausjuristi» schon und rationalen, sondern aus sittlichen und deutschen Gründen den C. V.-Ge» danken als einen notwendigen Bestandteil des Ringens um die Solidarität aller deutschen Volksgenossen bejahen. Es ist ein Grmrdsatz der Mafienpsychologie: Gründen glaubt man nicht, sondern dem Sichtbaren, das Gründe erzeugt haben. Wir müßen es also tun: sichtbar werden. Uns nennen und bekennen, und im Bekenntnis die einzelnen sammeln zum Besinnung erwirkenden Kreis. Dke Tafel vom Gutöhof Bergholz entfernt! In Nr. 43 der „E. V.» Zeitung" hatten wir im Bilde den Eingang des Gutshofes Bergholz bei Michendorf im Bezirk Potsdam gezeigt. an dem sich eine Tafel mit der Aufschrift befand: .Juden. Agenten. Hausierern und Musikanten ist das Betreten meines Hofes untersagt." Ta diese herausfordernde Inschrift bei zahlreich«; Personen lebhafte Entrüstung hervorgerufen hotte, waren del dem zuständigen Lindrat in Belzig und bei dem Oberstaatsanwalt in Potsdam Anträge auf Entfernung der Tafel gestellt worden. Emil H e w e r e r, der Besitzer des Hofes, gab aus Grund dieser Beschwerde zu Protokoll, daß er das Schild angebracht habe, weil er ohne Anhang allein auf seinem Gute lebe und die Nähe der Großstadt es den reifenden Juden. Agcnlen usto. ermögliche, bequem das Gut auszusuä)en. Es sei min wiederholt vorgekommcn. daß fremde Personen seine Dienstboten von der Arbeit abgclialten hätten. „Ich bin nicht gewillt. daS Schild, welches niir als Schutz in den vorgetragcnen Dingen dient, zu entfernen. Ich gestatte mir, auch die Behörden höflich st zu bitten, keine gegenteilige Verfügung erlaßen zu wollen", schloß er seine Aussage. Da sich der Landrat mit dieser Erklärung zufrieden gab. wurde Beschwerde beim Regierungspräsidenten eingelegt. der nunmehr mitteilt, daß er den Landrat veranlaßt bade, die zur Entfernung der Tafel erforderlichen Maßnahmen einzuleitcn. Drei Instanzen mußten also erst bemüht werden, um die Entfernung der Tafel zu erreichen! 0 ©aniolf, „Stefan ©me«", S. 51.