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Central-Verein-Zeitung · 1928-12-14 · 50 (14.12.1928) · p. Seite 705

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
Seite 705 (sequence 5)
Language
German
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705 Eine Antwort an Dr. Ernst Simon (Jerusalem). Von George Goetz. I. Wiederholt ist von zionistischer Seite dem Centralverein der Vorwurs eines widerspruchsvollen Verhaltens daraus gemacht worden, daß er sich gegenüber der zionistischen Palästina-Kolonisation ablehnend verhält, das jüdische Ausbaumerk in Rußland jedoch unterstüht. Alles auf diesem Gebiete bisher Tagewcsene aber wird überboten von dem Angriff, den Tr. Ernst Simon (Jerusalem) m einem Aufsatz „N ationales aus dem Philo-Verlag oder zweierlei Maß"' gegen Eentralverein und Philo-Verlag richtet und dem die Schriftleitung der „I ü d i s ch e n Rund s ch a u" besouderen Nachdruck dadurch zu geben sucht, daß sie ihn als Leitartikel (in ihrer Nr. 96 vom 4. Dezember d. I.) veröffentlicht. Es scheint an der Zeit, die Frage nach unserm Verhältnis zum zionistischen Palästina-Merk einerseits und zum jüdischen Nußland- Werk anderseits prinzipiell zu erörtern. II. Vorher und zunächst aber ein Wort der Verwahrung: Als Ausgangspunkt seines Angriffs wählt sich Herr Tr. Simon die Herausgabe der Broschüre „Aufbau und Umbau — Zum Problem des jüdischen Wirtsck)aftslebens in Osteuropa"' von A. Singalowsky durch den Philo-Verlag. Derselbe Tr. Simon (Jerusalem) hat vor vier Monaten, als im Philo-Verlag die Gabriel Rießer-Bwgraphie von Fritz Friedlaender erschienen war, auch diese Verlagspublikation zum Anlaß eines nicht minder heftigen Angriffs aus den lebendigen C. V. und aus den toten Gabriel Rießer genommen, und auch damals brachte die „Jüdische Rundschau" (Nr. 59 vom 27. Juli d. I.) seine Verunglimpfung Riesters als Leitartikel. Weder die Frredtaendersche noch die Singalowschiche Schrift hat mit dem Zionismus direkt etwas zu tun. Da nun Herr Dr. Simon uns zum zweiten Male ohne jeden äußeren Anlaß in so empörender Form Provoziert, so wollen einmal wir den damit uns gegebenen Anlaß bemitzen, um uns feierlichst gegen jene Legende zu (Fortsetzung von Seite 704.) riß der Anllagebehörde schließlich die Geduld und sie schritt zur Anklage. Gegen das Urteil läßt sich sachlich nichts einwenden. Tie Mitangeklagten mußten wohl nach Lage des Falles freigesprochon rverden. Eine Verantwortlichkeit nach § 29 des Pressegesetzes war ihnen nicht nachzuweisen; die Haftung des § 21 wegen Fahrlässigkeit scheiterte an der?atsaä)e, daß vor Schluß der Verhandlung der Einsender des Artikels sestgestellt wurde. Und das^war das wirklich Ileberraschende der Verhandlung, daß von einer Seite, die den Angeklagten nahestehen muß. der Professor Kraft als Einsender der Staatsanwaltschaft benannt war. Er wurde als Zeuge vernommen und hat mit einem gewissen Stolz seine Einstnderschaft zugegeben. Welche Folgen das für einen Professor, dem das Aussätzchen übcx die Judensahne so außerordentlich gut gefallen hat, in strafrechtlicher Hinsicht haben wird, haben die Beteiligten offenbar nicht bedacht. Es ist aber auch nach der oben ein gesandten Zuschrift durchaus zu erwarten, daß das Unterrichtsrninistcrium seine Folgen aus dem Vorgang fielst. Es ist ein unertraglrcher Tatbestand, daß der Lehrer einer E i in u l t a n s ch u l e s i ch n i ch t n u r d i e B e s ch i m p s u n g d e r Reichsflagge, sondern auch die Verspottung' der Juden, undzwarinallerOeffentkichkeit,zuseinem Ergötzen heraussucht. Bemerkensn>ert an dem Karlsruher Urteil ist ein zweites: Das Schwurgericht hat nur eine Geldstrafe cwgen Moraller erkannt, und hat dies damit begründet, daß man dem Angeklagten seine unreife Auffassung und jugendliche Unerfahrenheit zugute halten müsse. Diese Erwägungen sind durchaus zu billigen. Jeder Angeklagte hat ein billiges Anrecht darauf, daß ihm sein Mangel an Einsicht zugute gechatten wird. Aber welch ein Zeitbild, daß dieser junge, unreife und Phrasengeschwollene Mensch, der keinen politischen Gedanken und keinen anderen Gedanken logisch zu Ende zu denken versteht, Woche für Woche ein Skandalblättchen herausgibt, das leider Gottes, weil es eben im Schmutz wühlt, nicht wenige Leser findet. Die Behörden, die^ lokale Presse und alles, was aus saubere Hände hält, schveigt dieses Blättchen tot. Man will nichts mit ihm hin haben. Große vir men, welche ohne die mindeste fachliche Grundlage mrt Kübeln voll Schmutz beworfen werden, ignorieren jeden Angriff. Aber ob diese Methode ganz die richtige ist, scheint mehr als fraglich. Man muß sich doch die Frage vorlegen, ob man nicht auch einsichtslose und unreife Menschen unschädlich machen sollte, wenn sie Schaden anrichten. Auch jugendliche und unerfahrene Brandstifter sind eben Brandstifter. verwahren, nach der in dem Kampf zwischen C. B. und Zionismus dieser stets der unschuldig Angegriffene, wir aber stets die bösen Angreifer seien, III. Auf die Frage, warum wir antizionistischen deutschen Juden die jüdische Aufbauarbeit in Osteuropa unterstützen, kann ohne Einleitung und Umschweife geantwortet werden: weil wir in ihr ein Emanzipationswerk sehen. Aus dieser Erklärung erhellt ohne weiteres, daß hier vollste Ilebereinsiimmung mit unserer Stellungnahme zum deutschen Judenproblem besieht; denn der Kamps um die Emanzipation ist der alleinige Sinn aller C. V.-Arbeit und -Eristenz. Run kommt freilich Dr. Simon mit der nicht gerade neuen Behauptung, Ausgangspunkt und Orientierungsmerkmal all unserer jüdischen Politik sei der ^Antisemitismus. Es ist ein bißchen blamabel für ihn, daß er pch den wahren Zusammenhang denn hier erklären lauen must: daß wir nämlich den Kamps um die Emanzipation aus unserm positiven deutsck>-jüdischen Wollen von innen heraus führen, dabei aber aus das äußerlich Hindernis des Judenhasies stoßen, depen Ablvehr also elroas durck)aus Sekundäres, nichtsdestoweniger aber ebenso unumgänglich Notwendiges für uns ist. — im* denen: haust du meinen Rwßer, hau ich deinen Herzl. Sin? Grund welchen antisemitischen Erlebnisses der Begründer des modernen Zionismus seine Zugehörigkeit zum „jüdischen Volke"' entdeckte, dürste dem kenntmssiolzen Herrn in Jerusalem erinnerlich sein! Er sollte aushören, mit Steinen nach uns zu werfen, da er selber im Gtashause sitzt. IV. Die Emanzipationsjuden der osteuropäiscken Länder zeigen heute noch ein wesentlich anderes Gesicht als diejenigen Westeuropas. Warum dies? Einfach: weil die osteuropäischen Länder heute noch ein anderes Gesicht zeigen als die westeuropäischen. Tiefe sind Nationalstaaten, jene Nationalitätenstaaten. Uebrigens besieht solch ein Unterschied keineswegs nur zwischen den Emanzipation--Juden des Westens und des Ostens. In Deutschland und den andern westeuropaisck^n Landern sind „Natronaljudentum"' und „Zionismus' nahezu identische Begriffe, sind auch wohl alle Nationaljuden zugleich Zionisten; denn nichtzionistische Nationaljuden, welche jüdisch-nationale Minderheit-rechte in Deutschland, Frankreich Mw. fordern könnten, haben sich in den N a t i o n a l st a a t e n des Westens bisher nicht gesunden (zum Teil auch deshalb nicht, rveil die Juden hier nicht zahlreich und nicht massiert genug sind). In den Nationalitäten-Staaten des Ostens dagegen sichen sich Nationaljuden und Zionisten mitunter sogar als Gegner gegenüber: diese meinen die jüdische Nation in Palästina, jene die jüdische Nationalität in ihrem jeweiligen osteuropäischen Heimatland (Polen, Rußland usw.). V. Hat mm wirklich, wie Simon behauptet. der C. V. „umgelernt"' oder der Philo-Verlag sich durch Herausgabe der Singalowskyschen Schrift zionistische Eedankcngänge angeeignetk Wir haben für uns deutsche Juden selber die in Deutschland, wie oben gezeigt, identischen Tenden-en von Nationaljndantum und Zionismus stets abgelchnt, weil wir zur deutschen Nation gehören und weder an Auswanderung noch an die Anerkennung eines palästinensischen „Kulturzentrums' denken. Daß sich in diesem Betracht unsere Anschauungen gewandelt hätten, behauptet selbst Herr Tr. Simon nicht. Wir haben aber niemals bestritten, daß die Juden Polen?-, Litauens, Rußlands usw. — im Gegensatz zu uns — sich zurzeit noch als jüdische Nationalitäten empfinden, und wir haben auch für diese Juden der Ostländer den Zionismus stets adgelehnr. wert Palästina zu klein ist und zu geringe Jmmigrationsmöglichkeiten besitzt, um je eine ,Löstmg der Judenfrage' bringen zu können. In voller Uedercinstimmung hiermit schreibt Singalowsky (Seite 44L Palästina könne „nicht konkurrieren mit der russischen Kolonisation als einem Mittel, die Not der jüdischen Mauen zu beheben', und belegt dies mit umfangreichem Tatsachen- und Zahlenmaterial. Warum, Herr Tr. Simon, wenn Sie schon die Stelle zitieren, an der Singalowsty die Frage der Konkurrenz zwischen Rußland-Kolonisation und Zionismus erörtert, warum brechen Lie Ihr Zitat vor dieser entschidenden Stelle ab? Lassen vielleicht &k, wie Sie von uns bebauten. sich das Gesetz Ihres Handelns von den Antisemiten vorschreiben?! VL Wir blicken, zurück: Palästina als nationales und kulturelles Zentrum haben wir stets abgetehnt. Den Palästinaansbau als reines Hilf-werk haben wir stets bejaht, stets aber — oben wegen der geringen Einwanderung-Möglichkeit — nur als Teil lösrmg des allgemeinen Judenproblems gelten lassen. Darüber hinaus aber haben wir auch die Einwanderung nach andern Ländern stets als nur beschränkte und nur vorübergehende Lofrmgsmoglichkeiten erkannt, weil wir sehen mußten, wie beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika einer allzu starken Judeneinwanderung Riegel vorzufchieben trachteten. War aber die Eimvandernng in neue Länder beschrankt, so wurde cs damit euch die Auswanderung aus den jetzigen Heimatländern, und es blieb als wichtigstes Mittel zur Behebung der Judennot prak lisch das übrig, was wir theoretisch immer als Ideal gepriesen hatten: die Emanzipation der Juden in ihren Heimatländern. Nichts anderes vertritt auch Singalowsky (Seite 11):

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