Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-12-14 · 50 (14.12.1928) · p. Seite 703

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
Seite 703 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277831--04932-2285608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

703 Dr. Kurt Zielenziger: Das Warenhaus. (Fortsetzung.) Als das Warenhaus in Deutschland gegründet wurde, entstanden ähnliche Unternehmungen in größter Zahl. N u r wenige sind übriggevlieben. Tenn an die Leistungsfähigkeit eines Warenhauses werden so hohe Anforderungeu gestellt, daß nur die bestgeleiteten Eeschäfte sich behaupten konnten. Es ist aber ganz falsch, zu glauben, daß die Rentabilität der Warenhäuser höhersetalsdiean derer Ge schäfte, im Gegenteil. Die Kosten dieser Riesenorganisation sind so groß, das; nur eine auss feinste durchgebildeie Organisation überhaupt einen Ueberschuß ermöglichen kann. Nach einer Berechnung, die Dr. I. Wern icke (in der „Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser" vom 13. November 1927) ausgestellt hat, einer der besten Kenner des Warenhauswesens, betrug der Reingewinn der Rudolf Karstadt A.-G. (Hamburg) per 31. Januar 1927 2 Prozent, der Leonhard Tieh . A.-G. (Köln) per 31. Dezember 1926 1,56 Prozent, der Lindemann A.-G. (Berlin) per 31. Juli 1927 1,7 Prozent. Diese Ergebnisse sind bei anderen Gesellschaften nicht sehr viel anders. Wernicre stellt auch fest, daß die amerikanischen Warenhäuser eine vie/ höhere Rentabilität erzielten, die dort mit der Große des Unternehmens steigt. Wer nicht nur die Rentabilität, sondern überhaupt die Bedeut ungder Warenhäuser für den Einzelhandel wird im allgemeinen sehr überschätzt. Professor Julius Hirsch gibt in seinem Aufsatz „Die Bedeutung des Warenhauses in der Volkswirtschaft" (erschienen in. der oben erwähnten Festschrift des Verbandes Deutscher Waren- und Kaufhäuser) den Gesamtumsatz der deutschen Waren- und Kaufhäuser für 1900 mit 50, für 1927 mit 1600 Millionen Mark an. Auf das geschätzte Gesamtvolumen des deutschen Detailhandels sind das im Jahre 1900 noch nicht % Prozent gewesen, 1927 5 bis 5'A Prozent. Der Anteil der Warenhäuser am deutschen Einzelhandel ist zwar gestiegen. Aber der Umsatz dieser großen Konzerne, dieser „Friedhose des Mittelstandes",macht noch nicht ein Zwanzigstel Des Umsatzes Des Deutschen KleinhanDels aus gegen 6 bis 8 Prozent in den Bereinigten Staaten. Haben die Warenhäuser den Mittelstand vernichtet? Und wie steht es überhaupt mit diesem „Untergang" des deutschen Mittelstandes? Tie Klagen, daß er zum Tode verurteilt sei, kennen wir seit langem. Aber jede Untersuchung ergibt immer wieder seine Lebenskraft. Nach der letzten Berufs- und Betriebszählung zählte das deutsche Handwerk rund IY Millionen Handwerksbetriebe, von denen etwa 50 Prozent Alleinbetriebe waren. Auch das Handwerk hat sich der Zeit anpassen müssen. Manche Handwerkszweige sind erloschen, aber völlig neue dafür entstanden. Das Lohnhandwerk hat sich stärker denn;e behauptet. Rationalisierung und kaufmännische Kalkulation gehören heute auch zu dem selbstverständlichen Rüstzeug des Handwerkers, der weiß, daß er sich auf die moderne Zeit umstellen muß. Dasselbe gilt für den Handel. Kein Eewerbezweig hat stärker zugenommen als der Handel, besonders als der Einzelhandel. Auch hier haben die Spezialisten besondere Erfolge errungen. Die Warenhäuser haben einem gut geleiteten Spezialgeschäft keineswegs den Garaus machen können, im Gegenteil, gerade in der Nähe der Warenhäuser haben sich erwiesen er maßen die Umsätze der Geschäfte stark gehoben, weil die Warenhäuser einen starken Anziehungspunkt für die Kauserschar darstellen. Dazu kommt, das; die Warenhäuser stets an die Orte stärkster Massenkonzentration gebunden sind. In kleinen Städten finden sie ein viel zu geringes Absatzfeld. Aber selbst wenn diese Warenhäuser dem Mittelstand geschadet hätten oder noch schaden, hat nicht Der jüdische Mittelstand Dann ebenso Darunter zu leiden? Gibt es nicht jüdische Ladenbesitzer genug, die die Errichtung eines mit allem Luxus ausgestatteten Kaufhauses ebenso fürchten wie ihre christlichen Kollegen? Müssen nicht auch jüdische Handwerker es beklagen, wenn ihre Kundschaft den fertigen Schuh im Warenhaus kaust, anstatt ihn nach Maß bei ihnen ansertigen zu laßen? Also, wollen die Völkischen den Mittelstand retten, dann müssen sie schon sich a u ch d e r T a u s e n d e v o n j ü d i s ch e n Existenzen a n n 11) m e n , die ebenfalls dieser Schicht angehören. „Mittelstand, wehr' dich", so über- .schreibt der „Angriff", des nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Goebbels einen Aufruf in seiner letzten Nummer vom 10. Dezember, die bereits als 4. Warenhaus-Sondernummer erschienen ist. „Der Landesfeind, die Börsenhyänen, die Bank- und Warenhäusler ziehen den schaffenden Ständen das Mcark aus den Knochen." Kein Argument, und mag es noch so alt und noch so oft widerlegt worden sein, gibt es, das Goebbels oder seine Leute nicht wieder ausgegraben haben, uni gegen die Warenhäuser, aber damit auch gegen jeden jüdischen Gewerbetreibenden zu Felde zu ziehen. „Wo wäre ein Jude zu finden, der nicht all sein Hab und Gut durch Krieg und Revolution verloren hätte, und wo ein Deutscher, der nicht in dieser Zeit reich und übermütig geworden wäre", so fragt Goebbels ironisch in seinem „Angriff". Wir antworten ihm, ohne Hohn und Spott, daß nicht tust 12 000 Juden Den Heldentod gestorben, sondern Das; Tausende und aber Tausende Durch Den Krieg und Die Inflation völlig verarmt sind, in Derselben Zeit, in Der ein Hugo Stinnes ein Warenhaus von Sachwerten zusammeurasste. Mit dem Schicksal der deutschen Wirtschaft ist das Schicksal der jüdischen Deutschen auf Gedeih und Verderb verbunden. Steht diese Wirtschaft an einem Wendepunkt? Immer stärker werden Die Konzentrierungen, immer größer Die Macht Der Konzerne. Was beventet Die Kapitalmacht Der Warenhäuser gegen Die Niesentrnste in Der Schwerindustrie und Die chemischen MammutgebilDe? In deren Verwaltungsräten sitzt kein Jude! Kein jüdischer Angestellter wird in den Hunderten von Schreibstuben dieser Organisationen zu finden sein. Wenn jemand die Deutsche Wirtschaft beherrscht, dann sind es diese Unternehmungen mit ihrem Kapital, das die MilliarDcugrenze übersteigt, Dann sind es auch Die immer größer werdenden Betriebe Des Staates. Stets har der jüdische Kaufmann persönliche Initiative und Unternehmungsgeist entfaltet. Wenn heute eine Spitzenorganisation wie der Hansa- Bund erllärt: „Die individuelle Leistung, die Notwendigkeit, ihr die unentbehrliche Freiheit zu gewähren, muß der Ausgangspunkt aller deutschen Wirtschaftspolitik sein", wird sie die Zustimmung aller Kreise des Mittelständes, ganz gleich welcher Konfession, finden. Der verlästerte „jüdische Kapitalismus" als Ausdruck Des Persönlichkeitsstrebens in Der Zeit der Mechanisierung ist es, der heute von allen Wirtschaftsverbänden, von Der Landwirtschaft bis zum Handwerk, als Das Ideal aller Wirtschaft erklärt wird. „Irgendeine Ausnahme." Die „Deutsche Tageszeitung" zu Den FrreDhofsschändungeu. Von einem gewissen völkischen Lager her sind wir ja mittlerweile an alles gewöhnt. Die Heiligkeit des Todes, vor dem Haß, geschweige denn Politik zu verschwinden haben, gilt dort erftchttich keinen Pfennig mehr. Wie halten es aber deutschnatwnale Zeitungen, die berechtigt sind, jede Gemeinschaft mit solcher traurigen Einstellung weit von sich zu weisen? Nach der großen^erliner Herrenhauskundgebung unseres C e n t r a l v e r e i n 8 ist auch der uns freuudnachbarliche N e i ch s b u n d jüdischer Frontsoldaten mit der verdienten Brandmarkung der Friedhofsgreuel vor . die Oefscntlichkeit getreten. „Zweckhafte liebertreibung" überschreibt die ernst zu nehmende „Deutsche Tageszeitung" den Bericht darüber. „Wenn die Schändung in einem Ausnahmefall geschieht, so ist die Empörung jedes anständigen Deutschen darüber wohl genau so groß wie die jedes jüdischen Frontsoldaten. Ja wir (die „Deutsche Tageszeitung"') verbitten uns sehr energisch, daß genüge jüdische Mitbürger die Lache jetzt dahin drehen möchten, als ruhe der Israelit nur mit Gefahr in deutscher Erde. So etwas aus irgendeiner Aus nah m c heraus zu behaupten, ist nur den Israeliten gegeben, die im Aufbauschen ja Erkleckliches leisten.' Also, eine Prise Bedauern und sonst Beleidigungen und ELockprügel für „irgendeine Ausnahme" von ^riedhofsschändung! Sonderbare Rechenkünstler sitzen am Redaktivnttische der großen „Deutschen Tageszeitung", die 69 Frrcdhossschändungen und Lynagogenbesudelnngen „einer Ausnahme" gleichsetzen! Aber es ist vielleicht wirklich für die „Deutsche Tageszeitung" eine Ausnahme: denn sie hat bisher die 68 übrigen Friedhossschändungen beharrlich ihren Lesern vorenthalten. Wir hatten bisher die Zuversicht — und sie war unser schöner Trost —, daß dasgesainte politische und unpolitische Deutschland von ganz links bis ganz rechts. ja, bis in die völkischen Reihen hinein, sich verächtlich von Friedhofschändern wenden, diese Haßgesiunnng brandmarken werde. Möge uns das Organ des deutschen ländlichen Grundbesitzes in dieser Zuversicht nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.