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Central-Verein-Zeitung · 1928-12-14 · 50 (14.12.1928) · p. Seite 702

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
Seite 702 (sequence 2)
Language
German
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702 Warenhäusern erzählt' Denn in diesem Flugblatt heißt rs: „Das Warenhaus mordet bewußt den Mittelstand. Tie Kreise darren nichts an einem Mittelstand, an einem arbertten* Aufstieg Liegt, urrterstüHeu diesen Mord. Tie Kreise haben nur ein Ziel: hier der intern arionale Kapitalismus, dort der Lohmklave." Dasselbe ^Deutsche Tageblatt" fordert in seiner Mecklenburger Ausgabe zur Vorbereitung eines Weihnachtsvorftoßes auf. Wieder eimnal erhebt pch das Gespenst des Boykotts. Die Abwehr der WarenhausverMavrmg, so heißt es dort, „ist nicht Sache eirrer Partei, sie muß Sache aller ehrlichen Deutschen sein". An alle deutschen Geschäftsleute und an alle, die „eineu ehrlichen deutschen Kaufmannsstand wollen", wird die Aufforderung gerichtet, diesen Vorstoß zu unterstützen. In;edem kleinen £t! soll das Flugblatt, das den Warenhäusern den Kampf ansagt, Derleitt werden. „Die Wrihnachtskampsansgabe trifft den Juden da, wo er am empfindlichsten ist: am Geldbeutel, sie muß ein voller Erfolg werden." Friede fei auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen * Mt dieser Botschaft der Christenheit, unter deren Zeichen das Weihnachtsfeft steht, scheinen die Völkischen diesmal ihren Kampf zu führen. Einen Kamps, der sich natürlich nicht nur gegen die Warenhäuser richtet, die es ja nur in den großen oder größeren Städte gibt, sondern gegen den jüdischen Kaufmann überhaupt. Mit ihren Flugblättern, mit ihren Broschüren und ihrer Presse versuchen unsere Gegner den Boykott gegen jeden jüdischen Kaufmann und Handwerker zu predigen. Das Warenhaus ist für ste nur das Arrshängeschrld, das sie vorantragen, nur besonders in den kleinen Orten und auf dem Lande die Existenz des jüdischen GerverLetreibenden zu vernichten. Hier wird es Ausgabe des kentralvereins sein, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Sobald sich der Boykott gegen erneu bestimmten erkennbaren Kreis von Personen richtet urrd sobald dieser Boykott für die Betroffenen die Gefahr einer wirtschaftlichen Schädigung herbei- MhrL, wird man gegen ihn mit allen j u r r st i s ch e n Mitteln einschreiteu müssen, um der Gefahr zu steuern. Das Keichsgerüht hat bereits Ln ähnlichen Fällen - jüdischen KaufLeuten, die sich gegen derartige Loykottbestreburrgeu gewandt haben, recht gegeben. Die Völkischen als wahre „Retter" des Mittelstandes; Welch seltsam Schauspiel! In ihrem blinden Haß gegen alles Jüdische, aber auch bei ihrer völligen Unfähigkeit, wirtschaftliche Entwicklungen zu erfassen, glauben sie, den Mittelstand mit Rezepten retten zu können, die sich schon vor dem Kriege als untauglich erwiesen haLteu. In seinem Flugblatt erinnert das „Deutsche Tageblatt" an eine von der LolLscheu und der.WirtschaftsparteL emgebrachte Entschließung, in der Lm Aarz 1926 das preußische Staats- Ministerium aufgesordert worden sei, dem Landtag einen Gesetzentwurf über eine Warenhaus st euer vorzulegen» Mit Dieser Steuer hatte man schon in den neunziger Jahren versucht, die Warenhäuser zu bekämpfen. Die LMelständler, die sie einst befünoorteten, konnten sich dabei auf das Beispiel Frmikreichs bsrnfen. Denn hier, wo Zola den allen Tuch- Händler Baudrr zur Verteidigung der Würde des angeblich L-mpromittierten Handels erklären läßt: ^Die Kunst ist nicht die: Viel zu verkaufen, sondern teuer zu verkaufen", hatte sich auch ein Verein gegründet, der sich „La Revendication* nannte. Eeveadicailon heißt: gesetzliche Wiedererlangung einer zu Anrecht entwaldeten Sache. Der Bund wollte dorr durch die Warenhäuser angeblich vernichteten Wohlstand auf dem Wegs der Gesetzgebung wieder erlangen. Ihm war es gelungnr, eine Erhöhung der französischen Warenhaussteuer, die mau bereits in den vierziger Jahren eingesührt hatte, durchzusetzen. Als man die gleiche Steuer dann zunächst in Bayern, ipäter in Preußen und auch in anderen deutschen . Staaten einsührte, wlrrde sie alles andere als ein Mittel zur Rettung des Mittelstandes. Ter junge Wgevrdnete Dr. S t r § s e rn a n u, damals Syndikus der sächsischen- Jrrdustriellerr. LeZeichnete sir geradezu als - schwere Schädigung für die derrtscye Industrie. Diese Sonderstcuer. die erst nach dem Kriege abgeschafft werden rnußte, hat die Entwicklung der Warenhäuser in keiner Weise aufhalten können. Sie hat sich geradezu als ein Fehlfchlag erwiesen, denn sie konnte von den Warenhäusern abgewälzt werden. Und mit diesem Mitte!, das arrch der größte deutsche Firmnzwisstufchüjtler Adolph Wagner, eirr Mann, der der chrrftlich^fLZralen Bervegung sehr rurhestcmd, aölchute, wollen unsere Völkischen vonheute den Mittelstarrd kuriere;:? . Die wirtschastllchs Entwicklung steht nicht still. Ist es deshalb nicht romantisch gedacht, immer an die Jer t d er D v r - Väter zu erinnern? Gewiß, dir Tage, in denen em Hans Sachs Evcheu Pogrrer Maß für einen Schuh nahm waren Achagsicher als nufer Zeitalter des rasende;: Tempos. Aber ffdhz man damals nicht auch schon wirtschaftliche Sorgen? Gab es nicht immer MensckM, die jede neue Erfindung bek-ärnpslrn? Glaubten nicht die Arbeiter, wenn sie die Maschinen zerstörten, damit sich selbst vor dem Untergänge zu bewahren? Wurde nicht die erste Eiseulmhu für ein Teufelswerk angesehen? Und ist es nicht jetzt dasselbe, wenn man das Warenhaus als den „Friedhof des Mittelstandes" bezeichnet, wie es das völkische Mitglied der Hamburgischeu Bürgerschaft Hüttm an u in seiner Broschüre: ,L>er -gewerbliche Mittelstand Zum Tode ^verurteilt" tut? Wir find nicht immer mit Professor Werner o m hart einer Meinung gewesen, der gerade von den Völkischen gern als Kronzeuge zitiert wird, aber wir werden ihm recht geben müsien, wenn er m seiner Studie ,D>as Warenhaus, ein Gebilde des hochkapitalistischen Zeitalters" (Probleme des Warenhauses, Berlin 1928, Festschrift des Verbandes Deutscher Waren- und Kaufhäuser) schreibt: „Wohin wir also auch unser Auge richten, welche Seite des Warenhauses auch immer wir in Betracht ziehen: immer kommen wir zu demselben Ergebnis: Dieses i ft d as rechLeKirrd des hc> chkapitalisti - scheu Zeitalters. Es ist durch dieses geschossen worden: es hat aber selbst auch wesentlich zur Entfaltung hvchkapitalistischen Wesens beigetragen, und es verkörpert dieses wie wenige Erscheinungen unseres Wirtschaftslebens. Wie jede wipenschaslliche Betrachtung, die Liesen Namen verdient, hatte auch dieses sich jedes Werturteils zu enthalten. Gerade die Literatur über das Warenhaus ist verunstaltet worden durch das lästige Aburteilen; dieses Messen an einem irgendwelchen Maßstabe ethischer oder ästhetischer oder politischer Natur/ Ter Seist, aus dem die Warenhäuser geboren wurden, durchbrach gewiß viÄe Traditionen. Zolas Tuchhändlcr Laudu ist stolz, daß sein Geschäft allen Elboeust solange er lebt, in unverändertem Stile geführt wird. Diesem mittelalterlichen Prinzip der Tradition und der Idee der Nahrung, die jedem feinen b e st i m m t e n Kundenkreis zuwies, widerspricht allerdings der kapitalistische Gedanke der Konkurrenz. „Ihr müßt mit eurem Prinzip brechen, an jedem Artikel dick verdienen Zu wollen, vielmehr erlch nach der Konkurrenz richten und auf jeden Fall miigehen. und wenn es der Artikel noch gestattet, d. h. nicht schon zum Koftenpreis oder unter demselben verkauft wird, der Konkurrenz vorgreifen. Es rächt sich nichts mehr, als die Leute hochzunehmench so schreibt im Jahre 1893 ein Onkel, der Mitinhaber einer Warenhausfirma, an seiner: Neffmi, der ihn um Ratschläge bittet. Dieser Brief, wahrscheinlich von Hermann an Oskar Tietz gerichtet, den vor kurzem die .Leitschrist für Waren- und Kaufhäuser" veröffentlicht hat, ist typisch für den Geist, aus dem die Warenhäuser geboren wurden. Die Idee des amerikanischen „Service", des Dienstes am Kunden, heute das Ideal jedes klugen Kaufmanns, stand Pate bei der Geburt dieses Krudes des 24 Jahrhunderts. Das Warenhaus war es, das den Preis vieler Waren herabgedrückt rnrd die Kaufkraft der Massen auf diese Weise gesteigert hat. Jüdische Männer gehörten zu den Schöpfern der deutschen Warenhäuser. Wer wollte es leugnen? Aber sind sie deshalb auf dem Wege Zur Weltherrschaft", von der die Völkischen immer fabeln? Wir betonten schon, daß im Ausland fa st kei n Warenhaus sich ln jüdischen Händen befindet. Weder in Frankreich noch in England die Selfridges oder in Amerika die Wauemaker, Woolworth oder die Marshal Fields in Ehikago, das grüßte Warenhaus der Neuen Welt. Daß die Völkischen alle Warenhausbesitzer oder Leiter zu Juden „ernenneiT, müssen wir hinnehrnen. Diese Ernennung unkrscheidet sich in nichts von anderen. Es ist ja ein olles Prinzip, alles ihnen Unsympathische als „jüdisch" an zu sprechen. Aber auch viele von Dem 'Leitern Der deutschen Warenhäuser sind keine Juden, voran Kommerzienrat AlLhoff, der Vorsitzende des Verbandes deutscher Ware::- im5 KaushLuser, voran auch die Brüder WerLheim, die längst das Judentum derlaflen haben. .Da das Warenhaus erir typisches Produkt höchster kapitalistischer Entfaltung ist. konnten sich and) nur diejenigen Warenhäuser erhallen, die hk nötige Kapiiakkrast besaßen, und die es am mesterr verstanden, mit der Zeit mchugehcn.

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