Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- Seite 686 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Briefen von Nahida Ruth Lazarus / ff f» €€ © ©*© Ausgewählt und eingeleitet von Arnold Lazarus. Es war mir seit dem 1903 erfolgten Tode meine» Onkels Moritz Lazarus stete Gewohnheit, auch zu seinem Geburtstag (15. September) seiner Witwe Grüße des Gedenkens zu sendeil. Nun ist sie selbst, die zweite Frau des verehrten Mannes, anfangs dieses Jahres in die Ewigkeit abgerufen worden. Mein Gruß erreicht sie nicht mehr. Mt herzlichster Genugtuung empfinde ich es, daß ich meinem Pietätsgefühl nun doch durch diese Zeilen genügen kann. Ich verdanke die Möglichkeit dazu — nächst der Schrift- Leitung dieser Zeitung — der Güte von Frau Sophie Hcrzberg, der in Brüssel lebenden Witwe des berühmten Versagers der „Jüdischen Familienpapiere", Wilhelm Herzberg. Sie hat aus ihrem Besitz eine Anzahl Briefe ihrer Freudin Nahida . zur Verfügung gestellt Zeugnisse einer innigen Beziehung, die meine Tante mit dem Ehepaar Herzberg verknüpft hat. Sie sollen dazu dienen, das Andenken der verstorbenen Vorkämpferin für das Judentum zu erneuern. Nicht ein geschloffenes ausführliches Lebensbild soll gegeben werden; solche find der Oefsentlichkeit nach dem Tode Nahida Lazarus', die am ,12. Januar nach kurzem Krankenlager in Meran verschieden war, durch mancherlei Zeitungsaufsatze nahogebracht worden. Nur auf euren besonderere Punkt soll die Aufmerksamkeit hingelenkt werden, auf den die erwähnten, fast alle aus Berlin datierten Briefe gerade holles Licht werfen. Sie sind wichtig rrnd wertvoll, weil sie ganz persönliche Zeugniffe dos Entwicklungsganges enthalten, den Nahida Ruth Lazarus, die einstige Christin, auf ihrem Weg zum Judentum durchgemacht hat. Tust sie sich gerade Wilhelm Herzberg gegenüber so offen ausgesprochen hat, ist ebenso begreiflich wie von wesentlicher Bedeutung. Erwähnt sie doch seiner am 9. November 1884 als „des Autors meines Lieblingsbuches, das mir ein ganz neues inneres Leben erschlossen". In diesem Geständnis liegt die allerbeste Werbekraft für das „wunderbare Buch", wie sie an anderer Stolle die jüdischen Familienpapiere" genannt hat. Wer zurück zu Nahida Lazarus selbst, die in erster Ehe mit dem früh verstorbenen Kunstunt> Theaterkritiker Tr. Remy verheiratet war. Don einer Schilderung ihres literarischen Schaffens in seiner Gesamtheit soll abgesehen werden. Lediglich eine Bemerkung, die sie selbst in einem Brief vorn 21. Januar 1884 machte, sei hier eingefügt: - „Meine früheren Arbeiten beschränken sich auf eine Reihe Novellen, Nvvelletten. Feuilletons, Correspondenzen, die in verschiedenen Zeitungen erschienen, auf drei Schauspiele (Saftige), die an etwa 2 Ttz. deutschen großen Bühnen gegeben worden sind. Seit dem überhandnehmenden Leiden meines Mannes war ich zu seiner Vertretung und dann selbständig in Kunst-, Theater- und Buch-Kritik tätig. Dies ist nun mein Pöerust geworden. —" Doch ein anderer innerer Beruf stand ihr damals schon vor Augen. So heißt es am Eingang zum Vorwort, das sie ihren „Culturstudien über das Judenthum" vorausgeschrckt hat: „Anfang der 80er Jahre bestimmte mich die in meiner Seburts- |tabt aus tauchende Anfeindung der Juden zu Studien über dieses so mteressarlle Volk. . . Ta bemerkte ich eine große Lücke. Trotz jahrelanger Bemühung gelang es mir nicht, ein umsaffendes volkstümliches Buch über Juden und Judentum ausfindig zu machen. . . . Ich besprach mich mit gelehrten Männern und sie gestanden, daß ein aus wissenschaftlicher Grundlage aufacbautes, aber in Ton und Darstellung für die weitesten Leserkreise geeignetes populäres Work über das jüdische Volk nickst existiere." So will sie denn selbst die Erfüllung dieser Aufgabe übernehmen, um so mehr, atzs sie gelegentlich in einem undatierten Kärtchen die bittere Klage führen muß: „Täglich mache ich die Erfahrung, wie wenig die Juden noch von den Schätzen ihres Judentums wissen! — Sie selbst id. h. die Juden im allgemeinen) liefern» durch ihre Gleichgiltigkeit und Unwissenheit dem Antisemitismus die Nassen unbewußt in die Hände! — Soll öeffre es! —* Freilich gesteht sie zunächst irr dem vorhin erwähnten Brief: „Doch habe ich bis aus Weiteres die Ausführung meines geplanten Werkes — aufgegeben. Ich hin an die hohe Sache, die ich vertrete?! und verfechten möchte, noch nicht herangeroist. Jüdisches Familienleben z. B., das ich schildern müßte, kenne ich nicht aus eigener Anschauung. Ick) müßte künsteln und erfinden, wo ich leben müßte. Wo ich überzeugen müßte, könnte ich nur bemänteln . . . meine Idee, mein Stoff sitzen mir zu tief im Herzen, ich liebe sie zu sehr, um ihnen nicht meine beste Kraft zu weihen, und dazu muß meine Erfahrung erstarken. Ter Wille ist da, das Wissen nicht. Zudem bin ich zu sehr au Selbstkritik gewöhnt. Ich entdecke immer mehr Lücken und Unzulänglichkeiten, die ich erst beseitigen muß. Dock) bin ich noch jung — (8. h. zum Lernen, meine ich: ich bin 1849 geboren) und wenn ich beispielsweise die nächsten Jahre an mir arbeite, kann ich immer noch mit geistiger und körperlicher Kraft und Elastizität an das Werk gehen. Ich studiere die Geschichte des Judentums (so gut ich kann, bei beschränktem Material und knapper Zeit) und lerne die ljebräische Sprache. Professor Lazarus unterstützt mich mit seinem Rat. Im übrigen bin ich ganz allein auf mich angewiesen und in der eigentümlichen Lage, daß ich meine Bestrebungen fast verheimlichen nruß, um nickst in endlose Debatten und unerquickliche Auseinandersetzungen zu geraten, da meine Verwandten ganz anderer Richtung angehören, zum Teil sogar jenem inhumanen intoleranten Zuge folgen, der mir bei Beobachtung der öffentlichen Vorgänge vor Zorn.und Scham das Blut ins Gesicht steigen läßt." Der einmal gefaßte Plan läßt sie nicht los, ohne daß er schon bald zur Ausreifung gekommen wäre. Von Rom aus dringt unter benx 23. November 1885 zu. dem Freunde das Bekenntnis: .Ich fühle mich — je länger ich mich mit jüdischen Dingen und Judentum beschäftige — nicht reif, ich möchte sagen, nock) nicht würdtggenug. — Ter Augenblick wird schon kommen." Dabei war ihre persönliche Stellung in ihrem Derwandtenmrd Bekanntenkreise immer schwieriger geworden. Sie machte kein Hehl aus ihrer Verwerfung des Antisemitismus und ihrer starken Hinneigung zum Judentum. Daß sie damit in ihrer Familie kein Verständnis fand, ist immerhin begreiflich. Ihre Mutter war die Tochter eines königlich preußischen Majors S t u r m h ö f e l. Welche Anschauungen in dresen Kreisen herrschten, kann man sich denken. Auch die Familie, zu der sie durch ihre Heirat mit ihrem ersten Gatten engste Beziehung geknüpft Hatte, war auf den gleichen antisemitisckzen Ton gesummt. Am 26. Juni 1884 spricht sie sich darüber aus: „Es würde mir eine wahrhafte Wohltat sein, mich in einem edlen jüdischen Familienkreise bewegen zu dürfen. Ick) habe mich von meinen christlichen Bekannten allmählich immer mehr Zurückgezogen und verkehre eigentlich mit einigen nur noch geschäftlich. Außerdem sehe ich — meist Sonntag — meine Schwägerinnen . . . beide — trotz wirklicher Herzensgute — antisemitisch angehaucht . . . somit fühle ich mich bei ihnen trotz aller verwandtschaftlichen Pietät am wenigsten wohl. — Ich stclw ganz isoliert da und die wenigen herzlich geliebten Menschen leben fern von mir." Obschon dieses Martyrium auf ihr lastete, wird sie immer stärker von inniger Liebs zum Juderrtum ersaßt. „Meine ganze Seele", so sagt sie im gleichen Brief, „ist von der Bedeutung des Judentums erfüllt, — so zwar, daß ich mich nicht mehr eine Christin nennen kann. — Ich kann nur wünschen, daß alle Jüdinnen so jüdisch denken mögen wie ich. — Dieses kurze Bekenntnis mag Ihnen andeuten, w i e und w o v o n mein Gemüt am tiefsten bewegt ist. Ihre Mahnung, ich rnöge meine Sympathie zum Judentum nickst bekennen, ist langst überschritten. . . Und die ,große Heerstraße'? Die habe ich stets gemieden und fühle mich belohnt, nicht bestraft. O, es ist ein köstliches Ding um die 'Selbständigkeit, auch wenn man sie mit Einsamkeit erkausen muß. Mein Streben, das mich mit der Welt verknüpft, besteht in der Arbeit zur Vervollkommnung, damit ich fähig werde, eine Schöpfung im Dienst der Humanität und Zur Verherrlichung des Judentums zu hintcrlaffen. Noch bin ich unreif — aber nory bin ich jung." Mit größtem Eifer gibt sie sich dem Studium einschlägiger Bücher und Schriften yin. Herzöerg dankt sie für Sucher- Nachweise^ im Zusammenhang mit dem Bekenntnis, das wir eben angeführt. Sie fügt noch hinzu: „Ein verehrter hiesiger Freund hat mir vieles Achnliche über jüdisches Leben und jüdische Interessen, auch die heutigen Flug- und Streitschriften schwn verschafft. Auch Sie wollten mir eine kleine Schrift sendend Wie begreiflich, daß die hingebungsvolle Anhängerin des Judentums sich auch für allerlei Einzelfragen interessier!. Frau Sophie H e r z b e c g legi sie die Frage an deren Gatten