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Central-Verein-Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · p. Seite 685

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
Seite 685 (sequence 5)
Language
German
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HS5 Die Polizei war leider während der Ausschreitungen nicht zur Stelle; gmei Schutzmänner, die schließlich erschienen, waren gegenüber der Menge von etwa 200 Personen machtlos. Ta die heimgesuchten Geschäftsinhaber Anzeige erstattet haben, durfte sich der Strafrichter noch mit den Ausschreitungen besagen. Dr. F. S» Unter dem Titel „Politik und Humanität" erscheint soeben Paul Nathans Lebensbild von Dr. Ernst Feder in der Deutschen Verla gsll^sellschast für Politik und Geschichte, Berlin W 8. Aus dem mit zwölf Bildern und einer Handschriftenprobe gezierten Wer?, das des höchsten Interesses unserer Leser wert ift1), geben wir nachstehend einige Auszüge wieder: Aas dem Abschnitt: >yDie nahende Katastrophe“. Seife 115. Der nahenden Katastrophe sieht er (Dr. Paul Nathan) ohne Illusion entgegen. Mit voller Klarheit über das, was kommt, schreibt er am 1. Oktober 1918 dem Jugendfreunde, daß er von den Verhandlungen mit Wilson einen erträglichen Frieden nicht erwartet: „Das wäre zuviel Glück für das Menschengeschlecht, und das hieße menschliche Kleinlichkeit, menschliche Leidenschaften und menschliche Niedertracht unterschätzen; aber wir werden doch wohl in kurzem den Frieden haben, und wie er auch sei, ein Volk von 60 Millionen mit einer Vergangenheit wie das deutsche verschwändet nicht im Schatten. S hoffe in kurzem auf bessere Zeiten, wenngleich man im Auge alten muß, daß der Krieg nur die eine Bedrohung darstellt, und daß ein Krieg, der ausgeht wie der jetzige, eine andere Bedrohung im Gefolge haben kann: die innere, tiefe Zerrüttung und die inneren Wirrmffe. Aber bei dem deutschen Volkscharakter werden wir nicht dis zur Katastrophe der Bolschewiki gelangen. Glücklicherweise. Unsere Maßen sind zu verständig, zu gebildet und zu wohldiszipliniert, um der Anarchie enigegentreiben zu können, lieber kleinere Erschütterungen, die nicht unmöglich sind, werden wir zu gesünderen Verhältnissen gelangen. Mein ewiger Refrain bleibt: Deutschland ist langlebiger als der Haß verhetzter, gegnerischer. Volksmanen und langlebiger als die Ungeschicklichkeit kurzlebiger deutscher Staatsmänner. Sie find vielleicht nicht einmal dümmer als die sogenannten Staatsmänner unserer Gegner, aber mit solchen Eigenschaften reichen sie für Deutschland nicht aus. Denn die Deutschen haben das tragische Glück, an der gesährdetsten Stelle der zivilisierten Welt zu sitzen. Genau wie die Juden seinerzeit in Palästina. Tie Riesenreiche des Altertums erdrückten das winzig kleine Ländcheu Palästina. Die Deutschen mit ihrer breiten Brust und ihren kräftigen Muskeln werden trotz allem ihren Platz in Europa behaupten, wenn es auch Mühe kostet." Aas dem Abschnitt: „Das Ende der Orientpläne“. Seite i2Sjf. . . . Seine Beschäftigung mit jüdischen Angelegenheiten schlägt eine andere Richtung ein. Er wird in den Vorstand des ^Cemralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens berufen, dessen Arbeitsfeld der seit der Staatsumwälzung anschrvellende Antisemitismus nach vielen Richtungen erweitert hat. Sein Pflichtgefühl duldet näht. daß er auch nur einer wichtigen Sitzung fernb'leibt. und bei allen politischen Entscheidungen hat sein Rat ausschlaggebendes Gewicht. An jeder Frage, die neu austaucht, arbeitet er mit seinem ganzen Wissen und seinem garr^n Temperament. Er widmet dem Centralverein einen Teil der Arbeitskraft, die durch die verringerten Aufgaben des Hilfsvereius frei geworden ist, und er leistet ihm wichtige Dienste in der Zeit Zusammenbruchs und des Ausbaus. Für den Hrlssverein kam eine Tätigkeit in Palästina, das jetzt englischer Mandatsbesitz war. und in dem übrigen Orient nicht mehr in Betracht. Das Amt des Geschäftsführers legt Paul Nathan nieder. Wohl denkt er noch an die Stunden, da er von der Höhe d-es Karmel das große Werk wachsen sah, das deutsche und jüdische Kultur verknüpfen sollte. Resignierend schreibt er: „Vielleicht hat niemals eine private Organisation in so gewaltigem Umfang Not und Elend zu lindern versucht. Aber lvas bedeutet solche Leistung gegenüber dem, was hatte geleistet werden muffen. Und Schluß ist ein völliger Zusammenbruch. Mit den großen Plänen, die der Hilfsverein. im Orient versolgte und die den jüdischen Orient an die deutsche Kultur und an das deutsche Wirtscl-astsleben hätten knüpfen können, wie es für die auswandernden Aschkmasim das Naturgemäße gewesen wäre, ist es für absehbare Zeit vorüber." Seine Mitarbeit stellt er auch weiter zur Verfügung. Aus der Ukraine, aus Ungarn, aus Litauen, aus Polen, aus" Rumänien kommen Hilferufe an ihn, deren keiner ungehört verhallt. So oft die Ostjudenfrage in Deutschland zu Erörterungen oder Maßnahmen zwingt, steht er mit seiner Erfahrung, seiner Sachkenntnis, seinen politischen Beziehungen den Fürsorgestellen wie den politischen Behörden zur Seite. So oft em: neue Judenbodrängung int Osten ausflackert, wendet man sich den bewahrten Helfer und Menschenfreund. Auch die amtlichen Vertretungen östlicher Länder suchen ihn auf, mit Bitten für allgemeine Aktionen wie solche der Einzclfürsorge. In der Bibliotheks- und Kunstkommission der Berliner jüdischen Gemeinde arbeitet er mit. und die sustematische Sammlung der in Deutschland zerstreuten jüdischen Altertümer dankt ihm besondere Anregung . . . *) 8« beziehen auch durch Philo-Verlag und Buchhandlung, Berlin SW iO, Llrrdenftraße 1). Ein wichtiges Huch: Jampels Vorgeschichte öes israelitischen Volkes unö seiner Religion. . Die Beurteilung der jüdischen Religion ist untrennbar verknüpft mit der Bewertung der Bibel. Daher ist es nur allzu begreiflich, daß der Antisemitismus sich mit wahrer Freude aus die Ergebnisse der radikalen Bibelwiffenschaft stürzte, glaubte er doch hier den Beweis, erbracht, daß das Alte Testament ein Erzeugnis kulturloser Wüstenstämme sei und eine niedrige sittliche Gesinnung offenbare. Durch Entwertung der Bibel sucht man die darauf gegründete jüdische Lehre herabzusehen. Damit gewinnt die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der biblischen Bücher neben ihrer wiffenschaftlichen Bedeutung einen aktuellen Wert im Kampf gegen den Antisemitismus. In den historischen Funden bei den vorderasiatischen Ausgrabungen sind einwandfreie Zeugen aus biblischer Zeit erstanden, die eine Entscheidung zulasten, ob die Bibeldie ihr vom Judentum beigclegte Wertschätzung verdient oder ob sie ein minderwertiges Machwerk ist. Leider hat die offizielle Bibelwiffenschaft Von diesen einwandfreien historischen Quellen noch viel zu wenig Gebrauch gemacht! Die weiteste Beachtung verdienen daher die Arbeiten Siegmund I a m P e l s , der mit Profunder Sachkenntnis und großer Gewistenhaftigkeit die Probleme der biblischen Geschichte und der israelitischen Religionswissenschaft im Lichte der zeitgenössischen Inschriften untersucht. Sein Buch „Die Vorgeschichte Israels und seiner Religion", das bereits 1913 erschien, prüft die biblischen Berichte über die israelitische Bor- und Frühgeschichte. Das entwertende Bild, das eine radikale Kritik gerade von diesen Teilen der Bibel entwirft, erweist sich als falsch und durch die primären Quellen der Inschriften geradezu widerlegt: Die Angaben der Bibel erhalten durch die Archäologie ei ne überraschende Bestätigung, unb ponj besonders in den Punkten, bie eine allzu eifrige Kritik mit überlegenem Lächeln abtun zu können vermeinte. Das I a m p e l sche Werk, eindrucksvoll und durchschlagend in seiner Beweisführung, hat die ihm gebührende Wirkung nicht gehabt. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß das wichtige Buch jetzt in neuer und sehr erweiterter Auflage*) erscheint, wobei auch das inzwischen neu hinzugekommene Jnschriftenmaterial berücksichtigt wird. — Die neue Ausgabe wird — entsprechend der Erweiterung der Ausgrabungssunde — nunmehr drei Teile umfaffen, von denen der eine die Vorgeschichte des israelitischen Volkes, der andere die Vorgeschichte der israelitischen Religion behandeln wird, während der erste soeben erschienene Band über die Methoden der Bibelkritik und ihr Verhältnis zur Archäologie berichtet. Bei der Untersuchung der bibelkritischen Methode bemängelt I a m P e l nicht in billiger Weise einzelne Widersprüche, er beschränkt sich nicht darauf, Jrrtümer in Einzelheiten zu korrigieren: er Packt oen Stier bei den Hörnern und untersucht gewissenhaft die prinzipielle Frage, ob die Bibelkriti! die von ihr selbst Proklamierten Forschungsprinzipien innehalt. In logisch einwandfreier Weise zeigt Jampel. daß von dem bibelkritischen Radikalismus sogar die einfachsten Anforderungen einer historischen Wahrheitsfindung verletzt ^werden. Die wistenschaftliche Methode ist hier zu einem pseudowimnfchastlichen Verfahren entartet. War die Bibelkritik als Reaktion auf die orthodoxe Auffassung entstanden, die die Bibel jeder historischen und literarischen Kritik entzieht, so ist ihr umgekehrt die Entwertung der Bibel zu einem Dogma geworden, der ihr d-en Zugang zu der geschichtlichen Wahrheit versperrt. Um diese Thesen zu beweisen, untersucht Jampel die Voraussetzungen eines Wellhausen, eines Eduard Meyer, eines Graetz. Die außerordentliche Leistung dieser Gelehrten weiß Jampel sehr wohl zu schätzen, aber er zeigt unwiderleglich, daß sogar diese Meister ihres Faches auf dem Gebiete der Bibelwiffenschaft an höchst angreifbaren Methoden fesrhalten. — So geht z. B. die Schule Well Haufe ns von der Voraussetzung aus, daß die biblischen Israeliten bis in die späte Königszeit hinein der ^chreidsähigkeit ermangelten, und daß daher die meisten und wichtigsten Teile des biblischen Schrifttums in eine späte exilische und nacherilische Zeit zu verlegen sind. Die Ausgrabungen zeigen aber, daß die Behauptung der „Schreibunsähigkeit" geradezu eine historische Ungeheuerlichkeit darstellt! Die zeitgenössischen Urkunden lassen schon zu Beginn des zweiten Jahrtausends, also in der vorisraelitischen Zeit, in Palästina eine hohe Kulturblüte bewundern. Schriftliche Aufzeichnung war in jener Frühzeit ganz alltäglich; bei den geringsten Anläßen wurde korrespondiert; bereits im vörisraelitischen Palästina gab es wohlangelegte Archive. So zerrinnt im Lichte der Ausgrabungen die ganze Vorstellung von den „kulturlosen Beduinen", und damit das Fundament, aus dem alle radikal-kritischen Schulen ausbauen. ES ist hier nicht der Ort, die Argumente Jampels im einzelnen durchzugehen: feine überzeugenden Aus. führungen sind eine vernichtende Kritik der üblichen Bibelwiffenschaft. Dr. Siegfried Weinberg. •> Dr. Sitgmun5 Jampel: „Vorgeschichte des israelitischen Volkes und seiner Religion — mit Berücksichtigung der neuesten rnschriftlicherr Ergebnisse auf kritisch.historisckcr Grundlage g-meluverstLndlich daroesteUt." — 1. TeU: „Die Methoden." Z. Kaufmann, Verlag, Frankfurt a. M. 1928.

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