Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · p. Seite 683

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
Seite 683 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277830--04911-2285586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

6S3 Zrieöhofsschan-üng Nr. 67, 6s mrö 6H. Fischach, Eppingen, Rosenberg. Bereits vor längerer Zeit waren auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Fischach in Bayern acht große Grabsteine umgeworfen aufgefunden worden. Zum Teil waren sie mit dem Sockel umgestürzt, zum Teil zur Halste zerbrochen. Ta der Friedhof hoch und frei liegt, war man anfänglich der Ansicht, das; die Steine durch einen Sturm umgestürzt ' worden wären, zumal sie keine weitere Beschädigung aufwiesen. Ende Oktober wurde nun aber wiederum sestgestellt, daß Grab st eine umgewarfen waren. In diesem Falle konnte jedoch einwandfrei . festgestellt werden, daß die Tat von Menschenhand verübt worden sein mußte. Anfangs bestand der Bericht, daß Kinder die Tat begangen ketten, jedoch konnte ein Nachweis hierfür nicht geführt werden. Am 2 7. o d e r 2 8. November wurden auf dem jüdischen Friedhof in Eppingen in Baden vier Steine umgeworfen, die zum Teil erst vor ganz kurzer Zeit errichtet worden waren. Die Fußspuren der Täter waren noch deut- ::3 Eppingen• lich zu erkennen und wurden von der Gendarmerie in Gipsabdrücken festgehalten. Die weitere Nachforschung nach b::i Tätern wurde durch das einfetzende Regenwetter erheblich erschwert. Wie uns erst heute bekannt wird, ist der jüdi'chs Friedhof in Rosenborg (Ostpreußen) bereits vor längerer Zeit von Friedhofsschändern heimgesucht worden. Wir sind zurzeit bemüht, die näheren Einzelheiten über diesen Fall festzustellen. Totensonntag. In Nr. 275 der Zeitung „D-er NheinpfLlzer' vom 25. November b: I. lesen wir nachstehendes Eingesandt, das jeden Kommentar überflüssig macht: „Alljährlich während der herbstlichen Totengedenktage. besucht eine ehemalige Kriegslazarettpfleserin den Kriegerchrer.friedhrf, um-die Gräber ihrer Pflegebefohlenen, welche sie in biesigen Lazaretten eines bitteren Todes hatte sterben sehen müssen, mit Blumen zu betreuen. Während sie vor einigen Tagen in wehmutsvollem Gedenken an den Ruhestätten jener Jünglinge und Männer verweilte, die ihr dankbar die Hand gedrückt, ede sie die Augen zum ewigen Schlummer schließen mußten, fallt ihr Blick auf einen das Gräberfeld an beherrschender Stelle - angebrachten Kranz, den, mit zwei Hakenkreuzen verleben, die Nationalsozialistische Arbeiterpartei, Ortsgruppe Landau, den Toten gewidmet hat. Der jungen Frau, sie ist Jüdin, krampst sich das Herz schmerzhast zusammen. Sie hat sich, wie zahlreich^ andere Frauen und Mädchen, von Anbeginn bis Ende des mörderischen Geschehens in den Dienst der Kriegsvstcge gestellt und hat dis ihrer Sorge anvertrautsn Kranken, Verwundeten, Verstümmelten ohne Ansehen von Stand und Glauben bei Tag und Nacht unermüdlich gepflegt, und nun fragt sie mit tiefer Trauer im Hcrzcn: Ist es wünschenswert, ist es nottvendig, daß selbst an der Stätte des Todes, an der Stätte ewigen Frieder!?, an geheiligter Stätte, das Abzeichen der Unduldsamkeit, der Feindschaft zwischen Mensch und Mensch feine dräuende, verletzende Form enthüll!? Wärmende Novembersonne umschmeichelt alle Gräber, gießt über die Totenstadt goldenen Frieden: Blumen, Zeichen der Liebe, schmücken alle Gräber, Zeugen von wannein Gedenken trauernder Menschen! Friede? Liebe! Menschcnberz, warum verstockst du dich in Bitterkeit und Haß. warum begibst du dich der beglückendsten und edelsten aller Gefühle, deren es fähig ist: der Duldsamkeit und der Menschenliebe. Wahrlich, arm ist der Mensch zu nennen, denen Hatz nicht halt zu machen vermag an der Stätte, da alle Menschen gleich sind vor einem Gott, da Erde wiederkehrt zur Erde, da Staub wird zu Staub, jetzt und immerdar! Eine ehemalige Lazsrettpflcgerim Aus Bad Tölz wird uns mrtgeteilt, daß die N. 3. A. P. D. am Kriegerdenkmal Kränze mit Hakenkreuzschleifcn nicdergttegt habe. Die beiden Bürgermeister haben jedoch, als Vertreter der Stadtgernsinde, der rechtlichen Besitzerin des Denkmals, die Kranzschleifen der N. S. A. P. D. entfernt: für diese erfreuliche Handlung war, wie es in einer Erklärung des Zweiten Bürgermeisters heißt, maßgebend „die Erwägung, daß Kriegerdenkmäler von parteipolitischen Kundgebungen jeder Art freigehalten werden sollen. Vor allem der Gedenktag für die gefallenen Helden des Weltkrieges, der als ein Tag allgemeiner Polkßtrauer ohne Parteiuntcrscheidlrng gedacht ist. soll keine politischen Tendenzen aufnxnsen". Auch aus Solingen erfahren wir. daß die Nationalsozialisten an dem Kriegerdenkmal, das dem Andenken aller Gefallenen gewidmet ist, Kränze mit großen, ausfallenden Hakenkreuzen niedergelegt haben. — Totensonntagsruhc! Die gute Familie. Der braunschweigische Minister Siewers zum Fall Kopfstein. Rechtsanwalt Kopfstein in Seesen, der Sohn unseres leider so früh verstorbenen unvergeßlichen Freundes und Vorkämpfers Rabbiner Tr. Kopfstein (Beuthen ist kürzlich zum Landgerichtsrat in Braunschmeig ernannt worden. Mit dieser Angelegenheit befaßte sich, wie wir dem Landragsprotokoll vom 16. Oktober entnehmen, der braunschweigische Landtag. Der Abgeordnete Groh hatte eine Kleine Anfrage über diese Berufung gestellt und Justizminister Siewers erteilte ausführliche Antwort; nachdem er zunächst die uns hier nicht interessierende Frage der Auffrischung der Justiz durch Berufung von Richtern aus dem Anwaltsstande eingehend behandelt hatte, gelangte er zum Kernpunkt der Frage, nämlich, daß Kopfsteins Wahl zum Richter nur deshalb beanstandet werde, weil er Jude sei. Dazu führte Minister Siewers aus: - „Der erste Vorwurf gegen Kopfstein ist also der, daß er dev jüdischen Rage angehört, und das ist ein Vorwurf, der besonders in 'den Augen des Herrn Abgeordneten Groh natürlich außerordentlich zieht. Es rst Tatsache, Kopfstein ist Jude. Zu feiner Entschuldigung kann ich vielleicht anführen, daß er nichts dazu kann (Heiterkeit), sondern daß er'das von seinen Eltern geerbt hat (Heiterkeit), genau so, wie ja auch Herr Abgeordneter Groh nichts dazu kann, daß er als Patent-Arier auf der Welt herumlauft, und das vielleicht auch von seinen Eltern geerbt hat. (Abgeordneter Dr. v. Frankenberg: T-as ist noch sehr zweifelhast!) —"Nun, ich sage: vielleicht geerbt hat. — Also, wie gesagt, Jude ist er." Mit feiner Ironie kam der Minister dann zu der Feststellung über Kopfsteins „gute Familie". Die Rechtsparteien hatten nämlich in ihrer Prepe für den freiwerdenden Richterposten einen anderen Kandidaten mit der Begründung zu lancieren versucht, daß er aus einer tadellosen Familie stamme. Dazu erklärte Minister Siewers: „Nun legt man ja bei der Beurteilung derjenigen, die für den Justizdienst in Betracht kommen sollen, großen Wert auch daraus, daß es eine seine Familie sein muß, aus der man kommt ... Ich bin bereit, auch einmal über die Famile des Landgerichtsrats Kopfstein hier einige Mitteilungen zu machen, die Zeigen, "daß dieser Mann keineswegs so fürchterlich schlimm ist, wie sich manche denken. Der Vater Kopfsteins ist in Beuchen in Oberschlesien ein Führer des dortigen Deutschtums gewesen und ist im Jahre 1924 gestorben. Er hat in einer absolut einwandfreien Zeitschrift, L)er Oberschlesier, Monatsschrift für das gesamte heimische Kulturleben, Organ der Arbeitsgemeinschaft für Heimatspflege und Volksbildung, einen Nachruf bekommen, wie ich ihn bei anderen Menschen niemals gelesen habe. Da werden neben vielen anderen die größten Lobeshymnen über seine Tätigkeit für das Deutschtum an gestimmt: Was Kopfstein in den 37 Jahren seiner Tätigkeit in Buchen geleistet und gewirkt hat, ist so umfassend und betrifft so jedes Gebiet menschlichen Schaffens, daß es unmöglich ist, auch nur annähernd in einem Artikel seine vielseitige Wirksamkeit dar- Zustcllen. Dann wird seüre Tätjgkeit während des Krieges über den grünen Klee gelobt. Es wird dann über seine Tätigkeit als Führer des Deutschtums gesagt: Endlich war der Krieg vorbei, und in dem Augenblick, wo Oberschlesien von der eigentlick-en Kriegsgefahr befreit war. erhob sich für diests Land eine neue Gefahr, die, in den neuerstandenen Polnischen steint ein verleibt Zu werden. Da war es wieder Kopfstein. auf den sich alle Blicke richteten, als es sich darum handelte, den Widerstand gegen die Polonisierung Oberschlesiens zu organisieren. Nur dis Eingeweihten wißen, an wie zahllosen wichtigen Besprechungen mit hohen Diplomaten er teilgenommen hat, um rechtzeitig dagegen Vorkehrungen zu treffen, daß Oberschlesien polnisch wurde. Dann wieder Lob über Lob, und Zum Schluß wird gesagt: Gerade in den Kreisen des Oberschte fischen Kulturverbandes hat deshalb der Tod Dr. Kopfsteins aufrichtige Teilnahme und einen tiefen Schmerz verursacht, und zwar — das mag noch einmal hervorgehoben werden — war dieses Mitgefühl allgemein, es machte nicht halt an den Schranken der Partei, der Konfession und des Standes. Dr. Kopfstein wird in unserem Gedächtnis fortleben als ein Mann von edler Vornehmheit und als Verfechter echter und von heißer Liebe für Heimat und deutsches Vaterland begeisterter Volksgemeinschaft. Im Sinne des Vaters hat auch der Sohn, der jetzige Landgerichtsrat Kopfstein, in Schlesien gewirkt. Wenn Sie -dafür einen Beweis nötig haben: Er ist Ritter des schlesischen Adlers zweiter Klasse für seine hervorragende Tätigkeit im Abwehrkampf gegen die Polen. Meine Herren, nachdem in der Oeffeutlichkeit ein gewisser Herr H. in den Himmel gehoben worden ist mit seiner prima Familie, aus der er hervorgegangen ist, ist es nötig, daß einmal darauf hinge wiesen wird, daß auch andere Leute, auch rvcnn sie Juden sind, für uns etrvas bedeuten können. Ich bin der Aufsagung, daß diese jüdische Familie Kopfstein für das Deutschtum wesentlich mehr getan hat als hundert völkische Maulaufreißer . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.