Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- Seite 682 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Einstellung, über Amerikas wirtschaftliche und ideale Jnterepen hinaus zeigt sich auch hier ein mcnfchheitliches Eingreifen, herbergeführt durch die zum erster: Male in die Erscheinung tretende Mitwirkung der großen außereuropäischen Gebiete. Asiens und Afrikas, an der Gestaltung der Welt. Leit dem Ausgang des 19. Zahrhnnderts allmählich vorschreitend, seit dem Ende des Weltkrieges rer^end beschleunigt, baden westcuropüisch-amerikanischs Wirtschaft :u:d^Technik über Borderasien. Indien, China, etwas früher schon über Jap^n: sich ausaebreitct, diese Länder mit ihrer mehr als die Halste der Menschheit betragenden Einwohnerzahl industrialisiert und polrnnert. Ob in Jerusalem oder in Peking, ob in Kalkutta oder in Tokro, überall ist daZ Leben von westeuropäischen Geiste beeinflußt. Dcrn Bilde der Stadt und der Straße-entspricht die Organisation der Arbeiter, für die Gelverkschast und Streik nicht mehr bloße Begriffe, sondern reale Mächte im Daseinskampf bedeuten. Die Regelung von Kapital und Arbeit ist zur Weltausgabe geworden. Europäische Kleidung und anrerikaniscl>e Kraftwagen drangen in die Einöde der Wüsten und der Berge: auch dahin kamen die „Ideen Westeuropas". Zwischen Europa und Asien aber ringt dms russische Riesenreich nach neuen Formen wirtschaftlicher und Politischer Gestaltung. Ter tiu Zeichen des Nationalismus begonnene Aufruhr der Völker Asiens nimmt bereits das Gesicht einer eircheitlich-humanen Weltaussapung an. Amerika, das aus den: Weltkriege als die größte Macht der Gegenwart hervorging, sucht sich gegen die Auswüchse der Zivilisation durch die Flucht in die Kultur zu retten. So sehen wir wirtschaftliche, soziale und Politische Probleme vor: bisher nie gekannter Liese auf Erdraumen von bisher nie gekanntem. Umfang in Berveguug.. Daß eine solche Zeit ungeheuren neuen Werdens die Zeichen dieses Zustandes in krankhasien Erscheimmgen ausweist, ist etwas Natürliches. Zivilisation und Kultur Verhalten sich, Uno die Geschichte im Gegensatz zu Spenglers Aufsagung lehrt, nicht so, daß „Zivilisation" das Ende jeder „Kultur" ich Man versucht neuerdings, beide Prozesse voneinander Zn trennen und der den Menschen von der Kultur abköstnden, Zivilisation einen ungünstigen Einfluß auf das Geistesleben^ Zuzusprechen. Doch wird man dies nur von den. Auswüchsen der Zivilisation gelten lassen: ihre Grundformen haben wir gerade Ln den letzten Jahrzehnten sich unter den Völkern Asiens segensreich auswirken sehem Jedenfalls steht heute die aus dem Weltkrieg als Chaos zurückgebliebene Welt im Ringen nach neuen Formen geistig-sittlicher Gestaltung, nach neuen Idealen, nach Schaffung einer Kultur, die als Woktllütur die gesamte Memchstnt unchrßtz die auch die uralten wektan.fchaulichen Gegensätze von Ost und West Lbcrbrückt. Daß einer solchen Kultur der Antisemitismus wesensfremd ist, versteht sich von selbst. Es ist daher begreiflich daß völkische Richtungen Gegner dieser werdenden Weltkultur sind. Ter ungeheueren Schwierigkeit der Airfgabe, die nicht von heute auf morgen, sondern, nur allmählich vielleicht mit Hilfe des sich bildenden Europabewußtseins, in schweren: geistig-seelischen Ringen einzelner und der Volker zu lösen ist, muh sich jedrr der Mitlobenden bewußt werden. - Zunächst heißt es, sich die Keuistnis des Tatsächlichen verschaffen. Als guter'Wegweiser steht hier Walter Blooms jüngst er- Weuenes Werk „W e l. t ge s i ch t, ein Buch von heutiger und kommender Menschheit". (Verlag Grethlein n. Co., Leipzig-Zürich)?) Umrahmt von Weltanschaunngsbetrachrungen gibt der Dichter Eindrücke und Erfahrungen einer Weltreise (durch die Sowjetunion, Ostafien, Australien, Amerika). Auf der Grundlage des wahren, deutschen Jdealisnms der großen Dichter und Denker gelangt B l o e m im Zeichen-der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit und das ^Ausgleichs der Gegensätze zum Menschheitsreich als geschichtlicher Tatsache. Auch war mit Bloem nicht rn allen Einzelheiten übereinstinunt kchun Best spie! Im Lobe des WachlkömgckmnD, wird das von hohem idealen Geist erfüllte Buch mit Belehrung und Freude, genießen. Uraltes Kulturgut müht sich in China und Indien, um seine Eigenart gegenüber dem Ansturn: Westeuropas zu behaupten. Hinwiederum erkennt Westeuropa allmählich in seinen besten Vertretern, daß östliche Weisheit auch westlichen: Wissen gerade heute erneute Anregung in der Wirrrns &€? Gegenwart zu. bieten vennag-. Bei jedem Vokck wird in Anerkenrumg des von denanderen Hervorgebrachter: die Selbstbesinnung ans das Beste des von ihm in stärker Geschichte Geschossenen, zum Genesungsprozes; beitragen. Aber immer wird cs darauf ankommen, daß Böller und einzelne sich bewußt bleiben, daß heute Arbeit zw leisten rst für N & t i o n und Menschh c I t. Jedes Volk hat zur Weltkultur, bei,zutragen, was es an kuünrbikdnldeu Faktoren enckvickelt stak. " Nickstdas ist die Frage, welches Volk führen soll beim Ausbau der neuen Welt, sondern zusauurwmvirkend sollen sie, ein jedes mit seinen: Besten, das Reue gestalten Helsen. Beim Lau der neuen Welt ist Deutschland, das Herz Europas, unentbehrlich. Nicht minder sind es die ethischen und sozialen Ideen des Judentums, die mitgewirkt haben/ die westeuropäische Kultur zu schassen. Seit jeher »varen die Juden Mittler der Kultur, uird sie werden es gerade durch ihre Zerstreuung über die Länder der Erde auch in Zukunft sein. — Wo w erde n in den Schulen diese Kultur- |u \ a m m e n h äuge einer Jugend vorgesührt, die iut solche Belehrung heut c besonders empfänglich ist? H?gf. euch B?o t m s Aufsatz Iw der „CT. V.-Zig?. 132S, Rr. 3^. Das Wunöer. / °L°L?L" Von Rabbiner Tr. Italiener (Hamburg). Chanukkah ist das Fest des Wunders. Immer wieder ist in unseren Gebeten von den „Wundern" die Rede, die Gott an unseren Vätern getan hat, „in jenen Tagen um diese Zeit". Der moderne Mensch ist mißtrauisch gegen Wunder. Mit gutem Grund weist er daraus hin, daß gar vieles, was früheren Geschlechtern als Wunder erschien, die Wissenschaft heute ganz „natürlich" zu erklären vermag. Dennoch bleibt das Wunder auch für den modernen Menschen zu Rocht bestehen. Der Forscher, der in das Wesen der Zllüur einzudruMN versucht, schaut immer neue Geheimnisse, steht vor immer neuen Rätseln. Es ist (ns Verdienst des Judentums, das Wunder, das auch in der Weltgeschichte waltet, zuerst erkannt zu haben. Wunder heißt aus hebräisch „Ness“; es kommt von den: Worte ,4108523“, „emporhcbeu". Das Ahnen des Wunders — das ist der Sinn der hebräischen Sprache — erhebt aus der Alltäglichkeit, macht das Auge offen für die Tiefen des Lebens. Daher heißt „Xess“ auch „Zeichen". Jedes Wunder ist gleichsam ein Zeichen des Ewigen in der Welt des Vergänglichen, ein Zeichen für das Geheimnis, das in unserem Dasein waltet. In diesem Sinne ist Chanukkah das Fest des Wunders — ein Zeicho n. Es fällt in eine Zeit, da in unseren Gegenden die Tage an: kürzesten sind. Das Licht, das wir entzünden, ist ein Hinweis aus das Wunder, das von Jahr zu Jahr in der Natur sich vollzieht: das Dunkel des Winters unwiderstehlich weichend vor den: Lichte des nahenden Frühlings. Chanukkah erzählt von dem Kampfe der Väter gegen übermächtige Gegner. Wenige stände»: gegen Viele. Schwache gegen Starke. Und siehe da: den Schwachen wuchs die Kraft, die Wenigen siegten über die Vielen, und die Starken zerstöbe:: wie Spreu, die der Wind verweht. Ein Wunder, ein Zeichen für die Wahrheit, die sich seitdem immer wieder in der Geschichte der Juden, in der Weltgeschichte wiederholte, daß der Geist stärker ist als der Körper, daß die Macht der Idee gewaltiger ist als die Macht der Bataillone, wie der Prophet es ansdrückt: „Nicht durch Krast und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist? . ..In jenen Tagen, um diese Zeit? — Bewegten Herzens empfinden wir: mit diesen Worten wird die Brücke geschlagen von dereinst zu heute. Vergangenheit und Gegenwart seltsam verwoben. Noch immer ist Chanukkah das Fest der Erhebung, noch immer ist Chanukkah das Zeichen, das 'hinüberweist aus dem Dunkel in eine hellere Zukunft. Noch immer stehen wir Juden im Kampf. Die Wenigen gegen die Vielen, die Schwachen gegen die Starken. Jeder Kampf ist eine Versuchung für den Charakter: vielleicht kein Kampf niehr als der gegen den Antisemitismus. Aller Antisemitismus entspringt einer gewissen Enge des Geistes, einer gewissen Lieblosigkeit des Herzens. Es besteht die Gefahr, daß der Kampf uns Juden hinabzieht auf das Niveau des Gegners, daß er uns selbst enger und liebloser macht. Insbesondere der Amisemilismus der Gegenwart, der als N a s s e n a n i i f e m i t i § m u s seine Waffen vorwiegend aus dem Arsenal des bloß Körperlichen holt, legt dem Juden nahe, in der Betonung der „Rasse? in der Sorge für das Körperliche das Wesentliche des Judcseius zu erblicken. Dieser Gefahr gegenüber will Chanukkah unseren Blick erheben. Es mahnt, die Weite des Gesichtskreises uns nicht rauben zu lasten, es mahnt, über die heute so verbreitete Sorge für die „körperliche Ertüchtigung" das Wesentliche, den „Geists, nicht aus den Augen zu verlieren. Chanukkah, als Fest des Wunders, warnt aber auch vor der U e b e r s ch ä tz u n g der Zahl. Golviß, wer in» Kampfe steht, muß schätzen und wägen: die eigene Krast. die Krast des Gegners. Ader ec soll sic nicht überschätzen. Den Propheten des Pessimismus gegenüber, die wegen bedrohlicher Zeichen der Gegenwart den Untergang Judentums an die Wand malen, steht Chanukkah da als ein Zeichen und weist hi»: auf das Unberechenbare, ans das „Wunder" in der Weltgeschichte, in der Geschichte des Judentums zumal. Und endlich ein Letztes. Chanukkah heißt „Weihe? Für die seelischen Gefahren des Kampfes mit den: Antisemitismus gibt es nur ein wirksames Mittel: Die Weihe des Lebens. Unsere Seele muß von Zeit zu Zeit hinabtauchen in der: Urquell alles Seins, in Gott. In solchen Augenblicken empfängt sie jene Höhe und Weite des Standpunktes, curpsängt sie jenen Glauben an das ..Wunder", ohne den ein erfolgreicher Kampf der Schwachen gegen die Starken, der Wenigen gegen die Dielen, ohne den der Kampf eines rechter» Juden aus die Dauer nicht möglich ist. Tragen wir etwas von den: Geiste des Chanukkah in. unser Lebe»:, unb wir werde»? weiter die lebendigen „Zeichen" sein, die lebendigen Zeugen des „Wunders", das sich dereinst ereignete „in jcucu Tagen" und das sich immer wieder erneuert „um diese Zeit".