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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · p. Seite 675

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
Seite 675 (sequence 7)
Language
German
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675 Henri Hergfon. Von Professor Dr. Julius Goldstern (TarurstadL). I. Henri Berg so n, der einer jüdischen Causniannsfamilia eitistammt — seit 1W1 Proseffor am Gallöge de France und Membre de Flnstitut —, hat in seinem 69. Lebensjahr den Nobelpreis erhalten. Dlerkwürdig Fpnt _ für einen Denker, Neffen Schriften vor einem Brcrteljahrhundert schon die philosophische Geistesarbeit der Kulturwelt eingreifend verändert Huben. Das Wort „verändert" ift eigentlich zu schwach, nur die Wirkung dieses Mannes zu charakterisieren. Bergs on, den mau damals auch in antrscmitlsckxw Kreisen als einen Mann schrvcdischer Abkunst enthusiastisch feierte, wurde zn Beginn dieses Jahrhunderts von uns (damasteen) Jnnaen als der Befreier vom Truck der mechanistischen Meltaunassung begrüßt. Wir empfanden seme Schriften wie einen beglückenden Tauwind im Frührah.r,.der eisige Wintorstarce löst. Hier tvcv wieder einmal ein Philosoph, der den Prinzipien einen Ruck gegeben und nicht zu deu verstaubten Bänden früherer Philosophen nur einen neuen hinzu* gefügt und kleine Korrekturen am Ileberlieferten vorgenonnnen l)atte. Hwr war ein Mann von schärfstem Denkvermögen von einer bezaubernden Bildkraft des Wortes^ von erstaunlichem Fachwiffcn und von eigener Schau: er schob die Spinngewebe überlieferter Theorien beiseite und suchte zum unmittelbar Gegebenen vorzudringen. Alle seino Arbeiten zielen auf dieses unmittelbar Genebene. Tie erste große Schrift trügt den charakteristischen Titels ^Fssar 8ur donnees imnicdiates de la conscience“ (1889). „Matiere et Memoire“ (1896) will das nniuittcU-nr Gegebene int Zusammenhang des ^Körperlichen und Seelischen sesrstellen." „Fvolntion Creatriee;< (1907) sucht zum unmittelbar Gegebenen des biologischen (sieschehens vorzlrdringen. Tie Bedeutung der Untersuchungen laßt sich dahin zusamincnfaffen: Bergson weist Tatbestände'aul die dem Spiritualismus neue Erfahrurmsgrundlagen geben, wobei gleichzeitig die Un- -ulängliakeilen des Tcterminismus und der mechanistischen Naturautfapung erklärt wcvlcu. Bein Verfahren ift der oft üblichen philosophischen Methode entgcgengeschb die von einem Tatsachengebiete — sei es von dem der Natur, sei es von dem des Geistes — Theorien entwickelt, und diese Theorien und Begriste dann auch auf alle andern Tatsachengcbiete auszudehnen versucht. t Naturalismus und spekulativer Idealismus). Bergson vergleicht diese Methode mit der Herstellung von Konfektionsueidern. die sür alle Pagen sollen. Er verlangt, daß sür jedes Tatsachcngebiet eigene, besonders zugeschnittene Begriffe gebildet werden müucn. Tie Ergebnisie des einen Gebietes gelten ihm nicht ohne weiteres auch sür andere Gebiete. Daher ift es falsch, eine Weltanschauung aus den bisherigen Werken Bergsons konstruieren zu wollen. Er hat nur Entscheidendes über das psychologische, das psychophysische und das biologische Problem bis jetzt gegeben. Seine Auffassung über das erhische und religiöse Problem läßt sich nicht ohne weiteres aus seinen bisherigen Theorien ableiten. II. Dergfon hat, lockernd und lösend, uns von den lähmenden Vorurteilen des Naturalismus und des pstchophypschcn Materialismus befreit. Seine Bedeutung liegt weniger in den letzten Resultaten seiner metaphysischen Spekulation, als vielmehr in einer neuen Art des Gehens und in der philosophischen Anerkennung von Begriffen, die jahrtausendelang von oer europäischen Metaphysik als unwertig beiseite gesetzt wurden. Bergson hak als erster uns aus der Befangenheit der griechischen Metaphysik befreit, indem er Veränderung, Werden, Schöpfung, Zeit nicht als Oberflächenphänomeu der Erscheinungswelt entlvertete. sondern als echte und letzte Wirklichkeitsfaktoren für die Bestimmung des Weltgrundes erfaßte. Indem Bergson mit der „Zeit" als unmittelbar erlebter Realität Ernst gemacht hat, sind alle philosophischen Probleme aus einen neuen Boden gestellt: der Zeitlosigleitsidcalismus pla ionisieren der Denker lmt sein Ende gesunden. III. Bergson ist von der deutschen Wissenschaft, ich möchte sagen, ausgesogen worden, und zwar so schnell und gründlich, daß^man wie selbstverständlich in Philosophie, Reli g i onsw i n e n schaft, Soziologie, LiteraLurwigenlchaft und Biologie bergsoniert und Bergson selbst darüber fast vergessen hat. Man wird manchmal an das Wort Jean Pauls gemahnt: „Tie meisten Schriftsteller zucken die Achseln über diejenigen, auf deren Achseln sie stehen." Das gilt sür viele unserer Gelehrten, die auf all das, was sie Bergson verdanken, mit einer gewissen Geringschätzung reagieren. Daß die Alten, die nichts mehr hinzulernen wollen, Bergson zu verkleinern suchen, nimmt nicht wunder. Man sagt, er verdanke sein Beltes Schopenhauers Lehre vom Willen. Als ob nicht jeder Philosoph in Anregung und Anlehnung an Vorgänger seine Werke gcsclchfen hat! Was man aus dem Übernommenen macht, das ist es. was über die Originalität entscheidet. Wobei ich noch hinzufügeu möchte, fron es kaum größere Gegensätze gibt als die Grundaussaffung Bergsons und Schopenhauers. Man spottet über die Bedeutung, die Bergson der Intuition zuweist, und stellt cs so st:;?. als ob Bergson mit bequemen, unkontrollierten und unkoutrollierbarcn Einfällen arbeite. Aber cs kommt Bergfon nicht auf die Intuition als solche au, sondern darauf, daß diese Intuition sich an deu wissenschaftlich festgestellten Tatsachen bewcchrljertet. Es gibt kaum einen Denker, der so wie Bergson Jahre und Jahre hindurch alles nur zugängliche Mssenschaftsmaterial zu einer bestimmten Frage mit solcher Genauigkeit studiert lmd geprüft hat, wie es Bergson für seine drei Probleme getan hat. Seine „doeumeutatlon" ist nach Umfang und Inhalt erstaunlich. _In der angto-amcrikanischen Welt ist die Bedeutung Bergsons früher erkannt und gewürdigt worden als bei uns. Einer der ersten, der an ragender Stelle seinem Enthusiasmus über Bergson Ausdruck gegeben hat, war William James, der bebcutendsie Psychologe und Philosoph Amerikas. Im Jahre 1907 hat I a in e s am JJl anchester- Eollege zu Oxford Hibbert-Borlesungen gehalten über „The Pluralistic Universe“ (von ntir unter dem Titel:' „Das pluralistische Universum" ins Deutsche übertragen; Kröncr 1914.) Tie sechste Vorlesung handelt von Bergson und seiner Kritik des Intellektualismus. Daselbst heißt es: „Soweit äußere Umstände in Betracht kommen, enthält die Laufbahn Bergsons nichts, was mich nur im geringsten über den Durchschnitt hinausginge. Taincs berühmte Erklärungsprinzipien großer Männer, wie Rasse, Milieu, historischer Augenblick geben weder einzeln jedes für sich, noch zusammen im Verein, eine Erklärung für die Art des Schauens. die Eerawns geistige Individualität kennzeichnet. Tie Originalität eines "Menschen "ist von nichts anderem ableitbar, eher noch kann manches andere von ihr abgeleitet werden. Ich muß gestehen, Bergsons Originalität ist so ungewöhnlich, daß manche seiner Gedanken mich geradezu verblüffen ... Bergsons Beherrschung des gelehrten Wisiens der Gegenwart ist erstaunlich. und seine Amdruckssähiakeit ist geradezu phänomenal . . . Wenn irgend etwas uns befähigt', schwierigen Gedanken leicht zu folgen, so ist es ein Stil, wie der Bergsons" deu ein amerikanischer Rezensent kürzlich als einen Stil bezeichnete, der ohne Umschweife auf das Ziel losaeht (a „straight-fonvard“ style), wobei er aber nicht bemerkt, daß ein derartiger Stil eine Geschmeidigkeit des Aufdrucks voraussetzt, die dem Gedanken ohne Falten' und Runzeln sich 011511schmiegen vermag wie Seidentrilot den Bewegungen des Körpers. Sein Stil ist ein Wunder, und er ein wirklicher Magier . . . Oesfnen Sie die Schriften Bergsons und neue Horizonte leuchten Ihnen aus jeder Seite entgegen. Er ist wie der Atem des Morgens und der Sang der Vögel. Er spricht von der Realität selbst . . Hermann Suöermann. Don Fritz Engel. Tie Zeitungen haben den Tod Sudermanns gemeldet.^ Ter Dichter, der sich seit Jahren mit seiner Person in den schatten zurückgezogen hatte und nur noch durch seine Werke von sich reden machen wollte, ward wieder ins Licht gestellt, und mit einem ironischen Lächeln über die Veränderlichkeit des Geschmacks, auch mit einer leisen'mitleidigen Wehmut darf mau^sageu: der Tote hatte mir ganz wenigen Ausnahmen eine „gute Prcme". Danach hatte Sudermann bei Lebzeiten ausgeschaut und gebangt, nun fallen die Lorbeeren nicht mehr um sein Haupt, sie sollen über sein Grab. Erst in seinen letzten Lebensjahren war das Urteil über ihn revidiert worden. Aus'dem Munde der Kritikergeneratiou, die zeitlich mit ihm außouchs und älter wurde, war es einem Anarhema gleichgckommen, die Pfeile^ kamen gegen ihn geflogen, daß man hätte glauben sollen, er wiche verbluten, er aber wehrte sich mit Zähnen und Krallen und wurde von neuem über'chüttet. Ter kritisch für tot Erklärte lebte aber weiter, er schrieb stücke, schrieb Romane, erfuhr als Romanschriftsteller auch Lob und Ruhm, er beherrschte die Bühne Teutsästands und des Auslandes, und dann geschah in den letzten Jahren das Seltsame, daß er zivar als aktiver Thcaterschriststeller von der Bildsläche verschwand und nur noch auf Provinzbühnen sichtbar wurde, daß' er aber als Lehrer der Bühnentechnik empfohlen wurde, auch von denen, die ihn als Nteister der Dichtkunst avgelehnt hatten, und daß die jüngere Tramatikeraeacrarion, ob ihrer Formlosigkeit mit Recht getadelt, diese Empfehlung akzeptierte. ' War das in der Tat so seltsam? Es war nichts anderes als der Rückschlag der Zeitentwicklnng, als die Abkchr von Bübnenwerkerp die mehr sein wollteir als „Theater", als die durch deu Ztrieg und seine Folgen erzeugte Abneigung gegen alle Probleme, die nicht allernächste Zeitproblcme waren; als der Wunsch, diese Probleme mit einem möglichst packenden und erregenden Ausdruck erörtert zu sehen. Btan wollte wieder „Aktualität, und derlei hatte Sudermann, wenn auch nicht int engsten Wortsinn, gebracht. Er glmrbte ja, ins Herz der Gcgemvart zu treffen, wenn er von der „Ehre" und „Sodoms Ende" au'bis zur „Gntge'chnittenen Ecke" die geellschasttichen Mißverhältnisse zu geißeln versuchte. Man wollte und will wieder „gespannt" sein für drei Theaterftunden. Das genügt; juan will der Entspannung wegen diest Spannung. Und hatte ^udermmm in seinen Stücken nicht diese Szenen, diese SteigeruNtgeu. diese Aktschlüsse bau* herrlich arrangiert, diese awügezeichnet konstruierte Trcistundeumaschinerie, durch die er. selbst mit kühlem Atem, mm den Dampf hindurchjagte? Wenn die Technische Hochschule eine Dozentur sür Tramentechznk besäße. Professor ^udermaim hätte das Kmheder besteigen muffen. Diese Tinge sind nach seinem Tode oiel erörtert worden: hier konnten sie mir gestreift werden. Hier verlohnt cs sich eher, einen Blick all? den Menschen Sudermanu zu werfen. Dann dars gesagt und verkündet werdely daß er durch und durch Idealist war. Auch als Dichter, denn er war voll von dem fd/oncn, ^romantischen Glauben, mit seinen Stücken, indem er auf die faulen Ltollen in der Gesellschaft hinwies, die Welt verbessern und heilen zu können. Das Pathos, das er dabet austvendete, kbntg unecht, in Wirklichkeit man es

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