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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · p. Seite 673

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
Seite 673 (sequence 5)
Language
German
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«73 Zur Geschichte unö Theorie -es Antisemitismus. Von Dr. Fritz FrieDlänver (Berlin). Worin sich der moderne vom mittelalterlichen Antisemitismus unterscheidet), da? geht aus der klaren-Definition B. Jacobs eindeutig hervor: „D e r A n t i s c m i t i s m u s s u ch t G e s e tz ge b u n g und Berwaltungspraxis 311 becinffuffcn ü n d alle Gesellschaftsklassen ui i t seinem Geiste zu erfüllen, die Juden rechtlich zu degradieren, ge schö. f t [ i dj z u ruinieren, gesellschaftlich zu isolieren unb ihnen auf diese Weise das Leben unerträglich z u m a ch e Ter neuere Antisemitismus versuchte eine internationale Einheitsfront zu bilden. Ties sollte auf dem Wege öntifcuiittfd>er intet« nationaler Kongreße geschehen, die aber nie über die üblichen Resolutionen hinaus zu irgendeiner Acachtgeltung gelangten. Es lassen sich in den einzelnen Landern sehr verschiedenartige Erscheinungsformen des Antisemitismus Teftftellen, d. h. er tritt in dem einen Lande in außerordentlich starken, und in dem anderen in verschwindend geringem Grade ans. Zn neuerer Zeit grassiert er besonders heftig in den slawis ch e n Ländern und in Ungarn. Um den Rekord in der anlijüdöchen Bewegung dürfen Rußland und Rumänien miteinander poetteiscrn. Vergeblich bat der Berliner Kongreß sich bemüht, die rumänische Judenvolllik in ein humanes Fahrwasser zu leiten. Bis auf den heutigen Tag löst in Rumänien eine Judenverfolgung die andere ab. hinsichtlich des Rechtsschutzes der jüdischen Bevölkerung herrscht nach wie vor A n a r ch i e- Der gleichen antisemitischen Hochkonjunktur wie in Rumänien begegnete man im z a r i st i - s ch c n Rußland; namentlich in den siebziger Jahren schwoll der Judenhaß an. Tie literarische Verbreitung des Antisemitismus tat das ihre: religiöse Beweggründe sviclten mit. Furchtbar entlud sich dcr.angcsaminclte Haß in einer Reihe von Pogromen. -Ti- Ritnalmordlüge verwirrte die Köpfe und schuf unsägliches Leid: aus diesem düsteren Kapitel dürste noch die Bcilis-Anäre in Micher Erinnerung sein. Das Zarenreich war die eigentliche Hochburg des Antisemitismus.' von hier aus nahm eins der gefährlichsten literarischen Produkte, die „Protokolle der Weisen von Z i v n\ feinen Weg. Im heutigen Sowjekrußland erfreuen sich die Juden einer westnUichen Besserung ihrer Lage. Ungarn siebt mit seinen judenfeindlichen Bestrebungen und Taten hinter dcn beiden letztgenannten Ländern nur wenig zurück. Ein überspannter Nationalismus schürt hier den Haß und heißt jede Ausschreitung gut, der brutale Numerus clausus der Universitäten schneidet der jüdischen Intelligenz dcn Lebcnskadcn ab. Nicht ganz so bösartig, aber immerhin bedrohlich genug äußert nch die judenfeindliche Bewegung in Polen und in der Tschechoslowakei. Nahezu frei vom Antife m i tismus ist England, auch in Frankreich konnte er, abgesehen von den Bemühungen Ed. T ru mo nts und dcn Erregungen der Trchsus-Asfäre. nie festeren 0stß faßen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika spielt er ebenfalls keine erhebliche politische oder wirlschastlicks Rolle, namentlich nachdem Henry Ford der judenfeindlichen Propaganda den Rücken gekehrt hat. Tie intellektuelle Führerstellu ng innerhalb der anEsenutrpchen Strömungen hält Deutschland inne. Es hat alle jene Strömungen mit der ihm eigenen Gründlichkeit verarbeitet, so daß „die deutsche Literatur die r e i ch st e a n S chmähschrif - ten gegen die Huden i st*. Tie nach den Freiheitskriegen eiusetzeude Reaktionszen brachte eine wesentliche Verstärkung der antisemitischen Stimmungen mit sich. Zu ihren literarischen Wortführern warfen sich die Hochschulprostporen Friedrich Rühs und' I. F. Fries auf, zu ihnen gesellte sich ein elender Schmähschreiber namens Hundt-Radowsky. Den Worten folgten Taten: in den Jahren )8l9, 1830 und 1848 fanden schwere Ausschreitungen statt. Eine fortschrittsseiudliche Gesetzgebung entzog den Juden auf dem Verwaltungswege den Genuß ihrer verfassungsmäßige n Rechte. Erst die sogenannte liberale Aera in Preußen zeitigte durch das Gesetz vom 3. Juli lSGD.bie vollständige bürgerliche Gleichstellung der Juden. Nach dem Kriege von 1870/71 brach eine schwere antis e m i t i s ch e W e l l e herein. Für die wirtschaftliche Katastrophe der sogenannten Gründerzeit machte man die sreihändlerischliberalc Gesinnung der Juden verantwortlich. Gleichzeitig richtete der durch den Kulturkampf bedrohte Katholizismus heftige Angriffe gegen den rationalistischen Geist der „jüdischen" Presto: besonders der „Ta lm u d j u d e" des katholischen Theologen August Rohling vergiftete die öffentliche Meinung. Während die christlich-konservativen Judeu- . gegner sich noch etwas Reserve auferlegten, überstieg die antisemitische Hochflut der darauf folgenden Stöcker-Zeit jede Schranke. Ter Antisemitismus fand seine eigene p a r l a m entarische Vertretung, in der £ i c f» c r m o n 11 von S 0 n nenber g und der hessische Agira'or Otto Böckel sich hervortaten. Vorläufer Stöckers waren Otto G l a g a u und Wilhelm M a r r, ihm zur Seite standen Moritz B u s ch und die Gymnasiallehrer H e n x i c 1 und V. För ft c r; die intellektuellen Waffen schmiedeten Heinrich v. Treitschke und Eduard v. Hart mann. Ter volkstümlichste Führer der Antisemiten wurde Ahlwardt: ein Epigone der damaligen Entioicklnug ist der heute noch wirkende Theodor Fritsch Durch die Prozesse in lauten und in Könitz gerieten die antisemitischen Leidenschaften in Siedehitze. Tie judcufeindliche Agitation feierte wahre' Orgien, sie versuchte überdies, sich einen Wissenschaftlichen Aufputz zuznlegcu. ^0 wurden die Schlagivorte vom iuternationalcn Zusammenhalt und von den Weltherrschastsplänen der Juden in die Menge geioorsen. Dem deutschen Judenhaß durfte ei ne Phil 0 s 0 Phis ch c E x u n dleg u u g selbstverständlich nicht fehlen: ') Man vergl. dcn gleichnamigen Aussatz in??r. 47 der „C. V. Zeitung" von: 23. Siooauber. Engen Dühring. Paul de Lagarde und H. St. Chamberlain rundeten die antisemitischen Konstruktionen zum/System. Die Politik der Judenfeinde trug ihre Früchte. Von der Staatsverwaltung, mochte es sich um das Tozentenamt. um das Schtilfach, um Justiz- oder Heeresdienst handeln, wurden die Juden serngelialten. Tie r e ch t s st e h e n d e n Parteien nahmen den Antisemitismus in ihr Programm auf. Bestimmte Berufsftänds und gesellschaftliche Schichten, insbesondere die Agrarier, die Studenten und die Handlungsgehilfen schlossen sich gegen die Juden ab. Ein solches Verhalten forderte die Abwehr der Betroffenen heraus. Zuerst trat der „Verein zur Abwehr des Antrsemit i s m u %“ (1891) auf den Plan, an dem hervorragende christliche Persönlichkeiten sich maßgeblich beteiligten. Zur Bekämpfung des akademischen Antisemitismus traten die jüdischen Studierenden in dem K. E. (Kartellconvent) zusammen. Das stärkste Bollwerk gegen den Antisemitismus wurde 1803 in dem Centralverein deutsch er Staatsbürgerjüdrschen Glaubenserrichte t°). Ter Judenhaß machte in dem Weltkriege die nationale Einigkeit zuschanden: er bewirkte die beschämende Zählung der jüdischen Kriegsteilnehmer und verdächtigte die ..Kriegsgesell schäften* als Zufluchtsstätten jüdischer Wucherer und „Drückeberger". In der Nachkriegszeit, besonders in den Inflaiionsjahren, schoß der völkische Antisemitismus ins Kraut; die völkischen Parteien sowie die Teutschnationale Partei sind judenfeindlich eingestellt. Ter moderne Antisemitismus tritt als N a s s e n a n t i s e m i t i s m u s auf: seine literarischen Schrittmacher sind Leute wie Dinier und G ü n t h e r, während Wilhelm Stapel und Hans V l ü h e r die vornehmere Abart des K u l t u r a n t i s e m r t i §m u § pflegen. Die „Protokolle der Weisen von Zion." spukten in den Kopien, bis sie durch die Bemühungen der jüdischen Kritik als grobe Fälschung entlarvt wurden. Der haß gegen die Juden erweiterte sich zu einer Feindschaft gegen die jüdische Religion, namentlich gegen das Alte Testament. Tie nächste Folge war die A b s a g e a n d a s C h r i st e ntum, an depen Stelle ein neugermanisches Heidentum gesetzt werden sollte. Tie christliche Religion und Moral fühlte durch diese Bestrebungen sich unmittelbar bedroht, denn der Antisemitismus hatte seine Grenze überschritten. Ter Antisemitismus in Deut s ch - O e ft erreich ist dem reichsdcutschen Antisemitismus ähnlich. Er konzentriert sich hauptsächlich in Wien. In den achtziger Jahren wurde er durch Georg v. Schönerer eingeleitet. Der eigentliche Führer und -Organisator der anwachsenden judenfeindlichen Bewegung wurde Karl Lueger, solange die christlich-soziale Partei die Oberhand behielt, war das öffentliche Leben von einem starken Judenhaß durchzogen, sowohl in der Gesetzgebung als auch an den Hochschulen kam er unverblümt zum Durchbruch. "Auch während des Weltkrieges ließ die antisemitische Stimmung keineswegs nach, sie wandte sich darauf in verstärktem Maße ^gegen die zahlreich eingewanderten Ostjuden. Ein Wahrzeichen des im Sportverkehr eingeripenen Antisemitismus ist der berüchtigte ^Arierparagr aph*. Eine Sonderstellung zum Antisemitismus nimmt die österreichische Sozialdemokratie ein: in scharfem Gegensatz zur reichsdeutschen Arbeiterpartei ist sie keineswegs judcnfreundlich gesinnt. Im Verhältnis zu den aufschlußreichen historischen Darlegungen ist die Behandlung der Theorien über den Antisemitismus etwas mager ausgefallen. Immerhin ist die Charakterisierung der vier Haupttypen, die der Bearbeiter unterscheidet, fein und scharf. Alle vier Auffassungen stellen das Diaspora- Schicksal der Judentheit als einen Hauptposten in ihre Rechnung. Für die Orthodoxie ist der Antisemitismus eine Folge der Abneigung, "die die nichtjüdischen Völkerschaften gegen das auserlesene Gottesvolk empfinden. Nach der Meinung der *) Bohl durch ein Versehen ist auf Spalte 1034 der Vorname des jetzigen ersten Barsttzr-nden des E. V. unrichtig roiedcrgegebcn: genau so ist auf Epalre 3:117 ON2 Eduard cort Siinfon ein Eduard von Siinon geworden. LMKtzSsVSVSMKd VaVZtZ. Sonntag, 2. Dezember, vormittags 10)» Uhr, Landesveebandstagung in Mannheim in der K u g u st - L a m ey - L 0 g c, C. 4. 12. Tcrgessrdnring: Tätigkeitsbericht des Vorsitzenden. - - Finanzbericht (Tr. Paul Ho m bürge t). — Vertrauliche Mitteilungen über die Arbeit des C. V. (Direktor T r. L u d w lg Holl a n d e r). — Aussprache. Am gleicher: A b e u b sprechen in der A u g u ü - L a in ey - L 0 ge in 33t a n 11 h e i m Direktor Dr. O ol- Lälldcr über „Das Wesen der NaLiorraliLat" llud Profcssor Dr. Julius Goldstern (Darmstadt) über „Die ß Geistigen und die Jugcndfrage". Zn dem gemeinsamen Mittagessen ladet der Landesverband sämtliche Delegierte ein. Tic Reisekosten werden den osfiüclLen Vertretern auf Wunsch ersetzt. Ls L r bitten d r i n g c n d n n; akrl r c: ch •: B c - s ch i ck n ir g der Tagung u üb um q e i ü 11 i c i i u n g der Zahl der Teilnehmer.

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