Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- Seite 671 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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671 Nr. 64, 65, 66. Frie-Hossschändnngen in Köpenick, Borgentreich und Prehfelv. — Schützt eure Gräber. Köpenick. In der Nacht vom 21. zum 22. d. M. wurden aus dem Friedhof der Jüdischen G e in e i n d e in Köpenick zwei Grabsteine durch Steinwttrfe. zertrümmert, ein dritter rrmgestttrzt. Da einer der seltenen Fälle vorlag, in denen der RolMsakt fast unmittelbar nach seiner Begehung entdeckt wurde, gelang es der Polizei, bald die Täter festznstellen. 6s ist keine politische Gewalttat gewesen, wenn man darunter lediglich eine von politisch organisierten Attentätern begangene versteht. In einem traurigeren 'Zinne ist die Untat gleichwohl als politisch anzusehou: Die Kinder, die die schweren Steine gegen die Grabtafeln toter jüdischer Kinder schleuderten, müssen mit Einflüssen in Berührung gekommen sein, die das Vergehen gegen eine jüdische Kultstätte entschuldbar oder sogar rühmenswert finden. Borgentreich. Auf dem jüdischen Friedhöfe sind vor einiger Zeit vier Grabsteine «mgeworfen und einer zertrümmert worden. Gewisse Spuren liegen vor. Auch sic scheinen daraus hinzudeuten, daß es sich um keinen p o l i t i f ch e n Exzeß, sondern um einen Racheakt handelt. Man hat erkannt, wodurch man die jüdischen Seelen an: s ch m e r z l i ch st c n verwunden kann . . . Prctzfeld. Bor Monaten schon wurden — wie erst jetzt bekannt wird — aus dem jüdischen Friedhofe fast 20 Grabsteine urngcworscu, ift daneu hergerichtete Friedhosstor schwer lx'schädigt worden. Hier liegt der Fall dem Köpenicker völlig entgegengesetzt. Zu späte Entdeckung. Spuren waren nicht nreljr zu finden, so daß auch die Täter nicht gefaßt werden können. Die schwach bleibt ungesühnt, wie in so vielen arideren Fällen. Tie große Welle der Entrüstung, die das deutsche Volk in fast allen Kreisen über die K u l t u r s ch n n d e d e r F r i ed h o fs s ch ä n düngen erfaßte, hat den geistigen Urheber dieser Untaten, den organisierten völkischen Kreisen, zu einer eigenartigen Taktik Anlaß gegeben. Man sagt: a) es gibt feine Friedhof s s ch ä n d u n g e n; b) wenn es roelche geben sollte, so haben sie die Inden, speziell der E e n t r a! ve r e i n, selbst begangen oder sie veranlaßt: e) wenn sie von Nichtjnden begangen sein sollten — und dieS ist die neueste Version, die der edle Graf Reventlow in seinem „Reichswart" unter der Ueberschrist „Bon den Inden und ihren Lügen" aufstellt —, so ist dies der „Auslaß" einer im übrigen „hilflosen, verzweifelten Ent- Lüsiung gegen die jüdische Versklavung der Deutschen", „dann trügen die lebenden Juden die ganze Schuld daran, was den Gräbern der toten Juden zugestosten wäre". Kein Wort inerter: was Reventlow als E v e n t n a l f a! l z u g e st e h t u n d entschuldigt, ist genau das gleiche, was Walter v. Molo „Tollwut" nannte. In Köpenick war nach der ersten Besichtigung sofort klar, daß es Jul) um eine — im oben angeführten Sinne — u n politische Misst tat handle. Gleichwohl haben wir unsere ganze Energie hinter die Aufklärung gesetzt, eine Belohnung von seiten des Landesverbandes Groß-Berlin bereitgestellt und uns gleichzeitig bemüht, zu oerhüten, daß das geschieht, wogegen wir ans Derantwortungspewnßtsein stets angekämpft haben, ungeklärte Vorgänge nach einer b e st i m m t e n Richtung politisch auszuschlachten. Der Köpenicker Fall enthält jedoch auch u.ach anderen Richtungen wertvolle Lehren. Gs ist als sehr wesentlich für die Feststellung der Täter anzusehen, das; verhältnismäßig hohe Beträge als Belohnung ausgeseht wurden. Man wird in künftigen Fällen von der Pietät der Gemeinden, in denen sich, was nicht eintrcssen möge, ähnliche Untaten ereignen sollten, verlangen müssen, das; sie durch nennenswerte Summen die Entdeckung der Täter erleichtern. Menschen, die derartiger Untaten fähig sind, pflegen sich meist in Kreisen mit niedriger Moral zrr bewegen, hier wirkt die Belohnung. Die ethische ^cite der Berbrocherfcststel!urig durch Geldbelohnnngon ist umstritten. Wenn es aber einen Fall gibt, wo sie sittlich aufs höchste begründet ist, ja u m d e r S i t t l i ch k e i t willen gefordert werden muß, so hier. Und die andere Erwägung ist gleichfalls praktischer Natur. Die Mehrzahl der Verwüstungen von Grabstätten betraf einsame, von bewohnten Stätten häufig entlegene Friedhöfe. Köpenick beweist, das; auch die Nähe einer Millionenstadt nickst aiK-rciift, um Störungen der Toten ruhe zu verhindern. Jeder Kaufmann, jeder Privatmann, der auf den Schutz seiner materiellen Güter Wert fc;}t, schließt sich einer Bew a ch nn g s o r g a u i s a t i o n an, halt sich mitunter sogar D r i v a t w ä ch t c r. Wenn auch eigentlich die Heiligkeit des Friedhofes die Ruhe der Toten bclvachen sollte, so müssen wir doch mit Trauer feststellen, batf dieser natürliche Schutz nicht mehr ausreicht. Deshalb rnüssen wir die Gemeinden aufrnfen, auch ihre Friedhöfe bewaästn zu lasten, bis die ..Tollwut" wieder abgeklungen ist. Nur so können Gemeinden und Gerneindeverbande durch Vorsorge Uuhei l verhüten. „Die blutigen Folgen der geheimen Gegenarbeit Judas." In der Nacht nach der Berliner Hitler-Versammlung vom 16. November d. I. ist der Nationalsozialist Kütemeyer in Berlin zu Tode gekommen. Nach den Mitteilungen seiner Parteigenossen hat er in Begeisterung über den Erfolg Hitlers zunächst mit seinen Kameraden gefeiert und ist dann nach Haus gegangen. Tie Polizei hat festgesiellt. daß er in eine Schlägerei mit Straßenarbeitern geraten ist. Er ist dann, anscheinend benommen durch die Schläge, in den Landwehrkanal gestürzt und tödlich verunglückt. Ein Vorgang, den jedermann bedauern wird. Die Reinhaltung des politischen Kampfes von Gewalttätigkeiten haben gerade wir immer wieder gefordert, die wir den Gegner überzeugen wollen. Die nationalsozialistische Politik hat sich allerdings nie zu diesem Grundsatz bekannt. Das weiß jeder Beobachter der politischen Entwicklung in den letzten zehn Jahren. Selbst deutschnationale Kreise müpen heut von der Gefahr der völkischen Idee sprechen. „Ich spreche von einer Gefahr der völkischen Idee — natürlich als Theorie. In der Praxis hat man ja an Mord und Putsch genug erlebt." — So der deutschuationale Breslauer Anwalt Georg Q u a b b e in seinen „Variationen über ein konservatives Thema ,Tar a Rll". Ein Blick in die völkische Preste bestätigt unsere Auffasiung, daß man sich dort unverblümt zum Prinzip der Gewalt bekennt. Was täglich mehr oder minder versteckt an Anreizung zur Gewalttat gegen uns geschieht, Ware Beweis genug. Aber auch der Kamps gegen den Staat durch Attentat und Putsch wird verherrlicht: In Anfragen an den Reichstag preist mau Fememörder, der „Angriff" des Tr. Goebbels sucht seinen Leserkreis durch die Artikelserie eines Attentatsteilnehmers „Rathenaus Endo", zu erweitern, der Kavitänlentnant Killinger schreib: und spricht über „Ernstes und heiteres aus dem Putsch leben"' und Major Buchrucker veröffentlicht in den Straffer-ZeiLungen die Vorgänge itnt den Küstriner Puts ch. Alles das in dem Ton: Wir haben eine gute Tat getan! Wer die Anwendung von Brachialgewalt als politisches Kampfmittel anerkennt, mag zu der Verdächtigung anderer neigen, daß sie sich gleicher Mittel bedienen. Wer aber Anspruch erhebt, als Politiker und nicht als Hetzer gewertet zu. werden. darf einem politischen Gegner nicht Maßnahmen unterstellen, die nach der Gesinnung und der Praxis des Gegners niemals auch nur in den Kreis der Erwägungen gezogen worden sind und gezogen werden konnten. Die Nationalsozialisten behaupten, die Centralvereins-Bewegung zu kennen. Dann mufften sie wissen, Vas; unser Kampf für Wahrheit und Recht mit geistigen Mitteln geführt wird. Weder sie noch sonst jemand hat je in unserer Bewegung Maßnahmen finden können, die gegen das Gesetz verstießen. Unser Kamps für das Recht wird mit den Mitteln des Rechts duechgcscht. Das wincn die Nationalsozialisten auch. Trotzdem wagen sie die empörende Behauptung, daß der Tod des unglücklichen Kütemeyer eine „blutige Folge der geheimen Gegmarbert Judas", insbesondere des Cenkralvercins fei. Der „Völkische Beobachter" vom 20. d. M. und der „Angriff" des Tr. Goebbels vom 26. d. M. bringen einen Artikel, in dem sie die Tätigkeit Kütemehers in und nach der Hitler-Versammlung schildern. Sie sprechen von der Begeisterung. mit der Kütemeyer den Erfolg seiner Bewegung feiert, „das Ziel seiner Hossiumg sieht er uähergerückt". „Der Ceniralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens tritt allerorten zu geheimen „vertraulichen Beratungen" zusammen. Tagesordnung: Bekämpfung der Nationalsozialisten. lieber die gefaßten Beschlüste erfährt man nichts. Die „E. V.-ZeiLrmg" stimmt ein viele Seiten langes Wehgeschrei an über den Vormarsch der Nationalsozialisten im ganzen Reich. Dabei ergeht sie sich in geheimnisvoll dunklen Andeutungen. „Die Stunde erfordert, vorausschauend diesen gefährlichen, nicht vereinzelten, sondern groß überdachten Machenschaften (der nationalsozialistischen Propaganda. D. Schristltg.) planmäßig zu begegnen." „Eigene und alleinige Arbeit durch das „Wort" ist meist nicht möglich. Tie neuen Pläne werden uns weiterbringen." „Wir beobachten scharf und leister: planmäßig geräuschlose Gegenarbeit." Dies nur einige der auffälligsten, ohne nähere Erklärung in der letzten Ausgabe der „C. V.-Zeitung" (Nr. 46) zu findenden Sätze. Was wird hier geplant? Die Ereignisse antworten!" Dann heißt cs weiter: * „Kütemeyer und feine Kameraden breche.: mit. In der Bülowstraße werden sie von Bauarbeitern roter Gonlenr angcpobelt. Eine große, immer wüster pöbelnde Rotte von Marxisten folgt ihnen. Tätlichkeiten! Steine fliegen. Mit Eisemoerkzengen wird auf die beiden eingoschlagen . . . Da rast ein Auto heran. Einige der Roten springen auf und fahren dem Flüchtiger: nach. Am anderen Morgen wird dessen Leick>e an der Vendler-Brücke'angeschwemmt. Aus der Arbeit durch das „Wort" ist die Arbeit durch den Mord geworden." Damit ist die unerhörte Verleumdung ausgesprochen, das; der EcnLralverein an dem Tode des (nach nationalsozialistischer Lesart ermordeten) RatiorralsoziaListim