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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · p. Seite 670

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
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-70 als die Juden gemeint sind. Welche Bosheit liegt gerade in dieser schweigend-uncrläuterten, eben deshalb aber als unanfechtbar suggerierten Gegenüberstellung: hie Jude — hie lverße Raffe. Und man höre in den so ganz beiläufig-verwunderten Nebensatz hinein: „ . .. die doch alle heute noch am Leben und an der Regierung sind . . .* Ta ist es wieder, das Gespenst des Juden, der die (geschändeten) Volker auf Grund geheimnisvoller, unterirdischer Beschwörungen und Bestechungen hohnlachend regiert') —- aber da klingtnoch ein anderes mit: der Tadel, der den Böllern und insbesondere dem deutschen Volke erteilt wird dafür, daß „die Blutschänder doch heute noch am Leben sind". Und warum sind sie noch am Leben? Weil der deutsche Glaube, die deutliche Selbst- und Rasseubesiunung noch nicht erwacht ist. . . Ans diesem kleinen Nebensatz reckt sich die Mordhand hervor. Nicht in der lauten, gellenden Form des Ausrufes. Vor dem könnte der Leser zurückschrecken, und der Staatsanwalt konnte^ ferne Hand daraus legen. Aber schweigend, den innersten Gehalt nicht in Worte fastend — so wird die D!ordhand ausgehoben, schweigend, wie eine selbstverständliche Geste des Mannes, besten „deutsches Gewissen" — endlich — gefestigt ist. . . ur. Genug davon. Zeichen sind dazu da, daß sie gedeutet werden. Deutungen sind dazu da, daß nach ihnen gehandelt werde. Dem Angriff kann man widerstreiten. Tie Wälle der Gründe kann man niederlegen durch Eegengründe. Aber die Melzerfche Taktik verwendet nicht Angriff und Gründe, für sie ist die Zeit des Angriffs vorbei. Was gestern Angriffsgrund war, der öffentlichen Diskussion anheimgegeben, ist heute gesichertes Ergebnis, Faktum. Man diskutiert nicht mehr: man weiß. Man hat die Position des abgeklärten Dogmas eingenommen, das Rechtssatz und Rechtsgrund ist. In fast leidenschaftslosem Schweigen steht der Antisemitismus hier im Hintergrund, das Judentum ist nicht mehr eine Macht, mit der man geistig kämpft, sondern eine feindliche, gewiß und uneingeschränkt ausznrottende Macht — aber eben doch eine Macht, über die man triumphiert, weil man alle ihre vermeintlichen Pläne kennt, ihre Taktik, Technik, Bewaffnung in der Hand hat. Es ist hier Abwehr unh Aufklärung machtlos geworden. Ein luftleerer Raum trennt den Geist des feindseligen Schweigens von der Arbeit jeder Aufklärung. Ein luftleerer Raum, den weder sie zu uns, noch wir zu ihnen durchmessen können: Sie hören uns nicht mehr. Ihre Akten sind geschloffen. Sie kennen kein Wiederaufnahmeverfahren. Ihre Men sind ohne Irrtum, ohne Lücke, ohne Fehl . /. Wie ist es dahin gekommen? Es ist dahin gekommen burd) die beste Kraft des Geistes: die Kraft der Konsequenz. Ter Antisemitismus hat das Versemungssymbol des Juden bis zur äußersten Konsequenz durch gestallet. Tie Gestalt aber wendet sich an die unmittelbare Schau, an die nur massenpsychologisch zu begreifenden, irrationalen Kräfte der suggerierten Mitschau, vor der alle rationalen Kräfte der Aufklärung Schatten ohne Ueberzeugungsgewait Werdern Sind wir also wehrlos gemacht? Ja — wenn wir für die nächsten zehn Jahre nicht die notwendige Vervollkommnung unserer Taktik begreifen. N ein — wenn wir alle guten Kräfte - - die vorhanden find — zu dieser Vervollkorumnung unserer Taktik sammeln. Dies ist die Aufgabe: vom Protest zur Gestaltung überzugehen. Denn schaubare Gestaltung kann nicht widerlegt werden. Sie kann nur erschüttert, geschwächt und schließlich enthaltet werden, indem man ihr im öffentlichen Bewußtsein abermals schaubare Gestaltung entgegensetzt. Die Zeitschrift „Der Morgen" ward in einen: ihrer nächsten Hefte t mit einer Folge voll Darlegungen eines jungen Historikers beginne::, die an ausgewählten Kapiteln der griechischer! -und römischen (ve schichte — ohne Polemik, rein historisch aufbauend — zeigen werden, wie Bolkwerdung sich vollzieht und schöpferische Volkskraft gezeugt wird nicht aus rassischer Bindung, sondern aus Ueberwindung der rassischen Selbftbeyütuug. Ter rassendogmatischen Geschichtsgestaltung, die eben zur Mode auf Kathedern und in Volkstümlichen Darstellungen wird, soll eine wiffeuschaftliche Geschichtsgestaltung entgegengestellt werden, aus der ersichtlich wird, daß Rassenpolitik nicht Erneuerung, sondern im Gegenteil: Ent-tüchtigrmg, Ent-rurrtigmrg anzeigt, daß sie nicht *) Vgl. hlcrzu meine „Deutsche Rasscnangst". Berlin, Schwctschke, 1927. Zeugungsansang, sondern Anfang der Sterilität kündet. Nur so kann der Gegner zum Kampfplatz zurückgeholt werde::. Nur so kann er zur Auseinandersetzung gezwungen werden. Eine Positive GeschichtsgestaLtung mit Schweigen ausnehmen, heißt sie anerkennen. Will man sie nicht anerkennen, muß man gegen sie kämpfen. Es wird für die „Gegner" ein schwerer Kampf werden. IV. Allem mit dem Aufbruch zur literarischen Gestaltung ist cs nicht getan. Sie reicht nicht. Einer anderen Gestaltung noch bedürfen wir, einer Gesialrung, die aus dem Literariühen herausdrängt zur Leibhaftiamachung der Energetik des Willens, zur Humanität, und des Ethos der Humanität. Tie Menschen des Antisemitismus sind gesammelt. Sie haben feste Zentren einer starken, konsequenten Literatur, die das geistige Leben des Volkes in allen Tönungen: vorn wissenschaftlich auftretenden Werk bis zürn Traktat an die Kasse beherrscht. Tas deutsche Judentum ist gesammelt, vornehmlich um die E. L.-Jdee. Und wir anderen? Tie wir weder Juden noch Antisemiten sind? Wir anderen, die.wir fühlen, daß der Antisemitismus eine Krankheit und Hemmung des volkhaften Denkens und Anfbauens ist? Wir sind nicht wenige. Aber wer glaubt uns, daß wir nicht wenige sind? Wer kann uns glauben? Wir sind nirgends sichtbar als ein geistiger W illensbl o ck. Wir haben kein Krastzentrum, wir sind nicht eine weithin sichtbare, vernehmbare, suggestive, aufrufende Gestalt, wie es die Glaubcnsgemeinde des „nordischen Gedankens" ist. Tie Glaubensgemeinde wirkt nicht nur kraft ihres Dogmas, sondern sie wirkt bereits sehr stark, menschennah, werbend, weil sie als Gemeinde sichtbar ist. Eemcimchattsbildung ist eine Urkraft, die die Seelen beherrscht und anzieht und — eingemeiudet. Wir aber, die Ungcsammelten, bleiben dem Vvlksdenken die Fernen, die Seltsamen, die Eigenbrötler, die man mir Mißtrauen — belächelt, weil unsere Stimmen untergehen in den Gemcinschastschören der anderen. Hier liegt ein Problem, dem wir uns nicht morgen, sondern heute zuwenden sollten. Eines der zerstörten GradmäUr in Köpenick. (ViL den Aufsatz anf der nächsten Seite.J

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