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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · p. Seite 669

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
Seite 669 (sequence 1)
Language
German
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Berlin, Z-.NovenrHrr 192$ VII. Jahrgang * Nr. 4$ <inzelnumm» 19 Pfennig / ibter t€H a&jr&auuitiieut ent 3,20 NM. izuzügi. Bestellgeld). Allgemeine Zeirun{£ des Judentums SStrtag u. Srfjcifiteiiung: Sctlin SW «3, EfnbeiiPt. 13. .:. F-rnspr-ch«c: Ämt DSnhosf 35M, 5T.9S. Postscheckkonto: D-rli,r.M72. B--n!kont»: Dresdner Pank, Wechsel. . . . stube <Berlin 8'^' 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschilö L Cs., Berlin W8. Auemrgs Anzeigenannahme: Annoncen-Expsdi'.;on Rudolf Moue, Berlin 8^ 12, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,22 JK41 für die 7gespal!ene Zeile nach Rudolf Mossrs Normalzeilenmeirer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuch-- (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Zentralvereino 6,45 JicM., die 20 mm breite Reklarne-eile 4,S0 JhM., Vf yivr •fvn/*' kAi i/! f',‘.’Afi flAf^'h-AA, KOr'A^f^A 5iXr^v / Son Ir. Mller-Eln V V" Vorbemerkung. Dem sichtbaren Vormarsch der nationalsozialistischen Bervcgung gegenüber Zeigen wir heute einen anderen Weg: narnlich die literarische und Politische Methodik, die, zwar nicht erst in der Gegenwart geboren, sich jetzt immer stärker bemerkbar nracht, bestimmte Begriffe, einen bestimmten Stil durchzusetzen, denen, äußerlich gesehen, nichts vom Antijüdischen anhaftet, die aber in Wahrheit antisemitische Gedankengünge als Grundlage, die Ablehnung oder Ausschließung altes Jüdischen als Ziel haben. Tie Schriftleitung. I. Kürzlich ist ein Buch von Gustav Melzer ausgegeben worden, das den Titel trägt: „Volk ohne Glauben". Es ist aus dein völkischen Denk- und Fühlkreis heraus geschrieben und also ein Buch, das ohne Kontakt mit den realen 'straften der organischen innerpolitischen und außenpolitischen Entwicklung Deutschlands und der Welt wertet und — haßt. Es ist darin viel vom Marxismus die Rede, von Demokratie, Republik, Parlament, Locarno, immer eifernd, immer haßerfüllt gegen diesen unseren Staat und gegen alles, was ihm nicht feindselig gegenübersteht. Alles, was den neuen Staat kennzeichnet, ist undeutsch, ohne daß gesagt würde, was nun eigentlich „deutsch" an ihm werden müßte oder auch nur werden könnte. Ein Buch, oft verworren, begriffsschwach, oft redensartlich und wiederum oft leidenschaftlich-bildhaft in den Formulierungen utopischer Politik eines weltfremden Herzens. Und weil dasHirn desBerfassers zuletzt den Utopien des Herzens doch zweifelnd gegenübersteht, schließen Herz und öirn jenes Kompromiß. das sie in allen Zonen der Erde schlauen, solange es einen Kampf zwischen Herz und Hirn, d. h. aber, solange es eine Geschichte des Geistes gibt: Was honte dem skeptischen Hirn als Utopie erscheint, ist nur deshalb nicht Wirtlichkeit geworden, weit wir die Stimme des Herzens nicht mit den rechten Kräften des Glauben s durchwirkt haben, die Gedachtes zu Geschehendem machen. „Deutschlands Zukunft ist Willensfrage, und, da die Kraft des Willens vom Glauben kommt, eine Claubensfrage." Was in der politischen Rechnung des Herzens fehlte, wird mm eingeführt in der irrationateu, unmeßbaren Kraft des Glaubens, der nun nicht mehr als eine motorische Kraft aller Erkenntnis-, Deutungs- und Gcstaltungsarbeit. und also auch alter Politik erscheint, sondern — überhitzt und ratlos — ein d i e Stelle jener Arbeit gesetzt wird. An die stelle des nationalen Aufbaus tritt der nationale Glaube. „Unser Glaube muß nationalisiert sein; er muß die Augst vor dem Tode, den Lebensdrang, der dem Einzclmenschen am Rande des Abgrunds W u n d e r k r a f t gibt, auf das ganze Volk übertragen, muß dem Bolle sechzig Millionen Wundert r äste verleihen." Somit ist dies Buch ein wundervolles Paradigma zur Psychologie der seltsamen völkischen Parapolitik, die dadurch entsteht, daß die reaipolitischen Werte (und damit die selbstverständlichen Grundlagen einer ernsthaften politischen Gesinnung) durch die Einführung überpolitisch-irrationaler Werte zuerst diesen letzteren untergeordnet und schließlich in ihnen aufgelöst werden. II. Im übrigen werden diejenigen völkischen Lesermaüen, denen Politische Zurechnungsfähigkeit und politischer Aktivismus gleichbedeutend ist mir antisemitischer Propaganda, von dem Melzerschen Buch zunächst enttäuscht sein. Kerns seiner zwölf Kapitel kündet eine Auseinandersetzung mit dem Judentum an. keines enthält sie. Es scheint in der Tat, dies sei gar lein antisemitisches Buch. Aber wenn man es aus der Hand gelegt hat und sich gelegentlich wieder seiner erinnert, dann weiß man: Es ist das Mister eines antisemitischen Buckes. Es verkörpert den konzentriertesten, undurchdringlichsten, verhängnisvollsten Antisemitismus — nicht in Wort. Verdacht und Angriff, sondern in der gefährlichsten Technik: dem Schweigen und Verschweigen. Mir scheint, das Buch wendet eine neue Technik an. Und zweifellos: eine zukunftsreiche Technik, eine Technik, die von den Geschicktesten der antisemitischen Fanatiker bald und höchst erfolgreich nachgeahmt werden wird. Da steht irgendwo: Der Marxismus ist den Deutschen artfremd und anfgepfropft — und nun folgt eine Polemik gegen sozialistische Prinzipien, wobei das Wort Judentum nirgends fällt. Aber: was steckt in diesem „artfremd", das ohne jeden Angriff hingesetzt ist? Es sagt nichts gegen den „Artfremden" — weil der Verfasier jeden Angriff, jede Feindschaft, jede Abkehr und Verfemung voraus setzt. Das antisemitische Dogma wird nicht mehr erörtert, begründet, verteidigt: das ist nicht mehr nötig. Es steht als apodiktische Wahrheit schweigend im Hintergrund — aber eben deshalb fester, starrer, unangefochtener und suggestiver, als irgendeine wortreiche Propaganda es an die Herzen heranbringen kann. Lder: es steigt ganz plötzlich ein Satz wie dieser ans: „Gewiß. die Blutschänder der weißen Rasse, die Tempelstürzer Europas, die doch alle heute noch am Leben und au der Regierung sind, die werden die von ihnen verschuldete Schicksalsgemeinschaft Paneuropa nicht eingeftehenck Kein Wort vom Judentum, weder vorher, noch nachher, wie ja der jüdische Deutsche überhaupt nicht offen und ausdrücklich in die Erörterung einbezogen ist. Aber der Zusammenhang — es ist von Europa überhaupt die Rede — läßt keinen Zweckel darüber, daß mit jenen ..Blutschändern der weißen Raste" niemand anders Aus dein Inhalt: Prrdessor Dp. Julius Goldstern (Darmstadt): Henri Bergson. - Fritz Engel (Berlin): Sudermann.

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