Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 11 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S5 ckes cru§§e/ruL§SL Am 15. Oktober 1923 trat der Jugcndansschuß des C. V. Zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Einstimmig wurden Ernst Heinrich Seligsohn (Berlin) zum ersten, Friedrich Brodnitz (Berlin) und Hclmuth Nathan (Hamburg) zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Sodann erfolgte eine Reihe weiterer Kooptationen aus den verschiedensten Kreisen und Richtungen der deutschjüdischen Jugend. lieber die A r b e i t s a u f g a b e n des Ausschusses referierte der Jugenddezerncnt der Hauptgeschäftsstelle, Alfred Hirschberg, unter Hinweis aus seinen Artikel in der letzten Nummer der Berlage. Die Hauptarbeit könne nicht vom Plenum des Ausschusses geleistet werden, sondern müsse durch Dezentralisation aus verschiedene Unterausschüße erfolgen. Der Referent schlug deshalb die Bildung folgender Unterausschüsse vor, die sodann auch beschlußgemäß erfolgte: Ter Bildungsausschuh solle eine ideologische Grundlegung der jungen C. D-- Generation schassen. In steter Kontrolle und gegenseitiger Auseinandersetzung müsse die Problematik unseres deutsch-jüdischen Seins immer von neuem geprüft werden. Hierzu müsse sür geeignete Literatur, sei es in Artikeln, sei cs in Broschüren, Sorge getragen werden. Geeignetes Dortragsmateria! fei für Redner in Jugendgruppen und Arbeitsgemeinschaften zusanrmenzustellen. Zur Heranbringung neuer Menschen an und in den C. D. erscheine ein Organisations- und Werbeausschuß notwendig. Es könne in diesem Zusammenhang aus den neuen Beschluß des Oauptvorstandes verwiesen werden, wonach die Deitragspsticht für Jugendliche erleichtert werden solle. Nach der ideologischen und nach der praktischen Seite hin arbeite die I u g e n d b e i! a g e . die besonders in der letzten Zeit allgemeinen Beifall gefunden habe. Er schlägt einen Ausbau der Beilage vor, besonders dadurch, daß alle Vierteljahre eine achtseitige werbend und repäsentativ gehaltene Sondernummer der Beilage erscheint. Zur Unterstützung der Redaktion und zum Ausbau der Beilage empfehle er einen Redaktionsausschuß zu wählen. Ein weiterer Ausschuß habe sich mit der Bildung von Arbeitsemeinschasten zu befassen. Tiefe Arbeitsgemeinschaften seien die mdeglicder zwischen den Netteren und den Jüngeren in den einzelnen Ortsgruppen. In sachlicher Auseinandersetzung müsse in ihnen neben der deutsch jüdischen Ideologie besonders die praktische Abwebrarbeit behandelt werden. Ter Ausschuß habe ferner die für die Aufklärung in Hochschulen und Schulen geeigneten Wegs zu prüfen und zu empfehlen. Arbeitsgemeinschaften sollen in möglichst allen Ortsgruppen gebildet werden. Tie Zentrale werde durch Rundschreiben auf dis Wichtigkeit dieser Gründungen Hinweisen. Das reibungslose Zusammenarbeiten mit anderen, uns nahestehenden Organisationen, wie z. B. dem Neutralen Verband, sei hierbei absolute Selbstverständlichkeit. Ferner sei die Schaffung eineI Ausschusses vorzuschlagen, der sich mit Fragen der Berussums chichtung der jüdischen Jugend und des Boykotts gegen jüdische Angestellte befaßen soll. Ein Delegierter dieses Ausschußes möge die Verbindung mit dem Boykottausschuß des Hauptvorstandes Herstellen. Tie Unterausschüße sollen durch gegenseitige Rundbriefe, die an sämtliche Ausschutzmitgliedcr, aber auch an andere in Betracht kommende Persönlichkeiten versandt werden, in ständiger Fühlung und wechselseitiger Kontrolle bleiben. Für den Ausschuß müsse es daraus ankommen, die Menschen und die Ideen zu aktivieren, indem er zwischen beiden die notwendigen Reibungen schasse. Aus diesen würden bedeutungsvolle Bindungen von Mensch zu Mensch und von Mensch zu Idee erwachsen. Es werde so, mit einem Hosmannsthalschcn Warte, „Zwiesprach zwischen Seist und Seist" sein, die allein nicht vergeblich sei. Dem Referat folgte eine emge!)cnde Aussprache, an der sich Ernst Heinrich Selig fohn. Krombach (Egen), Hahn (Es'cn), Friedrich Brodnitz und Friedrich Borchardt (Dresden) beteiligten. Man war sich darüber einig, daß eine II e b e r o r g a n i s a t i o n im jüdi'chen Leben vermieden werden müßte, und daß daher vom Juaeudausswuß vornehmlich die spezifisch d e u t s ch j ü d i s ch e n Arbeiten innerhalb des dentscl-en Judentums geleistet werden müßten, ohne daß dann: die aktive Mitarbeit des einzelnen an allgemeinen jüdischen Bildungs- Lnstituten (wie z. D. der in Berlin neuerrrchteten „Schule der Ju-zendch oder anderen Organisationen (wie z. D. am „Neutralen Verband") ausgeschlossen sein dürste. Als allgemein notwendig wurde anerkannt, daß in den einzelnen Ortsgruppen eine engere persönliche Bindung zwischen der älteren und der jüngeren Generation entstehe. Dieses gegenseitige Vertrauen sei die Voraussetzung für ein fruchtbares Zusammen-» arbeite'.'.. Tie Entwicklung der Beilage „von deutsch-jüdischer Jugend" fand allgemeinen Beifall Nach der Aussprache über das Referat berichtete Herr Theodor Marcus (Breslau) über die Ausgestaltung einer dnuschjüdischcn B i! d u n g s w o ch e. Er verweist hierbei aus seinen Arti cl zu diesem Thema in der Beilage Nr. 5.6. Ungefähr Zwanzig Personen, zu gleichen Teilen Juden und Nichtjudcn. sollen die Beziehungen zwischen Deutschtum und Judentum Zu klären suchen- Es solle nach den Methoden der Arbeitsgemeinschaften, wie sie in der Jugendbewegung angewandt werden, gearbeitet werden. In der Diskussion wurde grundsätzlich der Marcussche Vorschlag gutgeheißen und festgestellt, daß als Zeit die Osterwoche des nächsten Jahres in Frage käme. Man bat Herrn Marcus, über weitere Einzelheiten seines Planes ein Rundschreiben auszuarbeiten, das an die einzelnen Ausschußmitglieder wcitergcleitet wird, um die Grundlage für eine Beschlußfassung zu bieten. Tie Sitzung zeigte. Laß die allgemeinen „Richtlinien", die bisher auf den Jugendkonserenzen des E. V. entwickelt werden konnten, sich mehr und mehr Zu konkreten Aufgaben verdichtet haben. Dadurch, daß der Kreis der zur Mitarbeit in Frage kommenden Persönlichkeiten nunmehr im Jugendausschuß zu einem festen Organismus zusammengefaßt ist, wird eine starke Stetigkeit und Systematik der Arbeit gewährleistet. All dies berechtigt zu einem optimistischen Ausblick in das erste Aröeitsjcchr des Ausschußes. <k. Seit? des Problems erscheinen, mit der Frage danach, wie der junge Mensch nach der ersten grausamen Enträmchuna seines Berufserlebens und der unfrei- und widerwillig ertragenen Beschränkung seiner Spannkraft sich in dieser neugeschafsenen Situation einrichten soll. In einer Versammlung des letzten Jahres ist einmal in ähnlichem Zusammenhang als Notwendigkeit bezeichnet worden, den starken Selbständigkeitsdrang der jüdischen Jugend zu dämmen und in ihr eine Art neeesZitaris opinio der ^elbstbcscheidung zu erzeugen. Einen solchen Ausweg kann man jedoch als wenig gerecht und den natürlichen Lebenswünschen einer der Resignation abholden Jugend als wenig adäquat bezeichnen. Die Barbarei deZ Boykotts sieht m vollstem logischen Widerspruch zur Psychotech nischen Wissenschaft, die Berussanwärler bei der Berufswahl unterstützen und sie in die ihren Anlagen entsprechenden Berufe lenken will. Neben den bisher aufgezahlten entuücklungshemmenden Momenten hat sich im Laufe der letzten Jahre ein neues l>cransgebi!deL, das den benannten an Bedeutung in keiner Weise nachsteht, sie au Gefährlichkeit fogar übertrifft. Es handelt sich um die in mannigfachen Berufen, in Handwerk und Handel immer weiter um sich greifenden Berechtig ungs fordern n gen. Ter Ausdruck „Berechtigung"' entstammt jenem Anrecht ans eine verkürzte militärische Dienstzeit, das durch die Erlangung der Obersekundareise erworben wurde. Diesem Ursprung entsprechend bezeichnet man heute mit Berechtigung die Erreichung einer irgendwelchen höheren Klassenstufe einer Lehranstalt, gleichviel ob Höhere, Mittel- oder Gemeindeschule, als notwendige Voraussetzung für die Anstellung in einem Betriebe. Die AnsorderungeN-der verschiedenen Bernjstlassen sind hierfür höchst differenziert, ^tets sind sie jedoch für die bereits erwähnten Berufsarupfxm. wie Beispiele zeigen werden, uiwerhälirnsmäßig hoch gespannt und dem möglichenveise durch die Tätigkeit selbst zu erreichenden Erfolge bei Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage in keiner Weise entsprechend. Die Motive, die die Arbeitgeber zu derartigen Anforderungen bewegen, sind unschwer zu erkennen. Tie eingangs bereits erwähnten Tepressionserschernungen im Wirtschaftslel>en, die zu einem ungeheuerlichen Uebcrangcbot an Arbeitskräften führten, l)aben in bisher erfahrungsgemäß nicht gekannter Weise dre A u s l e s e t ä t i g k e i t unter dem in erheblicher Menge angebotenen und in nur geringer Menge bedurften Arbeitsmaterial erhöht und verschärft. Zweifelsohne ist dies eine natürliche, psychologisch leicht erklärliche Erscheinung; es ist uns verständlich, daß von hundert Bewerbern, wenn eine Stelle Zu bekleiden ist. nur der Fähigste ansgewähtt wird. Geschieht dies aber auch in der Tat? Wir hören, daß "die Lehrlinge einer Tertilgroßhandlung oder eines Drogeriegeschäfts mit Abiturium, Lehrlinge von Tapezierern, Schuhmachern usw. . . gar mit dem ..Einjährigen" — atavistischer Ausdruck für Obersekundereife —, Tätigkeitsanwärter zahlreicher anderer Berufe mit allen möglichen „Reisen", wie Prima, Oberprima, ausgestattet sein müssen. Einer solchen Art der Stellenausschreibung und Anstellung ist das cigmnnzsprüfende Moment, wie es dis Psychotechnik und auch die obigen Ausführungen fordern, in keiner Weise mehr wesentlich, es ist ersetzt Lurch das formale B e r ech r i g u n g s p r i n z i p. Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hervorgehoben, d-aß nichts Abwertiges über die zitierten Berufe oder die genannten Bildungs-Ziele gesagt werden sollte. Es war vielmehr mit aller Deutlichkeit festzustcllen, daß zu gesteigerter Leistung in gewftwn Bernsen die Befähigung znm ehemaligen „Einjährig-freiwilligen Dienst" oder die Reifeprüfung als Voraussetzung des akademischen Studiums durchaus rmerhebliap vielfach geradezu schädlich ist: Der Abiturient beispielstveise legt an die ihm ansgetragenen untergeordneten?lrbei-en. wie sie im Berufsleben notwendig werden, einen anderen Maßstnb als andre, und seine Arbeitswilligkeit vermindert sich, wenn er erkennt, daß die Aufstiegsmöglichkeiten verschwindend gering sind. Eine weitere Folge des Berechtigungs-Prinzips ist notwendigerweise die Heranbildung eines akademischen Proletariats, einer Gefahr, deren Betrachtung sich dem gestellten Thema entzieht. Das Bercchti-gungsprinzip hat sich in letzter Zeit auch jüdischer Arbcitgeberkreise bemächtigt; in hohem Maße leidet jüdische Jugend unter der Neberschätzung formaler Gesichtspunkte, der Geringachtung von Derufswunsch und -eignung seitens der Unternehmer. Dagegen cmzugehen und zur UeL^erlogung aufzuruscn. ist der Zweck dieser Zeilen. Berufswunsch und Berufswahl sollten sich stets in Uebereinstimmung befinden. Gute Schulbildung wird die Arbeitsleistung stets steigern, dock) muß sie sich in einem den Berns-sansorderungen entsprechenden Verhältnis bervegcn, um Erfolg für beide Teile zu bringen. Dann erst wird die Erfüllung der im Schlußsatz des vorstehenden Artikels erhobenen Forderungen nach „fachmännisch geleiteter Untersuchung der Berufswahl der jüduchm Jugendlichen in Stadt und Land" keine^eere Statistik oilden, sondern die Grundlage für lebensvollen Deruisentschluß darstellen.