Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 11 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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A4 Knaben und Mädchen im Mer von 11 bis 19 Jahren erstreckt. An dieser Stelle interessiert mehr die soziologische Seite des Problems als die psychologische. Welches sind nun die begehrtesten Berufe? Aus der Mittelstufe der Knabenschulen steht an erster Stelle die Industrie, d. h. die Technik, bei den Mädchen die Lehrerin auf allen Stufen (sogar schon aus der Unterstufe). Eine Ausnahme bilden die Gymnasiasten, die noch die „romantischen" Berufe bevorzugen, aber auch bei ihnen steht der Techniker an zweiter Stelle. Während der Sande! in den realistischen Anstalten an zweiter Stelle steht, spielt er in den humanistischen nur eine untergeordnete Nolle. Interessant ist, daß in den Privatschulen der Handel einen ungeheuren Vorsprung hat, Technik folgt erst in weitem Abstand. Die eigentlichen akademischen Berufe — abgesehen von der Technik — stehen bis dahin noch ganz im Hintergrund. Auf der Oberstufe sind die bevorzugtesten Berufe der Lehrer und der Industrielle. Bei Gymnasiasten und Oberrealschülern steht der Lehrer an erster Stelle mit 17 bzw. 33 Prozent, Lei den Mädchen sogar mit 41 Prozent, der Techniker folgt an zweiter Stelle mit 18 bzw. 20 Prozent. Nur bei den Nealgymnasiasten ist die Folge umgekehrt, aber mit ganz unwesentlichem Abstand. Dagegen stehen Medizin und Jurisprudenz weit unten: Medizin bei Gymnasiasten mit 12 Prozent, bei Nealgymnafiasten mit 15 Prozent, Oberrealschüler mit 7 Prozent, die Mädchen dagegen wieder mit 22 Prozent. Jura in derselben Reihenfolge mit 9, 7, 8 Prozent (Mädchen fehlen). Der Kaufmann liegt überall unter 10 Prozent. Als allgemeines Ergebnis wäre demnach s est zu st ell en: der Andrang zu dem „gebundenen" Berus des Lehrers und zu dem freien Beruf des Technikers, die Abkehr vom Juristen, Kaufmann und Beamten. Die Konfessionalität ist in den Statistiken nicht berücksichtigt, doch scheinen Unterschiede in dieser Beziehung bei den ernst zu nehmenden Gruppen nicht hervorgetrcten zu sein, wie nachstehende Aeußerung der Herausgeber beweist: „Auch die Israeliten wollen Seeoffiziere und Polarforscher usw. werden, aber die Neigung zu den romantischen Berufen tritt hier doch zugunsten einer Bevorzugung der literarisch-künstlerischen Berufe etwas seltener in Erscheinung. Jahre innerer Garung sind jedenfalls auch hier das 15. bis 17. Lebensjahr/ (S. 162). Wir kommen nun zur zweiten Hauptfrage: In welcher Beziehung steht der gewählte Beruf zum gewünschten? Zur Beantwortung fehlt leider das wichtige Material der Oberstufe; und das ist gerade im Hinblick auf unser jüdisches Jntereye an der Frage deshalb zu bedauern, weil die jüdischen Schüler der höheren Schulen in der großen Mehrheit auf das Abitur hinzielen. Bei den Sechzehnjährigen, die allein behandelt sind, tritt eine direkte Umkehrung ein: der Kaufmanu steht an erster Stelle mit 31 Prozent, der Beamte folgt mit 26 Prozent, der „angeschwärmte" Techniker steht nun weit hinten mit 8 Prozent. Las ist die Berufstragi! der Jugendlichen, verschuldet durch den Zwang der bitteren Notwendigkeit. Auch für die dritte Hauptfrage, soziologisch wohl die wichtigste, in welcher Beziehung der gewünschte bzw. gewählte Beruf zum väterlichen steht, fehlt auch das statistische Material aus der Oberstufe, weil das in der Untersuchung selbst enthaltene Material noch nicht bearbeitet ist. Im allgemeinen glauben die Bearbeiter aber seststellen Zu können, daß ein Zusammenhang nach der genannten Seite hin „nur an wenigen Stellen und auch nur undeutlich sestzustelle n ist.... Die Jugend geht eben unabhängig Von den Eltern ihre eigenen Wege. . . / Die größte Spannung zwischen Vätern und Söhnen liegt — mit dem Plus aus der Seite der Söhne — bei Technikern, Lehrern, literarisch-künstlerischen Berufen, mit dem Plus aus der Seite der Väter beim Handel. „Verhältnismäßig gering sind die Unterschiede bei der Medizin und der Rechtspflege, ganz unbedeutend bei der Theologie." (S. 156.) Hierbei handelt cs sich aber — wohlgemcrkt — um den Berufsw un sch. Wie sieht es aber mit der Berufswahl aus (wofür allerdings nur das Material der Sechzehnjährigen zur Verfügung steht)? Da werden doch wieder 46 Prozent der Kaufmanns-söhne 'Kaufleute, 40 Prozent der BearnLensöhne Beamte. Doch auch diese Zahlen müssen richtig gelesen werden, denn Kaufmann und Kaufmann, Beamter und Beamter ist nicht dasselbe. Die soziale Spannung ist innerhalb dieser ganz allgemein etikettierten Berufe Mindestens ebenso groß wie zwischen verschiedenen Berufen. And damit kommen wir Zur entscheidenden Betrachtung des Problems. Die Kernpunkte desselben sind für uns die Berufsu m s chich - tung und der soziale Aufstieg. Aeußerlich betrachtet, stellt sich dieses Problem so dar: Für die christliche Bevölkerung steht such der der gegenwärtigen sozialen Gliederung und Lage ein genügend weiter Spielraum für Schichtung und Aist stieg zu? Verfügung; die Massen der Arbeiter, Bauern, Handwerker, niederen Angestellten und Beamten bieten ein noch unerschöpfliches Reservoir für Ausstiegslustlge und Aussnegsbesähigte. Wir Juden dagegen. denen diese Masten schien, und die schon zu einem gewissen Teile ln den höheren Lagen angelangt sind, fehlt der Raum nach oben und der Austrieb von unten. Wir sind also die ^Saturierten" und werden demzufolge bald zum Stillstand gelangen. Wenn es weiterhin zutreffen sollte, wie die Untersuchung behauptet, daß gerade die Söhne der M e d i z i n e r u n d I u r i st e n die Neigung zeigen, im väterlichen Berufe zu verbleiben, so wäre damit auch der Hosf. nuug aus dis so notwendig erscheinende Bcrufsumschichtung gerade an der Stelle, wo sie am dringendsten gefordert wird, der Boden entzogen. Bei näherem Zusehen stellt sich das Problem jedoch etwas anders dar. Auch trotz der oben festgestellten Tatsache: bleibt noch für weite Kreise der Unsrigen ein gutes Stück Weges zum Emporklimmen auf der sozialen Stufenleiter. Ich denke da besonders all die jüdischen Massen — soweit man bei uns Juden überhaupt voll Mayen reden kann — in den Dörfern und Kleinstädten Mittel- und Süddeutschlands, die erst in dieser Generation die Möglichkeit einer höheren Bildung und damit zum Aufstieg erlangen. Was aber die Be. r u f 8 u m s ch i ch t u n g anbctrisst, so ist diese ja gar nicht so sehr vom freien Willen der Berussanwürter abhängig, als vielmehr von der Aufnahmefähigkeit der Beruse. undin Hinsicht aufunsJudenvon ihrer Zugänglichkeit/ Eine Berufsumschichtung wird nicht gemacht, sie wird von den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen erzwungen. Das Problem des sozialen Aufstiegs hat aber gerade in unserer Zeit ein ganz anderes Gesicht bekommen. Es gab eine Zeit, sie liegt noch nicht so lange zurück, da war der Abiturient und gar erst der Akademiker schon durch den bloßen Besitz des Reifezeugnisses bzw. Diploms sozial gehoben. Diese Kriterien einer gehobenen sozialen Stellung werden hellte von Tag zu Tag mehr entwertet. Das Reifezeugnis ist etwas Alltägliches, und das Studium zeichnet nicht mehr aus. Dian denke an die Massen von Akademikern, die Unterschlupf in Berufen suchen müssen, die in keinerlei Beziehung zum jeweiligen Fachstudium stehen, an dis Mayen von akademisch gebildeten Technikern in abhängigen und untergeordneten Stellungen bei Gehältern, die unter denen mittlerer Beamter und qualifizierter Werkmeister liegen. Im Gegensatz dazu vergegenwärtige man sich, wie mittlere Beruse in steigendem Maße akademisiert werden, und wie anderseits der nichtakademische Berwaltungsbeamte vordringt. Also nicht mehr die abgestempelte Bildung an sich gewährleistet die soziale Stellung, sondern die Leistung und der Erfolg. Und der soziale Ausstieg erscheint nicht mehr so sehr wie früher gekennzeichnet durch den Uebergang aus einem sogenannten niederen in einen sogenannten höheren Beruf, sondern durch den Aufstieg innerhalb des Berufs vom Kleinen zum Großen, vom Geführten zum Führer, von der Maste zur Individualität. Auf diese Weise wird auch die Persönlichkeit wieder zu ihrem Recht kommen, und das gilt für Juden so gut wie für Nichtjuden. Das sind Erwägungen, wie sie sich aus der Betrachtung der Zeitverhältniste und von der Seite des Bildungsmomentes her ergeben. Daß noch andere Faktoren den Ausstieg bedingen, ist klar, kann aber in diesem Zusammenhang nicht in Betracht kommen. Wir wollen aber doch wohl über Erwägungen und Vermutungen in bezug auf Berufswahl und Berufsumschichtung bei den Juden hinauslommen. Das ist aber nicht anders möglich als durch wissenschaftlich-exakte Arbeit, wie wir deren eine hier kennengelernt haben. Hier wäre einmal eine dankbare und zugleich dringende Gelegenheit, Positive Arbeit zu leisten. Ich erhebe somit die Forderung, eine fachmännisch geleitete Untersuchung der Berufswahl der jüdischen Jugcrrdlichcn irr Stadt und Land irr der Richtung aus die Probleme, die uns hier beschäftigt l-abcrr, in die Wege zu lcitcrr. Lern/serA/ru/rA rr/rck Von Lrrc/r Oo/rn sBerün) Ter Artikel von Stern weist mehrere Momente auf, die die berufliche Enttoicklung des einzelnen erheblich zu hemmen in der Lage sind: Uebervölkerung, Stagnation im Wirtschaftsleben und Ueberangebot auf dem Arbeitsmarkt. Sie sind ursächlich zusammenhängende Erscheinungen, die zwar bedauernswert sind, aber in gewissen Zeitabständen vder unter dem Einfluß ungünstiger äußerer Verhältnisse das Wirtschaftsleben vorübergehend belasten können. Liesen entwicklungshemmenden Tatbeständen gesellt sich für den Juden ein neuer in Gestalt der antijüdischeir Boykottbest reb ungen der Gegenwart hinzu. Auch hierüber ist Näheres schon gesagt. Noch nichts aber darüber, mit welchen Gedanken, in welcher geistigen Stellung ein strebsamer junger Mensch in einen Berus treten soll, in dem er den Wert seiner Person in schassende Arbeit umzusetzen trachtet, wenn er noch vor Ausübung jeder Tätigkeit erkennen nmß. daß das Vorhandensein seiner Fähigkeit oder ihr Mangel ohne Wirkung auf sein Werden ist, sondern, daß er auf Grund Zufälliger, keineswegs in seinem Willensbereich gelagerter Umstände zum Erlahmen oder doch zum Warten verdammt ist. Bisher hat notwendigerweise nur die äußere Seite des Boykott- Problems, d:e Bekämpfung der Ausschließunasbcstrebungen, allerdings die wichtigste, breiteste Beachtung und Betrachtung gesunden. Nicht ganz müßig dagegen dürste die Beschäftigung mrt der inneren